|
lachen. Einen Teil dagegen, offen zu protestieren.« (Wiatscheslaw
Karatygin in einer zeitgenössischen Rezension) Prokofiev sollte
später in seiner Selbstbiographie reklamieren, erster Interpret
von Schönbergs Klaviermusik in Rußland gewesen zu sein. Es folgte
kurz darauf ein Konzert mit der Petersburger Sopranistin Sandra
Belling und dem II. Streichquartett op. 10. Wichtige Impulse zur
Etablierung von Schönbergs Œuvre in Rußland hatte Wassily Kandinsky
gesetzt, der seit dem legendären Münchener »Neujahrskonzert«
1911 mit dem I. und II. Streichquartett, den Drei Klavierstücken
op. 11 und einigen Liedern zu seinen künstlerisch einflußreichsten
Anhängern zählte. Kandinskys Schönberg-Fürsprache bei Nikolaj Kulbin
und dessen ARS-Vereinigung, welche eine Synthese aller Kunstrichtungen
zu verwirklichen suchte, fügte sich als logische Konsequenz an persönliche
Gespräche, die Kandinsky mit Schönberg und Franz Marc im Vorfeld
zur Münchener Ausstellung »Der Blaue Reiter« im Herbst
1911 führte, sowie an seine Beschäftigung mit den musiktheoretischen
Schriften des Komponisten: im Februar 1911 hatte er einen in der
Zeitschrift »Die Musik« erschienenen Vorabdruck aus
Schönbergs »Harmonielehre« ins Russische übersetzt.
Am 16. Januar 1912 schrieb Kandinsky an Schönberg: »Wegen
einem Concert von Ihnen habe ich schon verschiedene Schritte getan
in Moskau und Petersburg. Vielleicht wird es doch endlich
nutzen. Die neue Petersburger Vereinigung ARS will auch
Konzerte veranstalten. Dahin habe ich bereits im Frühherbst über
Ihre Musik geschrieben. Und die Leute zeigen viel Interesse für
Sie.«
Den direkten Kontakt zu dem ukrainischen Pianisten, Dirigenten und
Tschaikowsky-Schüler Alexander Siloti, der Schönberg als Interpret
seiner Konzertreihe nach St. Petersburg einlud, vermittelte zunächst
Luise Wolff, Leiterin einer Berliner Konzertagentur. Die Organisation
des Orchesterkonzertes unternahm indes das Konzert-Bureau von Emil
Gutmann: »Herr Gutmann schrieb mir, dass sie 3 Proben brauchen;
ich glaube mit unserem Orchester, welches schmiegsamer als das Berl.
Philharmonische ist, werden Sie nicht so viel zu probiren brauchen.
Mit meinem Orchester (Hof Theaterlich) bin ich sicher, dass Sie
mit einer vollen u. 2 halben [...] fertig werden.« (Siloti
an Schönberg, 12./25. Oktober 1912)
Wassily Kandinsky beriet Schönberg aus Odessa mit reisetechnischen
Details: »Vor 2 Jahren logierte ich einige Tage im Hotel d'Angleterre.
Alter Pet. Stil. keine 2000 Liftboys u. ähnliche unappetitliche
Hotelzugaben des hohen Stils. Der Ton einfach nobel. Sehr beliebt
von ernsten Engländern, nicht protzigen! Amerikanern. Lage sehr
fein u. zur selben Zeit sehr ruhig.« Am 15. Dezember reiste
Arnold Schönberg aus Berlin ab, nahm jedoch den Hotelvorschlag Kandinskys
nicht wahr und stieg im Hotel »Dagmar« in der Nähe der
Philharmonie ab. Die erste von drei Proben zur »Pelleas«-Aufführung
fand am 17. Dezember statt.
Im Prospekt der Siloti-Konzerte der Saison 1912/13 standen für das
Konzert am 21. Dezember weiters eine neue, vom Komponisten selbst
gespielte Klavier-Komposition von Sergej Rachmaninoff, das Violin-Konzert
h-Moll von Camille Saint-Saëns sowie ein von Felix Mottl redigiertes
Konzert von Jean Philippe Rameau auf dem Programm. Aus Karatygins
Kritik gehen jedoch Änderungen hervor: neben einer Bach-Kantaten-Bearbeitung
von Maximilian Steinberg wurden zwei Lieder von Anatol Ljadov (anstelle
von Rameau und Rachmaninoff) aufgeführt. »Pelleas und Melisande«
wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Wiatscheslaw G. Karatygin,
der das Konzert in verschiedenen Zeitschriften rezensierte, bemerkte
mit einer gewissen Ironie, daß »gestern nicht gepfiffen, im Gegenteil,
sogar nicht wenig applaudiert« wurde. Einige Tage später erreichte
den Rezensenten ein Brief von Igor Strawinsky: »Soeben habe
ich Ihre Rezension des Siloti-Konzertes gelesen, in dem Schönberg
seinen Pelleas dirigiert hat. [...] es wäre von Interesse
für Sie, sich mit seinem letzten Werk bekannt zu machen, das in
höchst intensiver Weise den ungewöhnlichen Charakter seiner schöpferischen
Genialität widerspiegelt. Ich spreche von Pierrot lunaire
[...].« (13./26. Dezember 1912)
Bald nach Schönbergs Rückkehr nach Berlin korrespondierte Schönberg
mit Siloti über weitere Projekte in Petersburg. Nachdem eine Aufführung
des »Pierrot lunaire« auf längere Zeit verschoben wurde vermutlich
in Zusammenhang mit der Interpretin Albertine Zehme, welche die
Aufführungsrechte besaß , konkretisierte sich der Plan zur
Kammersymphonie op. 9 für Januar 1915. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges
vereitelte jedoch Schönbergs zweites Petersburger Gastspiel. Schönberg
übersiedelte von Berlin nach Wien, Kandinsky von München nach Moskau,
Siloti entfloh der russischen Revolution nach England und weiter
nach New York.
Zumindest ein Teil der Petersburger Musikwelt war sich der Bedeutsamkeit
des Besuchs von Schönberg bewußt: »Man kann mit fester Überzeugung
bestätigen, daß es seit der Zeit des Besuches von Wagner zu Beginn
des Jahres 1863, das liegt ein halbes Jahrhundert vor den gegenwärtigen
Ereignissen, bei uns nichts Vergleichbares gegeben hat.« (Venturus)
Iris Pfeiffer
© Arnold Schönberg Center
|