Geboren 1874 in Wien, gestorben 1951 in
Los Angeles:
Zwischen den Eckdaten dieser Lebenskurve spiegeln sich Welten, Blütezeiten,
Katastrophen, Rettungen - historisch, künstlerisch, persönlich.
Nur aufgrund einer auch im Schmerzlich-Katastrophischen reichen Lebenserfahrung
wird Schönberg zum Paradigma von Epochen - nicht nur einer einzigen.
Schönberg ist Autodidakt und Lehrer, beide Momente prägen
gleichermaßen seine Künstlerphysiognomie. Er, der keinen
geregelten Musikunterricht genossen, keine Musikhochschule regulär
besucht hatte, wird ein herausragender Lehrer seiner Zeit. Beide Aspekte,
scheinbar widersprüchlich, gehören eng zusammen. Das autodidaktische
Prinzip macht Schönberg unabhängig im Urteil, herrisch gar
in seinen Überzeugungen. Nur eigenständig erworbenes Wissen läßt
ihn neue Wege der musikalischen Komposition völlig unbeirrt gehen,
aufgrund ihm mitgeteilten Wissens dagegen verliefe sein Weg anders,
kürzer. Umgekehrt bedeutet der Dialog mit Alexander von Zemlinsky
eine Vorahnung dessen, was Schönbergs Pädagogik später
auszeichnen wird: Lernen durch Lehren, Lehren durch Lernen. Im Vorwort
zur »Harmonielehre«, einem Buch, von dem er sagt, er habe
es von seinen Schülern gelernt, heißt es: »Hätte
ich ihnen auch bloß das gesagt, was ich weiß, dann wüßten
sie nur das und nicht mehr. So wissen sie vielleicht sogar weniger.
Aber sie wissen, worauf es ankommt: aufs Suchen! Ich hoffe, meine
Schüler werden suchen! Weil sie wissen werden, daß man
nur sucht, um zu suchen. Daß das Finden zwar das Ziel ist, aber
leicht das Ende des Strebens werden kann.«
Sein Leben lang bleibt Schönberg lehrend Autodidakt. Gerade
in Phasen kämpferischer Innovation bildet sein Schülerkreis
für ihn einen Rückhalt, der ihn gegen Angriffe traditionell
eingestellter Musikfreunde feit, in Wien, in Berlin, in Los Angeles.
So wird die Wiener Schule, die nicht als »zweite« apostrophiert
werden sollte, da es zur Zeit der Wiener Klassik eine erste nicht
gegeben hat, zum Inbegriff einer Kompositionsschule der Moderne.
Zum Inbild eines Jahrhunderts aber wird Schönberg dadurch,
daß sein künstlerischer Entwicklungsgang, bei allen Überraschungen
folgerichtig und uvrezeugend, grundsätzliche Paradigmen
kompositorischen Handelns in der Moderne markiert: Fortschritt aus
Tradition, Freiheit des Ausdrucks, klassizistische Moderne.
»Fortschritt aus Tradition« bestimmt Schönbergs
anfängliche kompositorische Entfaltung. Festgefahrene Gegensätze
wie den Antagonismus zwischen Brahms und Wagner, zwischen absoluter
Instrumentalmusik und musikalischem Drama hebt er auf. In ihrer
Geltungsmacht erschöpfte Antinomien wie diejenige zwischen
absoluter und Programmusik ignoriert er, indem er an der Autonomieästhetik
festhaltend dem Ausdrucksstreben von Vokal- und sujetorientierter
Instrumentalmusik keinerlei Fesseln anlegt. So ist das aus der Tradition
der deutschen Romantik herrührende frühe Liedschaffen
autonom und textexegetisch in einem, so ist das Streichsextett »Verklärte
Nacht« als musikalische Lyrik bezogen auf Richard Dehmels
gleichnamiges Gedicht und in der Formbildung gleichwohl ganz selbständig,
so formt die symphonische Dichtung »Pelleas und Melisande«
programmgestützte Instrumentalmusik aus. Die musikalische Gattungskategorie
stellt dabei einen konzeptionellen Rückhalt dar, einen Fundus
möglicher Bezugnahme, einen Angelpunkt auch bestimmter Negation,
keine Basis aber mehr für eine reihenmäßige Komposition
gattungsgebundener Werke. Mit Schönberg ist der singuläre
Status des Einzelwerks als Telos musikalischer Modernität besiegelt.
Die »Gurrelieder«, ein Hauptwerk lyrisch begründeter
Weltanschauungsmusik um die Jahrhundertwende, welches die Kantabilität
Brahmsscher Strophenlieder mit der erweiterten Orchestersprache
Wagnerscher Provenienz verbindet, festigen Schönbergs Ruf als
eines aus Tradition heraus fortschreitenden Komponisten. Die triumphale
Uraufführung des Werkes unter Franz Schrekers Leitung am 23.
Februar 1913 in Wien bringt all jene Kritiker zu vorübergehendem
Schweigen, welche Schönbergs seit einigen Jahren vollzogene,
mit »Pierrot lunaire« spektakulär bekräftigte
Schritte einer expressionistischen Neuen Musik als Resultat kompositorischer
Inkompetenz oder gar Impotenz bekämpfen.
Mit den 1907 bis 1913 geschaffenen Werken schreibt sich Schönberg
in die allgemeine Musikgeschichte ein. Sie markieren die Ursprungsakte
dessen, was seither mit wechselnder Bedeutung »Neue
Musik« heißt. Mit dem Ersten und Zweiten Streichquartett,
der Kammersymphonie, dem Klavierliederzyklus nach Stefan Georges
»Das Buch der hängenden Gärten«, mit Klavier-
und Orchesterstücken, dem Melodramzyklus »Pierrot lunaire«,
sowie den Bühnenwerken »Erwartungund »Die glückliche
Hand« entsteht in rascher Folge eine Gruppe von Werken, welche
zur Entscheidung zwingen: »kritische Werke« an einem
Scheidepunkt. Eine schubartig-rasche, dann wieder für längere
Zeiten stockende Kompositionsweise bleibt für Schönberg
von da an charakteristisch. Diese Werke machen ihn, den seine Schüler
1912 mit einer Festgabe ehren, zu einem, ja zu dem Protagonisten
der musikalischen Moderne.
Skandale säumen die Aufführungsgeschichte, Wundmale neuer
Imagination, welche die Konventionen der überlieferten Tonsprache
als Fessel spüren lassen und die allmählich in dem Maße
zurückgehen, in dem sich die Klassizität der Werke ins
Bewußtsein einsenkt. So führt etwa die Uraufführung
des Zweiten Streichquartetts am 21. Dezember 1908 in Wien mit dem
Rosé-Quartett und der Sopranistin Marie Gutheil-Schoder, obwohl
es sich noch um ein tonales Werk handelt, ausgelöst durch das
»Augustin«-Zitat im Scherzo und die gattungssprengend
hinzugefügte Singstimme in den letzten beiden Sätzen zu
eklatantem Streit. Um solche Skandale auszuschließen, die
Schönberg als seiner Kunst ganz und gar äußerlich
empfindet, gründet er mit seinen Schülern den legendären,
nach wenigen Jahren aber nicht mehr existenzfähigen Wiener
»Verein für musikalische Privataufführungen«,
dem Zemlinsky eine Prager Filiale zur Seite stellt. Der Skandal,
ein Resultat Neuer Kunst in der Konfrontation mit einem Publikum,
das eine weniger radikale Kunst erwartet, und der Rückzug auf
bestimmte, eng umgrenzte Zirkel von »Eingeweihten« sind
wirkungsgeschichtlich für die Neue Musik insgesamt wegweisende
Faktoren, die Schönbergs paradigmatische Stellung auch in dieser
Hinsicht bestätigen.
Kompositionsgeschichtlich ist sein Name mit zwei epochalen »Erfindungen«
verbunden: der Preisgabe tonalen Komponierens im Zuge der »Emanzipation
der Dissonanz« in der expressionistischen Atonalität
um 1910 und, ein Dutzend Jahre später, der Ausbildung der »Komposition
mit zwölf nur aufeinander [d.h. nicht auf einen gemeinsamen
Tonika-Grundton] bezogenen Tönen«, der Zwölftonmusik
oder Dodekaphonie. Diese kompositionstechnischen Neuerungen sind
durch Werke höchsten Ranges beglaubigt, ihre Leistungsfähigkeit
erscheint daher jenseits aller Theorie und expliziter Poetik künstlerisch
erwiesen. Daß die Musikhistoriographie des 20. Jahrhunderts,
indem sie die Epochenzäsur vor dem Ersten Weltkrieg nunmehr
auch im Schaffen Igor Strawinskys, Béla Bartóks oder Charles E.
Ives erkennt, seit einiger Zeit über Adornos dichotomisch
angelegte »Philosophie der neuen Musik« hinausgeschritten
ist, deren Autor noch glaubte, Schönbergs Rang durch Herabsetzung
von Kollegen, zumal Strawinskys, erhöhen zu können, verleiht
Schönbergs Beitrag zur Musikgeschichte zusätzliche historische
Schubkraft.
»Freiheit des Ausdrucks«: Indem Schönberg anläßlich
der Uraufführung des George-Liederzyklus op. 15 im Januar
1910 bekennt, sich bewußt zu sein, mit diesem Werk »alle
Schranken einer vergangenen Ästhetik durchbrochen zu haben«,
und in seinem Komponieren statt überlieferten Regeln nur noch
der Stimmigkeit des eigenen Hörens, der inneren Stimme seines
»Formgefühls« folgt, jener Instanz, die Ernst Bloch
als »Expressionslogik« bestimmt hat, setzt er Maßstäbe,
deren historische Wirkungskraft jenseits stilistischer Kriterien
bis zum heutigen Tage reicht, etwa bei Wolfgang Rihm. In dem Maße
allerdings, in dem Neue Musik sich von Regeln emanzipiert und zu
einer Sprache der Freiheit öffnet, wird gelingendes Komponieren
schwieriger. Selbst wenn in der expressionistischen Syntax die Gestik
noch von den Dispositiven tonaler Musik zehrt etwa im dritten
Klavierstück aus Opus 11 (komponiert im August 1909), das konzentriert
Ausdrucksfeld an Ausdrucksfeld reiht , und selbst wenn sich
in der musikalischen Formbildung jener Schönbergschen Werke
mehr Spuren herkömmlicher Gestaltung finden lassen als bei
Edgard Varèses Ensemblekompositionen aus den zwanziger Jahren, so
ist gleichwohl Adornos emphatische These, die um 1960 im Bild einer
»musique informelle« gefaßte Idee einer wahrhaft
freien, künstlerischen Ausdruck in immer neuer Form verwirklichenden
Neuen Musik habe ihre Quelle in Schönbergs expressionistisch-atonalen
Werken aus jener »heroischen« Epoche vor dem Ersten
Weltkrieg, als Denkfigur der Moderne gerechtfertigt. Gebilde wie
das dritte der Orchesterstücke op. 16 (zeitweise mit dem Titel
»Farben« versehen), welches die am Schluß der
»Harmonielehre« exponierte Idee einer Klangfarbenmelodie
im Werk ausformt, oder die vielfach individualisierende Ensemblebesetzung
in »Pierrot lunaire« sind Schritte, deren historische
Geltungsmacht für die Musikgeschichte bis heute nicht überschätzt
werden kann. Die avantgardistische Klangkunst seit den 1960er Jahren
und die in immer neu zusammengesetzten Ensembles konkretisierte
Klangfindung, welche die schwerfälligen Standardklangkörper
verdrängt, zehren von diesen Ursprungsdokumenten innerhalb
Schönbergs uvre.
Der expressionistische Musikstil aber sieht sich vor die Alternative
gestellt, daß die Erfindung entweder unter zeitlicher Schrumpfung
zu ganz kurzen Stücken tendiert (sodaß Schönberg
an den Streichquartett-Bagatellen op. 9 seines Schülers Anton
Webern die »Konzentration« bewundert, »einen Roman
durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen
auszudrücken"), oder aber der leitenden Stütze eines
dichterischen Textes bedarf, »entlang dessen« die Musik
ihren Verlauf nehmen kann. Diese Aporie führt Schönberg
nach Jahren des Zögerns und Tastens schließlich zur »Zwölftonmusik«.
Im syntaktischen Bereich werden Muster eines polyphon regulierten
Satzes restituiert, im formalen ältere, vom Expressionismus
über Bord geworfene Schichten musikalischer Gestaltung reaktiviert.
So entwickelt Schönberg auch hierin mit Tendenzen bei
Strawinsky oder Hindemith übereinstimmend gegen Mitte
der zwanziger Jahre eine »klassizistische Moderne«.
Mit diesem dritten Paradigma macht Schönberg deutlich, daß
auch ein bewußtes Wiederanknüpfen an Modelle früherer
Musik, seien es Gattungen, Formtypen, Satzmodelle, Ausdruckscharaktere,
unter den Bedingungen der Moderne eine tragfähige Möglichkeit
darstellt, die nicht unter Hinweis auf einen vermeintlich notwendigen,
eindimensionalen Progreß ausgeschlossen werden darf. Je stärker
das 20. Jahrhundert unter dem Signum einer »postmodernen«
Kunst des Verweisens sich seinem Ende nähert, desto klarer
tritt die Relevanz auch dieses Paradigmas hervor. Pierre Boulez
Kritik an dem ungleichmäßigen Modernitätsstand der
klassizistischen Schönbergschen Zwölftonwerke der
Klaviersuite op. 25 (die auf Tanzcharaktere des frühen 18.
Jahrhunderts rekurriert) oder die Sonatendisposition des Bläserquintetts
oder des Dritten Streichquartetts (welche die Beethoven-Brahmsschen
Instrumentalformen fortsetzen) ist motiviert aus Interesse
an der eigenen Sache. Heute, da wir gelernt haben, mit extremen
Ungleichzeitigkeiten, mit simultanen Diskrepanzen und krassen Widersprüchen
im Werk selbst zu leben und solche Befunde als ästhetische
Herausforderung positiv zu werten, brauchen wir derlei Kritik nicht
mehr aufrechtzuhalten. Im Gegenteil, wir können die Perspektiven
auch dieses dritten Paradigmas für die weitere Kompositionsgeschichte
des 20. Jahrhunderts schärfer als zuvor erkennen: Gerade in
der Postmoderne, in welcher »Musik über Musik«
zum Regelfall geworden ist, strahlt es eine eigentümliche Faszinationskraft
aus.
Ein weiteres kommt hinzu: Schönberg setzt Maßstäbe
auch für das Verhältnis zwischen autonomer und engagierter
Musik. Zwar hält er am übergreifenden Primat der Autonomieästhetik
zeitlebens fest, und dennoch schwingt in Werken aus allen Epochen
vermittelt durch Dichtungen, Programme etc. ein für
den Kunstgehalt bedeutsames inhaltliches Moment mit. Der Polemik
im Werkgewand ist, in den Chorsatiren op. 28, ebenso ein Platz eingeräumt
wie später dem politischen Protest, der religiösen Klage
und Anklage. Im Exil, in dem er das Gattungsspektrum der Instrumentalmusik
kompositorisch weiter ausmißt mit einem Violin- und
einem Klavierkonzert , definiert er gleichzeitig seine Musik
in spezifischem Sinn als »engagierte« für
die religiös-politischen Ziele des Judentums beziehungsweise
gegen das nationalsozialistische Deutschland. In »Ode to Napoleon«
(nach Byron) und »A Survivor from Warsaw« repräsentiert
eine komplexe moderne Musiksprache ein vom absoluten Sinn Unterschiedenes
und formuliert es zu einer individuellen Formkurve aus. Aufgrund
dieser Spannweite, die zwischen absoluten und engagierten Werken
keinen Widerspruch sieht, weil beide einen anderen Kunstanspruch
als den höchsten nicht gelten lassen, wird Schönberg zu
Lebzeiten und später zum Vorbild für viele Komponisten,
sei es Pierre Boulez (dessen »Le Marteau sans maître«
an »Pierrot lunaire« anknüpft) oder sei es Luigi
Nono, dessen politisch engagierte Musik (etwa »Il canto sospeso«
oder »Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz«) das
Schönbergsche Engagement verändernd beerbt.
Inbild des 20. Jahrhunderts ist Schönberg schließlich
auch aufgrund seiner Lebenskurve. Wie zahlreiche andere Künstler
treibt die nationalsozialistische Katastrophe den Juden und modernen
Komponisten ins amerikanische Exil, das bald nicht länger als
ein solches empfunden wird, denn Schönberg eröffnen sich
dort neue Perspektiven, die sein Schaffen noch einmal befruchten.
Dadurch verlagert sich der Schwerpunkt der modernen Musikkultur
von Europa in die USA, die aus menschlich-politischen Fehlentwicklungen
resultierende europäische Tragik wertet Amerika als Kulturland
auf; in der zweiten Jahrhunderthälfte geht daraus eine weltumspannende
Institution »Neue Musik« hervor. Um so mehr dürfen
Europa, Österreich und insbesondere Wien, Schönbergs Vaterstadt,
sich nunmehr darüber freuen, daß am Ende des 20. Jahrhunderts
mit dem Nachlaß Arnold Schönbergs die Quellen zu Schaffen
und Leben an den Ort seines Ursprungs zurückkehren zum
Nutzen aller Freunde der Musik dieses epochemachenden Komponisten
in einem Transfer, der zugleich die Erinnerung an den unschätzbaren
Beitrag Wiens zur Kultur der Moderne um 1900 stärkt.
© Arnold Schönberg Center und Hermann Danuser, 1998
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