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Newsletter
Edition 4, Februar – Juni 1999
Inhalt
Editorial
Sonderausstellung »Arnold Schönbergs
Wiener Kreis«
Aus dem Archiv
Pressestimmen
Arnold Schönbergs Wiener Wohnsitze
Editorial
Geschätzte Freunde des Arnold Schönberg Centers,
sehr geehrte Damen und Herren!
Das Jahr 1999 bringt Jubiläen und Gedenktage, vor allem Schönbergs 125.
Geburtstag (1874) und 100 Jahre »Verklärte Nacht«; das halbe Centennium,
währenddessen Schönberg überwiegend in Wien und Mödling wirkte und das
1924 mit dem 50. Geburtstag und der Heirat mit Gertrud Kolisch sowie der
Berufung Schönbergs an die Berliner Akademie 1925 in einer – beruflich
wie privat – deutlichen Zäsur endet, ist Anlaß für unser Jahresthema 1999:
»Schönbergs Wiener Kreis«. Dieses Thema wird in einer Ausstellung ab 13.
April sowie in einer Vielzahl von Veranstaltungen mit thema-tischen Schwerpunkten
im März/April und im September/ Oktober, die in einem Symposion um den
125. Geburtstag des Meisters am 13. September 1999 gipfeln sollen, dargestellt
werden. Schon in der ersten Jahreshälfte findet dazu unter dem Überbegriff
»Aufbrüche« eine Reihe von Konzerten und Gesprächsveranstaltungen am Schönberg
Center statt, die den Übergang von der Romantik zur Moderne in mannigfachen
Aspekten thematisieren. Die beiden Abonnement-Zyklen des Ensembles Wiener
Collage und des Aron Quartetts werden fortgesetzt, und auch die Jeunesse
wird Mitte April wieder einige Konzerte am Schönberg Center anbieten,
diesmal zum Thema des heurigen Musikvereins-Frühlingsfestivals »Musik
zum Überleben – Komponisten aus Theresienstadt«. – Details entnehmen Sie
bitte dem neugestalteten Veranstaltungsfolder in der Heftmitte.
Während wir im März den thematischen Schwerpunkt »Aufbrüche« zur Frühzeit
Schönbergs in Wien setzen, feiern wir selbst die ersten Geburtstage: zwei
Jahre Schönberg Stiftung und das erste Jahr des Schönberg Centers sind
auch für uns ein Grund, erstmals auf das bisher Erreichte zurückzublicken:
der kurze Weg von der Gründung zur Eröffnung des Centers, die kulturelle
Begleitung dieser Phase mit Veranstaltungen wie »Schönberg auf der Baustelle«,
die – noch im Schutt des Umbaus – bereits zwölf »Zwischentöne« zu Arnold
Schönberg in szenischen Collagen bot, weiters das Eröffnungsfestival,
das mit fast reinen Schönberg-Programmen 97% Platzauslastung und äußerst
positives Echo auch bei den internationalen Medien erzielte; schließlich
die große Anzahl an Konzerten bis hin zum ersten eigenen Abonnementkonzert
des Centers, den spektakulären Abenden von Mitgliedern der Wiener- und
Berliner Philharmoniker sowie des Schönberg-Kabaretts von Maddalena Crippa
und Peter Stein zu Beginn dieser Saison haben gezeigt, daß man sich in
Europa schon auf Arnold Schönberg gefreut hat.
Möge die Vielzahl von Aktivitäten der ersten Jahreshälfte 1999 Sie animieren,
das Schönberg Center zu besuchen, sei es für die neue Ausstellung, für
Konzerte und Veranstaltungen – oder für die Präsenzbibliothek, die Wissenschaftlern
ebenso wie der Allgemeinheit bei langen Öffnungszeiten frei zugänglich
ist.
Ihr Dr. Christian Meyer
Generalsekretär
»Arnold Schönbergs Wiener Kreis«
Sonderausstellung im Schönberg Center
von 13. April 1999 bis 7. Januar 2000
Im Jubiläumsjahr gilt die Sonderausstellung am Schönberg Center dem Wiener
Kreis des Meisters und dessen Entwicklung zwischen den letzten Jahren
des 19. Jahrhunderts und 1925. Jene jungen Avantgardisten um Schönberg
besuchten seinen Unterricht, betrieben den von ihm gegründeten »Verein
für musikalische Privataufführungen« zunächst in Wien, dann auch in Prag,
und wurden schließlich Zeugen seiner Entwicklung der Zwölftonmethode,
welche einige Schüler bald auch selbst anwandten. Durch seinen Kreis gewinnt
der Betrachter eine Vielzahl von Eindrücken zu Schönbergs Leben und Werk
in seiner Geburtsstadt; durch das Wirken seiner Schüler und Musikerfreunde
hindurch gelingt ein Blick auf wichtige Facetten des Begründers der Wiener
Schule. Ausgehend von der Trias »Schönberg – Berg – Webern« begegnet der
Besucher Komponisten wie Hanns Eisler, Viktor Ullmann und Hans Erich Apostel,
Musikern wie dem Pianisten Eduard Steuermann und dem jungen Geiger Rudolf
Kolisch, dem Notenstecher Felix Greissle, der Schönbergs Tochter Gertrude
heiratete, Erwin Ratz, Josef Polnauer, Karl Rankl, Heinrich Jalowetz und
weiteren Persönlichkeiten, die als wichtige Repräsentanten des Musiklebens
in unserem Jahrhundert kreativ tätig waren, und von denen einige als hervorragende
Pädagogen das Erbe an die »Schüler der Wiener Schule« bis zur heutigen
Generation weitergaben.
Die Sonderausstellung »Arnold Schönbergs Wiener Kreis« zeigt wichtige
Originalhandschriften von Kompositionen Schönbergs und seiner Schüler,
biographische Dokumente ebenso wie Memorabilia, Unterlagen zur Entstehung
und Arbeit des »Vereins für musikalische Privataufführungen« bis hin zu
Exponaten der frühesten dodekaphonischen Werke. Zu sehen ist weiters ein
Querschnitt von Gemälden und Zeichnungen aus der Hand des so vielseitig
interessierten Komponisten, selbst entwickelte und gebastelte Spiele sowie
dokumentarisches Bild- und Tonmaterial in Projektionen und Computerstationen
– etwa zu wichtigen Werken dieses Kreises und zu den legendären Kolisch-Kursen
in Mödling.
Erstmals bei uns öffentlich zu sehen sind schließlich Skizzen Schönbergs
zu seiner »Verklärten Nacht« op. 4, welche am 1. Dezember 1899 fertiggestellt
heuer ihr 100jähriges Jubiläum feiert.
Aus dem Archiv
Arnold Schönberg verfügte im Jahr 1951, seine gesamte Korrespondenz –
darunter die an ihn gerichteten Briefe im Original sowie jene von ihm
verfaßten Briefe in Form von Durchschlägen – nach seinem Tod in der Library
of Congress in Washington aufzubewahren. In seinem Nachlaß befinden sich
als autographe Dokumente somit lediglich Entwürfe oder nicht abgesandte
Briefe sowie jene Korres-pondenz, die durch Schenkung der Adressaten oder
anderer Personen als sogenannte »Satellite Collections« im Arnold Schönberg
Center zugänglich sind. Ein Gesamtverzeichnis der rund 8.000 Briefe von
und 12.500 an Schönberg wurde im »Journal of the Arnold Schoenberg Institute«
(Vol. XVIII/XIX, June & November 1996 – June & November 1997) veröffent-licht
und ist zudem als Kurzfassung im Internet unter http://www.schoenberg.at/archiv/archiv11.html
abrufbar.
Eine entsprechende Rarität ist ein in der Korrespondenz-Datenbank bislang
nicht verzeichneter autographer Brief Arnold Schönbergs an den legendären
Pianisten Eduard Steuermann vom 8. November 1916, den unsere Stiftung
am 4. Dezember 1998 bei Sotheby’s London erwerben konnte.
Schönberg lernte Steuermann über Ferruccio Busoni in Berlin kennen und
wurde im Jahr 1912 sein Kompositionslehrer. Auf seine Anregung hin konzipierte
der junge Pianist, der im Kreis der Wiener Schule vor allem als Interpret
in Erscheinung trat und mehrere Werke seines Lehrers uraufführte, die
Klavierauszüge zu dessen Bühnenwerken »Erwartung« und »Die Glückliche
Hand«. Es folgte eine Transkription der Kammersymphonie für 15 Soloinstrumente
op. 9 und eine Bearbeitung des Streichsextetts »Verklärte Nacht« für Klaviertrio.
In Amerika entstanden später Auszüge von Schönbergs »Ode to Napoleon Buonaparte«
sowie des Klavierkonzertes.
Nachdem Eduard Steuermann bei einer Musterung für den Militärdienst an
der Front im Ersten Weltkrieg untauglich erklärt wurde, trat er dem Sanitätsstab
bei und war 1916 in Przemysl als Corporal stationiert. Ein musikliebender
Sanitätschef ermöglichte ihm ungehindertes Klavierüben und Konzertieren
(teilweise in militärischen Einrichtungen). In Przemysl arbeitete er neben
der Komposition von Liedern an der Transkription von Schönbergs Erster
Kammersymphonie für Klavier zu zwei Händen: »Ich habe einen derartigen
Auszug schon früher begonnen. Ich übersehe allerdings noch nicht ganz
die Schwierigkeiten […]«. (Brief vom 24. Oktober 1916) Für ein von der
Konzertdirektion Heller in Wien organisiertes Konzert unter seiner und
Schönbergs Mitwirkung, das entweder von Steuermanns Schwester Rosa oder
Salka vermittelt wurde, bat er seinen Lehrer um dramaturgische Beratung.
Schönberg antwortete am 8. November 1916:
»Lieber Steuermann, der angekündigte Besuch Ihrer Schwester ist ausgeblieben:
so habe ich also mit der Beantwortung Ihres Briefes umsonst gewartet.
In Kürze aber das Konzert: welche 2 Klavier-Konzerte wollen Sie denn spielen?
Ich muß die ja auch studieren. die Solonummer: meine Klavierstücke, vielleicht
beide Serien, wär mir ganz recht. Noch lieber allerdings wäre mir die
Kammersymphonie 2hdg. Das ist eine sehr gute Idee. Haben Sie vom Auszug
schon viel fertig? Sie müssen das natürlich mit großer Freiheit machen
und insbesondere auf plastischer Herausarbeitung einer oder 2er Hauptstimmen
anlegen. Ich bin jedenfalls sehr begierig, das zu lesen und zu hören.
Haben Sie schon eine Entscheidung über das Konzert? Sie wissen wohl schon,
daß ich seit ca. 3 Wochen enthoben bin? Endlich; es hat lange genug gedauert.
Lassen Sie bald von sich hören. Herzl. Gruß Schönberg«
Steuermann berichtete hierauf am 13. November 1916 an Schönberg, der –
wie er in seinem Schreiben festhielt – kurz zuvor aus dem Heer entlassen
wurde, daß neben den Klavierstücken op. 11 die Klavierkonzerte in B-Dur
von Johannes Brahms und Es-Dur von Ludwig van Beethoven aufgeführt werden
sollen und der »erste Satz« der Kammersymphonie beinahe fertiggestellt
sei: »Es fällt mir an manchen Stellen schwer, ohne ihre spezielle Einwilligung
gewisse Freiheiten zu nehmen; ich werde sobald ich fertig bin unbedingt
trachten auf kurze Zeit nach Wien zu kommen um Ihr Urteil […] und Verbesserungen
einzuholen. Das Schwerste ist natürlich die Durchführung und mehrere Stellen
der Wiederholung und des Schlusses.« Eduard Steuermann spielte seine Transkription
der Kammersymphonie für Klavier zu zwei Händen erstmals am 3. Januar 1921
im »Verein für musikalische Privataufführungen«. Josef Rufer berichtete
dem zu dieser Zeit in Holland weilenden Schönberg: »Fabelhaft Steuermann
mit der ›Kammersymphonie‹!! Es soll einer der schönsten Abende überhaupt
gewesen sein.« Es folgte 1922 eine Aufführung in privatem Kreis bei einem
Empfang Alma Mahlers für die Les Six-Mitglieder Francis Poulenc und Darius
Milhaud auf der Hohen Warte im Beisein des Komponisten. Die Bearbeitung
wurde noch im selben Jahr bei der Universal Edition in einer ungründlich
redigierten Fassung veröffentlicht, die Schönberg verstimmte. Steuermann
entgegnete am 4. Februar 1923: »Ich habe natürlich nicht gewußt, daß so
viele Fehler im Manuskript geblieben sind und bin ganz entsetzt, daß Sie
sich darüber ärgern mußten und so viel Ihrer Zeit für die Verbesserung
meiner Arbeit verwenden mußten.«
Therese Muxeneder, Archivar
Pressestimmen
In Arons Namen: Glänzendes Debüt eines neuen Streichquartetts
Ein Streichquartett, das mit Arnold Schönbergs drittem Werk für diese
Besetzung sein Debütkonzert eröffnet, leidet offenbar nicht an mangelndem
kollektivem Selbstbewußtsein. Und nach einigen Aufwärmrunden war denn
auch hörbar, daß mit dem Aron Quartett ein ernstzunehmendes, ja souveränes
Ensemble ans Licht des Arnold Schönberg Center getreten ist. …
Wolfgang Fuhrmann, Der Standard, 2. November 1998
Im Arnold Schönberg Center begann der regelmäßige Konzertbetrieb mit einer
Aufführung des Dritten Streichquartetts des Namenspatrons. … klar strukturierte
Klassik als wahrer Prüfstein für eine neue Musikergemeinschaft, die gewiß
ihren Weg machen wird.
Wilhelm Sinkovicz, Die Presse, 31. Oktober 1998
Vor der Zwölftontechnik kamen die »Brettl-Lieder«
Der »andere Schönberg« mit Maddalena Crippa und Peter Stein Sie – so wie
die Kompositionen ursprünglich gedacht waren – in mannigfachen Revue-Verkleidungen;
er als Rezitator von Texten Schönbergs, die Crippas Umkleidezeit mit uneitlem
Charme verkürzten. … ein intimer, kurzer (vor allem aber kurzweiliger)
Abend, der nicht nur Gelegenheit bot, die »Brettl-Lieder« zu hören, sondern
auch Schönberg, den Pointenreichen, kennenzulernen … Die zum Großteil
unveröffentlichten Texte aus dem Fundus des Schönberg Centers, die Aphorismen,
Reflexionen übers Publikum und der Text zum »Totentanz der Prinzipien«
(Texte einer Fragment gebliebenen Symphonie aus dem Ersten Weltkrieg)
sollten neugierig machen auf das, was im Archiv des Instituts sonst noch
verborgen ist. …
Derek Weber, Salzburger Nachrichten, 20. November 1998
Eine geniale Spurensuche …
Zu einer »Hommage à Arnold Schönberg« baten am Mittwoch auch zwei Granden
des Theaters: Im bis auf den letzten Platz besetzten Center wandelten
Peter Stein und Maddalena Crippa auf den verbalen, atonalen und emotionalen
Spuren des späten Heimkehrers. … Stets in neuem Gewand schuf Crippa vollendete
Miniaturen und fand zu jener expressiven Darstellung, die man von einer
Schauspielerin ihres Formats erwarten durfte. Wie sehr jedoch Schönberg
alle Erwartungen ablehnte, zu Offenheit, Toleranz und Neugier mahnte,
wurde dank Peter Stein erfahrbar. Aus den Aufsätzen, Skizzen, Essays und
biographischen Schriften des Künstlers entwickelte der Regisseur ein persönliches,
ja intimes Psychogramm Schönbergs. Eine Rezitation, die ganz ohne Eitelkeit
den Privatmann porträtierte, die zielsicher auch wenig bekannte Facetten
offenbarte.
Peter Jarolin, Kurier, 20. November 1998
Arnold Schönberg Center: Peter Stein und Maddalena Crippa
Die Buhlschaft im »Überbrettl« Wiens neues Arnold Schönberg Center ist
bereits zum Anziehungspunkt für internationale Stars geworden: Schönbergs
»Brettl-Lieder« … sind Mini-Stücke zu Texten von Wedekind, Schikaneder,
Bierbaum … Maddalena Crippa … schlüpft … in bunte Kostüme und gewandt
in verschiedene Rollen. Peter Stein füllte die Pausen des Kostümwechsels
mit einer Lesung aus privaten Schriften Schönbergs. Aphorismen, Berichte
über Galeriekämpfe zwischen Schönberg-Anhängern und -Gegnern, Märchen
– Stein läßt den Humor der Texte aufblitzen. Ein Haupttreffer im Programm!
Oliver Lang, Neue Kronen Zeitung, 20. November 1998
Wenen is dolblij met Schönbergs erfgoed …
Musicologen zijn welkom in het Schönberg-archief en de enorme bibliotheek.
De fonotiek, met alles van Schönberg in talrijke interpretaties, is trouwens
evenmin kinderachtig. De »gewone« muziekliefhebber hoeft zich bij dit
alles niet buitengesloten te voelen. In de expositiezaal worden wisselende
tentoonstellingen gehouden, gewijd aan diverse aspecten die met Schönbergs
leven en werk te maken hebben. Er is altijd wel iets interessants en ook
amusants te zien. …
Aad van der Ven, Haagsche Courant, 16. Oktober 1998
Arnold Schönbergs Wiener Wohnsitze
September 1874 bis ca. 1880: 2. Bezirk–Obere Donaustraße 5, Theresiengasse
5
»Die Ostjuden, die nach Wien kommen, siedeln sich in der Leopoldstadt
an, dem zweiten der zwanzig Bezirke. Sie sind dort in der Nähe des Praters
und des Nordbahnhofs. […] Die Leopoldstadt ist ein freiwilliges Ghetto.«
(Joseph Roth) Arnold Schönbergs Eltern – aus Preßburg beziehungsweise
Prag gebürtig – zogen nach ihrer Heirat, 17. März 1872, in die traditionell
jüdische Leopoldstadt. Der 2. Wiener Gemeindebezirk zwischen Donau und
Donaukanal, in dem beinahe die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Wiens
lebte, wurde im Volksmund »Mazzesinsel« genannt. Die heterogene »israelitische
Gemeinde« (nach einer Terminologie Kaiser Franz Josephs I.) setzte sich
aus orthodoxen, emanzipierten, assimilierten und den der osteuropäischen
Shtetl-Kultur nahestehenden Juden zusammen, welche aus Böhmen, Mähren,
Ungarn und Galizien in die Metropole der Habsburgermonarchie gezogen waren.
Am 13. September 1874 wurde Arnold Schönberg in der Oberen Donaustraße
5 (vor der Eingemeindung der Wiener Vorstädte im Jahr 1861: Brigittenau
393), einem 1871 vom Architekten und Stadtbaumeister Heinrich Ritter von
Förster errichteten Wohnhaus, geboren. Nach der Übersiedlung der Familie
in die Theresiengasse 5 (ehe-dem Leopoldstadt 894) wurde am 9. Juni 1876
Schönbergs Schwester Ottilie geboren.
1880–1894: 2. Bezirk–Taborstraße 48, Kleine Pfarrgasse 31, Taborstraße
32, Große Stadtgutstraße 10, Adambergergasse 5
Seit 1880 – in einem Volkszählungsbogen dieses Jahres werden die Schönbergs
mit Adresse Taborstraße 48 geführt – besuchte Arnold die Volksschule der
Kleinen Pfarrgasse 33 und ab 1885 die k. k. Oberrealschule, Vereinsgasse.
Am 29. April 1882 wurde sein Bruder Heinrich ge-boren. Der aufblühende
Wirtschaftsliberalismus ohne Arbeits- und Wohnbeschränkungen für jüdische
Bürger brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für den Kleinhandel
in Wien neue Perspektiven. Schönbergs Vater Samuel wurde im »Handels-
und Gewerbeadreßbuch« zunächst als »Schuhw[aren]-F[abrikant]« geführt
und unterhielt ab 1886 ein Kommissions- und Inkassogeschäft in der Kleinen
Pfarrgasse 31. Nach dem Tod seines Vaters am Silvestertag 1890 trat Schönberg
bei der Privatbank Werner & Co. eine Lehre an. Er wohnte anfangs noch
mit seiner Mutter in der Taborstraße 32. In den folgenden Jahren zog die
Familie mehrmals um: 1892 in die Große Stadtgutstraße 10, 1893 wiederum
in die Theresiengasse 5, die im folgenden Jahr in Adambergergasse umbenannt
wurde.
1894–7. Juli 1901: 2. Bezirk–Leopoldgasse 9
Seit 1894 lebten die Schönbergs im Haus Leopoldgasse 9. In das folgende
Jahr fällt Schönbergs Kündigung bei Werner & Co. Als Mitglied des Dilettantenorchesters
»Polyhymnia«, welches im Augustinerbräukeller »Zur Tabakspfeife« am Graben
29 probte, lernte er im selben Jahr seinen künstlerischen Mentor und späteren
Schwager Alexander von Zemlinsky kennen. Mitte der 90er Jahre übernahm
er Dirigate beim Mödlinger Arbeitergesangsverein »Freisinn«, dem Männergesangsverein
Meidling sowie die Chormeisterstelle des Metallarbeiter-Sängerbunds Stockerau.
Am 25. März 1898 konvertierte Schönberg vom mosaischen zum protestantischen
Glauben und wurde in der Dorotheergemeinde (Dorotheergasse 18, Wien I)
getauft. In der Leopoldgasse unterrichte er 1898/99 eine seiner ersten
SchülerInnen, Wilma Weber von Webenau.
8. Juli 1901–27. November 1901: 9. Bezirk–Porzellangasse 53
Am 18. Oktober 1901 heiratete Arnold Schönberg in der lutherischen Pfarre,
Innere Stadt, seine erste Frau Mathilde von Zemlinsky. Die kirchliche
Zeremonie folgte der standesamtlichen Vermählung am 7. Oktober in Preßburg.
Die erste Wohnung des jungen Ehepaares bis zum ersten Berlin-Aufenthalt
Schönbergs lag in der Porzellangasse 53.
13. Oktober 1903–24. Januar 1910: 9. Bezirk–Liechtensteinstraße 68/70
»Nun muß ich ihnen noch eine Mitteilung machen: Ich bleibe wieder in Wien.«
(Brief an Richard Strauss vom 10. September 1903) Im Sommer 1903 kehrte
Arnold Schönberg nach einem kompositorisch ertragreichen, beruflich jedoch
weitgehend erfolglosen eineinhalbjährigen Aufenthalt mit Frau und Tochter
Gertrude (geboren am 1. August 1902) aus Berlin nach Österreich zurück.
Nachdem Schönberg die Sommerferien in Payerbach am Semmering verbracht
hatte, zog er mit seiner Familie im Oktober 1903 in eine Nachbarwohnung
Zemlinskys in die Liechtensteinstraße 68/70. In einem »Fragebogen behufs
Ausstellung eines Mittellosigkeits-Zeugnisses« vom 21. März 1904 machte
Arnold Schönberg folgende Angaben zu seiner Wohnung: »Die Wohnung besteht
aus: 3 Zimmer, 1 Vorzimmer, 1 Küche/Der Mietzins beträgt: 250 Kr 1/4 jährig/Das
häusliche Dienstpersonal besteht aus: 1 Dienstmädchen/bezieht Lohn: 24
Kronen monatlich«. Im Wintersemester 1904/05 hielt Schönberg an den »Schwarzwald’schen
Schulanstalten« in der Wallnerstraße Kurse in Harmonielehre und Kontrapunkt.
Seit Herbst 1904 zählten Alban Berg und Anton Webern zu seinen Schülern.
Am 22. Juni 1906 kam Schönbergs Sohn Georg zur Welt. Die Jahre in der
Liechtensteinstraße bedeuteten für Arnold Schönberg eine Phase künstlerischen
Aufbruchs, der jedoch mit einer schweren persönlichen Krise einherging.
Sein Familienleben wurde durch das intime Verhältnis Mathildes zu dem
Maler Richard Gerstl empfindlich gestört. Gerstl hatte sein Atelier im
selben Haus bezogen und beide sowohl unterrichtet als auch portraitiert.
1907 begann Schönbergs intensive Beschäftigung mit der Malerei. Seine
private Misere, welche durch Gustav Mahlers Fortgang nach Amerika vertieft
wurde, kompensierte Schönberg zwischen 1907 und 1908 durch den Bruch mit
der musikhistorischen Tradition, welche einen zündenden Moment in der
Kompositionsentwicklung unseres Jahrhunderts markieren sollte. Im Januar
1909 veröffentlichte Paul Wilhelm in der Zeitschrift »Neues Wiener Journal«
eine Beschreibung des Schönbergschen Ambientes: »Freundliche Räume, von
schlichter, durch Geschmack verschönter Einfachheit. […] In der Ecke eine
charakteristisch erfaßte Büste Schönbergs von der Meisterhand Josef Scheus.
Über seinem Schreibtisch hängen zwei Bilder mit herzlichen Widmungen Gustav
Mahlers, und ein Porträt Zemlinskys grüßt von der Hand des Mittelpfeilers.
Das ist der schlichte, unaufdringliche Schmuck seiner Räume, seiner kleinen,
mit seiner Empfindung tief erfaßten Welt.«
Januar 1910–August 1911: 13. Bezirk–Hietzinger Hauptstraße 113
Zur Jahreswende 1909/10 bezog Schönberg mit seiner Familie und zwei Dienstmädchen
eine größere Wohnung in Hietzing zu einem Mietzins von jährlich 2600 Kronen:
»II. Stock, Thür 6, fünf Zimmer, Kabinett, Bad, Dienstbotenzimmer, Speisekammer,
Balkons, Gartenbenützung.« (Brief Schönbergs an Josef Polnauer, 14. August
1911) In der Hietzinger Hauptstraße sollte er sich intensiv mit der Malerei
beschäftigen, wovon die in seiner Wohnung aufgenommenen Fotografien ein
beredtes Zeugnis ablegen. Es entstanden zahlreiche »Visionen«, Portraits
und Selbstportraits. »Wenn ich den Schönberg oder seine Frau oder seine
Schwiegermutter in die Hände bekomme, muß Blut fließen.« – Durch einen
Zwist mit seinem Vermieter Philip Josef von Wouvermans, der angeblich
auf einer sexuellen Annäherung zwischen Schönbergs neunjähriger Tochter
und Wouvermans jüngerem Sohn beruhte, wurde Schönberg Mitte 1911 aus der
Wohnung in Hietzing gekündigt und zog erneut nach Berlin um. Über die
Begleitumstände der »Flucht« berichtete er an Ferruccio Busoni am 29.
August 1911 aus seinem bayerischen »Exil« in Berg am Starnberger See:
»Ein mit mir im selben Hause in Wien wohnender Unmensch, der zweifellos
wahnsinnig ist (was sich aber vorderhand ärztlich nicht konstatieren läßt)
bildet sich ein, daß er mich umbringen muß. Was er als Grund für seine
Wut angibt sind Lügen, aber selbst als solche belanglos, daß sie diese
Wut, die mir nach dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet
ist. Der Gefahr entweder selbst umgebracht, oder wegen Überschreitung
der Notwehr eingesperrt zu werden und den damit verbundenen Aufregungen,
mußte ich, nach verschiedenen vergeblichen Versuchen mir durch die Behörden,
oder sogar durch den Revolver, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, am
4. August mich durch Flucht mit meiner Familie vorläufig entziehen. Deshalb
kam ich hierher. Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den Advokaten
inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe aber nach mehreren hin und her
= Schreibereien, daß ich keine Aussicht habe mir den zweifellos Tobsüchtigen,
der einstweilen noch weiter tobt!!! vom Halse zu schaffen. So kann ich
nicht nach Wien zurück!! So ist die Frage nach meiner Übersiedlung durch
diesen Unglücksfall, der die ›force majeur[e]‹ spielt nicht mehr von meinem
Willen abhängig, sondern ich stehe unter einem Zwang.« Mit der Organisation
des – für alle Vertrauten überraschenden – Umzugs betraute Schönberg seine
Schüler Alban Berg und Josef Polnauer.
Juni–September 1910/Juli 1911: 13. Bezirk–Ober St. Veit
In den Sommermonaten 1910 und 1911 mietete sich Schönberg in eine ruhige
Hietzinger Landhaus-Wohnung ein, um konzentriert arbeiten zu können. In
Ober St. Veit beendete er im September 1910 seine Harmonielehre, im Jahr
darauf schrieb er hier das Vorwort und die Widmung an den im Mai verstorbenen
Gustav Mahler.
Oktober 1915–September 1917: 13. Bezirk–Gloriettegasse 43; 9. Bezirk–Alser
Straße 32; 3. Bezirk–Rechte Bahngasse 10
»Wir übersiedeln schon nächste Woche (ungefähr 9./IX) nach Wien XIII.
Gloriettegasse 43 wo uns Frau Lieser eine Wohnung zur Verfügung gestellt
hat. Den Entschluß haben wir schließlich ganz plötzlich gefaßt, wies stets
bei uns geht.« (Schönberg an Zemlinsky, 3. September 1915) Nach Schönbergs
Rückkehr aus Berlin, wo er eine Vortragsreihe über »Ästhetik und Vortragslehre«
am Stern’schen Konservatorium gehalten und Privatschüler unterrichtet
hatte, stellte ihm eine Freundin Alma Mahlers, Silvia »Lilly« Lieser,
kostenlos eine Wohnung in ihrem Landhaus in der Gloriettegasse 43 zur
Verfügung. Unstimmigkeiten mit ihr lieferten letztendlich den Anstoß für
Schönbergs Umzug in die Pension Astra, Alser Straße 32, wo die Familie
zwischen 1. Oktober und 10. November 1917 logierte. »Denn erstens ist
bei Frau Lieser bestimmt nichts zu machen, weil (wir fühlten, wir wußten
es sogar schon längst) ihr das zuviel ist, was sie für mich tut, obwohl
sie 20 Millionen hat und ich wahrscheinlich ihre einzige derartige Budgetpost
bin. Sie ist von märchenhaftem Geiz und Schmutz. Dann aber: wir würden
um keinen Preis mehr etwas mit der Person zu tun haben wollen. […] geschehen
ist nichts. Sie hat sich bloß die ganze Zeit so ekelhaft benommen, daß
mans nicht ertragen konnte. Sie hat langsam auf diese Kündigung hingearbeitet.«
(Brief an Zemlinsky vom 29. August 1917)
»Ich habe mich also entschlossen, beim Wohnungs-mieten, meinen Beruf nicht
mehr zu nennen, sondern mich ›Theorie-Professor in der Schule Schwarzwald‹
zu nennen.« (Brief an Webern vom 29. August 1917) Im Herbst 1917 bot Schönberg
erneut ein »Seminar für Komposition« an den – von Adolf Loos neugestalteten
– Schwarzwald’schen Schulen in der Wallnerstraße 9 an. Eine Wohnung in
der Rechten Bahngasse 10 wurde nur vorübergehend (November 1917– März
1918) bezogen. Die Übersiedlung in das Mödlinger Domizil, wo Schönberg
bis zu seinem dritten und letzten Aufenthalt in Berlin wohnen sollte,
war bereits Anfang 1918 geplant: am 6. Januar 1918 bat Lilly Lieser Schönberg
die Wohnung bis zum 20. des Monats zu räumen, da sie das Haus verkaufen
wolle. Schönberg antwortete: »Sehr geehrte gnädige Frau, die Räumung der
Wohnung war für den 10. Januar geplant, es fand sich aber wegen des Schnee-wetters
bis jetzt kein Spediteur […]« Am 5. Februar 1918 berichtete Schönberg
an Alma Mahler: »Wir kamen gestern aus Mödling, wo wir unsere Wohnung
in cirka vier Tagen halbwegs in Ordnung gebracht haben. Nun sind wir von
der Gloriettegasse ganz fort.«
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