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Wassily Kandinsky: Über Bühnenkomposition
In: Der Blaue Reiter, Piper: München 1912. (Einleitung zum Bühnenstück
Der gelbe Klang)
Jede Kunst hat eine eigene Sprache, d.h. die nur ihr eigenen Mittel.
So ist jede Kunst etwas in sich Geschlossenes. Jede Kunst ist ein eigenes
Leben. Sie ist ein Reich für sich.
Deswegen sind die Mittel verschiedener Künste äußerlich
vollkommen verschieden. Klang, Farbe, Wort! ...
Im letzten innerlichen Grunde sind diese Mittel vollkommen gleich:
das letzte Ziel löscht die äußeren Verschiedenheiten und
entblößt die innere Identität.
Dieses letzte Ziel (Erkenntnis) wird in der menschlichen Seele erreicht
durch feinere Vibrationen derselben. Diese feineren Vibrationen, die im
letzten Ziele identisch sind, haben aber an und für sich verschiedene
innere Bewegungen und unterscheiden sich dadurch voneinander.
Der undefinierbare und doch bestimmte Seelenvorgang (Vibration) ist das
Ziel der einzelnen Kunstmittel.
Ein bestimmter Komplex der Vibrationen das Ziel eines Werkes.
Die durch das Summieren bestimmter Komplexe vor sich gehende Verfeinerung
der Seele das Ziel der Kunst.
Die Kunst ist deswegen unentbehrlich und zweckmäßig.
Das vom Künstler richtig gefundene Mittel ist eine materielle Form
seiner Seelenvibration, welcher einen Ausdruck zu finden er gezwungen
ist.
Wenn dieses Mittel richtig ist, so verursacht es eine beinahe identische
Vibration in der Seele des Empfängers.
Das ist unvermeidlich. Nur ist diese zweite Vibration kompliziert. Sie
kann erstens stark oder schwach sein, was von dem Grad der Entwicklung
des Empfängers und auch von zeitlichen Einflüssen (absorbierte
Seele) abhängt. Zweitens wird diese Vibration der Seele des Empfängers
entsprechend auch andere Saiten der Seele in Schwingung bringen. Das ist
die Anregung der "Phantasie" des Empfängers, welcher am Werke "weiter
schafft". Die öfter vibrierenden Saiten der Seele werden beinahe
bei jeder Berührung auch anderer Saiten mitklingen. Und manchmal
so stark, daß sie den ursprünglichen Klang übertönen:
es gibt Menschen, die durch "lustige" Musik zum Weinen gebracht werden
und umgekehrt. Deswegen werden einzelne Wirkungen eines Werkes bei verschiedenen
Empfängern mehr oder weniger gefärbt.
Der ursprüngliche Klang wird aber in diesem Falle nicht vernichtet,
sondern lebt weiter und verrichtet, wenn auch unmerklich, seine Arbeit
an der Seele.
Es gibt also keinen Menschen, welcher die Kunst nicht empfängt. Jedes
Werk und jedes einzelne Mittel des Werkes verursacht in jedem Menschen
ohne Ausnahme eine Vibration, die im Grunde der des Künstlers identisch
ist.
Die innere, im letzten Grunde entdeckbare Identität der einzelnen
Mittel verschiedener Künste ist der Boden gewesen, auf welchem versucht
wurde, einen bestimmten Klang einer Kunst durch den identischen Klang
einer anderen Kunst zu unterstützen, zu stärken und dadurch
eine besonders gewaltige Wirkung zu erzielen. Das ist ein Wirkungsmittel.
Die Wiederholung aber des einen Mittels einer Kunst (z.B. Musik) durch
ein identisches Mittel einer anderen Kunst (z.B. Malerei) ist nur ein
Fall, eine Möglichkeit. Wenn diese Möglichkeit auch
als ein inneres Mittel verwendet wird (z.B. bei Skrjabin), so finden wir
auf dem Gebiete des Gegensatzes und der komplizierten Komposition erst
einen Antipoden dieser Wiederholung und später eine Reihe von Möglichkeiten,
die zwischen der Mit- und Gegenwirkung liegen. Das ist ein unerschöpfliches
Material.
Das 19. Jahrhundert zeichnete sich als eine Zeit aus, welcher innere
Schöpfung fern lag. Das Konzentrieren auf materielle Erscheinungen
und auf die materielle Seite der Erscheinungen mußte die schöpferische
Kraft auf dem Gebiete des Inneren logisch zum Sinken bringen, was scheinbar
bis zum letzten Grad des Versinkens führte.
Aus dieser Einseitigkeit mußten sich natürlich auch andere
Einseitigkeiten entwickeln.
So auch auf der Bühne:
1. kam auch hier (wie auf anderen Gebieten) notgedrungen die minutiöse
Ausarbeitung der einzelnen schon existierenden (früher geschaffenen)
Teile, die der Bequemlichkeit halber stark und definitiv voneinander getrennt
wurden. Hier spiegelte sich die Spezialisierung ab, die immer sofort entsteht,
wenn keine neuen Formen geschaffen werden, und
2. der positive Charakter des Zeitgeistes konnte nur zu einer Form der
Kombinierung führen, die ebenso positiv war. Man dachte eben: zwei
ist mehr als eins, und suchte jede Wirkung durch Wiederholung zu verstärken.
In der inneren Wirkung kann es aber umgekehrt sein, und oft ist eins mehr
als zwei. Mathematisch ist 1 + 1 = 2. Seelisch kann 1 1 = 2 sein.
ad 1. Durch die erste Folge des Materialismus, d.h. durch die
Spezialisierung und die damit verbundene weitere äußerliche
Ausarbeitung der einzelnen Teile, entstanden und versteinerten sich drei
Gruppen von Bühnenwerken, die voneinander durch hohe Mauern abgeteilt
wurden:
a) Drama,
b) Oper,
c) Ballett.
a) Das Drama des 19. Jahrhunderts ist im allgemeinen eine mehr oder weniger
raffinierte und in die Tiefen gehende Erzählung eines Vorganges von
mehr oder weniger persönlichem Charakter. Es ist gewöhnlich
eine Beschreibung des äußeren Lebens, wo das seelische Leben
des Menschen auch nur soweit mitspielt, als es mit dem äußeren
Leben zu tun hat. Das kosmische Element fehlt vollkommen.
Der äußere Vorgang und der äußere Zusammenhang
der Handlung ist die Form des heutigen Dramas.
b) Die Oper ist ein Drama, zu welchem Musik als Hauptelement hinzugefügt
wird, wobei Raffiniertheit und Vertiefung des dramatischen Teiles stark
leiden. Die beiden Teile sind vollkommen äußerlich miteinander
verbunden. D.h. entweder illustriert (bzw. verstärkt) die Musik den
dramatischen Vorgang, oder der dramatische Vorgang wird als Erklärung
der Musik zu Hilfe gezogen.
Dieser wunde Punkt wurde von Wagner bemerkt, und er suchte ihm durch verschiedene
Mittel abzuhelfen. Der Grundgedanke war dabei, die einzelnen Teile organisch
miteinander zu verbinden und auf diese Weise ein monumentales Werk zu
schaffen .
Durch Wiederholung einer und derselben äußeren Bewegung in
zwei Substanzformen suchte Wagner die Verstärkung der Mittel zu erreichen
und die Wirkung zu einer monumentalen Höhe zu bringen. Sein Fehler
war in diesem Falle der Gedanke, daß er über ein Universalmittel
verfügte. Dieses Mittel ist in Wirklichkeit nur eines aus der Reihe
von oft gewaltigeren Möglichkeiten in der monumentalen Kunst.
Abgesehen aber davon, daß eine parallele Wiederholung nur ein
Mittel ist, und davon, daß diese Wiederholung nur äußerlich
ist, hat Wagner ihr eine neue Gestaltung gegeben, die zu weiteren führen
mußte. Vor Wagner hat z.B. die Bewegung einen rein äußerlichen
und oberflächlichen Sinn in der Oper gehabt (vielleicht nur Entartung).
Es war ein naives Anhängsel der Oper: das An-die-Brust-Drücken
der Hände Liebe, das Heben der Arme Gebet, das Ausbreiten der
Arme starke Gemütsbewegung u. dgl. Diese kindlichen Formen (die
man noch heute jeden Abend sehen kann) standen in äußerlichem
Zusammenhang mit dem Text der Oper, der wieder durch die Musik illustriert
wurde. Wagner hat hier eine direkte (künstlerische) Verbindung zwischen
der Bewegung und dem musikalischen Takt geschaffen: die Bewegung wurde
dem Takt untergeordnet.
Diese Verbindung ist aber doch nur äußerlicher Natur. Der innere
Klang der Bewegung bleibt aus dem Spiel.
Auf dieselbe künstlerische, aber auch äußerliche Weise
wurde bei Wagner andererseits die Musik dem Text untergeordnet, d.h. der
Bewegung in breitem Sinne. Es wurde musikalisch das Zischen des glühenden
Eisens im Wasser, das Schlagen des Hammers beim Schmieden u. dgl. dargestellt.
Diese wechselnde Unterordnung ist aber auch wieder eine Bereicherung
der Mittel gewesen, die zu weiteren Kombinationen führen mußte.
Also einerseits bereicherte Wagner die Wirkung eines Mittels und verminderte
andererseits den inneren Sinn die rein künstlerische innere Bedeutung
des Hilfsmittels.
Diese Formen sind nur mechanische Reproduktionen (nicht innere Mitwirkungen)
der zweckmäßigen Vorgänge der Handlung. Ähnlicher
Natur ist auch die andere Verbindung der Musik mit Bewegung (im breiten
Sinne des Wortes), d. h. die musikalische "Charakteristik" der einzelnen
Rollen. Dieses hartnäckige Auftauchen eines musikalischen Satzes
bei dem Erscheinen eines Helden verliert schließlich an Kraft und
wirkt auf das Ohr wie eine altbekannte Flaschenetikette auf das Auge.
Das Gefühl sträubt sich schließlich gegen derartige konsequent
programmatische Anwendungen einer und derselben Form .
Endlich das Wort braucht Wagner als Mittel der Erzählung oder zum
Ausdruck seiner Gedanken. Es wurde hier aber kein geeignetes Milieu für
solche Zwecke geschaffen, da in der Regel die Worte vom Orchester übertönt
werden. Es ist kein genügendes Mittel, in vielen Rezitativen das
Wort klingen zu lassen. Aber der Versuch, das unaufhörliche Singen
zu unterbrechen, versetzte dem "Einheitlichen" schon einen gewaltigen
Stoß. Doch der äußere Vorgang blieb auch davon unberührt.
Abgesehen davon, daß Wagner trotz seinen Bestrebungen, einen Text
(Bewegung) zu schaffen, hier vollkommen in der alten Tradition des Äußerlichen
blieb, ließ er das dritte Element ohne Beachtung, welches heute
in einer noch primitiven Form vereinzelt angewendet wird die Farbe
und die damit verbundene malerische Form (Dekoration).
Der äußere Vorgang, der äußere Zusammenhang der
einzelnen Teile desselben und der beiden Mittel (Drama und Musik) ist
die Form der heutigen Oper.
c) Das Ballett ist ein Drama mit allen schon beschriebenen Kennzeichen
und demselben Inhalt. Nur verliert hier der Ernst des Dramas noch mehr
als in der Oper. In der Oper kommen außer Liebe auch andere Themen
vor: religiöse, politische, soziale Verhältnisse sind der Boden,
auf welchem Begeisterung, Verzweiflung, Ehrlichkeit, Haß und gleichartige
andere Gefühle wachsen. Das Ballett begnügt sich mit Liebe in
einer kindlichen Märchenform. Außer Musik werden hier die einzelnen
und Gruppenbewegungen zu Hilfe genommen. Alles bleibt in einer naiven
Form des äußerlichen Zusammenhanges. Es werden sogar in der
Praxis nach Belieben einzelne Tänze eingeschoben oder ausgelassen.
Das "Ganze ist so problematisch, daß solche Operationen vollkommen
unbemerkt bleiben.
Der äußere Vorgang, der äußere Zusammenhang der
einzelnen Teile und der drei Mittel (Drama, Musik und Tanz) ist die Form
des heutigen Balletts.
ad 2. Durch die zweite Folge des Materialismus, d. h. durch die
positive Addierung (1 + 1 = 2, 2 + 1 = 3), wurde nur eine Kombinierungs-
(bzw. Verstärkungs-)form gebraucht, die ein Parallellaufen der Mittel
verlangte. Z.B. starke Gemütsbewegung bekommt sofort ein ff. als
unterstreichendes Element in der Musik. Dieses mathematische Prinzip
baut auch die Wirkungsformen auf einer rein äußerlichen Basis
auf.
Alle die genannten Formen, die ich Substanzformen nenne (Drama Wort,
Oper Klang, Ballett Bewegung), und ebenso die Kombinationen der einzelnen
Mittel, die ich Wirkungsmittel nenne, werden zu einer äußerlichen
Einheit konstruiert. Da alle diese Formen aus dem Prinzip der äußeren
Notwendigkeit entstanden.
Daraus fließt als logisches Resultat die Begrenzung, die Einseitigkeit
(= die Verarmung) der Formen und Mittel. Sie werden allmählich orthodox,
und jede minutiöse Änderung erscheint revolutionär.
Stellen wir uns auf den Boden des Innerlichen. Die ganze Sachlage verändert
sich wesentlich.
1. Es verschwindet plötzlich der äußere Schein jedes Elementes.
Und sein innerer Wert bekommt vollen Klang.
2. Es wird klar, daß bei Anwendung des inneren Klanges der äußere
Vorgang nicht nur nebensächlich sein kann, sondern als Verdunklung
schädlich.
3. Es erscheint der Wert des äußeren Zusammenhangs im richtigen
Licht, d.h. als unnötig beschränkend und die innere Wirkung
abschwächend.
4. Es kommt von selbst das Gefühl der Notwendigkeit der inneren
Einheitlichkeit, die durch äußere Uneinheitlichkeit unterstützt
und sogar gebildet wird.
5. Es entblößt sich die Möglichkeit, jedem der Elemente
das eigene äußere Leben zu behalten, welches äußerlich
im Widerspruch zum äußeren Leben eines anderen Elementes steht.
Wenn wir weiter aus diesen abstrakten Entdeckungen praktische schaffen,
so sehen wir, daß es möglich ist,
ad 1. nur den inneren Klang eines Elementes als Mittel zu nehmen,
ad 2. den äußeren Vorgang (= Handlung) zu streichen,
ad 3. wodurch der äußere Zusammenhang von selbst fällt,
ebenso wie
ad 4. die äußere Einheitlichkeit, und
ad 5. daß die innere Einheitlichkeit eine unzählige Reihe von
Mitteln in die Hand gibt, die früher nicht da sein konnten.
Hier wird also zur einzigen Quelle die innere Notwendigkeit.
Die folgende kleine Bühnenkomposition ist ein Versuch, aus dieser
Quelle zu schöpfen.
Es sind hier drei Elemente, die zu äußeren Mitteln im inneren
Werte dienen:
1. musikalischer Ton und seine Bewegung,
2. körperlich-seelischer Klang und seine Bewegung durch Menschen
und Gegenstände ausgedrückt,
3. farbiger Ton und seine Bewegung (eine spezielle Bühnenmöglichkeit).
So besteht hier schließlich das Drama aus dem Komplex der inneren
Erlebnisse (Seelenvibrationen) des Zuschauers.
ad 1. Von der Oper wurde das Hauptelement die Musik als Quelle der inneren
Klänge genommen, die in keiner Weise äußerlich dem Vorgang
untergeordnet sein muß.
ad 2. Aus dem Ballett wurde der Tanz genommen, welcher als abstrakt wirkende
Bewegung mit innerem Klang gebracht wird.
ad 3. Der farbige Ton bekommt eine selbständige Bedeutung und wird
als gleichberechtigtes Mittel behandelt.
Alle drei Elemente spielen eine gleich wichtige Rolle, bleiben äußerlich
selbständig und werden gleich behandelt, d.h. dem inneren Ziele untergeordnet.
Es kann also z.B. die Musik vollkommen zurückgeschoben oder in den
Hintergrund geschoben werden, wenn die Wirkung z.B. der Bewegung ausdrucksvoll
genug ist und durch starke musikalische Mitwirkung geschwächt werden
könnte. Dem Wachsen der Bewegung in der Musik kann ein Abnehmen der
Bewegung im Tanz entsprechen, wodurch beide Bewegungen (positive und negative)
größeren inneren Wert bekommen usw. usw. Eine Reihe von Kombinationen,
die zwischen den zwei Polen liegen: Mitwirkung und Gegenwirkung. Graphisch
gedacht können die drei Elemente vollkommen eigene, voneinander äußerlich
unabhängige Wege laufen.
Das Wort als solches oder in Sätze gebunden wurde angewendet, um
eine gewisse "Stimmung" zu bilden, die den Seelenboden befreit und empfänglich
macht. Der Klang der menschlichen Stimme wurde auch rein angewendet, d.h.
ohne Verdunkelung desselben durch das Wort, durch den Sinn des Wortes.
Der Leser wird gebeten, die Schwächen der folgenden kleinen Komposition
"Gelber Klang" nicht dem Prinzip zuzuschreiben, sondern sie auf die Rechnung
des Verfassers zu stellen.
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