Hietzinger Hauptstraße 113, Wien, XIII. Bezirk
Januar 1910 – August 1911

 

Zur Jahreswende 1909/10 bezog Schönberg mit seiner Familie und zwei Dienstmädchen eine größere Wohnung in Hietzing zu einem Mietzins von jährlich 2600 Kronen: "II. Stock, Thür 6, fünf Zimmer, Kabinett, Bad, Dienstbotenzimmer, Speisekammer, Balkons, Gartenbenützung." (Brief Schönbergs an Josef Polnauer, 14. August 1911) In der Hietzinger Hauptstraße sollte er sich intensiv mit der Malerei beschäftigen, wovon die in seiner Wohnung aufgenommenen Fotografien ein beredtes Zeugnis ablegen. Es entstanden zahlreiche "Visionen", Portraits und Selbstportraits. "Wenn ich den Schönberg oder seine Frau oder seine Schwiegermutter in die Hände bekomme, muß Blut fließen."

Durch einen Zwist mit seinem Vermieter Philip Josef von Wouvermans, der angeblich auf einer sexuellen Annäherung zwischen Schönbergs neunjähriger Tochter und Wouvermans jüngerem Sohn beruhte, wurde Schönberg Mitte 1911 aus der Wohnung in Hietzing gekündigt und zog erneut nach Berlin um. Über die Begleitumstände der "Flucht" berichtete er an Ferruccio Busoni am 29. August 1911 aus seinem bayerischen "Exil" in Berg am Starnberger See: "Ein mit mir im selben Hause in Wien wohnender Unmensch, der zweifellos wahnsinnig ist (was sich aber vorderhand ärztlich nicht konstatieren läßt) bildet sich ein, daß er mich umbringen muß. Was er als Grund für seine Wut angibt sind Lügen, aber selbst als solche belanglos, daß sie diese Wut, die mir nach dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet ist. Der Gefahr entweder selbst umgebracht, oder wegen Überschreitung der Notwehr eingesperrt zu werden und den damit verbundenen Aufregungen, mußte ich, nach verschiedenen vergeblichen Versuchen mir durch die Behörden, oder sogar durch den Revolver, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, am 4. August mich durch Flucht mit meiner Familie vorläufig entziehen. Deshalb kam ich hierher. Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den Advokaten inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe aber nach mehreren hin und her = Schreibereien, daß ich keine Aussicht habe mir den zweifellos Tobsüchtigen, der einstweilen noch weiter tobt!!! vom Halse zu schaffen. So kann ich nicht nach Wien zurück!! So ist die Frage nach meiner Übersiedlung durch diesen Unglücksfall, der die ›force majeur[e]‹ spielt nicht mehr von meinem Willen abhängig, sondern ich stehe unter einem Zwang." Mit der Organisation des – für alle Vertrauten überraschenden – Umzugs betraute Schönberg seine Schüler Alban Berg und Josef Polnauer.
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