 |
|
|
|
|
|
|
|
|
Der Blaue Reiter
Vorgeschichte
In seinem Artikel Die 'Wilden‘ Deutschlands, der 1912 im Almanach
»Der Blaue Reiter" erschien, berichtet Franz Marc über drei
moderne Künstlergruppierungen: die Dresdener »Brücke",
die Berliner »Neue Sezession" und die Münchener »Neue
Künstlervereinigung": »Die ersten und einzigen ernsthaften
Vertreter der neuen Ideen waren in München zwei Russen, die seit
vielen Jahren hier lebten und in aller Stille wirkten, bis sich ihnen
einige Deutsche anschlossen. Mit der Gründung der Vereinigung begannen
dann jene schönen, seltsamen Ausstellungen, die die Verzweiflung
der Kritiker bildeten."
Die »Neue Künstlervereinigung München« wurde 1909 von Wassily
Kandinsky und Alexej von Jawlensky gegründet, bald darauf konnte
sie auf zahlreiche internationale Mitglieder sowie Künstler anderer
Sparten verweisen.
Mit ihren »schönen, seltsamen Ausstellungen« trug die Vereinigung
wesentlich dazu bei, den »Blauen Reiter« vorzubereiten. Die Ausstellungen
verliefen jedoch intern nicht problemlos: spätestens seit dem Frühjahr
1911 kam es zu Spannungen zwischen zwei Gruppen: einerseits um Adolf Erbslöh,
andererseits um Kandinsky. Am 2. Dezember 1911 brach die »Neue Künstlervereinigung«
auseinander: konkreter Anlaß war die Weigerung der Jury, Kandinskys
Komposition V auszustellen. Dies hatte den Austritt Kandinskys
zufolge, Kandinskys Lebensgefährtin Gabriele Münter, Franz Marc,
Alfred Kubin, Thomas von Hartmann und Henri Le Fauconnier zeigten sich
solidarisch.
Idee zum Almanach
»Kandinsky und ich sind [...] aus dem Verein ausgetreten [...]
Nun heißt's zu zweit weiterkämpfen! Die 'Redaktion des Blauen
Reiters' wird jetzt der Ausgangspunkt von neuen Ausstellungen. [...]
Wir werden suchen, das Zentrum der modernen Bewegung zu werden.«
(Marc an seinen Bruder, 3. Dezember 1911)
Die erste Ausstellung der Redaktion des »Blauen Reiters« wurde am 18.
Dezember 1911 in der Galerie
Thannhauser in München eröffnet. Mehrere deutsche Städte
zeigten die Ausstellung im folgenden. Die zweite Ausstellung des »Blauen
Reiters« (Graphik und Aquarelle), fand im März 1912 in der Kunsthandlung
Goltz statt. Im Mai 1912 erschien der Almanach »Der Blaue Reiter«. Die
Idee zur Herausgabe eines Jahrbuchs entstand im Juni 1911. Bereits im
ersten Brief, in dem Kandinsky Marc »einweiht«, manifestieren sich grundlegende
Charakteristika: »Nun! ich habe einen neuen Plan. Piper muß Verlag
besorgen und wir beide [...] die Redakteure sein. Eine Art Almanach
(Jahres=) mit Reproduktionen und Artikeln und Chronik!! d.h. Berichte
über Ausstellungen=Kritik [...] nur von Künstlern stammend.
[...] Da bringen wir einen Ägypter neben einem kleinen Zeh
[Namen zweier Kinder], einen Chinesen neben Rousseau, ein Volksblatt
neben Picasso u. drgl. noch viel mehr! Allmählich kriegen wir Litteraten
und Musiker. [...] Sprechen Sie nicht darüber. Oder nur dann,
wenn es direkt uns nutzen kann. In solchen Fällen ist 'Diskretion'
sehr wichtig.« (19. Juni 1911)
Als Titel für den Almanach wurde zunächst »Die Kette« erwogen,
im Sommer 1911 entschied man sich dann für »Der Blaue Reiter«. Kandinsky
berichtete 1930 rückblickend: »Den Namen 'Der Blaue Reiter' erfanden
wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf; beide liebten wir
Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.« Über
den symbolischen Gehalt des Titels wurde in der Sekundärliteratur
oft diskutiert: besonders in Kandinskys »Umbruchsphase« um 1910 sind oft
Reiter und Ritter zu sehen, chiffriert bis 1914. Der »Blaue Reiter« synthetisiert
den Heilige Georg und den Heiligen Martin zu einem Bezwinger des Materiellen
und Ungeistigen; im Almanach sind entsprechend viele Ritterbilder verschiedenster
Zeiten zu finden.
Schönberg und der Almanach
Der Sommer 1911 war der weiteren Planung vorbehalten, zahlreiche Kontakte
wurden geknüpft. Am 1. September schrieb Kandinsky an Marc: »Über
die italienische musikalische Bewegung haben wir etwas Material in dem
Manifest der 'Futuristi', welches mir zugeschickt wurde. Schönberg
muß über deutsche Musik schreiben. [...] Etwas
Noten sollen auch drin sein. Schönberg hat ja z.B. Lieder.«
Die Redaktionssitzungen fanden bei Kandinsky in Murnau und bei Marc
in Sindelsdorf statt, dann auch in München. Kandinsky arbeitete in
dieser Zeit außer am Konzept an der Bühnenkomposition Der
gelbe Klang und ihrer theoretischen Begründung, dem Essay
Über Bühnenkomposition.
Während dieser Planungsphase hielt sich auch Arnold Schönberg
in der Nähe, in Berg am Starnberger See, auf und traf mit den beiden
Herausgebern Kandinsky und Marc zusammen. Er dürfte also als »Eingeweihter«
über die Ideen der »Blauen Reiter«-Redaktion weitgehend
unterrichtet gewesen sein. In seinen Briefen berichtet Kandinsky immer
wieder von der Arbeit, gezielt wollte er Schönberg mit Marc zusammenbringen,
ja sogar zu einer bereits mit Marc verabredeten Redaktionssitzung mitnehmen:
»Nächsten Morgen (natürlich!! wenn Sie dazu Lust haben)
gehen wir zu Fuß nach Sindelsdorf in der Kochelseegegend, wo mein
guter Freund Franz Marc (Maler) und seine Frau leben, die sich sehr
für Sie interessieren.« (25.
August 1911) Franz Marc berichtete dem Verleger Piper bereits vorab:
»Als engere Mitarbeiter haben wir Arnold Schönberg (der
diesen Mittwoch nach Murnau kommt und uns seine Beiträge zugesichert
hat) ...« (10. September 1911)
Am 14. September traf man sich mit Marc in Murnau, Ende September kam
aus Murnau ein Brief, unterzeichnet von Maria Marc, Elisabeth und August
Macke, Gabriele Münter und Kandinsky: »Lieber Herr Schönberg,
am dritten Tag der Arbeit am 'Blauen Reiter' denken wir wieder, wie es
fein wäre, wenn wir alle mal zusammen – wenn auch kurz – sein könnten.«
Auch zur aktiven Mitarbeit wurde Schönberg (wiederholt) aufgefordert:
»Die blaue Reiterei stürmt voran. Ein Haufen Arbeiten. Es soll
mit dem Druck angefangen werden, helfen Sie! Stürmen Sie mit, damit
das Ziel erreicht wird.« (Gabriele
Münter, 27. September 1911)
Schönberg hatte allerdings mit anderen Problemen zu kämpfen:
der Aufenthalt in Berg war für ihn eine Art »Exil« – in einem Brief
an Ferruccio Busoni (29. August 1911) berichtete er über die näheren
Umstände:
»Ein mit mir im selben Hause in Wien wohnender Unmensch, der zweifellos
wahnsinnig ist [...] bildet sich ein, daß er mich umbringen
muß. Was er als Grund für seine Wut angiebt sind Lügen,
aber selbst als solche belanglos, daß sie diese Wut, die mir nach
dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet ist. Der Gefahr entweder
selbst umgebracht, oder wegen Überschreitung der Notwehr eingesperrt
zu werden [...] mußte ich [...] am 4. August mich
durch Flucht mit meiner Familie vorläufig entziehen. Deshalb kam
ich hierher. Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den Advokaten
inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe aber nach mehreren hin und her
= Schreibereien, daß ich keine Aussicht habe mir den zweifellos
Tobsüchtigen, der einstweilen noch weiter tobt !!! vom Halse zu schaffen.
So kann ich nicht nach Wien zurück !!«
Im Herbst 1911 mußte Schönberg also vor allem seinen Umzug
und eine neue Existenzgrundlage in Berlin organisieren. Sein Interesse
an einer aktiveren Mitarbeit am Almanach scheint deshalb nicht groß
gewesen zu sein. Ein Brief vom November 1911 an Kandinsky klingt eher
neutral: »auf den 'blauen Reiter' bin ich schon sehr neugierig. Wann
erscheint er endlich? Oder sind Sie noch nicht so weit? Ihnen einen Aufsatz
für die zweite Nummer zu schreiben, fand ich noch immer nicht Zeit.«
(Brief vom 11. November
1911)
Im Sommer 1911 wurde das Inhaltsverzeichnis des Almanachs mehrfach umgestellt.
So war Schönberg im »provisorischen Inhaltsverzeichnis« [Seite 1
2]vom
September 1911 mit einem Essay Neue Musik im Musikteil und einem
Text Über »Glückliche Hand« im Bühnenteil vertreten.
In diesem Verzeichnis ist auch schon Kandinskys Über
Bühnenkomposition erwähnt, der dann als Einleitung zum
Gelben Klang abgedruckt wurde.
In einer etwas später publizierten Verlagsanzeige [Seite 1
2]
vom Oktober 1911 ist Schönberg mit einem Text Die Stilfrage
verzeichnet. Zeitweilig war ein Beitrag Schönbergs überhaupt
in Frage gestellt, Kandinsky mußte wiederholt darauf drängen:
»Nun, der Blaue Reiter! Der erscheint ja erst Mitte Januar, vielleicht
sogar Ende. Und deshalb haben Sie noch einen sehr guten Monat für
Ihren Artikel. Erste No. ohne Schönberg! Nein, das will ich
nicht.« (16. November
1911)
Letztendlich schickte Schönberg kurz vor Redaktionsschluß sein
Essay Das Verhältnis zum
Text und die Komposition Herzgewächse
op. 20.
Der
Almanach
Der Almanach erschien im Mai 1912 im Verlag Piper in München; er
umfaßte 19 Artikel,
141 Reproduktionen und drei Musikbeilagen. Kandinsky war mit den Essays
Über die Formfrage und Über
Bühnenkomposition und der Bühnenkomposition Der
gelbe Klang vertreten; Schönberg lieferte nach vielen
unterschiedlichen Überlegungen – z.B. erwog er die Umarbeitung eines
seiner Vorträge am Stern'schen Konservatorium in Berlin – den Artikel
Das Verhältnis zum Text.
Als Illustrationen waren alte deutsche Holzschnitte, bayerische Glasbilder,
afrikanische und asiatische Kunst, Bilder von Cezanne, van Gogh, Rousseau,
Picasso, Delaunay, Macke, Kubin, Klee, Münter, Kirchner, Heckel,
Pechstein, Nolde, Kokoschka, Arp, Matisse, Le Fauconnier, Marc und Schönberg
eingefügt. Von den vier Bildern Schönbergs, die in der Ausstellung
zum „Blauen Reiter» hingen, waren das Selbstportrait
und das Gehende
Selbstportrait abgebildet, beide in unmittelbarer Nähe zu
Texten von Kandinsky.
Weiterhin war Schönbergs Komposition Herzgewächse
op. 20 (für Sopran, Harmonium, Celesta und Harfe, nach einem
Text von Maurice Maeterlinck) vertreten, seine ehemaligen Schüler
Anton Webern und Alban Berg mit zwei Liedern (Ihr tratet zu dem herde
nach einem Text von Stefan George bzw. Warm die Lüfte nach
einem Text von Alfred Mombert).
Weitere Projekte
Wie auch aus der Kandinsky-Schönberg-Korrespondenz hervorgeht, waren
weitere Bände der »Blauen Reiter«-Redaktion von Anfang
an geplant, wurden aber nie realisiert. Neben anderen Plänen wurde
1914 zusammen mit Hugo Ball (Dramaturg an den Münchener Kammerspielen)
ein Projekt zum expressionistischen Theater in Angriff genommen. In Zusammenarbeit
mit Kandinsky, Marc, Hartmann und Fokine sollte ein Buch mit dem Titel
Das neue Theater entstehen.
»Es handelte sich darum, ein Repertoire aufzustellen, das zugleich
in die Zukunft und in die Gegenwart wies, Stücke zu finden, die nicht
nur 'Drama' wären, sondern den Geburtsgrund alles dramatischen
Lebens darstellten und sich so aus der Wurzel heraus zugleich in Tanz,
Farbe, Mimus, Musik und Wort entlüden. Den Schwerpunkt legte man
dabei auf das Wort 'Entladung', womit sich die Herkunft der Idee aus Kreisen
des Expressionismus signiert.«
(Hugo Ball) Auch an eine Mitwirkung Schönbergs wurde gedacht, Marc
bat in einem Brief Kandinsky: »Schreiben Sie mir doch bitte baldmöglichst
die jetzige Adresse von Schönberg. Die Theatersache begeistert mich
sehr. [...] Ich hoffe dafür von Schönberg oder wahrscheinlich
natürlich von Webern oder Alban Berg Musik zu bekommen.« (9.
April 1914)
In einem langen Brief unterrichtete Marc Schönberg
über die Ziele des Projektes, wobei er auch die Aufführung der
Glücklichen Hand in Aussicht stellte: »Wir hoffen
ja, vor allem die wenigen neuen Stücke (der gelbe Klang, Kokoschka,
'die glückliche Hand', Claudel, Russisches u. dgl.) zu geben; solche
Aufführungen sollen in der Broschüre schon vorbereitet werden.
Das Drama von heute ist noch nicht geschrieben. [...] Sie treffen
den Sinn, indem ich dies verstehe, mit Ihrer Bemerkung ('glückl.
Hand): die Scene soll nicht die Nachahmung des Naturbildes sein, sondern
eine freie Kombination von Farben, die der Stimmung entsprechen.' von
Farben und Formen! Im Geiste unserer Bilder und unseres ganzen, dem Abstrakten
zugewandten Denkens. [...] Können Sie sich dazu Ihre freudige
Mitarbeit nicht denken?« (o.D. [April / Mai1914])
Marc selbst wollte Shakespeares Sturm inszenieren,
wozu er den Komponisten einlud; Details sollten während Schönbergs
Bayern-Urlaub im Sommer 1914 besprochen werden.
Die Realisation des Projektes, bei dem möglicherweise
eine direkte künstlerische Bühnenkooperation der beiden »Blauen
Reiter«-Redakteure Kandinsky und Marc mit Schönberg zustande
gekommen wäre, scheiterte allerdings am Ausbruch des I. Weltkrieges.
Texte aus dem Almanach:
Arnold Schönberg:
Das Verhältnis zum Text
Wassily Kandinsky:
Über Bühnenkomposition
Wassily Kandinsky:
Der gelbe Klang
Abbildungen und Musik aus dem Almanach:
Arnold Schönberg:
Gehendes
Selbstportrait
Arnold Schönberg:
Selbstportrait
Arnold Schönberg:
Herzgewächse op. 20
Anton Webern:
Ihr tratet zu dem herde
Alban Berg:
Warm die Lüfte
|