Arnold Schönberg in St. Petersburg


  »In unserem Sinne ist in Pet[ersburg] nicht viel los. Moskau nimmt auch hier den ersten Platz ein, was die Petersburger freilich nicht einsehen wollen.« (Wassily Kandinsky an Schönberg, 23. Oktober 1912) Für die Zeit vor 1911 mag dies gegolten haben, danach entwickelte sich eine hervorragende Künstlerszene. Als Arnold Schönberg im Dezember 1912 nach St. Petersburg reiste, um bei den renommierten Siloti-Konzerten seine symphonische Dichtung »Pelleas und Melisande« op. 5 zu dirigieren, war er dem russischen Publikum nicht mehr unbekannt. Im Jahr zuvor hatte Sergej Prokofiev die Drei Klavierstücke op. 11 bei der neuen Künstlervereinigung ARS aufgeführt: »Ich erinnere mich an einen der Abende Moderner Musik im vergangenem Jahr, als die [...] Klavierstücke Schönbergs aus dem op. 11 einen Teil des Publikums dazu brachten, bis zum Umfallen zu

lachen. Einen Teil dagegen, offen zu protestieren.« (Wiatscheslaw Karatygin in einer zeitgenössischen Rezension) Prokofiev sollte später in seiner Selbstbiographie reklamieren, erster Interpret von Schönbergs Klaviermusik in Rußland gewesen zu sein. Es folgte kurz darauf ein Konzert mit der Petersburger Sopranistin Sandra Belling und dem II. Streichquartett op. 10. Wichtige Impulse zur Etablierung von Schönbergs Œuvre in Rußland hatte Wassily Kandinsky gesetzt, der seit dem legendären Münchener »Neujahrskonzert« 1911 mit dem I. und II. Streichquartett, den Drei Klavierstücken op. 11 und einigen Liedern zu seinen künstlerisch einflußreichsten Anhängern zählte. Kandinskys Schönberg-Fürsprache bei Nikolaj Kulbin und dessen ARS-Vereinigung, welche eine Synthese aller Kunstrichtungen zu verwirklichen suchte, fügte sich als logische Konsequenz an persönliche Gespräche, die Kandinsky mit Schönberg und Franz Marc im Vorfeld zur Münchener Ausstellung »Der Blaue Reiter« im Herbst 1911 führte, sowie an seine Beschäftigung mit den musiktheoretischen Schriften des Komponisten: im Februar 1911 hatte er einen in der Zeitschrift »Die Musik« erschienenen Vorabdruck aus Schönbergs »Harmonielehre« ins Russische übersetzt. Am 16. Januar 1912 schrieb Kandinsky an Schönberg: »Wegen einem Concert von Ihnen habe ich schon verschiedene Schritte getan – in Moskau und Petersburg. Vielleicht wird es doch endlich nutzen. Die neue Petersburger Vereinigung ›ARS‹ will auch Konzerte veranstalten. Dahin habe ich bereits im Frühherbst über Ihre Musik geschrieben. Und die Leute zeigen viel Interesse für Sie.«
Den direkten Kontakt zu dem ukrainischen Pianisten, Dirigenten und Tschaikowsky-Schüler Alexander Siloti, der Schönberg als Interpret seiner Konzertreihe nach St. Petersburg einlud, vermittelte zunächst Luise Wolff, Leiterin einer Berliner Konzertagentur. Die Organisation des Orchesterkonzertes unternahm indes das Konzert-Bureau von Emil Gutmann: »Herr Gutmann schrieb mir, dass sie 3 Proben brauchen; ich glaube mit unserem Orchester, welches schmiegsamer als das Berl. Philharmonische ist, werden Sie nicht so viel zu probiren brauchen. Mit meinem Orchester (Hof Theaterlich) bin ich sicher, dass Sie mit einer vollen u. 2 halben [...] fertig werden.« (Siloti an Schönberg, 12./25. Oktober 1912)
Wassily Kandinsky beriet Schönberg aus Odessa mit reisetechnischen Details: »Vor 2 Jahren logierte ich einige Tage im Hotel d'Angleterre. Alter Pet. Stil. keine 2000 Liftboys u. ähnliche unappetitliche Hotelzugaben des hohen Stils. Der Ton einfach nobel. Sehr beliebt von ernsten Engländern, nicht protzigen! Amerikanern. Lage sehr fein u. zur selben Zeit sehr ruhig.« Am 15. Dezember reiste Arnold Schönberg aus Berlin ab, nahm jedoch den Hotelvorschlag Kandinskys nicht wahr und stieg im Hotel »Dagmar« in der Nähe der Philharmonie ab. Die erste von drei Proben zur »Pelleas«-Aufführung fand am 17. Dezember statt.
Im Prospekt der Siloti-Konzerte der Saison 1912/13 standen für das Konzert am 21. Dezember weiters eine neue, vom Komponisten selbst gespielte Klavier-Komposition von Sergej Rachmaninoff, das Violin-Konzert h-Moll von Camille Saint-Saëns sowie ein von Felix Mottl redigiertes Konzert von Jean Philippe Rameau auf dem Programm. Aus Karatygins Kritik gehen jedoch Änderungen hervor: neben einer Bach-Kantaten-Bearbeitung von Maximilian Steinberg wurden zwei Lieder von Anatol Ljadov (anstelle von Rameau und Rachmaninoff) aufgeführt. »Pelleas und Melisande« wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Wiatscheslaw G. Karatygin, der das Konzert in verschiedenen Zeitschriften rezensierte, bemerkte mit einer gewissen Ironie, daß »gestern nicht gepfiffen, im Gegenteil, sogar nicht wenig applaudiert« wurde. Einige Tage später erreichte den Rezensenten ein Brief von Igor Strawinsky: »Soeben habe ich Ihre Rezension des Siloti-Konzertes gelesen, in dem Schönberg seinen ›Pelleas‹ dirigiert hat. [...] es wäre von Interesse für Sie, sich mit seinem letzten Werk bekannt zu machen, das in höchst intensiver Weise den ungewöhnlichen Charakter seiner schöpferischen Genialität widerspiegelt. Ich spreche von ›Pierrot lunaire‹ [...].« (13./26. Dezember 1912)
Bald nach Schönbergs Rückkehr nach Berlin korrespondierte Schönberg mit Siloti über weitere Projekte in Petersburg. Nachdem eine Aufführung des »Pierrot lunaire« auf längere Zeit verschoben wurde – vermutlich in Zusammenhang mit der Interpretin Albertine Zehme, welche die Aufführungsrechte besaß –, konkretisierte sich der Plan zur Kammersymphonie op. 9 für Januar 1915. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges vereitelte jedoch Schönbergs zweites Petersburger Gastspiel. Schönberg übersiedelte von Berlin nach Wien, Kandinsky von München nach Moskau, Siloti entfloh der russischen Revolution nach England und weiter nach New York.
Zumindest ein Teil der Petersburger Musikwelt war sich der Bedeutsamkeit des Besuchs von Schönberg bewußt: »Man kann mit fester Überzeugung bestätigen, daß es seit der Zeit des Besuches von Wagner zu Beginn des Jahres 1863, das liegt ein halbes Jahrhundert vor den gegenwärtigen Ereignissen, bei uns nichts Vergleichbares gegeben hat.« (Venturus)

Iris Pfeiffer
© Arnold Schönberg Center

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