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Newsletter
Edition 3, Oktober 1998 – Jänner 1999
Inhalt
Editorial
Maddalena Crippa und Peter Stein/Brettl-Lieder
und Schönberg-Texte
Hör- und Interpretationsvergleiche mit Artkustik
Schönberg und Mödling
Das Schönberg-Haus in Mödling
Aus dem Archiv
Internationale Ausstellungskooperationen
Dauerausstellung
Arbeitszimmer Arnold Schönbergs
Editorial
Geschätzte Freunde des Arnold Schönberg Centers,
sehr geehrte Damen und Herren!
Zu Arnold Schönbergs Geburtstag am 13. September feierten wir den Schlußtag
unserer Eröffnungsausstellung »Exposition« mit einer im österreichischen
und im britischen Radio übertragenen Konzert-Matinee des Ensembles Kontrapunkte
unter der Leitung von Peter Keuschnig. Mehr als 10.000 Besucher haben
die Gründungsphase miterlebt: unsere »pränatale« Installation »Schönberg
auf der Baustelle« im Oktober 1997, die Eröffnungsfeierlichkeiten des
»Schönberg Festivals« im März 1998, die erste Ausstellung und eine Vielzahl
weiterer Veranstaltungen im vergangenen Halbjahr sollten einen ersten
Eindruck geben von unseren Ideen und Zukunftsplänen, von unserer Begeisterung
für die vielfältigen Möglichkeiten des Schönberg-Nachlasses und von der
Fähigkeit unseres Teams, Kreatives bereits unter schwierigen Verhältnissen
während des Baus zügig und professionell in die Tat umzusetzen.
Eine Vielzahl von Besucheranfragen für die kommenden Monate haben uns
davon überzeugt, daß das Schönberg Center eine permanente Ausstellung
bieten müsse. Daher haben wir nunmehr eine Dauerausstellung am Center
eingerichtet, die – neben dem ständig gezeigten Studienzimmer Schönbergs
in Los Angeles – bedeutende Musikmanuskripte, Schriften und Bilder des
Meisters aus allen Schaffensperioden präsentiert. Diese wird wochentags
sowie vor und während jeder Veranstaltung geöffnet sein.
Die Veranstaltungen versprechen einen vielseitigen Herbst am Schönberg
Center: der Klavierabend mit Stefan Litwin, das Debut-Konzert des Aron
Quartetts und das erste Konzert aus dem Zyklus Ensemble Wiener Collage,
das Jeunesse-Festival »Wien zur Jahrhundertwende«, dessen Orchesterkonzerte
im Goldenen Saal und dessen Kammermusikabende bei uns am Schönberg Center
stattfinden, der Abend von Maddalena Crippa und Peter Stein sowie ein
»audiophiles« Wochenende, das uns die Hifi-Schmiede Artkustik ermöglicht,
sind nur einige der Höhepunkte unserer ersten »normalen« Saison.
Das Jahr 1999 bringt Jubiläen und Gedenktage: Schönbergs 125. Geburtstag
(1874); 100 Jahre »Verklärte Nacht« (komponiert 1899); 75. Todestag Mathilde
Schönbergs, geb. Zemlinsky (1924). Dieses halbe Centennium, für das Schönberg
überwiegend in Wien und Mödling wirkte, und das mit Mathildes Tod 1923
und mit der zweiten Heirat sowie der Berufung Schönbergs an die Berliner
Akademie 1925 in einer deutlichen, privaten wie beruflichen, Zäsur endet,
ist Anlaß für unser Jahresthema 1999: »Schönbergs Wiener Kreis«. Viele
Aspekte, etwa den »Schul«-Begriff in der »Wiener Schule«, die musikhistorischen
Schritte zu Atonalität und Dodekaphonie, die Schönberg’sche Lehre und
deren Wirkung bis heute wollen wir in Symposien, wissenschaftlichen Publikationen
und Veranstaltungen entdecken und aufarbeiten. Wir meinen, daß durch die
Betrachtung seines Kreises auch ein differenzierter Blick auf Leben und
Werk des Meisters selbst ermöglicht wird. Diese Reihe soll im Jahr 2000
mit dem Thema »Schönberg in Berlin« und – zu Schönbergs 50. Todestag 2001
– mit »Schönberg in Amerika« fortgesetzt werden.
Die Schönberg-Villa in Mödling, oftmals als »Wiege der Zwölftonmusik«
bezeichnet, 1918 bis 1925 ein Zentrum des Schönberg-Kreises, soll in den
kommenden Monaten aus Mitteln von Sponsoren und Förderern, der Stadt Mödling,
des Landes Niederösterreich und unserer Stiftung renoviert und zum Jubiläum
im September 1999 in neuem Glanz erstrahlen. Ihr sind mehrere Beiträge
dieser Newsletter-Ausgabe gewidmet.
Möge die Vielzahl von Aktivitäten Sie animieren, das Schönberg Center
zu besuchen, sei es für die Ausstellung, für Konzerte und Veranstaltungen,
oder für die Präsenzbibliothek, die Wissenschaftlern ebenso wie der Allgemeinheit
frei zugänglich ist.
Ihr
Dr. Christian Meyer
Generalsekretär
Maddalena Crippa singt Brettl-Lieder
Peter Stein liest Schönberg-Texte
Die Brettl-Lieder von Arnold Schönberg, 1901 komponiert und zum überwiegenden
Teil für Ernst von Wolzogens »Buntes Theater« in Berlin bestimmt, führten
in weiterer Folge zu Schönbergs Anstellung als Kapellmeister an dem Berliner
Kabarett Überbrettl. Texte u. a. von Hugo Salus, Gustav Hochstetter, Frank
Wedekind und Emanuel Schikaneder (in der von Otto Julius Bierbaum veröffentlichten
Anthologie »Deutsche Chansons« erschienen) dienten als Vorlage für diese
kabarettistischen Liedkompositionen. Peter Stein, seit langem mit dem
Œuvre Arnold Schönbergs eng vertraut, rezitiert zum Teil unveröffentlichte
Schönberg-Texte, Maddalena Crippa interpretiert, begleitet von Alessandro
Nidi, köstlich-frivole Brettl-Lieder u. a. Mahnung, Galathea und Gigerlette.
Hör- und Interpretationsvergleiche mit Artkustik
Mit dem Angebot von Hörvergleichen erweitert das Schönberg Center sein
Tätigkeitsfeld um eine spannende Palette: eine von der Firma Artkustik
zur Verfügung gestellte Stereo-Anlage ermöglicht, Aufnahmen und Interpretationen
von Schönberg-Werken in feinsten Nuancierungen zu erleben, zu vergleichen
und kritisch zu analysieren. Dies soll in historischen und modernen Aufnahmen
von Orchester-, Kammermusik- und Solowerken geschehen, die zuvor kurz
besprochen werden. An jedem Tag wird weiters ein Musik-Querschnitt zu
hören sein, der die neuen technischen Möglichkeiten präsentiert.
Ing. Othmar Spitaler, der Entwickler und Erbauer dieser hochwertigen Artkustik-Anlage,
betont allerdings, daß es gerade ein Qualitätsmerkmal sei, wenn man kein
Eigenleben der technischen Teile mehr wahrnimmt, sondern ausschließlich
Musik. Man darf auf die ersten Gehversuche gespannt sein, sind die Interpretationen
doch gerade bei den Werken der Wiener Schule höchst unterschiedlich, manchmal
eigenwillig, und eröffnen den Kompositionen so eine weitere Dimension.
Mittwoch, 11. November, 18.15 Uhr
Sechs kleine Klavierstücke op. 19
– Glenn Gould, New York 1964
– Claude Helffer, Frankreich 1969
– Maurizio Pollini, München 1974
– Markus Hinterhäuser, Hall 1991
Donnerstag, 12. November, 18.15 Uhr
Variationen für Orchester op. 31
– Sinfonie-Orchester des Südwestfunks, Rosbaud, Baden-Baden, um 1960
– Berliner Philharmoniker, Mitropoulos, Salzburg 1960
– Orchestre de Radio Television France, Scherchen, Paris 1964
– Berliner Philharmoniker, Karajan, Berlin 1969
– Berliner Philharmoniker, Karajan, Berlin 1974
– City of Birmingham Symphony Orchestra, Rattle, Birmingham 1993
Freitag, 13. November, 18.15 Uhr
Gurrelieder
– Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Chailly, Berlin 1985
– New York Philharmonic, Mehta, New York 1991
– Staatskapelle Dresden, Sinopoli, Dresden 1995
Samstag, 14. November, 16 Uhr
II. Streichquartett op. 10
– Clemence Gifford, Kolisch String Quartet, Hollywood 1936
– Margaret Price, LaSalle Quartet, München 1969
– Dawn Upshaw, Arditti Quartet, London 1993
Samstag, 14. November, 17 Uhr
Pelleas und Melisande op. 5
– New York Philharmonic, Mitropoulos, New York 1953
– Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester, Scherchen, Köln 1958
– New Philharmonia Orchestra, Barbirolli, 1968
– BBC Symphony Orchestra, Boulez, London 1970
– Berliner Philharmoniker, Karajan, Berlin 1974
Samstag, 14. November, 18 Uhr
A Survivor From Warsaw op. 46
– BBC Symphony Orchestra, Boulez, Reich, London 1976
– Wiener Philharmoniker, Abbado, Hornik, Wien 1989
– Bamberger Symphoniker, Metzmacher, Samel, Bamberg 1995
Nach den jeweiligen Interpretationen gibt es Gesprächsmöglichkeiten mit
Herrn Ing. Othmar Spitaler von Artkustik und Mitarbeitern des Schönberg
Centers und anschließend die Vorführung des Werkes.
Arnold Schönberg und Mödling
Arnold Schönbergs erste belegbare Beziehungen zur Stadt Mödling gehen
auf die Jahre 1896 bis 98 zurück, als er nach Aufgabe seines Postens als
Bankangestellter bei Werner & Co. in der Wipplingerstraße die Leitung
des 1893 gegründeten Mödlinger Arbeitergesangsvereines »Freisinn« übernahm.
Nach Erinnerungen seines Sohnes Georg (1906–1974) legte Schönberg immer
einen Teil der Strecke Wien–Mödling zu Fuß zurück, da sein Honorar nicht
mehr für die zweite Fahrt reichte. Auch der Metallarbeiter-Sängerbund
Stockerau und der Männergesangsverein Meidling wurden in dieser Zeit von
ihm dirigiert. Da die Arbeiterchöre der sozialdemokratischen Bewegung
nahestanden und im Zusammenhang mit deren Chormeister in Meldungen des
Mödlinger Bezirks-Botens stets vom »Genossen Arnold Schönberg« die Rede
war, mag spekuliert werden, ob der junge Schönberg vor der Jahrhundertwende
der sozialistischen Partei angehörte oder zumindest nahe stand. Die aufgrund
politischen Inhalts zuweilen von behördlicher Auflösung bedrohten Liedertafel-Abende
in Mödling (manche Kompositionen mußten nach Interventionen der k. k.
Staatsanwaltschaft neu textiert werden), waren bei kolportierten 350 bis
1000 Besuchern äußerst erfolgreich. Die Programme umfaßten neben Chören
von Johannes Brahms, Strauß-Bearbeitungen und deutschen Volksliedern hauptsächlich
Heimat-, Soldaten- und Freiheitshymnen.
»Zum Schluß folgte ein Tanz-Kränzchen und wurde demselben bis morgens
gehuldigt.« (Mödlinger Bezirks-Bote, 8. Januar 1899) Aufführungsorte waren
das Hotel Eisenbahn sowie das Hotel Bieglerhütte (Wiener Straße 4), wo
der letzte Vereinsabend unter Schönbergs Mitwirkung am Silvesterabend
1898 »zur Zufriedenheit zu Gehör gebracht« wurde. Egon Wellesz, Schüler
und erster Biograph Schönbergs, berichtete 1921 von einer Episode nach
einem jener Chorabende, welche die Komposition eines Teils aus den »Gurreliedern«
mit Mödling in Zusammenhang bringt: »Mit dem Mödlinger Gesangsverein hatte
er nach einer durchzechten Frühlingsnacht einen Ausflug auf den nahe dieses
Ortes gelegenen Berg, den Anninger, gemacht. Die Wanderung durch den im
Frühnebel liegenden Wald und der Sonnenaufgang gaben ihm die Inspiration
zum Melodram ›Des Sommerwindes wilde Jagd‹ im dritten Teil und zum Schlußchor
›Seht die Sonne!‹ «
Im Oktober 1901 heiratete Schönberg in Wien Mathilde Zemlinsky, die Schwester
seines Lehrers und Freundes Alexander Zemlinsky und übersiedelte kurz
danach nach Berlin, wo er an Ernst von Wolzogens »Buntem Theater« als
Kapellmeister engagiert war. In Berlin wurde am 8. Januar 1902 die Tochter
Gertrud (Trudi) geboren. Nach seiner Rückkehr nach Wien Mitte 1903 verweilte
Schönberg abermals in Mödling, als er bei den Eltern seines Jugendfreundes
David Josef Bach in der Brühlerstraße 104 zwischen Juli und August 1904
Quartier bezog. Dort arbeitete er im Auftrag des Verlags Josef Weinberger
parallel zu seinem Schwager Alexander Zemlinsky an Instrumentierung und
Klavierauszug der Oper »Bergkönig« von Robert Fischhof, die im Jahr darauf
unter dem Titel »Ingeborg« erschien, sowie an eigenen Kompositionen, dem
Ersten Streichquartett d-Moll op. 7 und den Sechs Orchesterliedern op.
8: »Ich habe ein neues Lied für Orchester (das 4te) angefangen. Ich glaube,
das wird sehr gut werden! [...] Mein Quartett ruht. Vielleicht komme ich
aber doch noch dazu. Leider muß ich Fischof klaviermäßig verschlucken,
und orchestermäßig herausbrechen, wiedergeben! Ich habe kürzlich gesagt,
wenn mir einmal Gedenktafeln an Landorten gesetzt werden müßten: ›hier
componierte er ...‹, so könnte es leider immer nur heißen: ›hier instrumentierte
er [...]‹ «. (Brief an Oscar C. Posa, Obmann der »Vereinigung schaffender
Tonkünstler«, vom 13. Juli 1904)
Nach Jahren intensiver pädagogischer und vor allem kompositorischer Tätigkeit
in Wien, dem oberösterreichischen Seengebiet und Berlin rückte Schönberg
1917 als Soldat in die österreichische Armee ein. Vermutlich auf Vermittlung
von Baronin Pascotini (»Tante« Olga), die als Waise in Schönbergs Elternhaus
aufgenommen wurde und in Mödling in der Schillerstraße 22 wohnte, konnte
Schönberg mit seiner Familie zu Kriegesende im Frühjahr 1918 eine Wohnung
in Mödling, Bernhardgasse 6, zum monatlichen Mietzins von 200 Kronen beziehen.
Das Mobiliar wurde bereits im Jänner spediert und am 1. April berichtete
Arnold Schönberg seinem Schwager Zemlinsky: »Wir sind in Mödling, aber
ohne Mädel! Ohn=Mädling!« Nach seiner Übersiedlung gab er neben der Tätigkeit
an den Schwarzwald’schen Schulanstalten (bis 1920) auch Privatstunden
in der Bernhardgasse: über 100 Schüler nahmen in jener Zeit Kompositionsunterricht,
darunter Alban Berg, Anton Webern, Max Deutsch, Hanns Eisler, Hanns Jelinek,
Fritz H. Klein, Rudolf Kolisch, Paul Amadeus Pisk, Josef Polnauer, Karl
Rankl, Erwin Ratz, Josef Rufer, Rudolf Serkin und Viktor Ullmann. »Mit
Webern, der ja ebenfalls 1918 nach Mödling gezogen war, unternahm er an
Sonntagen oft ausgedehnte Spaziergänge auf den Anninger. Auch Berg und
seine Frau kamen öfters zu Besuch, ebenso viele andere Freunde und Schüler.
Die Wohnung lag im Hochparterre und bestand aus mehreren Räumen. Ein Badezimmer,
ein Vorzimmer und eine verglaste Veranda hat sich der Vater erst nach
und nach selbst eingerichtet. Er hatte ein eigenes Arbeitszimmer, in dem
ein Klavier, ein Harmonium, Geigen, Viola und Violoncello standen, seine
ganze Bibliothek, ein Schreibtisch; gearbeitet hat er an einem Stehpult.«
(Georg Schönberg, 1971)
Die Schüler reisten mit der Elektrischen, der Dampftramway, aber auch
zu Fuß an, da nach dem Krieg die öffentlichen Verkehrsmittel in der Umgebung
Wiens nur unregelmäßig verkehrten. Max Deutsch berichtete 1970 im Rahmen
einer Fernsehdokumentation: »Wir marschierten dann die 15 Kilometer zu
Fuß, an einem Tag hin und zurück, um bei Schönberg Unterricht zu nehmen.
Der Unterricht war kollektiv, er fand mindestens zweimal in der Woche
statt. Schönberg saß am Klavier, wir standen im Halbkreis hinter ihm und
legten ihm unsere Arbeiten vor, die er korrigierte und besprach.«
An einem sonntäglichen »jour fixe« in Mödling wurde im Juli 1918 die Idee
zu einem »Verein für musikalische Privataufführungen« geboren, dessen
Gründung im folgenden November stattfand. Aufgabe des Vereines war die
Vermittlung moderner Musik in wöchentlichen Veranstaltungen, welche im
Konzerthaus, Musikverein, Festsaal des Kaufmännischen Vereins sowie im
Klub österreichischer Eisenbahnbeamter, den Schwarzwald’schen Schulanstalten
und dem Festsaal des Ingenieur- und Architektenvereins stattfanden. Kritiker
waren laut dem von Alban Berg formulierten Vereinsprospekt von den Konzerten
ausgeschlossen, welche dem »korrumpierenden Einflusse der Öffentlichkeit
entrückt« werden sollten.
Arnold Schönberg verließ seinen Mödlinger Wohnsitz in den kommenden Jahren
für zahlreiche Konzertreisen in das Ausland sowie für Sommeraufenthalte
im salzburgischen Mattsee und im oberösterreichischen Traunkirchen. Die
Unterrichtsbedingungen der Kompositionskurse für eine Mindestlehrzeit
von sechs Monaten sahen entsprechend vor, daß Schüler »nur Anspruch auf
durchschnittlich sieben Stunden im Monat« hatten, weil er »von Zeit und
Zeit durch Reisen oder Proben an der Unterrichtserteilung verhindert«
war (Lehrvertrag aus dem Nachlaß). Neben dem Kreis seiner Schüler empfing
er auch Besuch aus dem Ausland, etwa die Groupe-de-Six-Mitglieder Francis
Poulenc und Darius Milhaud: »Er lud uns zu sich nach Mödling in der Nähe
von Wien ein. Dort verlebten wir einen wunderschönen Nachmittag. [...]
Schönberg sprach ausführlich von seiner Arbeit, besonders von seinen Opern
›Glückliche Hand‹ und ›Erwartung‹, deren Partituren ich mir gerade gekauft
hatte. [...] Die Wände seiner Wohnung waren voll von Bildern, die er selbst
gemalt hatte: Gesichter und Augen, überall Augen!« (Bericht Milhauds über
den Besuch im Jahr 1921)
Historische Bedeutung erlangte Schönbergs Mödlinger Kompositionswerkstatt
durch die Entwicklung der »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander
bezogenen Tönen« welche zunächst im Walzer aus den Klavierstücken op.
23, der Serenade op. 24, der Klaviersuite op. 25 und dem Bläserquintett
op. 26 musikalisch ausformuliert wurde: »Als Arnold Schönberg an einem
Februar-Morgen des Jahres 1923 einige nähere Freunde und Schüler in seinem
Mödlinger Heim um sich versammelte, um ihnen die Grundzüge seiner Methode
vorzutragen und sie an einigen Beispielen aus seinen jüngsten Kompositionen
zu erläutern, da begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Musik.«
(Josef Polnauer in seiner Rede anläßlich der Enthüllung der Gedenktafel
am Schönberg-Haus, 1959)
Nach dem Tod seiner Frau Mathilde im Oktober 1923 plante Schönberg den
Umzug nach Wien, da die Wohnung in der Bernhardgasse »nicht nur immer
zu klein, sondern auch zu entlegen« war: Er teilte sie mit Sohn Georg,
Tochter Trudi, Schwiegersohn Felix Greissle und deren 1923 in Schönbergs
Wohnung geborenem Sohn Arnold. In einem Gesuch um Wohnungstausch an den
amtsführenden Wiener Stadtrat Anton Weber vom 28. Dezember 1923 legte
er die Gründe für einen notwendigen Ortswechsel dar: »Meine Wohnung wurde
mir zu eng; a) mir fehlte ein Empfangsraum; b) mir fehlte ein Schlafraum;
c) mein Arbeitszimmer (dieses muss mir als Schlafraum dienen!) hat nicht
mehr Platz, die zu meiner Tätigkeit nötigen Bücher, Noten und Instrumente
zu fassen und ist gänzlich ungeeignet, um darin Proben abzuhalten. [...]
Wir haben zusammen 7 Räume; was die gesetzliche Beschränkung nicht überschreitet,
da wir 5 Menschen sind, von denen drei ihren Beruf in der Wohnung ausüben.«
Stadtrat Weber sowie der Bürgermeister (»der gegenwärtige Oberbimpf von
Wien«, Schönberg an Zemlinsky) lehnten das Gesuch ab.
Man teilte dem Komponisten mit, er solle es auf dem Privatweg versuchen,
da es »gewiss Partein geben [wird], die von Wien gerne nach Mödling ziehen
würden, wenn sie doch nur eine entsprechende Wohnung wüssten«.
Im Januar 1924 dirigierte Schönberg auf Bitten der Mödlinger Stadtverwaltung
eine Benefizveranstaltung zugunsten notleidender Deutscher. Diese mußte
aufgrund des enormen Erfolges wiederholt werden. Auf dem Programm standen
Teile aus den »Gurreliedern«, die instrumentierte Fassung der »Verklärten
Nacht« von 1917 sowie Beethovens Violinkonzert mit dem Solisten Rudolf
Kolisch: »Arnold Schönberg, die Seele des Abends und der Menschen, die
ihm musikergeben in sein Gottesgnadentum folgten, hat aber auch bewiesen,
daß er Dehmels tiefster Dichtung bis ins Herz zu folgen verstand.« (Rezension
in den Mödlinger Nachrichten vom 26. Januar 1924) Am 28. August desselben
Jahres heiratete Schönberg Gertrud Kolisch, die Schwester seines Schülers
Rudolf Kolisch, in der Evangelischen Pfarrkirche zu Mödling. Anläßlich
seines 50. Geburtstages am 13. September 1924 erschien in der lokalen
Presse eine Huldigung, welche die »ungeheure Umwälzung auf dem Gebiete
der gesamten Musik« würdigte: »Möge auch Mödling wissen, wen es bereits
durch Jahre beherbergt.« Ende 1925 übersiedelte Schönberg von Mödling
nach Berlin, wo er Busonis Nachfolge als Leiter der Meisterklasse für
Komposition an der Preußischen Akademie der Künste antrat.
Das Schönberg-Haus in Mödling
Schönbergs Wohnhaus in Mödling blieb für Jahrzehnte wenig beachtet und
war Anfang der siebziger Jahre sogar vom Abbruch bedroht. Dank einer Initiative
von Prof. Walter Szmolyan und Prof. Elisabeth Lafite sowie einer Kampagne
der Österreichischen Musikzeitschrift konnte das Gebäude buchstäblich
in letzter Minute unter Denkmalschutz gestellt werden. Für den Eigentümer
wertlos geworden, konnte es von der Internationalen Schönberg Gesellschaft
im Jahr 1972 gekauft werden. Subventionen des Landes Niederösterreich,
der Stadt Mödling und der Stadt Wien sowie des Bundesministeriums für
Unterricht und Kunst ermöglichten Ankauf und Generalsanierung des Gebäudes,
welches – neben seiner Funktion als Gedenkstätte – das Büro der ISG und
eine Forschungsstelle beherbergen sollte. Am 6. Juni 1974, wenige Monate
vor Schönbergs 100. Geburtstag, fand unter Anwesenheit zahlreicher Vertreter
von Bundes- und Landesregierung sowie von Nuria, Ronald und Lawrence Schoenberg
die feierliche Eröffnung des Schönberg-Hauses durch Minister Dr. Fred
Sinowatz statt. Maurizio Pollini spielte auf dem Ibach-Flügel des Meisters
dessen Klavierstücke op. 19 und op. 23. Tags zuvor waren die aus Los Angeles
überführten Urnen von Arnold Schönberg und seiner Frau Gertrud am Zentralfriedhof
in einem von Fritz Wotruba gestalteten Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt
worden.
Neben der Ausstellung von Schönbergs eigenen Instrumenten aus einer Schenkung
der Erben erfüllte der Aufbau einer Forschungsbibliothek mit einem Duplikat
des in Los Angeles verfilmtenNachlasses sowohl in musealer als auch wissenschaftlicher
Hinsicht eine wichtige Funktion in der Pflege der Wiener Schule. Konzerte
mit Werken der Wiener Schule – unter anderem die mit der Kulturabteilung
der Niederösterreichischen Landesregierung veranstalteten Schönberg-Serenaden
–, die Durchführung von musikwissenschaftlichen Kongressen in den Jahren
1974, 1984 und 1993 sowie eine Wiederaufnahme der Unterrichtstätigkeit
im GeisteSchönbergs rundeten die Aktivitäten der Internationalen Schönberg
Gesellschaft ab.
So erhielt etwa die Reihe alljährlicher Interpretations-kurse in Mödling
durch die Leitung des Schönberg-Schülers und -Schwagers Rudolf Kolisch
eine besondere Authentizität; durch die Mitwirkung des Leiters der Schönberg
Gesamt-Ausgabe, Prof. Rudolf Stephan, einen ständigen Zustrom von jungen,
internationalen Musikwissenschaftlern. Nach Kolischs Tod 1978 setzte Richard
Hoffmann, Schüler und Assistent Schönbergs in Amerika, die Unterrichtstätigkeit
fort – seit 1987 in Kooperation mit dem Oberlin College. In den Sommermonaten
1983 bis 1990 wohnte Ernst Krenek, der Schönberg 1922 in Mödling kennenlernte
und mit ihm bis zu seinem Tod in Verbindung stand, mit seiner Frau Gladys
in der Bernhardgasse 6, wo er an seinem Spätwerk komponierte. Im März
1997 brachte die Internationale Schönberg Gesellschaft das Haus in die
neugegründete Arnold Schönberg Center Privatstiftung als Stifterin ein.
Es soll nach einer gründlichen Überholung, die für 1999 geplant ist, »Denk«-
wie auch »Gedenk«-Stätte sein und von Studenten und der Öffentlichkeit
gleichermaßen besucht werden.
Aus dem Archiv
Im ersten Halbjahr seit der Eröffnung des Arnold Schönberg Centers konnte
mit einer Replik des audiovisuellen Archivbestandes begonnen werden. Dem
Besucher stehen daher ab sofort nicht nur die etwa 7.000 Buchtitel der
Präsenzbibliothek, sondern darüber hinaus ein Großteil der auf CD veröffentlichten
Schönberg-Aufnahmen sowie Kopien der gesamten Video-Sammlung in Form einer
Präsenzaudiothek im Club des Centers zur Verfügung. Mit der Duplizierung
der auf verschiedensten Speichermedien vorhandenen kommerziellen sowie
privaten Aufnahmen auf CD Rom – von den ersten Schellaks über LP und CD
bis zu Radio- und Livemitschnitten auf Tonband – wird in den kommenden
Monaten fortgesetzt. Der Katalog umfaßt derzeit etwa 1.500 Einträge, die
aktuelle Diskographie ist unter »www.usc.edu/isd/archives/schoenberg/«
abrufbar.
Interpretationsvergleiche von historischen und zeitgenössischen Quellen
bieten eine reizvolle Alternative zur Forschung an den originalen Dokumenten
aus dem Schönberg-Nachlaß. Im Hinblick auf eine Vervollständigung der
Schönberg-Diskographie sowie -Audiographie dürfen wir Sammler und »Schönbergianer«
um leihweise Überlassung von Aufnahmen aus Rundfunk und Fernsehen bitten,
die im Center kopiert werden können.
Wir nehmen gerne Hinweise zu Neuerscheinungen und älteren Publikationen
mit Bezug auf Schönberg und die Wiener Schule zur Erweiterung unseres
Bibliotheksbestandes entgegen. Vor allem Desideraten aus dem europäischen
Raum (Dissertationen, Diplomarbeiten, Artikel, Aufsätze, Rezensionen,
Konzertprogramme) werden zur Fortsetzung der Schönberg-Bibliographie laufend
bearbeitet.
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag, 9.00–17.00 Uhr. Feiertags sowie 23., 24. und 31. Dezember
1998 geschlossen.
Information: 01/712 18 88-30 DW
(Therese Muxeneder, Archiv)
Internationale Ausstellungskooperationen des Arnold Schönberg Centers
»Schönberg ist ein Maler ungesehener Bilder, gerade so wie er bis heute
ein Komponist weitgehend ungehörter Werke ist.« (»Schönberg is a painter
of unseen pictures just as he is to this day a composer of largely unheard
works.«) Die von John Russell 1983 in der »New York Times« publizierte
pessimistische Bestandsaufnahme der Rezeption von Arnold Schönbergs Œuvre
ist heute überholt. Das Interesse für sein bildnerisches Werk ist auch
nach den großen Retrospektiven in Wien (Museum des 20. Jahrhunderts),
Köln (Museum Ludwig), Manchester (The Witworth Art Gallery), Berlin (Akademie
der Künste), Mailand (Palazzo Reale), Barcelona (Fundació »la Caixa«)
und Paris (Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris) ungebrochen und wird
mit wechselnder Programmatik in internationale Ausstellungsprojekte von
Museen und Galerien eingebunden. Ein Großteil der von Schönberg nachgelassenen
Selbstportraits, Portraits, Visionen, Karikaturen, Landschaften, Bühnenentwürfen,
Stilleben und Skizzen befinden sich als Dauerleihgabe der Erben am Arnold
Schönberg Center, das bereits im ersten Halbjahr seit der Eröffnung fünfzig
Exponate aus Bildersammlung und Archiv an andere Institutionen verleihen
konnte.
Kooperationspartner waren die Fondation Beyerler in Basel mit der Dokumentation
»Farben – Klänge« über Wassily Kandinsky und Arnold Schönberg, das Palais
des Beaux-Arts in Brüssel mit der Ausstellung über Österreichische Kunst
im 20. Jahrhundert »Austria im Rosennetz« und das Schloßmuseum Murnau
am Staffelsee mit einer noch bis zum 11. November laufenden Schau zum
Almanach des »Blauen Reiters«. In der Scuderie des Castello Miramare in
Triest wird bis 8. November dieses Jahres eine Dokumentation über jüdische
Intellektuelle in mittel- und osteuropäischen Metropolen der Jahrhundertwende
mit Konzentration auf Berlin, Wien, Prag, Budapest und Triest gezeigt,
in der Selbstportraits sowie die Gustav Mahler Vision und die autographe
Partitur zu »Friede auf Erden« enthalten sind. Die Neue Galerie am Landesmuseum
Joanneum organisierte anläßlich der EU-Präsidentschaft Österreichs im
Museum van Hedendaagse Kunst in Antwerpen die Ausstellung »Jenseits von
Kunst« (19. September und 6. Dezember 1998), in der die wichtigsten Zwölftonreihen
und -konstruktionen Schönbergs von den Anfängen der »Komposition mit zwölf
nur aufeinander bezogenen Tönen« (Serenade op. 24, Bläserquintett op.
26) bis zum Spätwerk (»A Survivor from Warsaw« op. 46) zu sehen sind.Eine
kleine Ausstellung mit Übersichts-Bildern zu Leben und Werk Schönbergs
wird an der Grazer Oper gezeigt, die die heurige Spielzeit mit »Moses
und Aron« eröffnet.
Dauerausstellung
Das Ende der »Exposition« wurde mit einem Finissage-Wochenende am 12./13.
September gefeiert. An diesen beiden Tagen wurden die Ausstellung, die
Filme und das Konzert des Ensembles Kontrapunkte von 700 Personen besucht.
Um dem Publikum weiterhin die Möglichkeit zu geben, eine Auswahl an Musik-
und Textmanuskripten, Büchern, Bildern und Unterrichtsmaterialien zu besichtigen,
wird das Arnold Schönberg Center in einer Dauerausstellung Einblick in
Schönbergs Leben und Werk geben. Durch die Einrichtung dieser Dauerausstellung
besteht ganzjährig die Möglichkeit, die neue Wiener Sehenswürdigkeit am
Schwarzenbergplatz zu besichtigen.
Arbeitszimmer Arnold Schönbergs
Arnold Schönbergs Arbeitszimmer ist in einer Rekonstruktion mit der Originaleinrichtung
seiner Mödlinger, Berliner und kalifornischen Zeit, weiters mit persönlichen,
teils selbst entwickelten Werkzeugen und Arbeitshilfen permanent im Arnold
Schönberg Center zu besichtigen.
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