Schönberg
als Lehrer
»In den fünfzig Jahren meiner Lehrtätigkeit habe
ich sicherlich mehr als tausend Schüler unterrichtet. Obwohl ich dazu
gezwungen war, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, muß ich bekennen,
daß ich Lehrer aus Leidenschaft war, und die Befriedigung, Anfängern soviel
wie möglich von meinem Wissen zu vermitteln, war vermutlich ein größerer
Lohn, als das eigentliche Unterrichtsgeld, das ich erhielt. Ein Lehrer
kann einem Schüler nicht dazu verhelfen, viele und schöne Themen zu erfinden,
auch vermag er nicht Ausdruckskraft oder Tiefe zu bewirken. Statt dessen
kann er strukturelle Korrektheit und das für den Zusammenhang erforderliche
lehren. Ein wahrer Lehrer muß seinen Schülern ein Vorbild sein; er muß
die Fähigkeit besitzen, das, was er von einem Schüler einmal verlangt,
selbst mehrmals zu vollbringen. Hier an der University of California at
Los Angeles hatte ich nicht allzuoft Gelegenheit, die Feinheiten unserer
Kunst zu lehren. Die meisten meiner Schüler belegten nur das eine Jahr
Kompositionsunterricht, das der Lehrplan vorschreibt, und nur ein paar
blieben zu fortgeschrittenen Studien. Trotz der kurzen Unterrichtszeit
und obwohl die meisten Studenten wenig schöpferische Begabung und auch
keine ausreichenden Kenntnisse der Meisterwerke besaßen, gelang es mir,
jeden einzelnen ein Rondo komponieren zu lassen. Es ist vielleicht zu
verstehen, daß ich mich über Lehrer beklagen muß, die ihre Schüler nichts
als die Eigenheiten eines bestimmten Stils lehren. Eine ganze Generation
hochbegabter amerikanischer Komponisten hat großen Schaden genommen. Vermutlich
bedarf es einer weiteren Generation ehrlicher und gründlicher Unterweisung,
um diesen Schaden wiedergutzumachen.«
(Arnold Schönberg, »Aufgabe des Lehrers«, 1950)
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