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Christian Meyer: Konzept zur Ausstellung »Schönberg, Kandinsky, Blauer
Reiter und die russische Avantgarde – Die Kunst gehört dem Unbewußten«
»Jede Formung, die traditionelle Wirkungen anstrebt, ist nicht ganz
frei von Bewußtseins-Akten. Und die Kunst gehört aber dem Unbewußten!«
schrieb der malende Komponist Arnold Schönberg dem musikbegeisterten Maler
Wassily Kandinsky Anfang 1911. Aus der geistigen Begegnung entstand die
Freundschaft zweier Männer, die kurz zuvor die traditionelle Musik entgrenzt,
die gegenständliche Malerei hinter sich gelassen, die Perspektive aufgelöst
hatten. Kandinsky fühlte seine Werke durch Schönbergs Schaffen wesentlich
beeinflußt, schenkte ihm eine Mappe mit Holzschnitten, machte ihn zum
Mitglied des »Blauen Reiter« und ermöglichte ein erfolgreiches St. Petersburg-Gastspiel,
bei welchem der Komponist seine symphonische Dichtung »Pelleas und Melisande«
persönlich dirigierte.
Die geistige Verwandtschaft blieb das ganze Leben, der persönliche Kontakt
aber hielt in dieser Intensität nur drei Jahre. 1914 ging Kandinsky zurück
nach Moskau, Schönberg rückte in die k.u.k. Armee ein. Schönbergs Zwölftonmethode
und Kandinskys streng formalistischer Bauhaus-Stil der Zwanzigerjahre
entstanden einmal mehr gleichzeitig – und unabhängig voneinander. Der
weitere Briefkontakt bis in die Dreißigerjahre, als Schönberg in Los Angeles,
Kandinsky in Paris das Ziel ihrer Lebensreise erreicht hatten, und ein
zufälliges Treffen in Pörtschach am Wörthersee im Jahr 1927 waren persönlicher
Natur. Erwähnenswert ist jedenfalls ein Vorschlag Kandinskys, die Leitung
der Musikschule in Weimar zu übernehmen, um der Bauhausbewegung nahe zu
sein. Dieser erreicht Schönberg im Frühjahr 1923 – zwei Jahre nachdem
er den alljährlichen Sommerurlaub hatte verlegen müssen, da im salzburgischen
Mattsee die Anwesenheit von Juden unerwünscht war, und kurz nachdem Gerüchte
ihn über angeblich antisemitische Tendenzen am Bauhaus und namentlich
Kandinskys unterrichtet hatten. Schönbergs abschlägige Antwort, mehr noch
aber seine Beweggründe, trafen Kandinsky fassungslos. Die Weitsichtigkeit
Schönbergs in diesen Briefen jedoch sollte sich in der nationalsozialistischen
Katastrophe bestätigen.
Kandinskys Weg zur Abstraktion beginnt 1908/09, in den Landschaftsbildern
etwa von Murnau und Kochel, in welchen eine kräftige Farbgebung und geometrische
Formen als strukturbildende Elemente vorherrschen, während die Notwendigkeit
traditionell naturalistischer Darstellung an Bedeutung verliert. Die ersten
»Kompositionen« und »Improvisationen« entstehen und führen schließlich
zur »Impression III (Konzert)«, die Kandinsky noch in der Nacht des geschilderten
Hörerlebnisses in München entwirft – ein Werk, in dem eine große schwarze
Fläche an den Deckel eines Konzertflügels erinnert, einige Konturen an
Publikum und Ausführende, während ein mächtig »klingendes« gelbes Plan
das Bild dominiert. Schönbergs Schritt zur freien Tonalität ist zum Zeitpunkt
der Kontaktaufnahme Kandinskys Anfang 1911 ebenso getan wie Kandinskys
Entwicklung zur abstrakten Malerei. Auch wenn – oder besser: weil – die
beiden ersten Briefe solch starke Überzeugung, ja übergroße Freude ausstrahlen,
erscheint die Erleichterung über einen interdisziplinären Weggefährten
nach jenen Neuerungen von historischer Dimension deutlich. Beide Künstler
gingen den Weg allein und aus eigener Kraft. Die weitere Entwicklung jedoch
– bei Schönberg etwa im »Pierrot lunaire« (1912), bei Kandinsky in den
späteren »Improvisationen«, »Impressionen« und »Kompositionen« sichtbar
– ist begleitet von regelmäßigen Bezeugungen der gegenseitigen Wertschätzung
und durch die Aufmunterungen des sogleich intensiven Briefwechsels, der
im Spätsommer 1911 am Starnberger See zum ersten persönlichen Treffen
führt und der in den folgenden Jahren neben Vielfältigem zu Musik und
bildender Kunst Einblick in die Gedankenwelt der im Entstehen begriffenen
theoretischen Schriften und Bühnenexperimente gibt.
Die Parallelität der künstlerischen Entwicklung reduziert sich nicht auf
das Werk von Schönberg und Kandinsky, sie ist bei den Komponisten und
Schülern der »Wiener Schule« ebenso erkennbar wie bei den Mitgliedern
des »Blauen Reiter«. Alexej von Jawlensky und Gabriele Münter verwendeten
Farbe als strukturbildendes Element, Alban Berg und Anton Webern Klangfarben
zur Variantenbildung. Analoge Verhältnisse im Bereich der Russischen Avantgarde,
zu welcher Kandinsky den Kontakt auch in der Münchener Zeit nicht abbrach,
geben Zeugnis von der länderübergreifenden »Explosion der Künste« nach
1900. Es lag daher nahe, der Begegnung Schönbergs und Kandinskys weitere
Aspekte der geistigen Verwandtschaft durch Kunstwerke wichtiger Weggefährten
zu jener Zeit zu zeigen, von Jawlensky und Münter, Berg und Webern über
Burljuk und Kulbin bis hin zu den Komponisten Roslawetz und Herschkowitz,
den Malern Ender, Filonow und Malewitsch, denen allen eines gemeinsam
ist: der Wunsch, das Empfundene unmittelbar auszudrücken.
In konzentrischen Kreisen beschreibt die am Schönberg Center gezeigte
Ausstellung die innere Verwandtschaft von Musik und Malerei, von Klangfarben
und Farbklängen, von Schönberg und Kandinsky. Als Nukleus manifestiert
sich das Treffen der beiden Männer »im Unbewußten«: im Eindruck des Münchener
Schönberg-Konzertes, in seiner Abbildung »Impression III (Konzert)« und
im sogleich tiefgreifenden ästhetischen Austausch. Die Betrachtung der
Künstlergruppe »Der Blaue Reiter« und ihrer Werke in diesem Jahrzehnt
legt eine erste »Bahn« um den Kern, weitere Werke in den Zwanzigerjahren
insbesondere Kandinskys bilden einen zweiten Ring, der die Parallelitäten
zur Entwicklung von Schönbergs Zwölftonmethode zeigt. Diesem verwandt
sind Malewitschs suprematistischer Ansatz sowie die Struktur der Russischen
Avantgardisten, welche ebenfalls interdisziplinäres Kunstverständnis und
eine Öffnung gegenüber dem »Unbewußten« charakterisiert, und bilden daher
gemeinsam mit einem Querschnitt durch Schönbergs künstlerisches Schaffen
weitere Betrachtungsebenen zum gegenständlichen Phänomen. Das vorliegende
Journal und die am Schönberg Center gezeigte Exposition wären nicht in
der Lage, die Beziehung zwischen Arnold Schönberg und Wassily Kandinsky
umfassend nachzuzeichnen, würden nicht zugleich ein Symposium (zum Thema
»Schönberg und Osteuropa«), an die zwei Dutzend Konzerte, Vorträge und
ein Workshop (in Zusammenarbeit mit dem Tschaikowsky-Konservatorium Moskau)
die »Bunte Welt« akustisch und geistig erstehen lassen.
»Dissonante Malerei« war der ursprüngliche Arbeitstitel von Journal und
Ausstellung um Schönberg und Kandinsky. Die Beiträge von Christopher Hailey
und Esther da Costa Meyer zeigen dazu Aspekte der Dissonanz in Musik und
Malerei nach der Jahrhundertwende. In eingehenden Diskussionen haben wir
uns dann doch entschlossen, jenen Titel, der den Interessierten eher auf
Konfrontationskurs bringt, nicht zum Überbegriff für die Ausstellung zu
wählen. Die nunmehr »Schönberg, Kandinsky, Blauer Reiter und die Russische
Avantgarde« benannte Ausstellung am Arnold Schönberg Center basiert auf
der Gleichzeitigkeit von Malerei und Musik. Sie erzählt von Analogien,
die Komponisten wie Maler in größtes Staunen versetzten. Aus der inneren
Notwendigkeit, sich unmittelbar auszudrücken, malten Komponisten, komponierten
Maler und beschrieben auf diese Weise, wofür Ihnen im traditionellen Wortschatz
die Begriffe fehlten. Nicht die direkte Beeinflussung eines Musikstücks
auf ein bestimmtes Bild (dies ist nur im Falle von Kandinskys »Impression
III« zweifelsfrei nachzuweisen) oder vice versa ist Hauptgegenstand der
Betrachtungen. Vielmehr verdeutlichen die ausgewählten Werke die Fähigkeit
der gezeigten Künstler, die Moderne bereits Jahre, ja Jahrzehnte vor Auflösung
und Neuordnung von Gesellschaft und Politik abzubilden. Schönbergs Postulat
von der Kunst, die dem Unbewußten gehört, scheint der Schlüssel zu sein
zur visionären Kraft der gezeigten Arbeiten und ist Aufforderung an Künstler
wie Betrachter, auch über die nächste Jahrhundertwende hinweg mit dem
gleichen Anspruch in die Zukunft zu blicken.
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