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Edition 16, März – August 2006

Editorial
Arnold Schönbergs bildnerische Werke im Besitz von Anton Webern
Aus dem Archiv
Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg
Avenir Foundation Forschungsbeihilfe
Freunde des Arnold Schönberg Center
Pressestimmen


Editorial

Geschätzte Freunde des Arnold Schönberg Center!
Sehr geehrte Damen und Herren!

»Reinige dein Denken, lös es von Wertlosem, weihe es Wahrem.« Diesem Moses-Wort aus dem ersten Akt von Arnold Schönbergs Oper »Moses und Aron« folgen Opernhäuser in zunehmender Zahl und widmen sich gerade dem aufgrund der hohen künstlerischen und musikalischen Anforderungen zunächst als unaufführbar geltenden Werk. Die Wiener
Staatsoper zeigt »Moses« ab 3. Juni 2006 unter der musikalischen Leitung von Daniele Gatti in der Inszenierung von Willy Decker. Ende Juni eröffnet Maestro Zubin Mehta in der
Inszenierung von David Pountney die Münchner Opern-Festspiele mit Schönbergs Opus magnum. Eine Vielfalt von Inszenierungen der letzten Jahre, etwa von Götz Friedrich /
Christian Thielemann an der Deutschen Oper Berlin, Peter Mussbach / Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, Jossi Wieler / Lothar Zagrosek an der Staatsoper Stuttgart, Graham Vick / James Levine an der Met in New York, Peter Konwitschny / Ingo Metzmacher an der Hamburgischen Staatsoper sowie Produktionen in Palermo und Leipzig, um nur einige zu nennen, haben die Aktualität des biblischen Stoffes in Schönbergs Lesart aufgezeigt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß dieses extreme Bühnenwerk immer wieder als Höhepunkt einer Ära ausgewählt wird, so in Hamburg am Ende der Ära Metzmacher, in Berlin als letzte große Inszenierung von Götz Friedrich, und auch die Münchner Produktion steht am Ende der Ära von Generalmusikdirektor Zubin Mehta und Intendant Peter Jonas in deren Funktionen an der Bayerischen Staatsoper. Beide Produktionen am Ende dieser Saison begleitet das Arnold Schönberg Center inhaltlich, zumal die Manuskripte von »Moses und Aron« sich im Archivbestand finden und zu den wertvollsten Autographen am Center zählen. In einer Sonderausstellung werden sie während der Aufführungen an der Wiener und der Bayerischen Staatsoper München am Arnold Schönberg Center zu sehen sein und so den Entstehungsprozeß von Libretto und Musik an Originalexponaten verdeutlichen. Für die Wiener Staatsoper kuratieren wir eine faksimilierte Dokumentarausstellung, mit der Bayerischen Staatsoper kooperieren wir.

Starke Reaktionen gab es infolge der Sonderausstellung »Arnold Schönbergs Schachzüge« (2004), welche Kurator Ernst Strouhal konzipierte und seither im universitären wie musealen Umfeld immer wieder ins Blickfeld der Aufmerksamkeit rückte. Schönbergs »Bündnis-« oder »Koalitions-Schach« wurde mehrfach als Exponat nachgefragt, konkret für Ausstellungen am Kunst- und Gewerbemuseum Hamburg, an der
Humboldt-Universität Berlin, an der Akademie der Künste Berlin und der Kunsthalle Vaduz. Zudem wurde es in Medien und wissenschaftlichen Artikeln diskutiert. Derzeit gastiert
eine Replik des Schönberg-Schachs im Kunstmuseum Siegen. Zudem hat sich die Universität für angewandte Kunst Wien im Sommer 2005 mit der Frage beschäftigt, wie das Königsspiel in der Lesart Schönbergs ästhetisch wie funktionell aussehen müßte, um eine weitere Verbreitung zu ermöglichen, und ein neues, abstraktes Design für Schönbergs Figuren als Prototyp gestaltet: Die Figuren erscheinen in kubischer Form, in deren Oberseite Metall-Legierungen mit den Schönbergschen Symbolen eingearbeitet sind. Die vier Parteien werden anstatt durch Bemalung durch die Verwendung von vier Holzarten in unterschiedlichen Färbungen (Buchs-, Eben-, Rosen und Pockholz) unterschieden.

Das bildnerische Werk Arnold Schönbergs wird in zwei Ausstellungen präsentiert: Ab 17. Februar zeigt die Sammlung Essl »Österreich: 1900 – 2000 / Konfrontationen und Kontinuitäten« mit zahlreichen Werken Schönbergs, und ab 12. August wird im Kunsthaus Zug in der Schweiz ein ungleiches Dreigespann vorgestellt: »Harmonie und Dissonanz / Gerstl – Schönberg – Kandinsky. Malerei und Musik im Aufbruch«. Damit wird neben dem Komponisten auch der Maler Schönberg in der Schweiz zum ersten Mal umfassend gezeigt.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Archivbestände und Schönbergiana wird im Laufe des Frühjahrs neue Ergebnisse liefern, wenn ein Großteil der Schönberg-Korrespondenz
ebenso wie erste Teile der Schönberg-Schriften in leistungsfähigen Datenbanken über das Internet verfügbar gemacht werden. Hochauflösende Scans der Musikmanuskripte werden seit Jahren laufend ergänzt und halten inzwischen bei etwa 80 % der Bestände mit der Absicht, bis Jahresende sämtliche Musikmanuskripte über das Web einsehbar zu machen. Der Veranstaltungskalender gibt einen Überblick zu den wissenschaftlichen, den Konzert- und Ausstellungsaktivitäten am Center, die immer einen Besuch lohnen, sei es, um neue Werke kennenzulernen, sei es, um in Wien noch unbekannte Künstler auf ihrem künstlerischen Werdegang bereits früh zu entdecken, sei es, um namhaften Wissenschaftlern und Künstlern in der konzentrierten Atmosphäre unseres Auditoriums zu begegnen. Ein besonderes Ereignis findet am 1. Mai im Schönberg- Haus in Mödling statt: Wir feiern den Tag der Arbeit wie jedes Jahr in Haus und Garten mit Musik und Heurigem, künstlerisch betreut vom Ensemble Wiener Collage und kulinarisch von unserem Nachbarn, Weinbau Pferschy. Das Konzert abends wird diesmal vom ORF live aus dem Schönberg-Haus übertragen, und zwar in mehr als 20 Länder der European Broadcasting Union.

Ein spezieller Dank gilt unseren Spendern und Sponsoren. Unternehmen wie die BAWAG / PSK und die UNIqA, Stiftungen wie die Avenir Foundation sowie großherzige private Mäzene haben die Arbeit des Arnold Schönberg Center im vergangenen Jahr kräftiger unterstützt als je zuvor. Von diesen, von der Stadt Wien und mehreren Bundesministerien erhielten wir zusätzliche finanzielle Mittel für wissenschaftliche und künstlerische Projekte. Allen Unterstützern sei auf diesem Wege nochmals herzlich gedankt. Auch Sie möchte ich herzlich einladen, einer von inzwischen mehr als 100 »Friends« des Arnold Schönberg Center zu werden, die regelmäßig unsere Publikationen sowie vielseitige Vergünstigungen erhalten und uns damit gleichzeitig helfen, unsere Ziele zu erreichen, und dies mit einer steuerabzugsfähigen Spende.

Auf ein Wiedersehen freut sich
Ihr Christian Meyer

Arnold Schönbergs bildnerische Werke im Besitz von Anton Webern

Im Frühjahr 2005 legte das Arnold Schönberg Center anläßlich der Ausstellung »Der Maler Arnold Schönberg« einen Catalogue raisonné zu dessen bildnerischem Werk vor. Die Publikation bietet in Ergänzung zu einem Gesamtverzeichnis der Gemälde und Zeichnungen auch eine Sammlung sämtlicher darauf bezogener quellen (u. a. Schriften und Interviews, Äußerungen von Zeitzeugen, Korrespondenzen, Dokumente zu Ausstellungstätigkeit und Medienrezeption) sowie neue Erkenntnisse zu Maltechnik, Werktiteln und Datierung. Daß die Forschung zu diesem Thema nicht abgeschlossen ist sondern durch bisher unbekannte bzw. neu auszuwertende Dokumente, etwa aus
dem Bereich der Fotografie, Ergänzungen erfährt und neue Einsichten ermöglicht, zeigt sich beispielhaft im Zusammenhang mit verschollenen Bildwerken Schönbergs, die sich ehemals im Besitz von Anton Webern befanden.

»Ich weiß außer Beethoven und Mahler nichts was mich soergreift, wie Ihre Musik. […] In Berlin habe ich mir die van Gogh=Ausstellung angesehn. Da hängen großartige Bilder. Es gibt für mich nur drei Maler; das sind Sie, van Gogh und Kokoschka.« Noch ganz im Bann der Berliner Erstaufführung von Schönbergs symphonischer Dichtung »Pelleas und Melisande« op. 5 und eines Besuches im Kunstsalon Paul Cassirer berichtet Anton Webern am 9. November 1910 seinem ehemaligen Lehrer voll Bewunderung von seinen Eindrücken. Nur wenige Wochen zuvor, am 8. Oktober, war die erste Ausstellung mit Gemälden und Zeichnungen Schönbergs in den Räumlichkeiten des Wiener Kunstsalon Heller eröffnet worden. Webern, der seit kurzem am Stadttheater in Danzig als Kapellmeister-Assistent
engagiert war, sollte die erste öffentliche Präsentation der Bilder Schönbergs zu seinem größten Bedauern versäumen.

Anton Weberns Interesse am Fortschreiten von Schönbergs Bildschaffen äußert sich vielfältig. Er erkundigt sich über Verkaufserfolge bei Heller und zeigt sich enttäuscht über die »gemeine« Kritik (16. Oktober 1910), möchte über Reaktionen auf die Schönberg-Ausstellung im Kunstsalon Cassirer (Dezember 1910) informiert werden und wird von Alban Berg in Briefen und mit Fotos der neuesten Bilder auf dem laufenden gehalten. Am 29. April 1911 berichtet Webern seinem Freund Heinrich Jalowetz, Schönberg werde ihn bald portraitieren. Das ausgeführte Portrait wird ihm während der Sommerfrische am väterlichen Gut Preglhof in Kärnten im Juli 1911 zugestellt. Es erfüllt ihn mit »colossale[r] Freude« (an Schönberg, 9. Juli 1911) und macht ihn »überglücklich« (an Alban Berg,
4. August 1911).

Unter möglicherweise mehreren von Schönberg als Geschenk erhaltenen Bildern befindet sich ein Selbstportrait, welches in Briefen Weberns zweimalige Erwähnung findet und hierbei besondere Wertschätzung erfährt. Das Selbstportrait ist durch zwei zeitgenössische Fotografien dokumentiert. Diese ermöglichen Aussagen über dessen Standort nach den Sommermonaten 1911, als Anton Webern das Gemälde mit den andern Bildern in seinem Zimmer am Preglhof aufbewahrte, wie sein Brief vom 25. Juli 1911 belegt: »[…] ich habe Ihr Selbstportrait in meinem Zimmer und die andern Bilder. Ihr Portrait von mir wird mir täglich schöner. Ich bin ganz glücklich damit.« Vergleiche mit anderen Fotografien deuten auf Weberns Mödlinger Wohnung in der Neusiedler Straße 58 als Aufnahmeort hin, wo der Komponist von Juni 1918 bis Anfang Januar 1932 lebte.

Eine Fotografie (siehe Abbildung) erlaubt aufgrund des Größenvergleiches von Anton Webern mit dem abgebildeten Selbstportrait Schönbergs eine Einschätzung der Größe des Gemäldes. Und sie läßt näherungsweise Aussagen über stilistische Merkmale zu, wie großflächiger Vortrag, starke hell/dunkel Kontraste; die Darstellung der Schulterpartie folgt weniger dem »Dreieckschema« als etwa im »Blauen Selbstportrait« von 1910. Unter Berücksichtigung der Tiefenverhältnisse auf der Fotografie läßt sich ein ungefähres Format von (ungerahmt) zwischen 22 × 17 und 25 × 19,5 cm ableiten – den kleinformatigen Selbstportraits Arnold Schönbergs vergleichbar (CR 8, CR 10).

Ein möglicher Hinweis auf ein weiteres Werk von Schönbergs Hand im Besitz Anton Weberns findet sich in einem an Schönberg gerichteten Brief des Komponisten vom 10. November 1912 aus Stettin. Die unklare Verwendung des Begriffes »Bild« läßt hier wie in anderen Fällen offen, ob Anton Webern von einem Foto oder doch von einem Gemälde spricht. Auch die Auswertung weiterer quellen in diesem Zusammenhang führte bisher zu keiner eindeutigen Klärung.

Seit wann sind die Bilder verschollen? Weberns Biograph Hans Moldenhauer führt 1980 verschiedene Künstler an, die Webern portraitierten (u. a. Oskar Kokoschka, Egon Schiele, Benedikt F. Dolbin, Josef Humplik, Emil Stumpp, Franz Rederer, Tom von Dreger, Hildegard Jone), erwähnt aber nicht Arnold Schönberg. Dies läßt vermuten, daß der Autor keine Kenntnis von einem Bildnis Weberns von der Hand Schönbergs hatte und die ihm bekannte Quelle – »Soeben hat mir die Post das Bild gebracht. […]« (Anton Webern an Arnold Schönberg, 9. Juli 1911) – keinen Rückschluß auf ein Portrait erlaubt. Auch das genannte Selbstportrait wird in dieser Biographie nur kurz erwähnt. Dies deutet darauf hin, daß die bildnerischen Werke Schönbergs im Besitz Anton Weberns schon vor Moldenhauers Recherchen (ab den 1960er Jahren) verloren oder verschollen waren. Daß Anton Weberns Wohnungswechsel oder finanzielle Schwierigkeiten Anlaß für den Verlust
der Bilder gaben, scheint unwahrscheinlich. Dem widerspricht seine hohe Wertschätzung des Malers und Komponisten Arnold Schönberg, wie auch eine weitere Fotografie aus seiner Wohnung das Selbstportrait bis in die 1920er Jahre nachweist. Eher kann vermutet werden, daß die Flucht aus Maria Enzersdorf (Im Auholz 8) Ende des Zweiten Weltkrieges – Anton Webern und seine Frau Wilhelmine ließen das Mobiliar wie auch viele Wertgegenstände in ihrer Wohnung zurück und nahmen nur das Notwendigste nach Mittersill (Salzburg) mit – für den Verlust der Bilder verantwortlich war. Die Frage
nach dem Verbleib ist daher ungeklärt.

Iris Blumauer

Aus dem Archiv
Neuerwerbungen


Bei einer Auktion konnte unsere Stiftung erstmals ein Musikautograph von Arnold Schönberg erwerben: die Erstniederschrift zum »Hochzeitslied« op. 3 Nr. 4. Das Manuskript stellt eine wertvolle quelle für die bislang undatierte Komposition dar und erschließt neue Details zum frühen Entstehungsumfeld der »Gurre-Lieder«. Das in der Forschung und der Schönberg-Gesamtausgabe bislang mit »um 1901« in das OEuvre
Schönbergs eingeschriebene Lied, dessen Stichvorlage für den Druck verschollen ist, kann nunmehr genau auf 31. März 1900 datiert werden und läßt – u. a. aufgrund des Papier und Stilvergleichs mit weiteren Kompositionen auf Textvorlagen von Jens Peter Jacobsen – eine schlüssig argumentierbare Entstehungsparallele zu den Liedfragmenten »Wir müssen, Geliebteste, leise« (Autograph in der Pierpont Morgan Library, New York) und »In langen Jahren büßen wir« (Autograph im Arnold Schönberg Center) ziehen. Beide Fragmente wurden bislang ebenso mit »um 1901« in den frühen Werkkatalog der Vokalkompositionen eingereiht und sind nunmehr zurück zu datieren.

Vermutlich durch seinen Schwager Alexander Zemlinsky gelangte Schönberg in den Besitz der auch für die »Gurre-Lieder« herangezogenen deutschen Ausgabe der Gedichte Jacobsens (aus dem Dänischen von einem Wiener Philologen unter dem Pseudonym Robert F. Arnold ins Deutsche übersetzt und 1897 im Leipziger Verlag von Georg Heinrich Meyer veröffentlicht). Zemlinsky war zu jener Zeit Gründungs- und Vorstandsmitglied des Wiener Tonkünstlervereins, der einen Preis für einen Liederzyklus mit Klavier ausgeschrieben hatte. »Schönberg, der sich um den Preis bewerben wollte, komponierte
einige wenige Lieder nach Gedichten von Jacobsen.
[…] Die Lieder waren wunderschön und wirklich neuartig, aber beide hatten wir den Eindruck, daß sie gerade deshalb wenig Aussicht für eine Preisbewerbung hätten. Schönberg komponierte trotzdem den
ganzen Zyklus von Jacobsen.«
(Alexander Zemlinsky, »Jugenderinnerungen
«, 1934) Die im Schönberg-Nachlaß erhaltenen ersten autographen quellen zu den später als monumentales symphonisches Oratorium für Chöre, Soli und Orchester vollendeten
»Gurre-Liedern« (Skizzen, Erste Niederschrift) offenbaren, daß die Komposition tatsächlich zunächst als Zyklus der zwischen Waldemar und Tove alternierenden Liebeslieder im Klaviersatz notiert wurde, die Werkkonzeption jedoch bereits Anfang April 1900 den ganzen Zyklus vorsah, wie Ulrich Krämer, Herausgeber des Bandes »Gurre-Lieder« in der
Schönberg-Gesamtausgabe, bei einem Kongreß am Arnold Schönberg Center im Jahr 2000 nachwies (erschienen im Kongreßbericht »Arnold Schönberg in Berlin«).

Die früheste Datierung innerhalb des umfangreichen »Gurre-Lieder«-Konvoluts erscheint auf der Erstniederschrift zum ersten Gesang des Waldemar, die Angabe »Begonnen im März 1900« wurde von Schönberg offensichtlich erst nachträglich hinzugefügt, korrespondiert jedoch mit brieflichen Mitteilungen an Alban Berg mit Angaben zum Kompositionsbeginn. Das »Hochzeitslied« vom 31. März 1900 und die beiden vermutlich im selben Umfeld entstandenen Liedfragmente nach Texten von Jacobsen geben einen Hinweis darauf, daß Schönberg aus der Jacobsen-Ausgabe für den Kompositionswettbewerb des Tonkünstlervereins nicht ausschließlich die »Gurre-Lieder« sondern möglicherweise alternativ auch andere Gedichte aus der Ausgabe von 1897 zur Vertonung und Einreichung um den Preis in Betracht gezogen bzw. mit den »Gurre-Liedern« vielleicht sogar erst später begonnen haben mag. Die beiden Liedfragmente, deren Textvorlagen in der Leipziger Jacobsen-Ausgabe unmittelbar aufeinander folgen, sind nicht datiert, das Vollendungsdatum des »Hochzeitsliedes« schließt einen bereits früheren Beginn der Komposition nicht aus. Neben der von Zemlinsky in der Schönberg-Festschrift von 1934 publizierten Erinnerung an das Frühjahr 1900 gab Schönberg später seinen amerikanischen Schülern im Unterricht bekannt, er habe an dem Wettbewerb nicht teilgenommen, da er die als Klavierliederzyklus begon nenen »Gurre-Lieder« erst nach Ende der Einreichfrist fertig gestellt habe (überliefert durch seine Schülerin Dika Newlin in »Schoenberg Remembered«). Das »Hochzeitslied« wurde erst 1904 für den Druck im Dreililien-Verlag zusammen mit fünf weiteren Gesängen aus den Jahren 1899 – 1903 zu einer Sammlung zusammengestellt.

Die Provenienz des neuerworbenen Autographs geht auf Schönbergs Bruder Heinrich zurück, der selber Sänger war. Schönberg schenkte das Manuskript Heinrich 1917 anläßlich dessen Verheiratung mit Bertel Ott, der Tochter des Salzburger Bürgermeisters. Seiner neuen Schwägerin widmete er zum selben Anlaß ein Exemplar des im selben Jahr erschienenen »Jakobsleiter«-Librettos.

Bei einer Auktion in Berlin konnten zudem Briefe Schönbergs an den Musikredakteur und Journalisten Walter Koons von 1934 erworben werden, die inhaltlich dem Schönberg-Schriften-Komplex zugehören und zudem eine interessante Quelle für die idiomatische englische Sprachauffassung in der frühen amerikanischen Zeit Schönbergs darstellen. Nach Ausschluß von der Preußischen Akademie der Künste in Berlin verließ Arnold Schönberg im Mai 1933 Nazi-Deutschland und kehrte nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Arcachon und Paris, wo er zum Judentum rekonvertierte, Europa für immer den Rücken; am 31. Oktober 1933 kam er mit seiner Frau Gertrud und deren einjähriger Tochter Nuria in New York an. Lehrtätigkeiten am Malkin-Konservatorium in Boston und New York sowie Vorträgen an der University of Chicago folgte 1934 die Übersiedlung an die amerikanische Westküste nach Los Angeles, wo Schönberg an der University of Southern California Vorlesungen hielt.

Nach einem Konzert des Cadillac Symphony Orchestra unter der Leitung von Schönberg in New York im April 1934 trat Walter Koons von der National Broadcasting Company mit der Bitte um Beantwortung einer Rundfrage zur Definition bzw. Bedeutung von Musik an den Komponisten heran. Sämtliche Reaktionen auf die an etwa 200 Künstler und Wissenschaftler der Gebiete Philosophie, Psychologie und Physik, darunter Albert Einstein, George Bernard Shaw und Aldous Huxley, gesandten Frage sollten in einer Publikation zusammengefaßt werden. Schönberg kam dem Wunsch am 21. April 1934 nach und retournierte eine kurze Definition zusammen mit einem Bildvergleich in englischer Sprache:

»Musik ist eine Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge von Tönen und Tonkombinationen, die so angeordnet sind, daß ihre Wirkung auf das Ohr angenehm und ihre Wirkung auf das Wahrnehmungsvermögen verständlich ist, so zwar, daß diese Eindrücke okkulte Teile unserer Gefühlssphäre zu beeinflussen vermögen, und daß dieser Einfluß uns in einem
Traumland erfüllter Wünsche leben läßt, oder einer geträumten Hölle von … etc. etc.
Was ist Wasser?
H2O; und wir können es trinken; und wir können uns damit waschen; und es ist durchsichtig; und hat keine Farbe; und wir können es zum Schwimmen benützen und zur Schiffahrt; und es treibt Mühlen … etc. etc.
Ich kenne eine hübsche und rührende Geschichte:
Ein blinder Mann fragt seinen Führer: ›Wie sieht Milch aus‹
Der Führer antwortete: ›Milch sieht weiß aus‹
Der blinde Mann: ›Was ist das, ›weiß‹? Nenn mir etwas, das weiß ist.‹
Der Führer: ›Ein Schwan; er ist vollkommen weiß, und hat einen langen weißen und gebogenen Hals.‹
Der blinde Mann: ›… einen gebogenen Hals. Wie ist das?‹
Der Führer: (ahmt mit seinem Arm die Form eines Schwanenhalses nach und läßt den blinden Mann die Form seines Armes fühlen)
Der blinde Mann: (indem seine Hand sanft den Arm des Führers entlang gleitet): ›Jetzt weiß ich, wie Milch aussieht.‹«

Schönbergs Beitrag wurde von Walter Koons in Grammatikund Vokabular umfassend korrigiert. Mit einer die Redaktionsvorschläge kommentierenden Antwort vom Mai 1934 gab der Verfasser zu verstehen, daß er in der englischen Sprache sicher »Fehler mach[e], die jeder 10-jährige Junge zu vermeiden weiss«, bestand aber dennoch auf seiner Fassung: »Ich glaube nicht, oder kann es wenigstens nicht glauben, dass ich das wesentlich anders sagen würde, auch wenn ich Englisch könnte. Und wenn das nicht übersetzbar sein sollte und wenn es nicht genügen sollte, bloss die grammatischen Fehler zu verbessern, so glaube ich nicht, dass es eine Möglichkeit gibt der Eigenart eines Schriftstellers zu genügen, der weiss, was er sagen will.«

Therese Muxeneder

Aktivitäten des Wissenschaftszentrums Arnold Schönberg am Institut für Musikalische Stilforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

Seit nahezu drei Jahren läuft das am Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg beheimatete, von Hartmut Krones, Therese Muxeneder sowie Gerold W. Gruber geleitete und vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) finanzierte Projekt »Arnold Schönberg, Schriften (Kritische Gesamtausgabe)«, für das seit seinem Beginn Eike Rathgeber, Julia Bungardt und Nikolaus Urbanek als wissenschaftliche Mitarbeiter fungieren und sich mittlerweile als Experten etablieren konnten. Sie haben dies u. a. bei unserem September-Kongreß »Topographie des Gedankens. Die Schriften Arnold Schönbergs« unter Beweis stellen können, der außer den unmittelbar mit der Neuausgabe Befaßten zahlreiche internationale Expertinnen und Experten versammelte. Thematisiert wurden u. a. Fragen der Konstituierung einer Schrift (wann kann man von »Schrift« sprechen?), der Band-Einteilung, des Umfangs von Herausgeber-Kommentaren, der Bedeutung von Lesarten bzw. Varianten sowie von Streichungen, aber etwa auch, in welchem Ausmaß der Abdruck einer von Schönberg kommentierten Abhandlung notwendig ist, um seine Kommentare zu verstehen. Die Beiträge und Ergebnisse des Symposiums werden im Rahmen eines Kongreßberichtes erscheinen, aber auch in unser Projekt der Neuausgabe der Schriften Schönbergs einfließen. – Im übrigen schreitet unser Vorhaben, bereits übertragene Schriften Schönbergs ins Internet zu stellen, zügig voran: diese sind – wie auch allgemeine Informationen zu methodischen und inhaltlichen Fragen – von der Website des Schönberg Center aus zugänglich.

Im Rahmen des Symposiums wurde am 16. September 2005 auch der erste Band der neuen Schriftenreihe des Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg präsentiert: die an unserem Institut entstandene Dissertation von Thomas Brezinka, »Erwin Stein (1885 – 1958). Ein Musiker in Wien und London«, die Leben und Werk des langjährigen Schülers und Assistenten Schönbergs von frühen Engagements als Kapellmeister in verschiedenen Städten Böhmens und Deutschlands über die Jahre als Chorleiter, Dirigent und Verlagslektor in Wien bis hin zu seinem Londoner Wirken als Herausgeber Schönbergscher Briefe darstellt. In diesem Jahr wird dann der Band »Geächtet – verboten – vertrieben. Österreichische Musiker 1934 – 1938 – 1945« erscheinen, der elf Jahre der Ausschaltung politisch und/oder rassisch unliebsamer Musiker sowie deren weiteres Wirken im Exil thematisiert und dabei insbesondere auch das Schicksal von Angehörigen der »Wiener Schule« in den Blick nimmt.

Mit dem Winter-Semester 2005 /06 hat unser neuer Gastprofessor Peter Andraschke, unterstützt von Therese Muxeneder, seine Lehrtätigkeit aufgenommen und die Seminare
»Zwischen Tonalität und Atonalität: Kompositionen auf Texte von Richard Dehmel und Georg Trakl« sowie »60 Jahre Kriegsende: Musik gegen Krieg und Unterdrückung« abgehalten. Im Sommersemester 2006 werden die Themen »Faszination Asien. Vertonungen asiatischer Dichtung in der Wiener Schule« sowie »Der Volkston in der Musik der Wiener Schule« Inhalt der Seminare sein. Die genauen Daten sind im Veranstaltungskalender angeführt.

Hartmut Krones

Letzte Nachricht: Vom FWF wurde ein weiteres Forschungsprojekt (Leitung: Hartmut Krones) genehmigt. Ziel des Projektes, das die drei MitarbeiterInnen des Schriften-Projektes für weitere zwei Jahre am Institut für Musikalische Stilforschung (Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg) beschäftigt, ist die Erstellung eines kommentierten Verzeichnisses aller Werke Arnold Schönbergs (Kompositionen, Schriften, Bildnerisches Werk).

Avenir Foundation Forschungsbeihilfe

Die Avenir Foundation, Wheat Ridge/Colorado, fördert unsere Stiftung mit der Auflage, internationalen Studenten und Wissenschaftlern aus den jährlichen Zinserträgen des
zur Verfügung gestellten Kapitals Reise- und Aufenthaltsstipendien für Forschung am Arnold Schönberg Center zu vergeben.

Die Arnold Schönberg Center Privatstiftung unterstützt daher wissenschaftliche und archivarische Forschung durch die Vergabe von Forschungsbeihilfen. Empfänger der Beihilfen arbeiten am Arnold Schönberg Center und beziehen eigene Projekte unmittelbar auf Arnold Schönbergs Leben und Werk. Eine Forschungsbeihilfe umfaßt:

• Wohnmöglichkeit im Schönberg-Haus in Mödling während eines zweiwöchigen Forschungsaufenthaltes
(bei größerem Projektumfang besteht die Möglichkeit
der Verlängerung)
• Netzkarte für öffentliche Verkehrsmittel in Wien und Mödling
• Tagesdiäten
• Reisekostenzuschuß nach und von Wien
• Nutzung der Infrastruktur von Archiv und Bibliothek des Arnold Schönberg Center

Informationen über den Sammlungsbestand und die Einrichtungen
des Center können über www.schoenberg.at abgerufen
werden.

Anträge für Forschungsbeihilfen werden schriftlich an die Direktion des Arnold Schönberg Center gestellt:
Arnold Schönberg Center
Direktion
Schwarzenbergplatz 6
A -1030 Wien
direktion@schoenberg.at
Fax: (+ 43/1) 712 18 88 - 88
Information: Therese Muxeneder
Telefon: (+ 43/1) 712 18 88 - 30

Anträge werden innerhalb von drei Monaten nach Einlangen bearbeitet. Dem Antrag sind beizufügen:
• Projektbeschreibung
• Curriculum vitae
• Empfehlungsschreiben der Schule/Universität (nur Studenten)

Empfänger einer Avenir Foundation Forschungsbeihilfe seit September 2005:
Russell Knight, University of California, USA
Hasan Isben Önen, Middle East Technical University, Ankara, Türkei
Elizabeth Keathley, University of North Carolina, USA

Weitere durch die Avenir Foundation geförderte Projekte am Arnold
Schönberg Center:
• Multimediale Ausstellung zu Leben und Werk Arnold
Schönbergs (1874 – 1951) »Eine Ausstellung zum Hören«
• Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs
• Digitalisierung des Schönberg-Briefwechsels
• Arnold Schönberg. Catalogue raisonné

Freunde des Arnold Schönberg Center

Freunde des Arnold Schönberg Center unterstützen die wissenschaftliche Arbeit unserer Stiftung. Die Forschungsprojekte umfassen die Konservierung und Restaurierung autographer Manuskripte aus dem Schönberg-Nachlaß, die Digitalisierung von zehntausenden Seiten an Musik- und Textmanuskripten sowie die Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs. Gefördert werden weiters der Ankauf von Briefen, Erstausgaben und historischen Dokumenten sowie die Vermittlung von Schönbergs Werk und Wirken an Interessierte aller Alters- und Ausbildungsstufen.

Die Mitgliedschaft bietet viele Vorteile: Freunde erhalten die wissenschaftlichen Publikationen des Arnold Schönberg Center (JASC), Rabatte auf Konzerte, freien Eintritt in die Ausstellungen, Ermäßigungen auf spezielle Shopartikel und regelmäßige Informationen (Veranstaltungskalender, Newsletter und Ausstellungsbroschüren). Zusätzlich werden
exklusive Kunstreisen organisiert.

Der Freunde-Jahresbeitrag von jährlich mindestens Eur 75 kann mit dem diesem Newsletter beiliegenden Erlagschein ebenso bezahlt werden wie weitere Spenden für die Förderung der wissenschaftlichen Arbeit des Arnold Schönberg Center. Freunde außerhalb Österreichs werden gebeten, den Betrag mit Kreditkarte zu begleichen. Ihre Spende kann in Österreich und den USA von der Einkommensteuer abgesetzt werden.

Arnold Schönberg Center
Information: Irene Kainz und Jasmin Vavera
Telefon: (+ 43/1) 712 18 88-10; Fax: (+ 43/1) 712 18 88-88
office@schoenberg.at

Pressestimmen

Wienerisches in Schönbergs Werk
»Um Zeitgemäßes sagen zu können, genügt es nicht, den Stil der Zeit zu kennen, sondern
man muss auch die vergangenen Epochen in sich haben«, meinte Arnold Schönberg einst. Dass der Komponist sich mit der Tradition auseinander gesetzt hat, davon zeugen u. a. seine Bearbeitungen: Mahler, Schubert, Johann Strauß sind nur einige der Komponisten,
deren Werke er für kleinere Ensembles arrangiert hat.
Das vom Schönberg Center veranstaltete Geburtstagskonzert für den Komponisten (am 13. September 2005 wäre Schönberg 131 Jahre alt geworden) erinnerte auch an diesen Aspekt seines Werks: Johann Strauß’ »Lagunenwalzer« in einer Bearbeitung von Schönberg machte den Auftakt, virtuos gespielt vom Ensemble Kontrapunkte unter Peter Keuschnig.
Daniela Tomasovsky, Die Presse, 15. September 2005

Klare Strukturen
Das Ensemble Kontrapunkte, Gabriele Fontana und Peter Keuschnig gratulierten Arnold Schönberg zum 131. Geburtstag im Wiener Arnold Schönberg Center. Das Präsent? Eine Reminiszenz an den »Verein für musikalische Privataufführungen«.
Ob Schönberg, Berg und Webern weinselig zu ihren eigenen Strauß-Walzer-Bearbeitungen geschunkelt haben? Zumindest konnten die drei ernsten Herren 1921 an einem Abend mit populären Werken Geld lukrieren, um ihren Verein für musikalische Privataufführungen nicht zusperren zu müssen.
Dieser war Forum zur Präsentation junger und tatsächlich neuer Werke, die aus Kostengründen oft in reduzierter Besetzung erklangen. Bei Strauß legte die Zwölfton-Trias selbst Hand an: Sogar die Manuskripte wurden versteigert, weshalb Schönbergs Lagunen-Walzer seither als verschollen galt.
Erst Anfang 2005 tauchte das Aufführungsmaterial in Hamburg wieder auf.
[…] Uneingeschränkt glücklich stimmten die beiden größer besetzten Werke, Schönbergs zweite Kammersymphonie und Weberns Passacaglia in Henri Pousseurs Bearbeitung: Erst diese Klarheit und Transparenz lässt komplexe Strukturen nicht nur erahnen, sondern verstehen.
Markus Hennerfeind, Wiener Zeitung, 15. September 2005

Topographie des Gedankens
Schönbergs Schriften

Zentrales Thema dieses Symposiums, eröffnet von Nuria Schoenberg Nono und Ivan Vojtech, war die derzeit am Arnold Schönberg Centerentstehende Gesamtausgabe (GA) der Schriften Schönbergs. Eine schier »unendliche Geschichte«, betrachtet man die bekannt umfangreiche Schreibtätigkeit des großen Künstlers, die zahlreiche Aufsätze, Entwürfe oder auch nur kurze Statements zu Musikleben und Musiktheorie umfasst. […] Nicht zu vergessen seine umfangreichen politischen Überlegungen mit einem Schwerpunkt bei der Situation des Judentums.
Die erste Sektion des Symposiums war methodischen Fragestellungen gewidmet, sowie
dem Rückblick auf die historische Entwicklung der Herausgabe von Schönberg-Schriften
[…] So bot sich dieses Symposium ob der vielfältigen Materie als Plattform für einen geballten Erfahrungs- und Ideenaustausch der an der Schriften-GA-Beteiligten mit anderen Musikwissenschaftlern […] an.
[…] Die stetig anwachsende Internet-Datenbank des Arnold Schönberg Center unterstützt
einerseits diesen umfassenden Überblick, andererseits bringt sie die benötigten Informationen bereits vor der Buchausgabe zum Leser. Die zuvor erwähnte Bewertung der Schriftquellen kristallisierte sich als zentrales, kontrovers diskutiertes Anliegen der Vortragenden und Teilnehmer heraus.
[…]
So boten diese Tage Möglichkeit zu durchwegs lebhaftem Erfahrungsaustausch, gilt es doch, diesen nicht nur umfangmäßig, sondern auch inhaltlich höchst anspruchsvollen Schriften-Nachlass der Nachwelt zu eröffnen.

Daniel Wagner, Österreichische Musikzeitschrift, 10– 11/2005

Stelldichein der Neuheiten
Weihnachtliche Uraufführungen
im Wiener Schönberg Center

Im Schönberg Center gab’s mal wieder keinen freien Platz mehr – für das dort in Residence wirkende Ensemble Wiener Collage entwickelte Regisseurin Nadja Kayali ein »surreales Weihnachtskonzert«, mit dem bedrohlichen Titel »Jeder Tag ist Weihnachtstag«. Den musikalischen Rahmen bildeten Schönbergs Weihnachtsmusik
und Wladimir Pantchevs »Kóleda«, den halbszenischen Rahmen eine Geschichte um Buchhalter Josef Navratil und seine Schwester Johanna von August Strindberg. Schönbergs Weihnachtsmusik, entstanden vermutlich für den privaten Freundeskreis 1921, hebt sich mit ihren bitonalen Anklängen und schmeichelnden Liedzitaten vom harten Weg Richtung Zwölftontechnik ab.
Mit Wachheit und großer Geistesgegenwart, dabei kunstvoll, keinesfalls künstlich, brachte René Staar, Leiter und Gründer des Ensembles sowie programmverantwortlich, das protestantische Gemeindelied »Es ist ein Ros’ entsprungen« mit dem aus dem katholischen Raum stammenden »Stille Nacht« zusammen. Fast sämtliche Werke, Auftragswerke des Ensembles, wurden hier erstmals präsentiert. Peter Androschs »Helenenmusik«, Ramon Lazkanos »Wintersonnenwende«, Zdzislaw Wysockis »Musica di natale« oder Alexander Shchetinskys »Christmas Tunes« klangen durchaus breitwandtauglich, mit kräftigem Strich, weit gefasstem Bogen und massiertem Klang. Nicht wie die allerletzte Suche nach der blauen Blume der Romantik. Erik Freitags »En svensk jullegend«, Wladimir Pantchevs »Kóleda« und René Staars »60 mal S. G.« waren vieldimensional schillernde Übungen in musikalischer Emanzipation. Den Kompositionen von Antonio Chagas Rosa, Sidney Corbett und Gerald Resch waren Texte zugeordnet, Jennifer Davison und Albena Naydenova gestalteten diese glutvoll nach.

Beate Hennenberg, Der Standard, 23. Dezember 2005

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