Die Trennung – 1923

Vier Jahre nach dem Ende des I. Weltkrieges war es erneut Kandinsky, der den brieflichen Kontakt zu Schönberg wieder aufnahm. Nach längerem Aufenthalt in Rußland war Kandinsky zusammen mit seiner Frau Nina über Berlin nach Deutschland zurückgekehrt – enttäuscht, Schönberg, der inzwischen nach Wien, dann nach Mödling übersiedelt war, nicht mehr dort anzutreffen. Beide berichteten einander in den ersten Briefen über die vergangenen Jahre und über laufende Tätigkeiten.
Kandinsky war 1922 an das Weimarer Bauhaus berufen worden, im April 1923 lud er auch Schönberg zur Mitarbeit ein: »Dafür sind aber außer unserem engen Kreis hochstehende Kräfte notwendig. Wie oft sagte ich mir: 'wenn doch Schönberg da wäre!' Und denken Sie sich, jetzt könnte er vielleicht kommen, da sich hier ein Kreis mit gewissem Einfluß auf die notwendigen Stellen gebildet hat. Vielleicht hängt die Entscheidung nur von Ihnen ab. Im Vertrauen: die hiesige Musikschule soll einen neuen Leiter bekommen. Und da dachten wir gleich an Sie. Schreiben Sie mir doch möglichst gleich, ob Sie nur im Prinzip einverstanden wären.«  (15. April 1923)

Schönbergs Antwortbrief – im Gegensatz zu den vorherigen Briefen – ist ernüchternd:
»Lieber Herr Kandinsky, wenn ich Ihren Brief vor einem Jahr bekommen hätte, würde ich alle meine Grundsätze fallen haben lassen, hätte auf die Aussicht, endlich komponieren zu dürfen, verzichtet, und hätte mich, den Kopf voran, in das Abenteuer gestürzt. [...] was ich im letzten Jahre zu lernen gezwungen wurde, habe ich nun endlich kapiert und werde es nicht wieder vergessen. Daß ich nämlich kein Deutscher, kein Europäer, ja vielleicht kaum ein Mensch bin (wenigstens ziehen die Europäer die schlechtesten ihrer Rasse mir vor), sondern, daß ich Jude bin.
Ich bin damit zufrieden! Heute wünsche ich mir gar nicht mehr eine Ausnahme zu machen; ich habe gar nichts dagegen, daß man mich mit allen andern in einen Topf wirft. Denn ich habe gesehen, daß auf der Gegenseite (die ja für mich nicht weiter vorbildlich ist) auch alles in einem Topf ist. Ich habe gesehen, daß einer, mit dem ich gleiches Niveau zu haben glaubte, die Gemeinschaft des Topfes aufgesucht hat; ich habe gehört, daß auch ein Kandinsky in den Handlungen der Juden nur Schlechtes und in ihren schlechten Handlungen nur das Jüdische sieht, und da gebe ich die Hoffnung auf Verständigung auf. Es war ein Traum. Wir sind zweierlei Menschen. Definitiv!« (19. April 1923)

Kandinsky war über den Vorwurf des Antisemitismus' schockiert:
»Lieber Herr Schönberg, ich habe gestern Ihren Brief bekommen, der mich außerordentlich erschüttert und gekränkt hat. Nie hätte ich früher annehmen können, daß wir – gerade wir – uns so schreiben können. Ich weiß nicht, wer und warum jemand Interesse hatte, unsere, wie ich sicher dachte, feste, rein menschliche Beziehungen zu erschüttern und vielleicht definitiv zu vernichten. Sie schreiben 'definitiv!' Wem soll es nutzen?« (24. April 1923)

Schönbergs nun folgender Brief zeigt, wie tief der Komponist über die angebliche Gesinnung des Freundes enttäuscht war; beweist aber auch eine erstaunliche Weitsicht:
»So schreibe ich Ihnen, weil Sie schreiben, daß mein Brief Sie erschüttert habe. Das habe ich von Kandinsky erhofft, obwohl ich noch nicht den hundertsten Teil dessen gesagt habe, was die Phantasie eines Kandinsky ihm vor Augen führen muß, wenn er mein Kandinsky sein soll! Weil ich noch nicht gesagt habe, daß ich zum Beispiel, wenn ich auf der Gasse gehe und von jedem Menschen angeschaut werde, ob ich ein Jud oder ein Christ bin, weil ich da nicht jedem sagen kann, daß ich derjenige bin, den der Kandinsky und einige andere ausnehmen, während allerdings der Hitler dieser Meinung nicht ist. Wobei mir dann selbst diese Wohlmeinung nicht viel nützte, selbst wenn ich sie, wie die blinden Bettler, auf eine Tafel schreiben und auf die Brust heften wollte, daß sie jeder lesen kann. Hat ein Kandinsky das nicht zu bedenken? Hat ein Kandinsky nicht zu ahnen, was wirklich passiert ist, daß ich meinen ersten Arbeitssommer nach 5 Jahren unterbrechen mußte, den Ort verlassen, an dem ich Ruhe zur Arbeit gesucht hatte, und die Ruhe dazu nicht mehr zu finden imstande sein konnte? Weil die Deutschen keinen Juden dulden! [...] Sie werden es einen bedauerlichen Einzelfall nennen, wenn auch ich durch die Folgen der antisemitischen Bewegung getroffen bin. [...] Aber es ist kein Einzelfall, nämlich nichts Zufälliges. Sondern es ist ganz planmäßig, daß ich, nachdem ich erst auf dem landesüblichen Weg nicht geachtet wurde, nun noch einen Umweg durch die Politik zu machen habe. Natürlich: diese Leute, denen meine Musik und meine Gedanken unbequem waren, die konnten sich nur freuen, daß jetzt eine Möglichkeit mehr gezeigt wird, mich einstweilen los zu werden.« (4. Mai 1923) Der plötzliche Stimmungswechsel war für Kandinsky unerklärlich, wie Nina Kandinsky berichtet:
»Kandinsky war erschüttert. Er wußte überhaupt nicht, auf was Schönberg diese Unterstellung zurückführte, und befürchtete, Schönberg leide unter Verfolgungswahn.«

Noch im Brief vom Sommer 1922 hatte Schönberg in einem Brief an Kandinsky bekannt:
»Wenn man von seinen Arbeiten her gewöhnt war, durch einen eventuell gewaltigen Denkakt alle Schwierigkeiten hinwegzuräumen und sich in diesen 8 Jahren vor stets neuen Schwierigkeiten gesehen hat, denen gegenüber alles Denken, alle Erfindung, alle Energie, alle Idee ohnmächtig war, so bedeutet das für einen, der alles nur für Idee gehalten hat, den Zusammenbruch, sofern er nicht auf einen anderen höheren Glauben immer mehr sich gestützt hat. Was ich meine, würde Ihnen am besten meine Dichtung 'Jakobsleiter' (ein Oratorium) sagen: ich meine – wenn auch ohne alle organisatorischen Fesseln – die Religion. Mir war sie in diesen Jahren meine einzige Stütze – es sei das hier zum erstenmal gesagt.« (20. Juli 1922)

Sensibilisiert auf seine Herkunft als assimilierter Jude wurde Schönberg im Sommer 1921 durch ein Ereignis im salzburgischen Ferienort Mattsee, als die dortige Gemeindeverwaltung alle Juden aufforderte, den Ort zu verlassen. Dazu kam ein Gerücht über antisemitische Tendenzen am Bauhaus, das von Alma Mahler in Wien verbreitet wurde. Die Situationsbeschreibung von Nina Kandinsky mag auf sehr subjektiven Ansichten beruhen:
»Da Kandinsky Alma Mahler nicht den Hof machte, sann sie auf Rache. Offenbar war sie so enttäuscht, daß sie zwischen Schönberg und Kandinsky eine verhängnisvolle Intrige spann. Sie wußte, daß Kandinsky und Schönberg gut miteinander befreundet waren. Eines Tages ging sie zu Schönberg und sagte ihm: 'Kandinsky ist Antisemit.'
Alma Mahler fand bei ihm leider offene Ohren, denn Schönberg hatte immer das Gefühl, als Jude zum Mißerfolg verurteilt zu sein. Er war der Ansicht, sein Judentum versperre ihm jede Karriere als erfolgreicher Komponist. Es muß ihn tief getroffen haben, jetzt einen seiner engsten Freunde im Lager der Antisemiten zu wissen. [...] Kandinsky ging zu Gropius und zeigte ihm den Brief [von Schönberg, 19. April 1923]. Gropius wurde blaß und sagte spontan: 'Das ist Alma.'«

Bestätigt wird dieser Bericht durch eine Korrespondenz zwischen Alma Mahler und Schönberg: Gropius forderte von Alma Mahler Rechenschaft, die sich daraufhin – scheinbar von den Konsequenzen ihrer Intrige erschreckt – an Schönberg wandte:
»Und da kommt heute ein Brief von Gropius und die Copie des Deinen und alle sind verzweifelt und fordern von mir die Wahrheit. Nun werde ich selbstverständlich zugeben, dass ich das damalige Gespräch mit Kandinsky Dir auf Dein Befragen mitgeteilt habe – bitte Dich aber zuvor noch um eine Post – ob und wie ich dies tun soll. Dein Brief an K.[andinsky] ist wohl sehr hart.
Aber andererseits tut es diesen Ariern schon gut – wenn sie einmal an einen Menschen kommen, der sich nichts gefallen lässt. [...] Bei all dem für mich Peinlichen der Situation – gönne ich ihnen die Lection doch. Nur bitte ich Dich – bleibe nicht unerbittlich, denn Kandinsky liebt Dich und Gropius verehrt Dich.« (o.D. [Anfang Mai 1923])

Schönberg antwortete:
»Ich bin der Meinung, dass du Kandinsky und Gropius nicht sagen solltest, dass ich durch dich erfahren habe wessen geistige Brüder sie heute sind. Es wäre das bequemste für beide: statt ein Schuldbekenntnis abzulegen, eine Anklage zu erheben; gegen dich! Wer Unrecht hat, sucht eine Gelegenheit zu schreien; gieb ihnen nicht! Sie sollen stammeln und in Hinkunft nur Dinge sagen, die jedermann, und insbesondere ich, erfahren darf.
Dazu kommt, dass ich vielleicht wirklich auch ohne dich hätte erfahren können, was in Weimar gedacht wird. Ich habe fünf Bekannte dort! Aber ich erfahre auf anderen Wegen alles, was gedacht wird! Vielleicht weiss ich das gar nicht durch dich, sondern durch meine drahtlosen Beziehungen! Ich würde Ihnen schreiben:
'Ich weis[s] von dem Brief den Sch. an Kand. geschrieben hat! Warum fragt ihr, ob ich ihm davon erzählt habe? Wolltet ihr euch verkriechen? Fürchtet ihr Schönberg, der der ohnmächtigste Mensch ist den es geben kann, weil er sich nie rächen wol[l]te? Glaubt ihr dass eine solche Meinung, wie ihr sie habt, sich geheimhalten lässt? Sch. hat nicht nötig, durch mich erst zu erfahren, was ihr denkt: würde er es nicht erraten, so trüge es ihm jeder Wind zu.'
Du kennst offenbar meinen ersten Brief bloss, den zweiten aber nicht. Dieser ist gewiss noch weit stärker, als der erste aber er schliesst die Möglichkeit einer Versöhnung nicht aus.« 
(11. Mai [192]3)

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