Liechtensteinstraße 68/70, Wien, IX. Bezirk
13. Oktober 1903 – 24. Januar 1910

 

"Nun muß ich ihnen noch eine Mitteilung machen: Ich bleibe wieder in Wien." (Brief an Richard Strauss vom 10. September 1903) Im Sommer 1903 kehrte Arnold Schönberg nach einem kompositorisch ertragreichen, beruflich jedoch weitgehend erfolglosen eineinhalbjährigen Aufenthalt mit Frau und Tochter Gertrude (geboren am 1. August 1902) aus Berlin nach Österreich zurück. Nachdem Schönberg die Sommerferien in Payerbach am Semmering verbracht hatte, zog er mit seiner Familie im Oktober 1903 in eine Nachbarwohnung Zemlinskys in die Liechtensteinstraße 68/70. In einem "Fragebogen behufs Ausstellung eines Mittellosigkeits-Zeugnisses" vom 21. März 1904 machte Arnold Schönberg folgende Angaben zu seiner Wohnung: "Die Wohnung besteht aus: 3 Zimmer, 1 Vorzimmer, 1 Küche/Der Mietzins beträgt: 250 Kr 1/4 jährig/Das häusliche Dienstpersonal besteht aus: 1 Dienstmädchen/bezieht Lohn: 24 Kronen monatlich".

Im Wintersemester 1904/05 hielt Schönberg an den "Schwarzwald’schen Schulanstalten" in der Wallnerstraße Kurse in Harmonielehre und Kontrapunkt. Seit Herbst 1904 zählten Alban Berg und Anton Webern zu seinen Schülern. Am 22. Juni 1906 kam Schönbergs Sohn Georg zur Welt. Die Jahre in der Liechtensteinstraße bedeuteten für Arnold Schönberg eine Phase künstlerischen Aufbruchs, der jedoch mit einer schweren persönlichen Krise einherging. Sein Familienleben wurde durch das intime Verhältnis Mathildes zu dem Maler Richard Gerstl empfindlich gestört. Gerstl hatte sein Atelier im selben Haus bezogen und beide sowohl unterrichtet als auch portraitiert. 1907 begann Schönbergs intensive Beschäftigung mit der Malerei. Seine private Misere, welche durch Gustav Mahlers Fortgang nach Amerika vertieft wurde, kompensierte Schönberg zwischen 1907 und 1908 durch den Bruch mit der musikhistorischen Tradition, welche einen zündenden Moment in der Kompositionsentwicklung unseres Jahrhunderts markieren sollte. Im Januar 1909 veröffentlichte Paul Wilhelm in der Zeitschrift "Neues Wiener Journal" eine Beschreibung des Schönbergschen Ambientes: "Freundliche Räume, von schlichter, durch Geschmack verschönter Einfachheit. […] In der Ecke eine charakteristisch erfaßte Büste Schönbergs von der Meisterhand Josef Scheus. Über seinem Schreibtisch hängen zwei Bilder mit herzlichen Widmungen Gustav Mahlers, und ein Porträt Zemlinskys grüßt von der Hand des Mittelpfeilers. Das ist der schlichte, unaufdringliche Schmuck seiner Räume, seiner kleinen, mit seiner Empfindung tief erfaßten Welt."
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