Newsletter
Edition 15, September 2005 – Februar 2006

Editorial
Aus dem Archiv
Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg
Avenir Foundation Forschungsbeihilfe
Symposium »Mozart und Schönberg – Wiener Klassik und Wiener Schule«
Freunde des Arnold Schönberg Center
Neuerscheinungen
Subskription
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Pressestimmen
»Eine Ausstellung zum Hören«

Editorial

Geschätzte Freunde des Arnold Schönberg Center!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Am Arnold Schönberg Center steht ein Winter-Semester reich an musikalischen Ereignissen und wissenschaftlicher Auseinandersetzung bevor. Bereits um Schönbergs Geburtstag treffen einander im September internationale Musikwissenschaftler, um unter dem Titel »Topographie des Gedankens. Die Schriften Arnold Schönbergs« diesen bedeutenden Teil des Schönbergschen Schaffens in einem mehrtägigen Symposium zu durchleuchten. Der Zeitpunkt ist bewußt gewählt, zumal die Schriften-Ausgabe am Schönberg Center in ihrer Arbeit erfreulich voranschreitet und bereits erste Teile über
das Internet verfügbar sind. Fragen nach Editionskonzepten, spartenübergreifenden Aspekten, Problemen der Mehrsprachigkeit und weitere Themen sollen in Fachvorträgen und Diskussionen den Weg weisen, ergänzt durch musikalische Veranstaltungen und Buchpräsentationen.
Mit Freude kündigen wir auch für die neue Saison die beiden traditionellen Abonnement-Zyklen mit einem besonders vielseitigen Programm an. Das Ensemble Wiener Collage
bietet etwa ein Weihnachtskonzert »Von Schönberg bis heute«, das aron quartett bereitet unser Hauptthema 2006 zu »Schönberg / Wiener Klassik« musikalisch vor, und in beiden Zyklen gastiert das aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker bestehende Schulhoff Quartett mit einem Programm um Schönberg und Theresienstädter Komponisten. Außerhalb der Zyklen präsentieren wir eine Reihe von Künstlern erstmals
am Schönberg Center, etwa die Pianisten Thomas Schultz, Douglas Ashley, Claudius Tanski, Julija Botchkovskaia, Norman Shetler und Robert Pobitschka, den Bariton Benno Schollum, Ensembles wie die Neuen Wiener Concert Schrammeln und das dänische Carion Bläserquintett, dazu als Schauspieler Christian Spatzek und Peter Steins jungen »Faust«, Christian Nickel.
Die Beschäftigung mit Schönbergs bildnerischem Werk liegt nach Abschluß der Ausstellung »Der Maler Arnold Schönberg « im Juni 2005 systematisch durchgearbeitet vor. Der als wissenschaftliche Begleitung entstandene Catalogue raisonné überblickt das gesamte, neu katalogisierte Bildschaffen ebenso wie Äußerungen von prominenten Zeitgenossen
und von Schönberg selbst. Das zweibändige Werk ist am Schönberg Center sowie über den Buchhandel auch weiterhin in einer Paperback- und einer Leinen-Ausgabe erhältlich.
Ein im Frühherbst 2005 erscheinendes Journal of the Arnold Schönberg Center ergänzt das Thema um die Symposiumsbeiträge zu »Der Maler Arnold Schönberg« ( Wien 2003).
Mit mehr als 5.000 Besuchern erfreute sich die Sonderausstellung zu Schönbergs Malerei großen Interesses. Sie wurde am 2. März 2005 von Bundespräsident Dr. Heinz Fischer und der Präsidentin unserer Stiftung, Nuria Schoenberg Nono, feierlich eröffnet. Besonders berührend entwickelten sich die Sonderführungen für Schulklassen des Education-Programms »Augenblick, Schönberg!« (Fotos Seite 17), im Rahmen dessen
hunderte junge Besucher in die Bildwelt Schönbergs eintauchten und mit selbst geschaffenen Selbstportraits die Erfahrungen sogleich in die Tat umsetzten. Zugleich verdankten wir dem Schönberg-intensiven Musikprogramm von Musikfest und Wiener Festwochen eine Reihe prominenter Besucher der Ausstellung. Im Gästebuch ist von »tollen Bildern« die Rede, »faszinierend und bewegend« wurde sie von Besuchern aus
Neuseeland erlebt, der Audioführer war für israelische Gäste ein »Must«, und eine Gruppe von Schweizern wäre gerne »ein paar ›Augenblicke‹ länger« geblieben.
Am 27. April 2005 sang Kammersänger Thomas Hampson anläßlich eines Festaktes zum 50. Geburtstag der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft am Schönberg Center
Lieder von Arnold Schönberg und Gustav Mahler. Marialena Fernandes, Ranko Markovic, Rainer Bischof, Reinhold Kubik, Wilhelm Sinkovicz und Erich W. Partsch gestalteten weitere
Programmpunkte.

  Anne Schoenberg, Nuria Schoenberg Nono und Lawrence Schoenberg begrüßen Bundespräsident Dr. Heinz Fischer in der Ausstellung »Der Maler Arnold Schönberg«


Während in Wien die Saison anläuft, begleiten wir internationale Schönberg-Vorhaben in Europa, Israel und den USA. Die von Nuria Schoenberg Nono und Lawrence Schoenberg
konzipierte Multimedia-Ausstellung zu Leben und Werk Arnold Schönbergs bereist derzeit die USA und war im Frühjahr 2005 Teil eines hochkarätigen Schönberg-Schwerpunktes
an der Arizona State University in Tempe/Arizona, mit Symposium, Vorträgen und Musikveranstaltungen. Ähnlich wird im August/September 2005 die Ausstellung auch am College of Charleston in South Carolina präsentiert, ehe sie im Oktober/November 2005 an der Österreichischen Botschaft in Washington D. C. in Zusammenarbeit mit der Library of Congress zu sehen sein wird. Und von Januar bis April 2006 leitet die Ausstellung einen großen Schönberg & Beethoven-Schwerpunkt James Levines an der Boston Symphony Hall ein; die wissenschaftliche Begleitung wird vom Department of Music der Harvard University beigetragen. Weitere Ausstellungsbeteiligungen in Europa mit Leihgaben des Center, etwa Schönbergs Bündnis-Schach, das in Vaduz, Hamburg und Berlin zu sehen ist, ergänzen diese Aktivitäten.
Mit Newsletter und Veranstaltungskalender laden wir Sie erneut ein, dem Kosmos der Ausdrucksformen in Schönbergs OEuvre zu begegnen. Konzerte und Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen bieten dazu am Center in Wien, dem Schönberg-Haus in Mödling und an vielen weiteren Orten gute Gelegenheit.

Auf ein Wiedersehen freut sich
Ihr Christian Meyer


Aus dem Archiv

Johann Strauß / Arnold Schönberg: Lagunen-Walzer

»Schönberg hat wieder eine herrliche Idee: […] einen Verein zu gründen, der es sich zur Aufgabe macht, Musikwerke aus der Zeit ›Mahler bis jetzt‹ seinen Mitgliedern allwöchentlich vorzuführen.«
(Alban Berg an seine Frau Helene, 1. Juli 1918) Nach dem Erfolg von zehn öffentlichen Proben zur Kammersymphonie Arnold Schönbergs in Wien und als unmittelbarer Reflex seiner Unterrichtstätigkeit im Seminar für Komposition an den reformpädagogischen Schwarzwaldschen Schulanstalten entstand das Konzept zu einer neuartigen Veranstaltungsform der Wiener Schule. In der ersten konstituierenden Generalversammlung des »Vereins für musikalische Privataufführungen« im Dezember 1918 wurde unter der Präsidentschaft Arnold Schönbergs ein Vorstand von 19 Mitgliedern seines Wiener Schüler- und Freundeskreises bestätigt.
Der Verein setzte nicht nur als Pflegestätte von Novitäten sondern auch durch seine unkonventionelle Struktur neue Maßstäbe: Geheimhaltung des genauen Programms (um
einen »gleichmäßigen Besuch zu sichern«); Wiederholung von Werken, nichtöffentlicher Charakter der Vereinskonzerte; Verbot von Beifalls- oder Mißfallensbekundungen, um »Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen«. Das Werk sollte für sich sprechen – unprätentiös, uneitel, von Vortragsmeistern mit Sorgfalt einstudiert, Verständlichkeit neuer Musik als einziger
anzustrebender Erfolg. Der korrumpierende Einfluß der Öffentlichkeit wurde von Schönberg abgelehnt, im Verein herrschte somit kategorisches Reklameverbot.
Zu Beginn fanden die Konzerte im Festsaal des Kaufmännischen Vereins in der Johannesgasse, bis Mai 1919 im Kleinen Musikvereinssaal und bis Mitte 1920 im Wiener Konzerthaus statt. Nach einer kurzen Vereinstätigkeit im Club Österreichischer
Eisenbahner in der Nibelungengasse wurden die Konzerte ab Januar 1921 in den von Adolf Loos gestalteten Schwarzwaldschen Schulanstalten in der Wallnerstraße veranstaltet. Die vorwiegend jungen Interpreten wurden in Probespielen ermittelt, finanzielle Grundlage der Konzerte bildeten die in Klassen abgestuften Mitgliedsbeiträge.
Im November 1919 wurde nach nur einjährigem Bestehen in den Vereinsmitteilungen eine Repertoireliste von insgesamt 27 zeitgenössischen Komponisten veröffentlicht, darunter
Max Reger, Claude Debussy, Richard Strauss und Igor Strawinsky. Aufgrund der steigenden Inflation der Nachkriegszeit fanden ab Herbst 1920 neben den regulären nichtöffentlichen Vereinsabenden für Mitglieder auch öffentliche Propagandakonzerte statt, welche der Aufstockung der Vereinskasse dienen sollten.
Zu einem musikhistorisch legendären Ereignis kam es am 27. Mai 1921 anläßlich eines »Außerordentlichen Abends« mit vier Walzern von Johann Strauß in der Bearbeitung von
Anton Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg. Nach dem Konzert, bei dem die Komponisten auch als Interpreten agierten (Berg: Harmonium, Schönberg: 1. Geige, Webern: Violoncello), sollten die autographen Manuskripte versteigert werden, um die finanziellen Mittel für weitere Vereinsabende hereinzubringen. Die Proben wurden in fünf Einheiten zu je fünf Stunden abgehalten, Eintrittskarten in Form von Programmblättern
durch die Interpreten verkauft. Nicht nur die Kuriosität der Stilantipoden Strauß / Wiener Schule-Trias, sondern auch Schönbergs humorvolle Conference sollten zum Erfolg des Abends wesentlich beitragen. Alban Berg berichtete am 2. Juni 1921 seinem Kollegen Erwin Stein: »Die Walzer klangen durchwegs fabelhaft gut […]! Schönbergs Instrumenta-
tion überragte natürlich die meine weit. Ich hätte freilich nicht soviel gewagt. Steuermann zum Beispiel, der auf eine Bemerkung Schönbergs, daß sich jeder seine Stimme zu Hause anschauen müsse, lächelte, erhielt von Schönberg einen wahnwitzig schwer gesetzten Klavierpart, der freilich prachtvoll klang.« Bergs Walzer-Arrangement wurde mit frenetischem Applaus gewürdigt, den Schönberg ausnahmsweise zuließ, um die Stimmung
zu heben und die Sensibilität der zahlungswilligen Autographenkäufer zu steigern. Bei der vom Publikum verlangten Wiederholung von Weberns »Schatzwalzer« aus dem »Zigeunerbaron« wechselten Schönberg und sein Schüler sowohl Pult als auch Instrument. Bei der anschließenden Versteigerung brachte Bergs Manuskript 5.000, Schönbergs Partitur der »Rosen aus dem Süden« 17.000 Kronen (die im Konzert
verwendeten Stimmen hatte Hanns Eisler hergestellt) und der »Lagunen-Walzer« 14.000. Bei Weberns »Schatzwalzer« versuchte der Vereinspräsident selbst den Preis hinauf
zu lizitieren und blieb gegen seine Absicht bei 9.000 Kronen selbst als Höchstbieter zurück.
Die Bearbeitungspraxis des Vereins entsprang zunächst ökonomischen Überlegungen, zumal man sich die Aufführung von Orchesterwerken personell und finanziell nicht leisten konnte. Im Prospekt des »Vereins für musikalische Privataufführungen« erläuterte Alban Berg die Reduktion auf Arrangements für kleinere Ensembles, Klavier zu vier Händen oder
zwei Klaviere: »Es ist nämlich auf diese Weise möglich, moderne Orchesterwerke – aller Klangwirkungen, die nur das Orchester auslöst, und aller sinnlichen Hilfsmittel entkleidet – hören und beurteilen zu können. Damit wird der allgemein übliche Vorwurf entkräftet, daß diese Musik ihre Wirkung lediglich ihrer mehr oder minder reichen und effektvollen Instrumentation verdanke und nicht auch alle die Eigenschaften besäße, die bisher für eine gute Musik charakteristisch waren: Melodien, Harmoniereichtum, Polyphonie, Formvollendung, Architektur etc.«
Der eigenkompositorische Anteil an den Bearbeitungen konnte im Verein von Werk zu Werk divergieren und konzentrierte sich bei den Strauß-Arrangements auf eine ausgefeilte Instrumentationstechnik, die das Wiener Espressivo deutlich herausstrich. Als Instrument für die Farbgebung der Bearbeitungen wurde das Harmonium eingesetzt, hier als Substitut für den Bläsersatz. Pläne, für das Kammerorchester des Vereins ein eigenes Harmonium bauen zu lassen, scheiterten an den hohen Kosten von 200.000 Kronen. Man verwendete daher Schönbergs eigenes Instrument, dessen Stimmung 438 Hz betrug, und brachte es aus seinem Mödlinger Domizil für Proben und Konzerte nach Wien. Die Auswahl der Strauß-Kompositionen nahm Vereinspräsident Schönberg selbst vor und hielt sich hierbei an eine im Leipziger Verlag Cahn gedruckte Anthologie der beliebtesten Strauß-Walzer im Klavierauszug.
Das autographe Manuskript zum »Lagunen-Walzer« ist seit dem Vereinskonzert verschollen; laut Erinnerung von Schönbergs Schüler Josef Rufer wurde es bei der Versteigerung vom Schatzmeister des Vereins, Arthur Prager, erworben. Seit einer von Josef Rufer organisierten weiteren Aufführung der Bearbeitung am 12. Januar 1958 im Großen Sendesaal des Funkhauses Hamburg war auch über den Verbleib einer zeitgenössischen Abschrift sowie der Stimmen nichts bekannt. Bei der Jubiläumsveranstaltung des Norddeutschen Rundfunks in der Reihe »Das neue Werk« unter der Leitung von Hans Rosbaud wurde ein Querschnitt von zum Teil erstmals öffentlich zu hörenden Werken Schönbergs aus allen Kompositionsperioden gegeben, darunter auch die Uraufführung des »Jakobsleiter«-Fragments und des Chorwerks »Israel exists again«. Schönbergs Witwe Gertrud sandte dem NDR die unpublizierten Werke ihres Mannes in Kopien; Josef Rufer hatte die Manuskripte zuvor in einem Werkverzeichnis katalogisiert und darauf basierend die Programmdramaturgie gestaltet. Erst Anfang 2005 wurde das Aufführungsmaterial aus der Vereins-Bibliothek im Nachlaß von Herbert Hübner, eines für Neue Musik verantwortlichen Redakteurs des NDR, entdeckt
(Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg). Die nach der autographen Partitur entstandene Kopistenabschrift (Josef Waschaurek, Wien), die den Stempel des »Vereins
für musikalische Privataufführungen« trägt, bildet die Grundlage für die Erstausgabe der Strauß-Bearbeitung von Arnold Schönberg bei Belmont Music Publishers, Pacific Palisades.

 

Strauß / Schönberg:
»Lagunen-Walzer«
(Staats- und
Universitätsbibliothek
Hamburg)

Neuerwerbungen

Im Wiener Carltheater, dessen musikalische Leitung Alexander Zemlinsky 1900 übernommen hatte, gastierte 1901 das von Ernst von Wolzogen gegründete literarische Kabarett »Überbrettl« aus Berlin. In seinen Memoiren »Wie ich mich ums Leben brachte« berichtet Wolzogen über seine Begegnung mit Arnold Schönberg: »In die Zeit, während wir in Wien am Carltheater gastierten, fiel das jüdische Versöhnungsfest, und Oskar Straus durfte am Abend dieses Tages auf Befehl seines reichen Erbonkels nicht auftreten. Er führte mir als seinen Stellvertreter für diesen Abend einen jungen Musiker zu von kleiner Gestalt, harten Gesichtszügen und dunkler Hautfarbe, dessen Name, Arnold Schönberg, damals noch gänzlich unbekannt war.« Oskar Straus’ Stellvertreter komponierte zwischen April und September 1901 acht Lieder aus der von Otto Julius Bierbaum herausgegebenen Anthologie »Deutscher Chansons« und bot sie dem »Überbrettl« an. Wolzogen erwarb aus dem Kompendium für die Winterspielzeit 1901/02 zwei Nummern. Die nach ihrem Entstehungsanlaß benannten »Brettl-Lieder« führten zu einer Anstellung Schönbergs als Kapellmeister am »Überbrettl«, die er am 16. Dezember 1901 in Berlin antrat. Der Vertrag wurde bis Ende Juli 1902 abgeschlossen. Trotz
anfänglicher Popularität bei der feinen Berliner Gesellschaft wurde das Theaterunternehmen ein wirtschaftlicher Mißerfolg, Wolzogen stieg im Juni 1902 schwer verschuldet aus und Arnold Schönberg kehrte 1903 nach Wien zurück.
Bei einer Auktion in London erwarb das Archiv den nunmehr frühesten in unserer Sammlung befindlichen, autographen Schönberg-Brief vom 7. Oktober 1902. Adressatin des Schreibens ist Josefine Redlich, Frau des Baurats Carl Redlich, Widmungsträger der Sechs Lieder op. 3. Schönberg und seine Frau waren des öfteren in der Villa Redlich in Reichenau zu Gast, nach seiner Übersiedlung nach Berlin ließ Carl Redlich dem Komponisten finanzielle Unterstützung zukommen. Bereits Anfang 1902 hatte Schönberg von den Redlichs anläßlich der Geburt seiner Tochter Gertrude 100 Mark erhalten, in
seinem Brief vom Oktober bittet er um weitere Unterstützung durch den Mäzen, da die erhoffte Vertragsverlängerung bei Wolzogen nicht zustande gekommen war. Wie das Dokument belegt, war Schönbergs finanzielle Situation zu dieser Zeit äußerst prekär: »Dadurch, dass ich alles, – alles! – versetzt habe, ist es mir gelungen über den Umzug und die ersten paar Tage hinauszukommen. Aber jetzt ist es dann auch zu Ende. Der
Kerl – der mit der Operette – verspricht zwar, mir bestimmt am 20. zu zahlen, aber was ich bis dahin machen soll, weiß ich nicht, wenn Sie mir nicht aushelfen.«

Konzertskandale, die nicht zu realisierende zweite Karriere als Portraitmaler, gescheiterte Verhandlungen über eine Professorenstelle an der Wiener Musikakademie und ein bis zu
gerichtlichen Instanzen eskalierter Streit mit seinem Vermieter bewogen Arnold Schönberg im Herbst 1911 zu einer zweiten Übersiedlung nach Berlin. In der Zeitschrift »Pan« wurde von befreundeten Musikern und Publizisten ein Aufruf zur Anmeldung als Schönbergs Kompositionsschüler veröffentlicht, mit dem Direktor des Stern’schen Konservatoriums wurde für das kommende Jahr eine Vortragsreihe über »Ästhetik
und Kompositionslehre« vereinbart. »Sie glauben gar nicht, wie ›berühmt‹ ich hier bin. Ich schäme mich ja selbst fast, es zu gestehen. Überall kennt man mich. Man erkennt mich nach meinen Bildern. Man kennt meine Biografie, meine Eigenheiten, weiß von meinen ›Skandalen‹ und fast mehr als ich, der ich so etwas bald vergesse.« (Schönberg an seinen Wiener Verleger Emil Hertzka, 31. Oktober 1911) Die Anfangseuphorie der ersten Berliner Wochen wich bald einem kräfteraubenden Kampf um ein langfristig gesichertes Einkommen, das mangels der erwarteten zahlreichen Anmeldungen zu seinem
Kompositionsunterricht im Verkauf von noch unverlegten Werken zu erhoffen war. Die Kapazitäten der Universal Edition liefen im Herbst/Winter 1911 mit der Veröffentlichung von »Pelleas und Melisande« und der »Harmonielehre«, einer zweiten Auflage der Klavierstücke op. 11 sowie der Stimmen zum II. Streichquartett op. 10 in Sachen Schönberg bereits auf Hochtouren, im Frühjahr 1912 folgten die Wiederauflagen
der Lieder op. 1 – 3 und op. 6, der Partitur zum II. Streichquartett, der Taschenpartitur und Stimmen zur »Verklärten Nacht« op. 4 sowie zum Ersten Streichquartett op. 7. Schönberg konnte in dieser Phase keine weiteren Verträge mit der UE abschließen
und suchte daher unter den deutschen Verlagen nach Alternativen. Mit dem Leipziger Verlag C.F. Peters konnte eine Vereinbarung zur Veröffentlichung der Fünf Orchesterstücke op. 16 erzielt werden, Tischer & Jagenberg sollten das Chorwerk
»Friede auf Erden« op. 13 verlegen. Dennoch hing sein wirtschaftliches Überleben noch von weiteren Verkäufen ab, die er vor allem im Frühjahr 1912 zu forcieren versuchte.
Das Archiv konnte einen bislang unbekannten autographen Brief vom 11. Juni 1912 erwerben, der – wie entsprechende Antwortschreiben belegen – zeitgleich an die Verlage
Adolph Fürstner und N. Simrock in Berlin gerichtet war: »Sehr geehrter Herr, ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie Interesse für meine Werke haben und bereit wären eines oder das andere zu verlegen.« Zu den in Frage kommenden Werken zählten die Kammersymphonie op. 9, für die bereits ein Offert des Verlages Bote & Bock vorlag, und die George-Lieder op. 15, die Schönberg am selben Tag auch Emil Hertzka anbot. Die auf das Schreiben in Berlin erfolgten Unterredungen blieben erfolglos, da etwa Simrock befürchtete, durch Übernahme eines Werkes in Konflikt mit dem Vertrag zu geraten, den Schönberg 1909 mit der Universal Edition abgeschlossen und darin der UE das Prioritätsrecht an sämtlichen Werken für zehn Jahre zugesichert hatte.

Therese Muxeneder

 

Arnold Schönberg:
autographer Brief
an Karl Kraus, 1. April 1917

Sammlung Leonard Stein

Als Schüler und späterer Assistent Arnold Schönbergs gehörte Leonard Stein zu jenen Personen, die den Komponisten nahezu während seines gesamten Aufenthalts in den USA begleiteten. Er gewann während vieler Unterrichtsstunden wie auch als maßgeblicher Beteiligter an Buchprojekten tiefe Einblicke in Schönbergs Denkweise. Bereits während seiner Zeit als Direktor des Arnold Schoenberg Institute von 1974 bis 1991 überließ Stein zahlreiche Materialien aus seinem Besitz dem Archiv, das heute Teil des Arnold Schönberg Center ist. Von besonderem Interesse ist dabei die gut dokumentierte Edition von Schönbergs Lehrwerken. Außerdem finden sich in der Sammlung Steins Mitschriften von Schönberg-Vorlesungen, vor allem aus den 1930er Jahren, sowie einige von Schönberg persönlich korrigierte Arbeiten seiner amerikanischen Schüler.
Nach Leonard Steins Tod im Jahre 2004 nahm Heidi Lesemann, ehemals Assistant Director des Arnold Schoenberg Institute, Kontakt mit dem Arnold Schönberg Center auf. Es galt, Leonard Steins Nachlaß zu sichten und auf weitere im Zusammenhang mit Arnold Schönberg stehende Materialien zu überprüfen. Dabei stellte sich heraus, daß noch zahlreiche für die Forschung bedeutende Dokumente im Besitz Leonard Steins verblieben sind und neben seiner Schönberg-(Noten-) Bibliothek den Archivbeständen des Arnold Schönberg Center eingegliedert werden können.
Den Kern dieser »zweiten« Leonard Stein Satellite Collection bilden Drucke der Kompositionen Schönbergs, die Stein als bis ins hohe Alter aktiver Pianist in Gebrauch hatte. Anhand der unterschiedlichen Ausgaben läßt sich teilweise die Editionsgeschichte von der Erstausgabe bis heute nachvollziehen. Zahlreiche aufführungspraktische Eintragungen lassen Rückschlüsse auf Steins Auffassung der Werke zu.
Andere Exemplare wurden offenbar ausschließlich zur Analyse benutzt und dafür reich annotiert und kommentiert. In manchen Fällen finden sich Belege für Steins editorische
Arbeit, neben der Erstausgabe der »Brettl-Lieder« auch für Bände der Gesamtausgabe. Schöpferisch tätig wurde Stein vor allem durch Klavierarrangements von Werken Schönbergs sowie eine bisher unbekannte Bearbeitung der Sechs kleinen Klavierstücke op. 19 für Symphonieorchester.
Trotz umfangreicher früherer Schenkungen befinden sich auch in dieser Sammlung noch einige Materialien, die nachweislich durch Arnold Schönbergs Hände gegangen sind.
Es handelt sich dabei hauptsächlich um Widmungsexemplare von Kompositionen, die Leonard Stein im Laufe der Jahre zugeeignet wurden. Daneben gibt es einige wenige Korrekturexemplare und Handschriften, die im Zusammenhang der noch zu Schönbergs Lebzeiten geplanten Schriftenausgabe stehen dürften, sowie einige bisher noch nicht erfaßte Briefe. Zu diesen wichtigen Dokumenten kommen eigene Konvolute zu Buchprojekten Leonard Steins, autobiographische Notizen, Materialien zu Symposien und anderen Veranstaltungen, wissenschaftliche Artikel und Zeitungsausschnitte sowie
einige die »erste« Sammlung ergänzende Materialien. Leonard Steins umfangreiche Bibliothek wird zukünftig im Archival Workroom des Arnold Schönberg Center eine neue Heimat finden. Eine genaue Dokumentation der Leonard Stein Satellite Collection erscheint demnächst auf der Website des Arnold Schönberg Center.

Eike Feß

Aktivitäten des Wissenschaftszentrums Arnold Schönberg am Institut für Musikalische Stilforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

Auch in den letzten Monaten sind die Arbeiten zur Vorbereitung der Kritischen Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs programmgemäß vorangeschritten, und wir haben bereits begonnen, erste Ergebnisse ins Internet zu stellen; sie
sind – gemeinsam mit allgemeinen Informationen zu Schönbergs Schriften sowie zu den Richtlinien der Übertragung – von der Website des Schönberg Center aus zugänglich.
Den Schriften Schönbergs ist (vom 15. bis 17. September 2005) auch unser nächster, gemeinsam mit dem Arnold Schönberg Center veranstalteter, Internationaler Kongreß
gewidmet (siehe Veranstaltungskalender).
Unser nunmehr zwei Jahre wirkender Gastprofessor, Dr. Elmar Budde, hat im Sommer-Semester 2005 seine letzten Seminare abgehalten und wird ab dem Winter-Semester
2005/06 von Professor Dr. Peter Andraschke abgelöst. Dr. Andraschke, Spezialist auf dem Gebiet der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts und Verfasser zahlreicher Arbeiten
über die Wiener Schule sowie über Gustav Mahler, hatte bis zum Winter-Semester 2004 /05 die Professur für Musikwissenschaft
an der Universität Gießen inne und bringt jetzt als Emeritus sein reiches Wissen in unser Institut ein. In seinem ersten Semester wird er (gemeinsam mit Therese Muxeneder)
zwei Seminare abhalten, und zwar über die Themen »Zwischen Tonalität und Atonalität: Kompositionen auf Texte von Richard Dehmel und Georg Trakl« sowie »60 Jahre Kriegsende: Musik gegen Krieg und Unterdrückung«. Die genauen Termine entnehmen Sie bitte dem Veranstaltungskalender. Die Seminare sind wie immer frei zugänglich.
Am 7. April 2005, hielt der Emeritus der Universität Brünn, Univ.-Prof. Dr. Jirˇí Vysloužil, im Konzertsaal am Rennweg einen Vortrag über »Arnold Schönberg in Brünn«, der die Beziehungen sowohl Schönbergs als auch anderer Musiker der Wiener Schule zu Persönlichkeiten aus dem Musikleben der mährischen Hauptstadt beleuchtete. Der Vortrag war unter anderem bereits ein Vorgriff auf die zwei großen Symposien zur »Rezeption der Wiener Schule in Ost- und Südosteuropa«, die das Wissenschaftszentrum im Juni ( Wien) und Juli 2007 (Leipzig) gemeinsam mit dem Musikwissenschaftlichen
Institut der Universität Leipzig abhalten wird.
Am 28. und 29. April 2005 schließlich veranstaltete das Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg gemeinsam mit der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft und der
Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums im Eroicasaal im Palais Lobkowitz (Österreichisches Theatermuseum) sowie im Marmorsaal der Neuen Hofburg
das Internationale Symposium »Instrumente und Musizierpraxis zur Zeit Gustav Mahlers«, das zu wesentlichen neuen Erkenntnissen in einem auch für Arnold Schönberg und die
Wiener Schule relevanten Bereich der österreichischen Musikgeschichte führte. Die Ergebnisse werden in einem Kongreßberichtveröffentlicht werden.

Hartmut Krones

Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg am Institut für Musikalische Stilforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
c /o Arnold Schönberg Center
Schwarzenbergplatz 6, Eingang Zaunergasse 1, A-1030 Wien
Telefon: (+ 43/1) 711 55-2531 sowie (+ 43/1) 712 18 88-17 und 18

Avenir Foundation Forschungsbeihilfe

Die Avenir Foundation, Wheat Ridge/Colorado, fördert unsere Stiftung mit der Auflage, internationalen Studenten und Wissenschaftlern aus den jährlichen Zinserträgen des zur Verfügung gestellten Kapitals Reise- und Aufenthaltsstipendien für Forschung am Arnold Schönberg Center zu vergeben.
Die Arnold Schönberg Center Privatstiftung unterstützt daher wissenschaftliche und archivarische Forschung durch die Vergabe von Forschungsbeihilfen. Empfänger der Beihilfen arbeiten am Arnold Schönberg Center und beziehen eigene Projekte unmittelbar auf Arnold Schönbergs Leben und Werk.
Eine Forschungsbeihilfe umfaßt:
• Wohnmöglichkeit im Schönberg-Haus in Mödling während eines zweiwöchigen Forschungsaufenthaltes (bei größerem Projektumfang besteht die Möglichkeit der Verlängerung)
• Netzkarte für öffentliche Verkehrsmittel in Wien und Mödling
• Tagesdiäten
• Reisekostenzuschuß nach und von Wien
• Nutzung der Infrastruktur von Archiv und Bibliothek des Arnold Schönberg Center
Informationen über den Sammlungsbestand und die Einrichtungen des Center können über www.schoenberg.at abgerufen werden.

Anträge für Forschungsbeihilfen werden schriftlich gestellt:
Arnold Schönberg Center
Direktion
Schwarzenbergplatz 6
A -1030 Wien
direktion@schoenberg.at
Fax: (+ 43/1) 712 18 88- 88
Information: Therese Muxeneder
Telefon: (+ 43/1) 712 18 88-30
Anträge werden innerhalb von drei Monaten nach Einlangen
bearbeitet. Dem Antrag sind beizufügen:
• Projektbeschreibung
• Curriculum vitae
• Empfehlungsschreiben der Schule/Universität (nur Studenten)

Empfänger einer Avenir Foundation Forschungsbeihilfe 2005:
Alfred W. Cramer, Pomona College, California, USA
Alexander Carpenter, University of Prince Edward Island, Canada
Matthias Pasdzierny, Staatliche Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst Stuttgart, Germany
Jean-Jacques Dünki, Musik-Akademie Basel, Switzerland

Weitere durch die Avenir Foundation geförderte Projekte am Arnold
Schönberg Center:
• Multimediale Ausstellung zu Leben und Werk Arnold Schönbergs (1874 – 1951) »Eine Ausstellung zum Hören«
• Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs
• Digitalisierung des Schönberg-Briefwechsels
• Arnold Schönberg. Catalogue raisonné

Internationales Symposium »Mozart und Schönberg – Wiener Klassik und
Wiener Schule«
Call for Papers

Aus Anlaß des Mozart-Jahres veranstaltet das Arnold Schönberg Center in Wien in Zusammenarbeit mit WIENER MOZARTJAHR 2006 und dem Wissenschaftszentrum Arnold
Schönberg am Institut für Musikalische Stilforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien von 10. bis 13. September 2006 ein internationales Symposium
und lädt hiermit zur Anmeldung von Referaten ein.
Die erwünschten Beiträge betreffen Wiener kompositorische Traditionen, gemeinsame kompositiorische bzw. ästhetische Konzepte, die Rezeption der Wiener Klassik durch Komponisten der Wiener Schule, Lehrtraditionen, Bearbeitungen und Instrumentationen (vor)klassischer Werke durch Komponisten der Wiener Schule sowie die Reflexion der Wiener Klassik im Schrifttum der Wiener Schule.

Referatanmeldungen mit Abstracts von ca. 30 Zeilen werden bis spätestens Ende Dezember 2005 erbeten an:
Arnold Schönberg Center, Direktion, Schwarzenbergplatz 6, A-1030 Wien, direktion@schoenberg.at

Freunde des Arnold Schönberg Center

Freunde des Arnold Schönberg Center unterstützen die wissenschaftliche Arbeit unserer Stiftung. Die Forschungsprojekte umfassen die Konservierung und Restaurierung
autographer Manuskripte aus dem Schönberg-Nachlaß, die Digitalisierung von zehntausenden Seiten an Musik- und Textmanuskripten sowie die Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs. Gefördert werden weiters der
Ankauf von Briefen, Erstausgaben und historischen Dokumenten sowie die Vermittlung von Schönbergs Werk und Wirken an Interessierte aller Alters- und Ausbildungsstufen.
Die Mitgliedschaft bietet viele Vorteile: Freunde erhalten die wissenschaftlichen Publikationen des Arnold Schönberg Center ( JASC), Rabatte auf Abonnement-Zyklen und Konzerte, freien Eintritt in die Ausstellungen, Ermäßigungen auf ausgewählte Shopartikel und regelmäßige Informationen (Veranstaltungskalender, Newsletter und Ausstellungsbroschüren). Zusätzlich werden exklusive Kunstreisen organisiert.
Der Freunde-Jahresbeitrag von jährlich mindestens C 75 kann mit dem diesem Newsletter beiliegenden Erlagschein ebenso bezahlt werden wie weitere Spenden für die Förderung
der wissenschaftlichen Arbeit am Arnold Schönberg Center. Freunde außerhalb Österreichs werden gebeten, den Betrag mit Kreditkarte zu begleichen. Ihre Spende kann in Österreich und den USA von der Einkommensteuer abgesetzt werden.
Information: Alena Salvini-Plawen
Telefon: (+ 43/1) 712 18 88-15
Fax: (+ 43/1) 712 18 88-88
direktion@schoenberg.at

 

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