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Edition 5, Juli – September 1999
Inhalt
Editorial
Arnold
Schönberg in St. Petersburg
Aus
dem Archiv
Stipendien
des Arnold Schönberg Center
Spenden
Editorial
Geschätzte
Freunde des Arnold Schönberg Centers,
sehr geehrte
Damen und Herren!
Arnold
Schönbergs 125. Geburtstag am 13. September 1999 ist Anlaß
für eine außergewöhnliche Veranstaltungsvielfalt an unserem
Center und an mehreren internationalen Orten: das renommierte Bard Music
Festival in New York steht unter dem Motto »Schoenberg and his world«,
die Deutsche Oper Berlin zeigt im Herbst eine Neuinszenierung von »Moses
und Aron«, das Avanti! Summer Sounds Festival in Porvoo, Finnland,
und die Festwochen Gmunden bringen Schönberg-Schwerpunkte in Zusammenarbeit
mit unserem Center. Mit der Ausstellung »Arnold Schönberg und
die Russische Avantgarde« im St. Petersburger Ingenieurspalast setzen
wir unsere Kooperation mit dem Staatlichen Russischen Museum St. Petersburg
fort, unterstützt durch die Österreichische Botschaft in Moskau
und das Außenministerium. Zur inhaltlichen Grundlage dieser Schau,
der von Wassily Kandinsky entrierten Konzertreise Schönbergs nach
St. Petersburg 1912, finden Sie einen Beitrag im Blattinneren (Seite 3).
Leihgaben des Centers befinden sich außerdem in der Ausstellung
»Der Blaue Reiter und das Neue Bild« am Lenbachhaus in München
und in der »Karl Kraus«-Ausstellung am Schiller-Nationalmuseum
in Marbach. Die von Nuria Schoenberg Nono und Lawrence Schoenberg konzipierte
Ausstellung »Arnold Schönberg 1874-1951« ist derzeit
in Montpellier zu sehen und wird danach in Turin, Genua und Tel Aviv gezeigt.
Am
Schönberg Center selbst konzentrieren wir uns im Jubiläumsjahr
auf Schönbergs Geburtsstadt Wien. Die Ausstellung zu unserem Jahresthema
»Arnold Schönbergs Wiener Kreis« ist an jedem Arbeitstag
geöffnet. Um den Geburtstag findet das erste große Symposium
in Zusammenarbeit mit dem Arnold-Schönberg-Institut der Universität
für Musik und darstellende Kunst Wien, dem Westdeutschen Rundfunk
und dem ORF/Ö1 statt, welches sich ebenfalls auf das Jahresthema
bezieht. Begleitet wird das Symposium von Musikveranstaltungen und dem
von Walter Berry geleiteten Workshop »Das Lied der Wiener Schule«.
Das detaillierte Symposiums- und Begleitprogramm wird in der Mitte dieses
Heftes vorgestellt.
Schlußpunkt
der Errichtungsphase ist die dringend nötige Sanierung unserer Expositur,
des Schönberg-Hauses in Mödling, für welche unsere Stiftung,
die Stadt Mödling, das Land Niederösterreich, das Bundesministerium
für Unterricht und Kunst sowie private Sponsoren über vier Millionen
Schilling aufgebracht haben. Die Arbeiten sind derzeit bereits in vollem
Gange, die Wiedereröffnung planen wir - zugleich mit der Enthüllung
eines neuen Schönberg-Denkmals der Bildhauerin Elisabeth Ledersberger-Lehoczky
vor dem Mödlinger Museum - zu Schönbergs rundem Geburtstag.
Dann wird Schönbergs Wohnung zwischen 1918 und 1925, die oftmals
als »Wiege der Zwölftonmusik« bezeichnet wird, als »Denk-
und Gedenkstätte« zur Verfügung stehen. Gleichzeitig bieten
drei kleine Appartments für wissenschaftliche Besucher unseres Centers
komfortable Wohnmöglichkeiten.
Das Ende
der Errichtungsphase ist zugleich Beginn einer spannenden Saison am Schönberg
Center, zu der wir Sie herzlich einladen: das Konzert des Ensemble Kontrapunkte
unter der Leitung von Peter Keuschnig anläßlich von Arnold
Schönbergs 125. Geburtstag wird in Ö1 übertragen, das Konzert
des Orpheus-Trio wird die erste öffentliche Veranstaltung im neurenoveirten
Schönberg-Haus in Mödling sein (Details auf der Umschlagrückseite).
Wissenschaftliche Veranstaltungen, die Präsenzbibliothek und Ausstellung
stehen Fachleuten ebenso wie der allgemeinen Öffentlichkeit zur Verfügung,
am Archiv sind Forschungsprojekte und Kooperationsvorschläge willkommen.
Ihr
Dr. Christian Meyer
Generalsekretär
Arnold Schönberg in St. Petersburg
»In
unserem Sinne ist in Pet[ersburg] nicht viel los. Moskau nimmt auch hier
den ersten Platz ein, was die Petersburger freilich nicht einsehen wollen.«
(Wassily Kandinsky an Schönberg, 23. Oktober 1912) Für die Zeit
vor 1911 mag dies gegolten haben, danach entwickelte sich eine hervorragende
Künstlerszene. Als Arnold Schönberg im Dezember 1912 nach St.
Petersburg reiste, um bei den renommierten Siloti-Konzerten seine symphonische
Dichtung »Pelleas und Melisande« zu dirigieren, war er dem
russischen Publikum nicht mehr unbekannt. Im Jahr zuvor hatte Sergej Prokofiev
die Drei Klavierstücke op. 11 bei der neuen Künstlervereinigung
ARS aufgeführt: »Ich erinnere mich an einen der Abende Moderner
Musik im vergangenem Jahr, als die [...] Klavier-stücke Schönbergs
aus dem op.11 einen Teil des Publikums dazu brachten, bis zum Umfallen
zu lachen. Einen Teil dagegen, offen zu protestieren.« (Wiatscheslaw
Karatygin in einer zeitgenössischen Rezension) Prokofiev sollte später
in seiner Selbstbiographie reklamieren, erster Interpret von Schönbergs
Klaviermusik in Rußland gewesen zu sein. Es folgte kurz darauf ein
Konzert mit der Petersburger Sopranistin Sandra Belling und dem II. Streichquartett
op. 10.
Wichtige
Impulse zur Etablierung von Schönbergs Œuvre in Rußland hatte
Wassily Kandinsky gesetzt, der seit dem legendären Münchener
»Neujahrskonzert« 1911 mit dem I. und II. Streichquartett,
den Drei Klavierstücken op. 11 und einigen Liedern zu seinen künstlerisch
einflußreichsten Anhängern zählte. Kandinskys Schönberg-Fürsprache
bei Nikolaj Kulbin und dessen ARS-Vereinigung, welche eine Synthese aller
Kunstrichtungen zu verwirklichen suchte, fügte sich als logische
Konsequenz an persönliche Gespräche, die Kandinsky mit Schönberg
und Franz Marc im Vorfeld zur Münchener Ausstellung »Der Blaue
Reiter« im Herbst 1911 führte, sowie an seine Beschäftigung
mit den musiktheoretischen Schriften des Komponisten: im Februar 1911
hatte er einen in der Zeitschrift »Die Musik« erschienenen
Vorabdruck aus Schönbergs »Harmonielehre« ins Russische
übersetzt.
Am
16. Januar 1912 schrieb Kandinsky an Schönberg: »Wegen einem
Concert von Ihnen habe ich schon verschiedene Schritte getan - in Moskau
und Petersburg. Vielleicht wird es doch endlich nutzen. Die neue Petersburger
Vereinigung ‚ARS‘ will auch Konzerte veranstalten. Dahin habe ich bereits
im Frühherbst über Ihre Musik geschrieben. Und die Leute zeigen
viel Interesse für Sie.«
Den
direkten Kontakt zu dem ukrainischen Pianisten, Dirigenten und Tschaikowsky-Schüler
Alexander Siloti, der Schönberg als Interpret seiner Konzertreihe
nach St. Petersburg einlud, vermittelte zunächst Luise Wolff, Leiterin
einer Berliner Konzertagentur. Die Organisation des Orchesterkonzertes
unternahm indes das Konzert-Bureau von Emil Gutmann: »Herr Gutmann
schrieb mir, dass Sie 3 Proben brauchen; ich glaube mit unserem Orchester,
welches schmiegsamer als das Berl. Philharmonische ist, werden Sie nicht
so viel zu probiren brauchen. Mit meinem Orchester (Hof Theaterlich) bin
ich sicher, dass Sie mit einer vollen u. 2 halben [...] fertig werden.«
(Siloti an Schönberg, 12./25. Oktober 1912)
Wassily
Kandinsky beriet Schönberg aus Odessa mit reisetechnischen Details:
»Vor 2 Jahren logierte ich einige Tage im Hotel d’Angleterre. Alter
Pet. Stil. keine 2000 Liftboys u. ähnliche unappetitliche Hotelzugaben
des hohen Stils. Der Ton einfach nobel. Sehr beliebt von ernsten Engländern,
nicht protzigen! Amerikanern. Lage sehr fein u. zur selben Zeit sehr ruhig.«
Am 15. Dezember reiste Arnold Schönberg aus Berlin ab, nahm jedoch
den Hotelvorschlag Kandinskys nicht wahr und stieg im Hotel »Dagmar«
in der Nähe der Philharmonie ab. Die erste von drei Proben zur »Pelleas«-Aufführung
fand am 17. Dezember statt. Im Prospekt der Siloti-Konzerte der Saison
1912/13 standen für das Konzert am 21. Dezember weiters eine neue,
vom Komponisten selbst gespielte Klavier-Komposition von Sergej Rachmaninoff,
das Violin-Konzert h-Moll von Camille Saint-Saëns sowie ein von Felix
Mottl redigiertes Konzert von Jean Philippe Rameau auf dem Programm. Aus
Karatygins Kritik gehen jedoch Änderungen hervor: neben einer Bach-Kantaten-Bearbeitung
von Maximilian Steinberg wurden zwei Lieder von Anatol Ljadov (anstelle
von Rameau und Rachmaninoff) aufgeführt.
»Pelleas
und Melisande« wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Wiatscheslaw
G. Karatygin, der das Konzert in verschiedenen Zeitschriften rezensierte,
bemerkte mit einer gewissen Ironie, daß »gestern nicht gepfiffen,
im Gegenteil, sogar nicht wenig applaudiert« wurde. Einige Tage
später erreichte den Rezensenten ein Brief von Igor Strawinsky: »Soeben
habe ich Ihre Rezension des Siloti-Konzertes gelesen, in dem Schönberg
seinen ‚Pelleas‘ dirigiert hat. [...] es wäre von Interesse für
Sie, sich mit seinem letzten Werk bekannt zu machen, das in höchst
intensiver Weise den ungewöhnlichen Charakter seiner schöpferischen
Genialität widerspiegelt. Ich spreche von ‚Pierrot lunaire‘ [...]«
(13./26. Dezember 1912)
Bald
nach Schönbergs Rückkehr nach Berlin korrespondierte Schönberg
mit Siloti über weitere Projekte in Petersburg. Nachdem eine Aufführung
des »Pierrot lunaire« auf längere Zeit verschoben wurde
- vermutlich in Zusammenhang mit der Interpretin Albertine Zehme, welche
die Aufführungsrechte besaß -, konkretisierte sich der Plan
zur Kammersymphonie op. 9 für Januar 1915.
Der
Ausbruch des 1. Weltkrieges vereitelte jedoch Schönbergs zweites
Petersburger Gastspiel. Schönberg übersiedelte von Berlin nach
Wien, Kandinsky von München nach Moskau, Siloti entfloh der russischen
Revolution nach England und weiter nach New York. Zumindest ein Teil der
Petersburger Musikwelt war sich der Bedeutsamkeit des Besuchs von Schönberg
bewußt: »Man kann mit fester Überzeugung bestätigen,
daß es seit der Zeit des Besuches von Wagner zu Beginn des Jahres
1863, das liegt ein halbes Jahrhundert vor den gegenwärtigen Ereignissen,
bei uns nichts Vergleichbares gegeben hat.« (Venturus)
Iris Pfeiffer, Archiv
Aus dem Archiv
Arnold
Schönbergs Nachlaß eröffnet für Musik- und Kunstwissenschaftler,
Pädagogen, Musiker und Historiker ein Forschungsspektrum ersten Ranges.
Neben der inhaltlichen Erschließung der Sammlung sind Konservierungs-
und Digitalisierungsmodelle sowie die Erstellung einer umfassenden Schönberg-Bibliographie
archivarische Hauptziele.
Obwohl
in den letzten Jahrzehnten durch die Musikwissenschaft detailierte Ergebnisse
zu Schönberg und der Wiener Schule vorgelegt wurden, sind nach wie
vor eine Reihe von Forschungsdesiderata - unter Einbeziehung des Archivs
und benachbarter Wiener Sammlungen - zu erarbeiten. Aufgrund vielfacher
Nachfragen von Universitäten und künstlerischen Hochschulen
wurde eine Auswahlliste dieser Themen zusammengestellt:
Musikmanuskripte
Papier-
und Wasserzeichenstudien
Quellenkatalog
Skizzenbücher
Kompositionsweise
Skizze
Entwurf Erste Niederschrift Reinschrift
Werkgenese
der Kompositionen Schönbergs
Kompositionen
Fragmente
Bearbeitungen
der Wiener Schule für den »Verein für musikalische Privataufführungen«
Instrumentationen
Schönberg
und die Wiener Operette
Textvorlagen
zu Schönbergs Vokalkompositionen
Ausgewählte Kapitel (Sechs Orchesterlieder op.
8, Friede auf Erden op. 13, Vier Stücke für gemischten Chor
op. 27, Sechs Stücke für Männerchor a cappella op. 35,
Chamber Symphony No. 2 op. 38, Prelude op. 44 der »Genesis-Suite«,
Suite for String Orchestra, Bearbeitungen, Kanons, Brettl-Lieder).
Annotierte
»Handexemplare« von Schönbergs Kompositionen: (Dirigier-)partituren,
Klavierauszüge und Stimmen im Erst- und Frühdruck
Aufführungspraxis
der Wiener Schule
Textmanuskripte
Systematik,
Quellenbeschreibung, Gesamtkatalog
Ausgewählte
Kapitel:
Theoretische, -ästhetische und -pädagogische Schriften
Das literarische Werk
Zeitgeschichte
Kulturgeschichte
Lehrmaterialien
Systematik,
Quellenübersicht und -beschreibung sowie Gesamtkatalog der Materialien
aus Schönbergs Unterricht in Los Angeles
Bildnerisches
Werk
Technik
und Zustandsbericht
Ausstellungsstatistik
und Rezeption
Öffnungszeiten
Montag
bis Freitag, 9-17
Uhr,
feiertags geschlossen
Information:
01/712 18 88-30 und 31 DW
muxeneder@schoenberg.at,
pfeiffer@schoenberg.at
(Therese
Muxeneder und Iris Pfeiffer, Archivare)
Stipendien des Arnold Schönberg Centers
Archivarische
und wissenschaftliche Projekte im Arnold Schönberg Center können
durch Stipendiaten mitbetreut werden. Stipendien des Centers können
folgende Leistungen umfassen:
Zuschuß zu Reise- und Aufenthaltskosten
Wohnmöglichkeit im Schönberg-Haus in Mödling
Die
archivarischen und wissenschaftlichen Projekte umfassen
wissenschaftliche Forschungsprojekte basierend auf dem Schönberg-Nachlaß
Transkription von Briefen und Textmanuskripten Schönbergs
Aufbau und Vervollständigung von Datenbanken
Scannen von Originalobjekten aus dem Schönberg-Nachlaß
Arnold
Schönberg Center als steuerbegünstigter Spendenempfänger
Namhafte
Organisationen haben auch in diesem Jahr die Arnold Schönberg Center
Privatstiftung finanziell unterstützt. Die Zuerkennung des steuerbegünstigten
Status sowohl in Österreich als auch in den USA hat dazu geführt,
daß unserer Stiftung bereits mehr als öS 5 Millionen an Spenden-
und Sponsorenmitteln zugewendet bzw. zugesagt wurden.
Unser
ganz spezieller Dank gilt der Avenir Foundation, die 1999 den bestehende
Avenir Foundation Grant auf US-$ 200.000,- (ca. öS 2,7 Million) aufgestockt
hat. Aus den jährlichen Zinserträgen dieses Fonds werden Reise-
und Aufenthaltsstipendien an österreichische und internationale Studenten
und Wissenschaftler vergeben.
Eines
der dringendsten Vorhaben für 1999 ist die Renovierung der ehemaligen
Wohnstätte Arnold Schönbergs: das Schönberg-Haus in der
Mödlinger Bernhardgasse. Am 13. September 1999 zu Schönbergs
125. Geburtstag soll mit einer feierlichen Wiedereröffnung eine »Gedenk-wie
Denk-Stätte« präsentiert werden. Dank der großzügigen
finanziellen Unterstützung des Landes Niederösterreich, der
Stadt Mödling und des Bundesministeriums für Unterricht und
Kunst sowie Unterstützern (EVN, Ergee und Leiner) konnte mit den
Sanierungsarbeiten begonnen werden. Nach wie vor fehlen etwa öS 500.000,-.
Für die Rettung dieses österreichischen Kulturgutes können
Spenden weiterhin auf das Konto 405 141 607 bei der Bank Austria (BLZ
20151), lautend auf Arnold Schönberg Center, eingezahlt werden. Eine
steuerliche Bestätigung wird Spendern umgehend zugesandt.
Die Shopping
City Süd ist in dieses Projekt als größter Privatsponsor
einge-treten und mit einem Betrag von öS 200.000,- »Retter
des Schönberg-Hauses« geworden - herzlichen Dank für diese
Unterstützung.
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