Korrespondenz Arnold Schönberg – Wassily Kandinsky

W. Kandinsky
Ainmillerstr. 36, 1
München
18. 1. 1911

Sehr geehrter Herr Professor!

Entschuldigen Sie bitte, daß ich ohne das Vergnügen zu haben Sie persönlich zu kennen einfach an Sie schreibe. Ich habe eben Ihr Concert hier gehört und habe viel wirkliche Freude daran gehabt. Sie kennen mich, d.h. meine Arbeiten natürlich nicht, da ich überhaupt nicht viel ausstelle und in Wien nur flüchtig und schon vor Jahren ein Mal ausgestellt habe (Secession). Unsere Bestrebungen aber und die ganze Denk- und Gefühlsweise haben so viel Gemeinsames, daß ich mich ganz berechtigt fühle, Ihnen meine Sympathie auszusprechen.
Sie haben in Ihren Werken das verwirklicht, wonach ich in freilich unbestimmter Form in der Musik so eine große Sehnsucht hatte. Das selbstständige Gehen durch eigene Schicksale, das eigene Leben der einzelnen Stimmen in Ihren Compositionen ist gerade das, was auch ich in malerischer Form zu finden versuche. Es ist momentan in der Malerei eine große Neigung, auf construktivem Wege die "neue" Harmonie zu finden, wobei das Rhythmische auf einer beinahe geometrischen Form gebaut wird. Auf diesem Wege kommt mein Mitfühlen und Mitstreben nur halb mit. Construktion ist das, was der Malerei der letzteren Zeiten so fast hoffnungslos fehlte. Und das ist gut, daß sie gesucht wird. Nur denke ich über die Art der Construktion anders.
 
 

Ich finde eben, daß unsere heutige Harmonie nicht auf dem "geometrischen" Wege zu finden ist, sondern auf dem direkt antigeometrischen, antilogischen. Und dieser Weg ist der der "Dissonanzen in der Kunst["], also auch in der Malerei ebenso, wie in der Musik. Und die "heutige" malerische und musikalische Dissonanz ist nichts als die Consonanz von "morgen". (Dabei ist selbstverständlich das so zu sagen akademisch-"harmonische" nicht prinzipiell auszuschließen: man nimmt das, was man braucht, ohne sich zu kümmern, wo man es nimmt. Und gerade "heute", zu Zeiten des kommenden "Liberalismus", sind so viele Möglichkeiten vorhanden!)
Es hat mich unendlich gefreut den selben Gedanken bei Ihnen zu finden. Nur eins tut mir leid: ich habe die 2 letzten Sätze in Ihrem Programm (Plakat) nicht verstanden. Trotz wiederholter Bemühung konnte ich nicht zu einer ganz genauen Erklärung kommen.
Ich erlaube mir Ihnen eine Mappe von mir zu schicken (die Holzschnitte sind beinahe 3 Jahre alt) und diesem Brief lege ich ein paar Photos bei nach den vorletzten Bildern. Von der letzten Zeit habe ich noch keine. Ich würde mich sehr freuen, wenn diese Sachen Sie interessieren würden.
Mit lebhafter Sympathie und aufrichtiger Hochachtung
Kandinsky

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Arnold Schönberg
Wien XIII
Hietzinger Hauptstraße 113
24. 1. 1911

Sehr geehrter Herr, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihren Brief. Ich habe mich außerordentlich gefreut. Es ist meinen Werken vorläufig versagt, die Massen zu gewinnen. Umso sicherer erobern sie sich die Einzelnen. Jene wirklich wertvollen Einzelnen, auf die es mir allein ankommt. Und ich freue mich außerordentlich, wenn es ein Künstler ist, in einer andern Kunst schaffend, als ich, der Beziehungen zu mir findet. Es giebt sicher unter den Besten, die heute streben, solche unbekannten Beziehungen, Gemeinsamkeiten, die wohl nicht zufällig sind. Ich bin stolz darauf, solchen Sympathiebezeugungen öfter bei den besten begegnet zu sein.
Nun aber vor Allem: herzlichen Dank für die Bilder. Die Mappe hat mir außerordentlich gefallen. Ich verstehe das vollkommen und bin sicher, daß wir uns da begegnen. Und zwar in dem wichtigsten. In dem[,] was Sie das "Unlogische" nennen und das ich "Ausschaltung des bewußten Willens in der Kunst" nenne. Auch was Sie über das konstruktive Element schreiben, glaube ich. Jede Formung, die traditionelle Wirkungen anstrebt, ist nicht ganz frei von Bewußtseins-Akten. Und die Kunst gehört aber dem Unbewußten! Man soll sich ausdrücken! Sich unmittelbar ausdrücken! Nicht aber seinen Geschmack, oder seine Erziehung oder seinen Verstand, sein Wissen, sein Können. Nicht alle diese nichtangeborenen Eigenschaften. Sondern die angeborenen, die triebhaften. Und alles Formen, alles bewußte Formen, spielt mit irgendeiner Mathematik, oder Geometrie, mit dem goldenen Schnitt und dergleichen. Das unbewußte Formen aber, das die Gleichung: "Form = Erscheinungsform" setzt, das allein schafft wirklich Formen; das allein bringt jene Vorbilder hervor, die von den Unoriginellen nachgeahmt und zu "Formeln" werden. Aber, wer imstande ist, sich zu hören, seine eigenen Triebe zu erkennen, sich auch denkend selbst in jedes Problem zu vertiefen, hat solche Krücke nicht nötig. Man muß kein Bahnbrecher sein, wenn man so schaffen will, nur ein Mensch, der sich ernst nimmt; Und der damit ernst nimmt, was die wirkliche Aufgabe der Menschheit auf jedem geistigen oder künstlerischen Gebiet ist: zu erkennen, und auszudrücken, was man erkannt hat!!! Das ist mein Glaube!
Ich danke Ihnen nochmals sehr für die Bilder. Wie gesagt: die Mappe hat mir sehr sehr gefallen. Die Photografien verstehe ich einstweilen weniger. Das müßte man wohl in der Farbe sehen. Und deshalb zögere ich, Ihnen ein paar Fotografien von meinen Bildern zu schicken. Sie wissen vielleicht nicht, daß ich auch male. Aber mir kommt es so sehr auf die Farbe (nicht auf die "schöne" Farbe, sondern auf die ausdrucksvolle, im Zusammenklang ausdrucksvolle) Farbe an, daß ich nicht weiß, ob jemand etwas davon hat, der die Reproduktionen sieht. Freunde glauben zwar daran, aber ich bin unsicher. Nur wenn es Sie interessiert, schicke [ich] Ihnen einiges. Obwohl ich ganz anders male, werden Sie doch Berührungspunkte finden. Ich finde wenigstens solche in den Photografien. Vor allem darin, daß Sie scheinbar sehr wenig gegenständlich sind. Ich kann auch nicht glauben, daß die Malerei unbedingt gegenständlich sein muß. Ich glaube sogar bestimmt das Gegentheil. Wenn die Fantasie uns trotzdem Gegenständliches eingiebt, dann, meinetwegen. Das mag ja daher kommen, daß wir mit dem Auge nur Gegenständliches aufnehmen. Worin das Ohr besser dran ist! Aber wenn der Künstler einmal dahin gelangt, in den Rhythmen und Tonwerten nur den Ausdruck innerer Vorgänge, innerer Bilder zu wünschen, dann hat das "Objekt der Malerei" aufgehört bloß dem reproduzierenden Auge anzugehören.
Es tut mir sehr leid, daß ich nicht in München war. Vielleicht hätten wir uns dann kennen gelernt. Jedenfalls wird das einmal geschehen. Entweder, wenn ich nach München oder, wenn Sie nach Wien kommen. Ich denke, wir hätten einander manches zu sagen. Ich freue mich darauf und hoffe bald von Ihnen zu hören. Bis dahin begrüße ich aufs herzlichste
Arnold Schönberg

Richtig: ich habe das Plakat nicht bei der Hand, kann es nicht finden. Deshalb weiß ich auch nicht, um welchen Satz es sich handelt. –  Diese Sätze wurden vom Conzertbureau Gutman o h n e mein Wissen auf das Plakat gesetzt. Mir ist solche Reklame unerwünscht und unsympathisch. Aber ich konnte nichts mehr dagegen tun, als dem Bureau Vorwürfe machen. Wozu ich nicht einmal das Recht hatte. Denn der Abend war von diesem Bureau (und ich bin ihm sonst sehr dankbar dafür) auf dessen eigene Rechnung arrangiert. Ich hatte also gar keinen Einfluß darauf.
Die Sätze sind einem (im Oktoberheft der "Musik" erschienenen) Aufsatz "Kapitel aus meiner Harmonielehre" entnommen.
Sch.


W. Kandinsky
Murnau
Oberbayern
26. 1. 11
 

Sehr geehrter Herr Professor!

Sie haben mir große Freude mit Ihrem Brief bereitet. Ich danke Ihnen bestens und freue mich sehr auf die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen. Über manches (z. B. bewußte – unbewußte Arbeit) habe ich oft hin und her gedacht. Im Grunde bin ich mit Ihrer Ansicht einverstanden. D. h. wenn man schon bei der Arbeit ist, so sollen keine Gedanken kommen, sondern die innere "Stimme" soll allein reden und lenken. Nur hat bis jetzt gerade der Maler überhaupt zu wenig gedacht. Er faßte seine Arbeit auf als eine Art koloristische Equilibristik. Der Maler soll aber (und gerade um sich ausdrücken zu können) sein ganzes Material kennen lernen und sein Gefühl insofern üben, daß er weiß und bei dem Unterschiede zwischen = und [kleine Skizze] seelisch bebt! Das ist eben Inneres Wissen. Dann kann auch gebaut, construirt werden und es kommt keine Geometrie dabei heraus –‚ sondern Kunst. Es freut mich sehr, daß Sie von Sicherkennen sprechen. Das ist die Wurzel der "neuen" Kunst, der Kunst überhaupt, die nie neu ist, sondern nur in eine neue Phasis einzutreten hat – "Heute"!
Es würde mich sehr freuen, von Ihnen einige Photos zu bekommen. Tatsächlich werde ich mich auch ohne Farben auskennen. Es ist so eine Art von einem Clavierauszug – ein solches Photo. Schon im voraus bedanke ich mich sehr für diese Sendung.
Jetzt kommt noch eine für mich sehr wichtige Frage. Es wird bald in Rußland der 2te Wander-"Salon" beginnen. Es ist eine internationale Kunstausstellung, die durch die Hauptstädte Rußlands gefahren wird und ist der "neuen" Kunst gewidmet. Der Veranstalter, Herr Ev. v. Isdebsky, Bildhauer, ist mein guter Freund. Er bat mich, ihm wie gewöhnlich in dieser Veranstaltung behilflich zu sein und u. a. ihm besonders gute und interessante Artikel über Kunst (jede, also auch Musik) zu empfehlen, od. entsprechende Autoren zu nennen. Gestern bekam ich den Brief und habe sofort auch von Ihnen geschrieben. Da es sehr mit der Sache eilt, so habe ich mir erlaubt, mir ein paar Hefte der "Musik" zu bestellen, um eins davon sofort an Isdebsky zu schicken. Wenn Sie etwas gegen diese Benützung Ihres Artikels haben, so schreiben Sie mir bitte umgehend, damit ich die Übersetzung noch rückgängig machen kann. Ich hoffe aber sehr, daß Sie uns die Erlaubnis nicht entziehen werden! Der Katalog soll eine Art einer Kunstzeitschrift werden und wird von vielen Menschen mit großem Interesse gelesen. Das ganze Unternehmen ist wirklich jeder Unterstützung werth. Es ist für mich immer eine sehr große Freude, wenn Künstler verschiedener Länder an einer Sache gemeinsam arbeiten. So ein Nichtachten der politischen Grenzen ist von feiner Wirkung und wird noch reiche Früchte bringen.
Mit Gefühlen der Sympathie und Hochachtung
Kandinsky.

Momentan bin ich auf dem Lande. In zwei Tagen aber wieder in München.


W. Kandinsky
Ainmillerstr. 36, I
München
6. 2. 11
 

Sehr geehrter Herr Professor!

Vielen Dank für die Sendung. Es tut mir sehr leid, daß ich das Album wieder zurücksenden muß. Aber Sie erlauben doch, daß ich es 10 – 14 Tage bei mir behalte? Ich bin direkt begeistert für Ihre Bilder: eine natürliche Notwendigkeit und ein feines Gefühl sind ihre Quelle. Ich ahne schon lange, daß unsere doch große Zeit nicht eine, sondern viele Möglichkeiten bringen wird. In einer Schrift, die manchen gut gefällt, die aber noch kein Verleger bei mir abnehmen wollte, spreche ich u. a. davon, daß in der Malerei die Möglichkeiten so reich werden können, daß sie nicht nur beide extremsten Grenzen berühren wird, sondern beinahe überschreiten. Und diese weit, weit voneinanderstehenden Grenzen ( = 2 Polen) sind: volle Abstraktion und die reinste Realistik. Ich für meine Person neige immer mehr und mehr zur ersten. Die zweite aber ist mir ebenso willkommen. Und auf das Erscheinen der zweiten warte ich mit Ungeduld. Ich meine: es kommt morgen! Nun, gerade in Ihren Bildern spüre ich gerade das Reale so besonders stark. Diese Realistik ist natürlich der schon überstandenen in keiner Weise gleich. Und innerlich – entgegengesetzt: da war res = Zweck, hier – Mittel. Und ist das Mittel nicht gleich, wenn es nur zum Ziel führt? Da denke ich wieder an Ihre "verbotenen" Oktavparallelen. Bei uns Malern ist gerade die res verboten. Und da freue ich mich, wenn sie kommt. Erschreckend, ja tragisch ist diese menschliche Neigung zum Versteinern der Form. Gestern fraß man den Menschen, welcher diese neue Form zeigte. Heute ist diese Form = unerschütterliches Gesetz für alle Zeiten. Es ist tragisch, da es wieder und wieder zeigt, daß die Menschen hauptsächlich am Äußeren hängen. Ich habe viel über diese Frage nachgedacht und habe auch einen Trost gefunden. Doch ist manchmal die Geduld am Platzen.
Stellen Sie Ihre Bilder aus? Würden Sie ev. etwas für den russischen "Salon" geben, von welchem ich Ihnen geschrieben habe und wofür ich um den Artikel bat. Ich habe ihn selbst übersetzt, da ich trotz Mangel an Zeit mich ordentlich in ihn einleben wollte. Er gefällt mir außerordentlich. Und ich freue mich sehr, daß ich Sie kennen gelernt habe, wenn auch nur brieflich. Ebenso hat große Freude an Ihren Bildern und Briefen meine Frau, Gabriele Münter. Sie hat in ihren Bildern entschieden Berührungspunkte mit Ihnen. Ich schicke Ihnen einmal welche. Da ist auch etwas von der gesunden Realistik, wenn auch sehr anders, wie bei Ihnen.
Mit vielen herzlichen Grüßen und lebhafter Sympathie
Kandinsky


München
9. 4. 11
 

Sehr geehrter Herr Professor!

Mit ganz besonderem Vergnügen schicke ich Ihnen mein Bild. Wollen Sie mir diese Freude machen, indem Sie mir Ihr Bild schicken?
Ich beneide Sie sehr! Sie haben Ihre Harmonielehre schon in Druck. Wie unendlich gut (wenn auch nur verhältnismäßig!) haben es die Musiker in ihrer so weit gekommenen Kunst. Wirklich Kunst, die das Glück schon besitzt, auf reinpraktische Zwecke vollkommen zu verzichten. Wie lange wird wohl die Malerei darauf warten müssen? Und das Recht dazu (= Pflicht) hat sie auch: Farbe, Linie an und für sich – was für grenzenlose Schönheit und Macht besitzen diese malerischen Mittel. Und doch ist schon heute der klarere Anfang dieses Weges zu sehen. Man darf heute von einer "Harmonielehre" auch hier träumen. Ich träume schon und hoffe, daß ich, wenigstens die ersten Sätze zu diesem großen kommenden Buch aufstellen werde. Vielleicht tut dasselbe auch ein anderer. Desto besser! Nur so viel wie möglich. Ich nehme mir auch Zeit, etwas in die musikalische Theorie hineinzuschauen (natürlich nur ganz äußerlich und oberflächlich: zum tieferen Blick langen meine Kräfte nicht), damit ich weiß, wie ungefähr diese Theorie gebaut ist. Wenn man einigermaßen kapiert hat, wie der Wiener Stefan gebaut ist, so wird man doch vielleicht in der Lage sein, ein kleines ungeschicktes Hüttchen zusammenzupappen. Ich wünsche Ihnen herzlich viel Erfolg in Ihrer Arbeit. Auf Ihre ausführliche Antwort, die Sie mir versprechen, werde ich geduldig warten.
Mit vielen freundschaftlichen Grüßen
Ihr ergebener Kandinsky.

Da es sehr eilte, habe ich mir erlaubt, Ihren Artikel aus der "Musik" ohne Erlaubnis der "Univ[ersal] Edition" zu übersetzen und zum Druck zu geben. Sonst wäre vielleicht diese notwendige Sache um ein ganzes Jahr verschoben.


Murnau
25. 8. 11
 

Sehr geehrter Herr Schönberg!

Ich freue mich, daß ich Sie doch zu sehen bekomme. Bin eben von München gekommen und [habe] Ihren Brief hier gefunden. Könnten Sie vielleicht am Sonntag zu uns kommen? Sie fahren von Berg – Dampfer – um 2:10 (fährt Sonn – und Feiertags), sind in Tutzing 2:45, steigen da in den E[il]–Zug (von Tutzing um 3:00 ab) und sind um 3:46 in Murnau, wo ich Sie von der Bahn abhole. Wir verbringen den Tag zusammen, Sie übernachten hier und nächsten Morgen (natürlich!! wenn Sie dazu Lust haben) gehen wir zu Fuß nach Sindelsdorf in der Kochelseegegend, wo mein guter Freund Franz Marc (Maler) und seine Frau leben, die sich sehr für Sie interessieren. Es würde ihnen eine große Freude sein, Sie kennenzulernen. Wenn Sie wünschen, können Sie am Montag Abend wieder zu Hause sein. Sonst übernachten wir alle in Sindelsdorf. Nächste Woche könnte ich zu Ihnen kommen; ich möchte gerne, daß wir uns wenigstens zweimal treffen.
Wenn Ihnen mein Plan paßt, so bin ich Sonntag an der Bahn. Wenn nicht, so telegraphieren Sie mir vielleicht: für Brief ist die Zeit zu knapp. Wenn Sie Murnau noch nicht kennen, werden Sie viel Freude daran haben.
Mit herzlichsten Grüßen, auch von Frl. Münter
Kandinsky.


Berg am Starnberger See
bei Frau Widl
26. 8. 1911
 

Sehr geehrter Herr Kandinsky, herzlichen Dank für Ihre Einladung. Ich kann nur leider diesen Sonntag nicht zu Ihnen kommen, weil ich jetzt augenblicklich nicht für so lange Zeit von meiner Arbeit weg kann. Auch ist meine Frau nicht ganz wohl und deshalb schon konnte ich mich nicht entschließen fortzusein. Deshalb wäre es mir lieb, wenn Sie uns besuchen wollten, wie Sie ankündigen, in der kommenden Woche. In ungefähr einer Woche bin ich mit meiner Arbeit fertig und dann erwiedere ich bestimmt Ihren Besuch. Bitte aber: kündigen Sie mir den Tag sobald wie möglich an, damit ich mich einrichten kann. Ich soll in dieser Woche auch einmal nach München, und wenn ich rechtzeitig weiß, wann Sie kommen, kann ich mich leicht einteilen. Ich freue mich schon sehr Sie kennen zu lernen und grüße Sie herzlich
Ihr Arnold Schönberg


Murnau Sonntag
[etwa 29. 8. 1911]
 

Sehr geehrter Herr Professor!

Gestern das Telegramm, heute den Brief erhalten. Vielen Dank! Nach langer Überlegung mußte ich mich doch entschließen, schon übermorgen (Dienstag) zu Ihnen zu fahren. Diese Woche ist es mir sehr schwer, einen anderen Tag zu wählen. Und bis zur nächsten Woche zu verschieben, wäre es mir zu lang. Es war eben schon früher mit Marcs verabredet, daß wir Montag hinkommen. So kann ich Dienstag von da aus fahren und bin mit dem Schiff um 11,40 in Schloß Berg. Bis 5,35 würde ich Zeit haben.
Wenn es Ihnen irgendwie unbequem ist, so telegraphieren Sie bitte ab. Adresse: Marc, Sindelsdorf. Wenn ich morgen dort kein Telegramm erhalte, so fahre ich übermorgen los.
Mit herzlichsten Grüßen,
Ihr Kandinsky


Murnau
7. 9. 11
 

Sehr geehrter Herr Schönberg!

Besten Dank für den Brief. Gerade gestern habe ich auch von Marc einen Brief bekommen. Er fragt, wann ich Sie erwarte und bittet, wenn möglich, die allgemeine Bekanntmachung bis zur nächsten Woche zu verschieben, da er diese Woche sehr schwer kommen könnte. So wollen wir es doch zur Bequemlichkeit aller so einrichten, daß Sie nächste Woche Mittwoch (so früh wie möglich!) kommen und. wenn dieser Tag Ihnen recht ist, kommen auch Marcs zu uns. Sobald ich Ihre Antwort habe, teile ich sie Marc mit.
– – Eben kamen die zwei "Merker". Danke vielmals. Jetzt wird daran studiert.
Mit herzlichen Grüßen und Empfehlungen bei Ihrer Frau Gemahlin
Ihr Kandinsky

Wir erwarten Sie freilich beide!
Berg ab 7.50 – Tutzing an 8.10
 "     ab 8.41 – Murnau an 10.00


Berg am Starnberger See
10. 9. 1911
 

Sehr geehrter Herr Kandinsky, hoffentlich kommt nichts dazwischen. Ich will Mittwoch, wie Sie vorschlagen, zu Ihnen kommen. Wenn etwas dazwischen kommt, müßte ich eben abtelegrafieren und komme dann statt dessen Donnerstag. Aber ich glaube es wird gehen. Meine Frau kommt wahrscheinlich mit und freut sich, wie ich, auf das Beisammensein. Einstweilen also herzliche Grüße
Ihr Arnold Schönberg

Ich fahre: ab Leoni 7.50
              an Tutzing 8.10
              ab »          8.41
              an Murnau 10.-

zu Strauß fahre ich diesmal nicht!


Berg am Starnberger See
11. 9. 1911
 

Sehr geehrter Herr Kandinsky, ich kann also doch nicht am Mittwoch kommen. Ich habe etwas vergessen, was ich Ihnen sagen werde. – Ich komme aber dafür bestimmt Donnerstag den 14., wenn Sie mir nicht abschreiben. Vielleicht können Sie mir für alle Fälle schreiben. Ich kann auch Freitag oder Samstag, eventuell auch Sonntag.
Dann muß ich Sie um noch etwas bitten. Können Sie mir einen Arzt (eventuell einen Specialisten) empfehlen, für folgende Angelegenheit. Meine Tochter hat seit einiger Zeit eine Hauterkrankung an den Füßen; offene, eiterartige Wunden. Wir halten sie für eine konstitutionelle Sache, die mit Unterernährung und Blutarmut zusammenhängt und haben dafür hinreichende Gründe.
Nun möchte ich sehr einen sachverständigen Arzt wissen, der nicht kolossale Summen verlangt. Ich bin kein reicher Mann. Ganz im Gegenteil – ich bin ein Musiker, der was kann! Deshalb kann ich die Honorare, die die Herren "Professoren" von Fremden oder reichen Einheimischen verlangen, keinesfalls bezahlen. Deshalb wäre es mir lieb, wenn Sie mir jemanden aus München nennen und mich womöglich empfehlen könnten, der mir sozusagen "Künstlerpreise" rechnet.
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir gleich darüber schreiben wollten.
Einstweilen: auf Wiedersehen; mit vielen herzlichen Grüßen
Ihr Arnold Schönberg


18. 9. 11

Lieber Herr Schönberg!

Mittwoch od. Donnerstag muß ich in München sein und zwar für 2 – 3 Tage. So will ich Sie Mittwoch um 11 antelefonieren, damit wir uns verabreden können. Ihr Besuch hat uns allen sehr viel Freude gemacht. Seien Sie vielmals herzlich gegrüßt. Empfehlen Sie mich bitte Ihrer Frau Gemahlin.
Ihr Kandinsky


[ziemlich sicher Dienstag 21. September 1911]

Lieber Herr Schönberg!

Unsere Münchener Adresse ist: Ainmillerstr. 36, 1. Gh [Gartenhaus]. Ich habe es ja versprochen, Ihnen mitzuteilen. Und jetzt fällt's mir plötzlich ein. Nach München fahren wir morgen Abend und bleiben da bis ungefähr Montag oder Dienstag.
Morgen um 11 telefoniere ich Ihnen.
Herzliche Grüße von uns beiden.
Ihr Kandinsky


Murnau
[wahrscheinlich Ende September 1911]
 

Lieber Herr Schönberg,

am dritten Tag der Arbeit am "Blauen Reiter" denken wir wieder, wie es fein wäre, wenn wir alle mal zusammen – wenn auch kurz – sein könnten. Und grüßen Sie herzlich
Maria Marc, Aug. Macke
Elisabeth Macke

[Münters Schrift]: Wenn wir doch kurz sein könnten – oder besser lang! Herzl. Gruß, G. Münter
Kandinsky


[Münters Schrift]
München 27. 9. 11
 

Lieber Herr Schönberg!

Hier kommt die Erinnerung. Bitte, seien Sie doch so gut zu veranlassen, daß der erwähnte Artikel aus dem bewußten Taschenbuch baldmöglichst in Kandinskys Hände kommt – und was Sie sonst noch Gutes geschrieben haben. Sie würden auch ein sehr gutes Werk thun, wenn Sie gute Reproduktionen (Photos oder Clichés) von Kokoschka, der ja auch in Berlin ist, direkt schicken lassen könnten. Wenn nicht, bitte um Kokoschkas Adresse, daß wir uns selbst an ihn wenden können. Die blaue Reiterei stürmt voran. Ein Haufen Arbeiten. Es soll mit dem Druck angefangen werden, helfen Sie! Stürmen Sie mit, damit das Ziel erreicht wird.
Wir warten sehr auf Artikel u. Bildermaterial.
Und wie geht es Ihnen u. den Ihren in Berlin? Sie werden wohl entschuldigen, daß Kandinsky heute nicht selbst schreiben kann. Ich muß auch gleich an Herrn Berg schreiben, wegen Ihren Bildern.
Und nun – ich muß auch eilen. Herzlichste Grüße u. beste Wünsche von uns beiden, denen sich auch Marcs anschliessen.
Ihre ergebene
Gabriele Münter


München
7. 10. 11
 

Lieber Herr Schönberg!

Haben Sie heute gefühlt (d. h. heute besonders), daß hier bei uns vi – el über Ihre Musik und Sie selbst gesprochen wurde?
Vielen Dank für das Taschenbuch (heute vom Verlag selbst das zweite Exemplar bekommen).
Werden Sie dem "Blauen Reiter" noch etwas schenken? Der Anfang vom "Unterricht" ist unglaublich fein: jeder Satz wie ein Pistolenschuß. Bums! Bums! Bums! Davon möchte man noch viel mehr haben: schmeckt zu gut. Und das Clavierstück?? Herr Alban Berg schrieb mir, daß er Ihre Bilder schickt, von sich ein kleines Musikstück (ich habe ihn darum gebeten) und daß er Ihren Umzug besorgt. Also ist der Umzug definitiv? Ist schon was festes da? Schreiben Sie doch etwas über sich und Ihre Familie. Wie geht's?
Sehen Sie Kokoschka? Macht er feine Sachen? Könnte man Photos bekommen?
Seien Sie nicht böse. Sie wissen doch, wie wichtig das ist, daß die erste Nummer des "Reiters" gut wird: Mannigfaltig, ernst. Wenn es nur irgendwie geht, geben Sie noch einen (wenn auch ganz kleinen) Artikel. Wenn auch erst im November!
Vergessen Sie auch nicht, daß Sie mir noch Ihr Bild schuldig sind, d. h. Ihr photographisches Portrait. Ich kann schon noch warten, aber kriegen muß ich es doch!
Viele herzliche Grüße von uns beiden, auch an Ihre Frau.
Ihr Kandinsky


Arnold Schönberg
Berlin-Zehlendorf, Wannseebahn
Machnower Chausee, Villa Lepke
11. 11. 1911
 

Lieber Herr Kandinsky, auf den "blauen Reiter" bin ich schon sehr neugierig. Wann erscheint er denn endlich? Oder sind Sie noch nicht so weit?
Ihnen einen Aufsatz für die zweite Nummer zu schreiben, fand ich noch immer nicht Zeit. Aber vielleicht komme ich doch bald dazu. Augenblicklich geht's wohl kaum, denn ich hatte vom 20. November angefangen im Sternschen Konservatorium einen Cyklus von 8 – 10 Vorträgen über "Aesthetik und Kompositionslehre". Wie Sie sich wohl denken werden, handelt es sich dabei darum, beide umzustoßen. Vielleicht werde ich einen dieser Vorträge schriftlich ausarbeiten und ihn dem blauen Reiter geben.
Sonst weiß ich Ihnen über meinen hiesigen Aufenthalt noch nicht viel zu sagen. Es haben sich noch keine Schüler hier für mich gefunden. Das wird wohl noch einige Zeit dauern. Dagegen wird Rosé im December hier mein 1. Quartett spielen. Auch sonst sind ja Aufführungen da. In Paris ein ganzer Abend, Kammermusik und Lieder.
In Budapest ein Abend Kammermusik und Lieder, und außerdem das Sextett. Dann in Prag mein II. Quartett und ein Konzert, in dem ich dirigiere. In München das Sextett. In Wien ein Chor. Das wird wohl nützen.
In Berlin muß man mich wohl erst kennen lernen, und das verspreche ich mir von meinen Vorträgen. Ich hoffe, es wird mir auch noch gelingen, den Berlinern die Hölle heiß zu machen.
Nun muß ich Ihnen noch sagen, daß mir Ihre Bilder einen großen und nachhaltigen Eindruck gemacht haben. Ich habe vieles noch vor mir. Das Traumhafte der Eindrücke, das Wilde und doch deutlich Gebändigte und insbesondere die unglaublich starke Farbenwirkung. Gerne möchte ich sie wiedersehen. Und auch über Frl. Münters Bilder habe ich oft nachgedacht. Die merkwürdige und doch weibliche Kraft ihrer Werke hat mich sehr berührt.
Ich möchte Sie beide sehr gerne sehen. Sie wollten doch nach Berlin kommen, ist Aussicht dazu vorhanden?
Ich wohne hier sehr schön. Ganz am Wald!! Ganz am Land eigentlich. Fast eine Stunde vom eigentlichen Berlin entfernt. Auch das wünsche ich, daß Sie sehen. Die Berliner Landschaft hat eigentümliche Schönheit, die ganz anders ist, als die der Wiener Landschaft. Insbesondere die Wälder und die Luftstimmung. Mir sagt das außerordentlich zu – obwohl ich die österreichische Landschaft sehr sehr gern habe. Vielleicht eben deshalb.
Nun hoffe ich, daß Sie mir bald etwas schreiben. Auch wüßte ich gerne, was Sie zu meinen Bildern sagen, die Sie ja jetzt im Original dort haben. Übrigens: brauchen Sie die noch lange? Haben Sie schon Fotografien davon gemacht?
Viele herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau von mir und meiner Frau.
Ihr
Arnold Schönberg


München
16. 11. 1911
 

Lieber Herr Schönberg

Ihr Brief hat mich sehr gefreut. Fein – die vielen Concerte! Wann wird das Münchner sein? Ich freue mich riesig darauf. Ganzer Abend in Paris – ganz famos. Ich könnte da durch Le Fauconnier etwas in der Presse erreichen. Ist es Ihnen angenehm? Es freut mich auch, daß Sie so schön wohnen. Vielleicht kommen wir im Januar nach Berlin.
Nun, der Blaue Reiter! Der erscheint ja erst Mitte Januar, vielleicht sogar Ende. Und deshalb haben Sie noch einen sehr guten Monat für Ihren Artikel. Erste No. ohne Schönberg! Nein, das will ich nicht. Wir werden eben 3 – 4 musik. Artikel haben – Frankreich, Rußland. Der eine ist groß, heißt "Musikwissenschaft", stammt von Moskau u. stellt vieles auf den Kopf. Geben [Sie] uns 10 – 15 Seiten! Wie gesagt – ohne Schönberg darf es nicht sein.
In Ihren Bildern (die ich erst gestern vom Spediteur bekam: wir sind ja erst 2 Tage wieder in München) sehe ich sehr viel. Und zwei Wurzeln: 1) "reine" Realistik, d. h. Sachen wie sie sind und wie sie dabei innerlich klingen. Das ist das, was ich in meinem Buche prophezeit habe als "Phantastik in der härtesten Materie". Das ist zu meiner Kunst antipodisch und . . . . wächst innerlich aus der selben Wurzel: Stuhl lebt, Linie lebt – das ist doch schließlich, im letzten Grunde gleichbedeutend. Diese "Phantastik" liebe ich sehr überhaupt und in Ihren Bildern ganz besonders. Selbstportrait, Garten (nicht der, welchen ich wollte, aber auch ein sehr guter). 2) die zweite Wurzel – Dematerialisieren, romantisch-mystischen Klang (also auch das, was ich mache) mag ich weniger schon in dieser Art der Anwendung des Prinzips. Und . . . doch sind auch diese Sachen gut u. interessieren mich sehr.
Diesen zweiten Klang (= Wurzel) hat auch Kokoschka (vor 3 Jahren gesehen, also "hatte") + das Element "sonderbar!" Das interessiert mich (ich sehe es gerne), läßt mich aber nicht innerlich zittern. Das ist mir zu bindend, zu präzis. Wenn in mir sich so etwas regt, so schreibe ich (ich würde es nie malen). Und sage einfach: er hatte ein weißes Gesicht und schwarze Lippen. Das genügt mir, d. h. das ist für mich mehr. Ich fühle es immer stärker: in jedem Werk muß ein leerer Platz bleiben, d. h. nicht binden! Vielleicht ist es kein "ewiges" Gesetz, sondern ein Gesetz von "morgen". Ich bin bescheiden und begnüge mich mit "morgen"! Oh ja!
Schreiben Sie mir doch bitte auch, wie auf Sie meine Sachen in der "Neuen Secession" wirken werden. Ich war eigentlich immer sicher, daß Sie Münter verstehen werden, fühlen. Sie wird im allgemeinen sehr wenig gefühlt. Ja, diese lieben Elefantenhäuter! Ich habe es ja gut: ich haue den lieben Tierchen Beulen aufs Häutchen. Hier treffen sich die Mittel von uns beiden vollkommen. Also machen [Sie] den Berlinern die Hölle nur recht heiß! Schwitzen sollen die Kerls und sich winden. Wir brauchen ja natürlich nicht dafür absichtlich sorgen. Ich habe einen Freund, welcher ohne Absicht beim "Grüß Gott" sagen so die Hand drückt, daß jeder Au! sagt. Er bittet dabei sofort um Verzeihung. So gut erzogen sind wir nicht.
Sehr viel Arbeit habe ich. Und viele malerische Wünsche. Warum gibt's wenig Zeit? Ich fühle diese Zeit auch ganz besonders stark, daß wir alle noch oft "leben" werden. D.h. körperlich. Und dieser lange, lange Weg.
Ich drücke herzlich Ihre Hand und wir beide grüßen Sie und Ihre Frau. Ist die Kleine vollkommen gesund geworden?
Ihr Kandinsky


München
6. 12. 1911
 

Lieber Herr Schönberg!

Wir 3 haben in den "M. N. N." [Münchener Neuesten Nachrichten] einen Bericht über Ihr d-moll-Sextett gelesen und freuen uns sehr für Sie und damit auch für unsere allgemeine Sache.
Wir drücken Ihnen herzlich die Hand und grüßen freundlichst Ihre Frau
Kandinsky
Schreiben Sie doch mal wieder!!
[Marcs Schrift:]
Zu Neujahr komme ich und meine Frau nach Berlin und freue mich sehr, Sie dort wiederzusehen. Ich schreibe Ihnen selbstverständlich vorher. Herz!. Gruß F. Marc
[Münters Schrift:]
Wegen Platzmangel schließe ich mich nur an mit Herzl. Gruß, Münter


Berlin-Zehlendorf
14. 12. 1911
 

Lieber Herr Kandinsky, ich habe Ihr Buch noch nicht ganz gelesen; erst zwei Drittel. Trotzdem muß ich Ihnen aber schon jetzt schreiben, daß es mir außerordentlich gefällt. Sie haben mit so vielem unbedingt recht. Insbesondere was Sie über die Farbe sagen im Vergleich mit der musikalischen Farbe. Das stimmt mit meinen eigenen Empfindungen überein. Höchst interessant ist mir Ihre Theorie der Formen. Sehr neugierig bin ich auf das Kapitel "Theorie". Mit einigen Kleinigkeiten bin ich nicht ganz einverstanden. Vor allem nicht damit, daß Sie, wenn ich Sie recht verstehe, am liebsten eine genaue Theorie gegeben hätten. Das halte ich jetzt nicht für nötig. Wir suchen noch und suchen noch (wie Sie ja selbst sagen) mit dem Gefühl. Trachten wir doch dieses Gefühl nie an eine Theorie zu verlieren!
Nun muß ich Ihnen noch über Ihre Bilder schreiben. Also: sie haben mir außerordentlich gefallen. Ich war gleich am Tag, nachdem ich Ihren Brief bekommen, dort. Am besten gefiel mir die "romantische Landschaft" Die anderen Bilder hängen nicht sehr günstig. Mit etwas kann ich mich nicht recht befreunden: mit dem Format, mit der Größe. Dagegen habe ich auch einen theoretischen Einwand: Da es sich nur um Proportionen handelt, beispielsweise

                                                               Weiß 120 : Schwarz 24
                                                           durch Rot 12 : Gelb 84

so kann es unmöglich aufs Format ankommen. Denn ich muß das unbedingt auch sagen können, indem ich kürze, beispielsweise durch 12:

                                                               Schwarz 2 : Weiß 10
                                                              durch Rot 1 : Gelb 7.
Ich glaube, daß man diese Gleichung "gekürzt" leichter erfaßt.
Praktisch gesprochen: Ich spüre diese Farbengewichte weniger, weil sie mir zu sehr aus dem Gesichtsfeld entweichen. (Einzelne entschlüpfen mir ganz.) Ich müßte mich weit wegstellen, und dann ist ja das Bild kleiner, die Gleichung "gekürzt".
Vielleicht habe ich deswegen von den ganz großen Bildern weniger Eindruck, weil ich sie nicht geschlossen aufnehmen konnte.
Nun zu Frl. Münters Bildern: ohne daß ich mich gleich an sie erinnerte, fielen sie mir sofort auf, als ich in den Saal trat: Sie sind wirklich höchst eigenartig und von woltuender Schlichtheit. Absolute Natürlichkeit. Ein herber Unterton, der sicher ein Wesenszug ist, hinter dem Güte und Liebe steckt. Ich hatte viel Freude daran.
Auch die Bilder des Herrn Marc gefielen mir sehr gut. Eine eigentümliche Weichheit bei diesem "Riesen". Ich war eigentlich überrascht davon, konnte sie mir aber bald mit dem Eindruck, den ich von Marc hatte, in Einklang bringen. Jedenfalls sehr sympathisch. Mir hat sonst nicht viel in der Ausstellung gefallen. Am besten ein Herr Nolde, den ich dann kennenlernte, der mir aber persönlich wenig gefiel. Dann ein Prager: Kubista. Der ist affektiert, hat aber Talent und Kourage!! Die Berliner sind in allen Sätteln gerecht. Vor allem in denjenigen, die gerade "letzt [sic] modern" sind. Ich erriet sofort, daß es einen Franzosen geben müsse, der "badende Frauen" gemalt hat. Sie finden die 5 – 6 mal im Saal. Ganz genau wie Cézanne. Dagegen wüßte ich gerne, welcher Franzose Vorbild für die vielen "Cirkusleute" ist?!
Sehr leid tut mir, daß Ihnen meine Bilder wenig gefallen. Man hat Ihnen auch nicht durchaus die wichtigsten geschickt. Aber immerhin größtenteils.
Nun zum blauen Reiter: Ich glaube, ich kann Ihnen doch etwas Musik von mir zum Abdruck geben. Wie lange darf es sein. Dürfen es 4 - 5 Seiten sein? Oder kürzer? Schreiben Sie mir das gleich! Dagegen habe ich noch immer nichts für Sie geschrieben. Meine Vorträge im Sternschen Konservatorium nehmen meine Gedanken so sehr in Anspruch. Vielleicht wirds noch!
Nun noch etwas:
Ich soll meine Bilder nach Budapest schicken zu einer Ausstellung. Ich bekomme einen ganzen Raum für 24 Stück.
Ich weiß nun gar nicht, welche Sie haben. Könnten Sie mir das nicht mitteilen. Und: würden Sie die Bilder direkt nach Budapest schicken wollen? Nämlich diejenigen, die ich Ihnen bezeichne (unter Nachnahme der Spesen!) Die anderen an mich. Ich stelle nämlich gar kein Porträt oder dergleichen aus, sondern nur die, die ich "Eindrücke" und Fantasien nenne. Ich glaube Sie haben 8 Stück dorten. Aber da sind wohl Porträts (Fingerübungen, Skalen) dabei. Bitte schreiben Sie mir darüber gleich. Und nicht wahr, Sie sind so freundlich, die Bilder, sobald ich Ihnen schreibe, zu expedieren.
Ich empfahl dem Maler Gütersloh, sich an Sie zu wenden.
Adolf Loos, der hervorragendste Architekt, hat Ihnen auch auf meine Veranlassung geschrieben. Auch wegen Kokoschka! Was haben Sie mit dem abgemacht?
Hoffentlich können Sie meinen Brief leichter lesen als ich den Ihrigen. Ich sandte Ihnen meine Harmonielehre. Sie werden sich wundern, wievieles ich ganz ähnlich sage, wie Sie.
Heute schicke ich Ihnen endlich mein Bild.
Bitte grüßen Sie herzlichst Frl. Münther von mir. Ich schreibe ihr nächstens besonders. Dann auch Herrn Marc und die anderen, die ich auf Ihrer Karte fand.
Viele herzliche Grüße Ihnen. In herzlicher Freundschaft
Ihr Arnold Schönberg


München
15. 12. 1911
 

Lieber Herr Schönberg,

Vielen herzlichen Dank für Ihr Bild, Ihr Buch und Ihren Brief. Das hat mich alles sehr gefreut. Das will ich nur geschwind sagen. Ich bin sehr müde und kann doch den Brief nicht bis morgen verschieben. – Von Ihren Bildern wollte ich folgende ausstellen (die Ausstellung beginnt Dienstag den 19-ten) Selbstportrait, Dame in Rosa, (ev.[entuell] Landschaft) und 2 - 3 Visionen, die auf alle Menschen starken Eindruck machen, ebenso wie auf mich (aber lieben tue ich die "realistischen"). Unsere Ausstellung wird sehr interessant, verschiedene Formen. Wegen Budapest mache ich natürlich alles sehr gern. – Später mehr! Wir beide grüßen Sie herzlich und ebenso Ihre Frau.
Ihr Kandinsky


München
16. 12. 1911
 

Lieber Herr Schönberg, teilen Sie mir doch bitte schnell Ihre Preise mit. Wir werden keinen eigentlichen Katalog machen können: keine Zeit. Sondern einfache Listen mit Schreibmaschine geschrieben. Außerdem gedruckte Circulare.
Herzl. Gruß!
Ihr Kandinsky


München
20. 12. 1911
 

Lieber Herr Schönberg,

Vielen Dank für die Briefe und besonders für die angekündigte Musik. Es wäre gut, nicht über 4 Seiten zu gehen. Da kann man aber natürlich keine festen Grenzen stellen. Ihre Bilder besorge ich. 4 hängen ja schon in der 1. Ausstellung des Blauen Reiters: Selbstportrait, Landschaft und 2 Visionen. Wenn Sie wollen, schicke ich auch diese per Post am 30. XII. Wenn möglich, lassen Sie sie bei uns: wir machen sehr wahrscheinlich eine Tournee. Sie sollten nicht fehlen. Die Ausstellung ist ff! Und macht Eindruck . . .
In 2 Tagen 5 Verkäufe. In Eile! Herzl. Grüße, auch von Frl. Münter.
Ihr Kandinsky

P.S. Noch immer habe ich über den Kopf zu tun.


Berlin-Zehlendorf
12. 1. 1912
 

Lieber Herr Kandinsky, nun habe ich lange nichts von Ihnen gehört, wüßte aber doch gerne, ob Sie meine Bilder rechtzeitig nach Budapest geschickt haben. Dann: was hat man dazu gesagt? Kritik etc.? Und schließlich: was macht der Blaue Reiter? Wann soll ich Ihnen meine Musikbeilage schicken? Und: was sagen Sie zu meiner Harmonielehre? Ich habe noch kein Wort von Ihnen darüber gehört! Sie haben das Buch doch hoffentlich bekommen? Ich schickte es Ihnen sofort, als ich die Gripe bekam, da ich es eben erhalten hatte.
Bitte grüßen Sie sehr herzlich Frl. Münter von mir. Wann kommen Sie nach Berlin? Am 28/1. soll (??) hier ein Abend von mir sein (???)
Viele herzliche Grüße
Ihr Arnold Schönberg


München
13. 1. 1912
 

Lieber Herr Schönberg,

wirklich schäme ich mich sehr. Es ist aber keine Schlamperei! Ich will Ihnen nur kurz aufzählen, was ich mache: 1) den Blauen Reiter, d. h. Artikel schreiben, lesen, corrigieren etc. 2) Ausstellung I des B. R. leiten, 3) Ausstellung II des B. R. vorbereiten, 4) für die Ausstellung in Moskau Deutsche, Franzosen, Schweizer einladen (ich habe unbeschränkte Vollmacht, also auch unbeschränkte Pflicht), 5) Verkaufen und Kaufen fremder Bilder helfen, und daraus fließend 6) ununterbrochen stets eilige, oft complizierte, oft sehr unangenehme Briefe lesen, schreiben (es gibt Tage, wo ich mit jeder der 5 Posten Briefe bekomme (es gibt Tage mit 20 einlaufenden Briefen und es gibt keinen Tag ohne Briefe), 7) schulde ich Briefe, 8) male ich nicht, 9) vernachlässige ich meine Geschäfte. Ich habe in 14 Tagen über 80 Briefe geschrieben. Meine einzige Hoffnung ist, daß es sich ändert, wenn der "Bl. R." endlich da gedruckt liegt und Ausstellungen arrangiert sind. Es quälen mich jetzt schon 2 Bilder, die ich malen möchte: eins innerlich fertig, am anderen sollte ich versuchen. – Also seien Sie mir nicht böse! Sie beantworten ja meine Briefe auch nicht sehr genau. Ich habe Sie um die Preise Ihrer Bilder längst gefragt und ob wir einige für unsere Ausstellung D. B. R. behalten dürfen. Nach Budapest habe ich längst geschickt alles mit folgenden Ausnahmen: 1) es hingen bei uns "Selbstportrait", "Landschaft", 2 "Visionen" 2) Portrait "Dame in Rosa" wollten Sie nicht geschickt haben (steht noch bei mir). Von der Gruppe 1 habe ich Ihrem Wunsch entsprechend die "Landschaft" entfernt (steht bei Thannhauser); die übrigen 3 sind mit unserer Ausstellung nach Cöln gefahren und haben die feste Absicht auch weiter zu voyagieren. Diese Bilder machten sich bei uns sehr gut. Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Ihre Bilder nicht liebe? Mir ist nur der Ursprung der "Visionen" nicht klar und ich würde mich sehr freuen, bald darüber etwas zu hören. Es ist mir für meinen Artikel im "B[lauen] R[eiter]" sehr wichtig!!
Ich war fest überzeugt, daß ich mich sofort bei Ihnen für Ihr Buch bedankt habe! Es hat mir wirklich eine sehr große Freude gemacht. Und die Dedikation! Kaum habe ich aber die Nase hineingesteckt, als Hartmann kam und mir gewaltig das Buch wegnahm. Er wollte es unbedingt und sofort lesen und fand es hier im Handel noch nicht. Ich muß es diese Tage zurückbekommen. Hartmann war ich böse und dankbar, da er mir viel erklärt hat, was ich in Ihrem Buch sicher nicht verstehen würde. Wir haben stundenlang darüber gesprochen. Und das, was ich schon erhielt, hat mich sehr gefreut. Würden Sie nicht Ihr Buch ans Moskauische Konservatorium schicken? Es ist schade, daß Hartmann, welcher ursprünglich von Prag nach Petersburg durch Berlin fahren wollte (hauptsächlich um Sie kennen zu lernen) doch direkt nach Rußland fahren mußte.
Ihr Brief über den Besuch der Neuen Secession hat uns sehr gefreut und ganz besonders die ausführlichen interessanten Berichte über unsere (auch Marcs) Bilder. Streiten muß ich aber natürlich doch! Mathematisch ist 4 : 2 = 8 : 4. Künstlerisch – – nicht. Mathematisch ist 1 + 1 =2, künstlerisch kann auch 1 -1 =2 sein. Zweitens: sind Sie gegen Verdoppelung der Orchesterkräfte? Nun, das ist ja nur Vergrößerung (und also Vercomplizierung) der Mittel. Drittens aber: ich bezwecke gerade (manchmal) durch die Dimension das augenblickliche Übersehen der Bilder zu verhindern. Viertens: ist die Dimension eine Kraft, ein Mittel
so ein Leuchter [Skizze] so einer [Skizze] ganz verschiedene Wesen!
Diese Tage wird oder hat Sie Marc und Frau besucht. Er ist ein ziemlich begeisterter Kunstberliner geworden. Es regt sich auch tatsächlich viel stärker. Leben da! Ich sehe aber, unter uns gesagt, noch keine große Persönlichkeit darunter.
Vielleicht fahre ich im Frühjahr nach Rußland. Dann über Berlin. Dann sehe ich Sie. Im Brief sagt man so wenig. Und mancher läßt auch auf den Brief warten. Nicht wahr? Und mancher verzeiht es. Nicht wahr?
Herzliche Grüße von uns beiden an Sie und Ihre Frau.
Ihr Kandinsky

Bitte schicken Sie schnell Ihre Musik? Und der Artikel? Soll ich denn darauf verzichten? Schreiben Sie doch schnell etwas! Wie soll die deutsche Musik ohne Artikel bleiben? Es kommen 2 russische.


München
16. 1. 1912
 

Lieber Herr Schönberg!

Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen etwas unangenehmes angetan habe. Ich dachte nur, daß Ihre Bilder dem Bild der Ausstellung helfen werden und daß sie zur selben Zeit in verschiedenen Städten und in guter Gesellschaft gezeigt werden, was Ihnen nützlich sein kann. Vielleicht habe ich Ihnen im Dezember undeutlich geschrieben! Also verzeihen Sie bitte meine Eigenmacht! Nicht wahr? – – Ich glaube kaum, daß man in Budapest noch auf diese Bilder wartet. Jedenfalls möchte ich Sie bitten, wenn Sie die Bilder doch geschickt haben wollen, umgehend an Frl. E. Worringer – – Gereonsclub, Gereonshaus, Cöln a. Rh. darüber zu schreiben. Ich schreibe ihr auch gleichzeitig mit diesem Brief und bitte sie, Ihrer Bitte gemäß zu handeln. Das "Nachtstück" lasse ich von hier schicken (per Post). — Wegen einem Concert von Ihnen habe ich schon verschiedene Schritte getan – – in Moskau und Petersburg. Vielleicht wird es doch endlich nutzen. Die neue Petersburger Vereinigung "ARS" will auch Concerte veranstalten. Dahin habe ich bereits im Frühherbst über Ihre Musik geschrieben. Und die Leute zeigten viel Interesse für Sie. Die Sache (Verein) ist aber noch nicht vollkommen organisiert. – Ich erwarte also Ihren Artikel und freue mich! Heute habe ich die letzten Manuscripte in Druck gegeben. Schicken Sie also recht schnell! Und die Musik? Die Fotografien Ihres Selbstportraits habe ich gerade in Cöln bestellt. Das ist für den "B[lauen] R[eiter]". der also in 5 - 6 Wochen vollkommen fertig (gedruckt usw.) sein soll. Wenn Sie nur wüßten, was das für eine Arbeit ist! – Darf ich Ihnen eine Correktur zuschicken? Es ist ein Artikel über Skrjabin, welchen ich selbst übersetzen mußte und habe eine Haidenangst, daß ich verschiedene Fachworte mißbraucht habe! Ach bitte helfen Sie mir doch! Der Artikel ist ganz kurz. Wollen Sie? – Morgen will ich für 2 – 3 Tage verreisen, um meinen Kopf einigermaßen auf dem richtigen Platz wieder zu etablieren – jetzt ist er irgendwo anders! Viele Grüße von Haus zu Haus und nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich etwas zu undeutlich handle.
Ihr Kandinsky


München
16. 1. 1912
 

Lieber Herr Schönberg!

Will Ihnen nur schnell mitteilen, daß Ihr Artikel "Verhältnis zum Text" angekommen ist und besonders, daß ich mich sehr über Ihren Beitrag zum B[lauen] R[eiter] freue und über diesen Artikel, (der eben kam, in den ich nur eben schauen konnte) wie über alles von Ihnen. Kandinsky ist gestern für ein paar Tage zur Erholung verreist, er hat es recht nötig, das waren tolle Monate! Herausgeber, Redakteur, Artikelschreiber, mehrfacher Ausstellungsarrangeur, Bilderverkaufsvermittlungsbureau – da kommt Maler und Mensch nicht mehr zur Geltung. Gestern ging "Nachtstück" ab nach Budapest u[nd] "Rosa Dame" an Sie. Ersteres versichert um 300 Mark. Letzteres war schon weggeschickt u. ich hoffe sehr, daß es gut ankommt. Ich habe so schnell zur Feder gegriffen, weil ich gleich von Ihrem schönen Beitrag wieder eine Begeisterung kriegte!
Hoffentlich besuchen Sie die Marcs jetzt bald, sie haben es schon lange vor u. es kommt immer was dazwischen. Herzl. Gruß Ihnen u. Ihrer Frau Gemahlin.
Ihre G. Münter

Schon gelesen, Artikel ist sehr schön! Bloß über "Portrait" denke ich anders. Wer hat Recht? (Natürlich handelt es sich nur um Worte).


[Münters Schrift] München
27. 1. 1912

Sehr geehrter Herr Schönberg!

Danke vielmals für Ihre freundlichen Zeilen. Morgen ist also Ihr Concert, und wenn Sie meinen Brief bekommen, ist es schon überstanden und ich hoffe Sie nicht allzusehr zu stören. [. . .]
Diese Tage schickt Kandinsky den kl. Artikel den Sie freundlich durchsehen wollen. Er bittet Sie auch sehr, jetzt möglichst bald Ihre Noten zu schicken. Kandinsky kennt Kussiawitzki [sic] nicht persönlich. Weiß aber von ihm u. war auch in einem von ihm dirigierten Concert in Moskau voriges Jahr. Er ist einer der radikalsten jungen Dirigenten.
Und wie wird Ihr Concert ausgefallen sein! Da möchte ich gern dabei sein! Was wird aufgeführt, lauter Schönberg? Es wäre zu nett, wenn Sie ein bißchen davon berichteten. Wie ist das Publikum in Berlin? Diese Tage kommen Marcs zurück. Ob sie schließlich bei Ihnen gewesen sind?
Herzlichen Gruß von Haus zu Haus
Ihre Gabriele Münter


[undatierter Zettel, wahrscheinlich Anfang Februar 1912]
Lieber Herr Kandinsky,

Möchten Sie nicht auch noch Busoni zu einem Beitrag auffordern. Er steht uns sehr nahe. Lesen Sie den "Pan" vom 1. Februar oder seine "Neue Aesthetik der Musik."


München
6. 2. 1912
 

Lieber Herr Schönberg,

wir freuen uns sehr, daß es so gut mit dem Concert ging. Gratulieren Ihnen herzlich und wünschen Ihnen GROSSEN inneren, äußeren Erfolg in Prag. Würden Sie uns Kritiken schicken? Sie bekommen sie alle in voller Ordnung zurück. Wann ist Ihr Concert hier? Verschiedene Bekannte fragen danach. Und wir auch.
Hoffentlich überrasche ich Sie nicht zu sehr mit der Correktur über Skrjabin. Sie waren doch so gut, es auf sich nach dem Concert zu nehmen. Ich habe Angst, daß wir in unserer Ubersetzung allerhand musikalischen Unfug hereingeschoben haben. Ich werde Ihnen sehr, sehr dankbar sein.
Es war eine Pipersche Leistung – – Ihren Titel zu . . . ergänzen. Ich habe ihm auch geschrieben, daß ich neugierig bin, wie Sie sich dazu stellen. Die zweiten Correkturen kann ich doch selbst übernehmen?
Sehr hat es mich gefreut, daß Sie doch Noten geschickt haben. Ich zweifelte schon. Glücklicherweise konnte ich sie noch im Subscriptionsprospekt erwähnen, welcher gerade heute nach der ersten Correktur an Druckerei zurückging. Sehr fein!
Nun sind Sie hoffentlich nicht böse, daß ich Piper den Auftrag gab, eine Foto nach Ihrer "Dame in Rosa" für den "Bl. Reiter" telegrafisch zu bestellen. Ich mußte sie noch haben! Und es eilt SEHR.
Und ich eile auch sehr! Viele herzliche Grüße von uns beiden an Sie und Ihre Frau.
Ihr Kandinsky

(P. S.) Ich hoffe, daß Sie die Fotos schon geschickt haben. Ich muß sie, wie gesagt, sehr schnell haben.


[Telegramm aus München an Schönberg, bei Zemlinski, Prag, Hawliczekgasse 9, wahrscheinlich 29.2.1912, als Schönberg sein "Pelleas und Melisande", Mozart und Mahler in Prag dirigierte:]

herzlich mit ihnen Muenter Kandinsky


München
4. 3. 1912
 

Lieber Herr Schönberg,

allerherzlichsten Glückwunsch von uns beiden und von Marc (er ist gerade in München) zu Ihrem famosen Erfolg. Daß sogar unsere lieben "M. N. N." [Münchener Neueste Nachrichten] sich zu einer begeisterten Notiz über Ihr Concert hinreißen ließen, ist ebenso bezeichnend wie märchenhaft! Ich erwarte mit Ungeduld den von Ihnen angekündigten Brief, wo Sie doch sicher ausführlich über Ihr Concert schreiben werden. Ich hatte ja eine sehr große Lust nach Prag zum Concert zu fahren, wie hätte ich es aber machen sollen, –  ich, armer Sklave des "Blauen Reiters". Tag nach Tag vergehen in ununterbrochenen Sorgen dafür: Buch, Ausstellungen usw. usw. Ich komme sonst zu gar nichts. Mit Sehnsucht erwarte ich das Erscheinen des Buches. Wenn Sie nur wüßten, wie ich mich nach meiner Arbeit sehne, wie ich zeichnen, zeichnen, malen, malen, malen möchte. Also genug des Sentiments, und gehen wir zum ernsten Geschäft über.
Die Redaktion "Der Sturm" macht eine scheinbar wirklich famose Ausstellung (Franzosen, Hodler, Munch, Kokoschka) und hat unsere erste Ausstellung corporativ eingeladen: Fracht, eigene Räume. Wir haben es angenommen. Jetzt kommt die ernste und herzliche Bitte an Sie: geben Sie bitte die im Katalog schon erwähnten Bilder von Ihnen und –  das Damenportrait, was in Ihrem Eßzimmer hängt, dazu! Ich bin leider nicht hellseherisch und bitte ganz besonders um dieses Portrait, da Marc immer und immer ganz begeistert davon spricht. Tun Sie uns doch diesen Gefallen! Die Bilder müssen mit Preis- und Titelangaben an Herrn Herwarth Walden geliefert werden (jetzt Berlin W. 9, Potsdamerstr. 18). Kleben Sie bitte die Zettel dahinter und teilen Sie auch mir Preis- und Titel mit. Werden Sie wirklich so gut sein und das alles machen – vor allem das Portrait geben??
Wir grüßen Sie herzlich und ebenso Ihre Frau Gemahlin.
Ihr Kandinsky

Wann ist Ihr Concert hier? Kommen Sie nicht selbst?


München
4. 3. 1912

P. S. zum Brief von heute!

Lieber Herr Schönberg, Piper ist ein Manuscript-Sammler. Sein Vater hat es angefangen. Er hat Autogramme von Beethoven, Liszt usw. Er ist sehr für Ihre Musik begeistert und fragt mich schüchtern, ob Sie ihm nicht das Manuscript für den "B[lauen} R[eiter]" schenken würden. Als ich ihm sagte, ich will Sie mal fragen, war er begeistert. Natürlich sagte ich, daß ich Sie darum gerne bitten werde, weiß aber gar nicht, ob Sie es gern tun würden. Seien Sie bitte so gut und erwähnen Sie auch diese Frage in Ihrem Brief, auf den ich sehr warte.
Nochmals viele Grüße,
Ihr K.


Berlin-Zehlendorf
8. 3. 1912
 

Lieber Herr Kandinsky, zunächst muß ich Ihnen sagen, daß mir Ihr Aufsatz über meine Bilder eine ganz ungeheure Freude gemacht hat. Vor allem die Tatsache, daß Sie meine Bilder für der Mühe wert halten. Dann aber auch was Sie sagen. Und was Sie außerdem sagen: Sie sind ein so voller Mensch, daß Sie die geringste Erschütterung immer zum Überfließen veranlaßt. Deshalb spenden Sie auch bei dieser Gelegenheit eine Fülle der schönsten Ideen. – – Ich bin sehr stolz darauf, Ihre Achtung gefunden zu haben und freue mich riesig über Ihre Freundschaft.
Nun zu meinem Prager Konzert. Davon kann ich nicht viel sagen. Denn ich habe die ganze Sache in einem Gefühl halber Bewußtlosigkeit, die sich aus Angst und Müdigkeit zusammensetzte, gemacht. Angst hatte ich vor dem Dirigieren und müde war ich wegen der vielen Gesellschafts-Abende und Nächte, die mich ganz aus meiner gewohnten Ruhe brachten. Deshalb habe ich keine starken Eindrücke gehabt. Innerlich glaube ich, daß die Aufführung recht gut war. Die Aufnahme war merkwürdig erregt. Mehr als 20 Minuten lang heftigstes Zischen und Applaudieren! Genauso war es am 5. März in Berlin, bei Rosé, der mein 1. Streichquartett aufführte. – – Hier liege ich in einer heftigen Fehde mit der Berliner Kritik, veranlaßt durch zwei Aufsätze, die ich in Pan gegen Leopold Schmidt veröffentlicht hatte (am 20. und 27. Februar). Die übrige Kritik rächt ihren Papst an mir!! Aber die Sache geht vielleicht noch weiter!
Was nun die Ausstellung anbelangt, so danke ich Ihnen vor allem vielmals für die mich sehr ehrende Einladung, weiß aber noch nicht, ob ich mittun kann. Herr Walden hat seinerzeit eine recht unanständige Kritik über Pelleas und Melisande losgelassen (einen Racheakt!) und da kann ich wohl nicht gut, ohne daß er mich direkt auffordert, mittun. Selbst dann glaube ich, obwohl ich ihn keineswegs so ernst nehme, daß ich nicht mittun kann. Aber außerdem: ich halte es nicht für günstig, daß ich mich in Gesellschaft von Berufsmalern zeigen soll. Ich bin sicher ein Outsider, ein Amateur, ein Dilettant. Ob ich überhaupt ausstellen soll, ist schon eine Frage. Ob ich in einer Malergruppe ausstellen soll, schon fast keine Frage mehr. Jedenfalls aber scheint es mir ungünstig, wenn ich andere als die Bilder ausstelle, an die [ich] glaube! Und von denen müßte ich wohl wenigstens 10 - 12 zeigen, wenn man entnehmen soll, was ich will.
Seien Sie mir also nicht bös – bitte vielmals, Sie wissen wohl bereits, wie gerne ich Sie habe und wie ungern ich etwas täte, was Ihnen nicht recht ist – wenn ich mich einstweilen nicht an der Ausstellung beteilige.
Damit ich nicht vergesse: wenn Herr Piper das Manuskript meines Aufsatzes meint, das er gerne haben möchte, so ist es mir ein Vergnügen, es ihm zu lassen. Dagegen wäre es mir lieb, wenn ich ein paar (5 - 10) Sonderdrucke oder Bürstenabzüge dieses Aufsatzes haben könnte. Das Manuskript der Lieder kann ich ihm auch nur überlassen, wenn ich Sonderabzüge haben kann (die brauche ich für Aufführungen) –
Fräulein Münters Brief habe ich bis jetzt leider noch nicht beantworten können. Ich habe so schrecklich viel zu tun. Aber sobald ich irgendwie Zeit finde, schreibe ich ausführlich. Bitte grüßen Sie sie vielmals und herzlichst von mir.
Ich muß mich jetzt für einen Vortrag vorbereiten, den ich in Prag halten soll. Über "Gustav Mahler". Sehr gerne hielte ich den auch in anderen Städten, denn mir liegt sehr viel daran. Ich möchte, da ich es für meine künstlerische Pflicht halte, gerne überall für sein Werk eintreten. Vielleicht könnte der Blaue Reiter das in München veranstalten? Aber ich will Sie nicht mit Geschäften noch mehr belasten. Ich sage das wirklich nur, weil es mir im Moment einfällt und habe nichts dagegen, wenn Sie es im selben Moment wieder vergessen wollen.
Ich habe eigentlich bestimmt angenommen, daß Sie und Frl. Münter uns in Berlin besuchen! Wird das vielleicht noch sein? Oder haben Sie den Plan aufgegeben? Es wäre sehr schön! Ich möchte gern mit Ihnen wieder beisammen sein!!!
Wann erscheint der "Blaue Reiter"? Ich bin schon außerordentlich gespannt darauf, ihn zu sehen.
Nun viele viele herzlichste Grüße von Ihrem
Arnold Schönberg


[Münters Schrift]
EILT! Mnch.
9. 3. 1912
 

Lieber Herr Schönberg!

Schnell ein Geschäftsbrief. Kandinsky begrüßt Ihren Vortrag im B[lauen] R[eiter] mit Freuden, er sprach schon davon, Sie zu bitten, wenn Sie kommen einen Vortrag zu halten in unsrer Ausstellung. Dr. Stadler, Kunsthistoriker, hielt einen kl. Vortrag in der Ausstellung, an den sich lebhafte Diskussionen anschlossen – der Vortrag ist ausgearbeitet u. erweitert u. wird heute wiederholt. Die M. N. N. [Münchner Neueste Nachrichten] haben es abgelehnt, die Notiz zur Ankündigung des Vortrags zu bringen mit der Begründung, einmal hätten sie es gethan, öfter brauchten sie nicht! So ist die Sache nur plakatiert u. es werden schon Leute kommen. Nun, Dr. Stadler spricht über die Ausstellung. J. A. Lux, ein Journalist u. Schriftsteller, den Sie wohl kennen, bot Kandinsky an, einen Vortrag in der Ausstellung über Literatur zu halten. Das soll am 13-ten stattfinden. Die Ausstellung schließt am 18-ten März. Wann könnten Sie Ihren Vortrag halten? Natürlich muß es nicht unbedingt zur Zeit der Ausstellung sein. Heute Abend besprechen wir es mit Goltz, der ein sehr tüchtiger u. sympathischer Mensch ist u. die Sache sicher gern arrangieren wird – in seinen Räumen od. auch sonstwo. Lux wäre eventuell zu verschieben, wenn Sie gerade diese Zeit haben wollen. Wir haben nämlich gehofft, daß Sie zur Aufführung Ihrer Composition nach München kommen. Das soll ja wohl am 14-ten sein? K[andinsky] und auch ich haben uns beide über Ihren lieben Brief gefreut. Ich lese jetzt mit großem Interesse das Buch "Arnold Schönberg".
Dies in Eile, bitte umgehend Ihre Meinung zur Sache – K. wird meinen Ausführungen vielleicht noch die fehlenden Lichter aufsetzen.
Herzlichen Gruß
Ihre G. Münter

Auf Ihre Antwort freue ich mich, geben Sie's mir nur ordentlich! Kandinsky ist sehr traurig, daß Ihre Bilder nicht mit ausgestellt werden sollen im B[lauen] R[eiter] in Berlin, da er sie sehr schätzt u. er im B. R. doch gerade sein Prinzip der großen Freiheit und Vielgestaltigkeit vertritt. Aber da ist nun wohl nichts zu machen! Ihre Gründe sind einleuchtend. Bin überhaupt neugierig, wie es da wird. Walden scheint K[andinsky]'s Kunst besonders zu schätzen. Wie wird er sich zum B[lauen] R[eiter] stellen? Bitte antworten Sie gleich, damit K. genaues weiß wegen Ihrem Vortrag! Er grüßt auch vielmals.


[Münters Schrift]
Mnch.
15. 3. 1912

Sehr geehrter Herr Schönberg!

Beim Durchlesen der allerletzten Correktur fällt mir noch einmal die Stelle auf, die mir schon einmal komisch vorkam u. da ich glaube, daß es nur aus Flüchtigkeit so gekommen ist, möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen angenehm ist, wenn Kokoschka vor Kandinsky stehen bleibt. *) Ich hörte, er ist noch sehr jung u. soviel ich weiß hat er außer äusserst talentvollen Bildern noch nicht viel gemacht u. auch kaum Zeit zu einer bedeutenden Entwicklung [gehabt]. Wenn Sie es wünschen u. gleich antworten, kann es eventuell noch richtiggestellt werden, d. h. wenn es in Ihren Augen nicht schon richtig ist. Sie wissen wohl, daß die Reihenfolge Bedeutung hat. Danke Ihnen, lieber Herr Schönberg, vielmals für Ihre frdl. schnelle Antwort. K. schreibt Ihnen nächstens.
Herzl. Gruß Ihre ergebene Münter
*) in Ihrem Artikel "Text . . ."


28. 3. 1912

Lieber Herr Schönberg,

Eben bekomme ich die Nachricht, daß Ihre Clavierstücke in der Vereinigung ARS (Petersburg) gespielt wurden und einen "großen und starken Eindruck" machten. Ich freue mich sehr. Eben habe ich nachgefragt, ob es nicht möglich wäre, daß die ARS ein Concert von Ihnen veranstaltet. – Separatabzüge Ihrer Noten und Artikel bekommen Sie ganz bestimmt und 2 volle Bücher des "B[lauen] R[eiters]", welcher jetzt im definitiven Druck ist.
Herzlichen Handdruck, Ihr Kandinsky



 

München
25. 4. 1912
 

Lieber Herr Schönberg,

wie geht‘s? Sie haben uns ganz vergessen. Waren Sie in Prag wegen dem Vortrag über Mahler? Goltz traut sich nicht, den Vortrag in großem Maßstabe zu veranstalten, und sein großer Saal (Ausstellungssaal) gehört ihm augenblicklich nicht. Er meint, das beste wäre, ein Concertbüro zu Hilfe zu nehmen. – Mir ging's nicht ganz gut: ich habe ordentliche rheumatische Schmerzen gehabt und spüre bis jetzt die Folgen. Über 14 Tage war ich zu Hause eingesperrt und lange Zeit konnte ich den Hals weder nach oben noch unten, rechts oder links auch nur 1 Millimeter drehen. Alles mußte ruhen. Erst jetzt habe ich meine Arbeit wider aufgenommen. Glücklicherweise war Der Bl. Reiter schon erledigt und im Druck. Jetzt wird er gebunden, broschiert etc. In 14 Tagen muß er endlich erscheinen! Hier lege ich Ihnen 2 Correkturen bei, die falsch gesetzt wurden, da der Drucker meinte, es gehöre in Ihr Buch. Vielleicht können Sie sie brauchen. 2 Belegexemplare und Sonderdrucke bekommen Sie auch.
Außerdem lege ich das kleine Buch von Lux bei. Vielleicht wird Sie der Inhalt interessieren oder Sie brauchen ihn für Ihre Musik. Sie sind ja kein Futurist und dürfen auch fremde Texte brauchen! Was sagen Sie zur Ausstellung dieser "freien" Italiener? In ihrem Programm sagen sie viel richtiges und wichtiges. Nur sind da auch zur selben Zeit so viele unreife, verspätete fremde Gedanken und für meinen Geschmack zu viel . . . . . Polizei: "rechts (vielleicht links!) gehen!", "nicht stehen bleiben!!!" usw. Und was denken Sie (das wollte ich schon so lange fragen) über Skrjabin? Kennen Sie seine letzten größeren Werke?
Und nochmals: wie geht's? Ihnen? Ihrer Familie? Zu gerne möchte ich mal wieder mit Ihnen zusammen kommen. Wir haben uns immer nur flüchtig gesehen und die Themen, die uns interessieren, sind unbegrenzt in der Zahl.
Viele herzliche Grüße von uns beiden an Sie und Ihre Familie
Ihr Kandinsky
Schreiben Sie doch!


undatiert [nach dem 25. 4. 1912]
 

Lieber Herr Kandinsky,

Die Korrektur hatte ich schon abgeschickt, als dieses Programm und die Musik kamen. Aber ich brauche das auch nicht. – –
Nun bitte ich Sie sehr: wollen Sie sofort (bitte nochmals) anfragen, ob man von Ihrer Wanderausstellung meine Bilder nach Budapest geschickt hat. – Denn die Budapester Ausstellung, (die eben geschlossen wurde) schickte mir meine Bilder zurück und es fehlen 4 Stück. Veranlassen Sie bitte, daß sie mir direkt zugeschickt werden. (Landschaft, Gehendes Selbstportrait und 2 Visionen).
Herzlichen Gruß Ihr Sch.


Berlin-Zehlendorf
22. 5. 1912

Liebster Herr Kandinsky, ich will nur rasch Sie und Ihre Frau bitten, mir wegen meines langen Schweigens nicht böse zu sein. Ich habe sehr vieles zu tun und komme, ehe ich damit nicht fertig bin, zu keiner Ruhe. Aber in 2 Wochen bin ich soweit und dann will ich Ihnen ausführlich schreiben. Nehmen Sie also einstweilen, Sie und Frl. Münter, meine allerherzlichsten Grüße
Arnold Schönberg


[Ansichtskarte Strand Ostseebad Carlshagen Villa Concordia]
Poststempel 6. 7. [1912]
 

Lieber Herr Kandinsky, verehrtes Fräulein Münter – –

sind Sie böse auf mich? daß ich so lange kein Wort von Ihnen höre!! Ich selbst habe sehr viel gearbeitet und werde wahrscheinlich jetzt noch mehr arbeiten und habe mancherlei Sorgen – deshalb kam ich nicht dazu an Sie zu schreiben! Wie gehts Ihnen. Arbeiten Sie beide viel? Und was? Ich will jetzt endlich meine "Glückliche Hand" komponieren, wenn ich eine glückliche Hand habe. Viele herzliche Grüße auch von meiner Frau an Sie beide
Ihr Arnold Schönberg


München
2. 8. 1912
 

Lieber Herr Schönberg

Sie sollten auf solche Gedanken nicht kommen! Es ist wahr, daß man solche Sachen erlebt, daß schließlich alles glaubwürdig erscheint. Wenn ich aber etwas gegen Sie haben würde, so würde ich auch ganz bestimmt offen Ihnen meine Zweifel resp. Ärger sagen. Und erwarte das gleiche von Ihnen.
Sie haben vor einigen Wochen einen längeren Brief angekündigt. Ich wartete auf ihn und wollte dann auch ausführlicher schreiben. Außerdem habe ich mich den ganzen Sommer schlecht gefühlt und verschob gern auch Briefe. Schließlich mußte ich mich zu einer Operation entschließen (Sie sehen an meinem Stil, daß ich noch nicht ganz in Ordnung bin), die ich vor 3 Wochen erlebt habe. Seit 8 Tagen bin ich wieder zu Hause, die Genesung geht schnell vor sich, aber arbeitsfähig bin ich noch in einem sehr geringen Grade. In 4-5 Tagen dürfen wir wieder nach Murnau, wo ich die verlorenen Kräfte wiederfinden möchte. –  In der Voßtante haben wir gelesen, daß Sie von der K. K. Akademie einen Ruf als Professor bekommen haben. Warum haben Sie ihn abgelehnt? Oder ist wirklich Wien kein Boden? Andererseits finde ich es sehr richtig, daß Sie sich ausschließlich der Komposition widmen wollen.
Seien Sie mir also nicht böse und schreiben Sie den versprochenen langen Brief. Wir beide grüßen herzlichst Sie und Ihre Frau.
Ihr Kandinsky


Berlin
19. 8. 1912
 

Lieber Herr Kandinsky, mit Bedauern erfuhr ich, daß Sie krank waren und operiert werden mußten. Was fehlte Ihnen eigentlich? Sie erwähnen das gar nicht. Wars gefährlich? Aber vor Allem: Sind Sie jetzt wohl, und vor Wiederholung geschützt? Ich vermute Blinddarm? Hoffentlich ist es das. Das ist wenigstens ganz unbedenklich.
Von mir ist nicht allzu viel zu berichten. Daß ich als Professor nach Wien an die Akademie sollte, wissen Sie. Und daß ich abgelehnt habe. Aber nicht, wie ich es gerne möchte, um mich "ganz meinem Komponieren widmen zu können". Denn dazu bin ich leider noch nicht gelangt. Sondern, weil ich es für unangemessen hielt, daß ich, der von Wien wegen der Hauptsachen fortgegangen ist, wegen einer Nebensache wieder zurückgehen soll. Und mehr als eine Nebensache ist es nicht, was mir angeboten wurde. Eine pensionsfähige Nebensache; ein sicheres Einkommen zwar, und das hätte ich ja sehr nötig. Aber ein relativ begrenzter Wirkungskreis, da mit mir zugleich Schreker engagiert wurde und auch Novak kommen sollte. – Den Sommer über habe ich in Carlshagen an der Ostsee gelebt. Sehr schön. Einmal ganz ohne Gedanken; bloß in ausruhendem Blödeln. Also eigentlich weniger schön als fett. Aber es scheint, ich hatte das nötig. Ich war sehr reizbar in der letzten Zeit und müde. – – Ich habe einen [...] geschrieben. Vielleicht dem Stoff, dem Inhalt (Girauds "Pierrot lunaire") nach kein Herzensbedürfnis. Wohl aber der Form nach. Jedenfalls für mich bemerkenswert, als eine Vorstudie zu einer anderen Arbeit, an die ich mich jetzt machen will: Balzacs "Seraphita". Kennen Sie die? Vielleicht das herrlichste, was es überhaupt giebt. Ich will's scenisch machen. Nicht so sehr Theater. Wenigstens nicht im alten Sinn. Jedenfalls nicht "dramatisch". Sondern mehr: Oratorium; das sicht- und hörbar wird. Philosophie, Religion, die man mit künstlerischen Organen aufnimmt. – Jetzt arbeite ich an meiner "Glücklichen Hand" ohne recht vorwärts zu kommen. Drei Jahre ist das bald alt und immer noch nicht komponiert. Das ist eine große Seltenheit bei mir. Vielleicht muß ich es, obwohl ich mit dem, was bis jetzt fertig ist, sehr zufrieden bin, wieder stehen lassen.
Ich muß Ihnen auch über Ihre Beiträge im Blauen Reiter einiges sagen. Also: Ihre Bühnen-Komposition gefällt mir außerordentlich. Auch die Vorrede dazu. Damit bin ich ja ganz einverstanden. Aber wie stellt sich das zur "Konstruktion"? Mir scheint es das Gegenteil davon zu sein. Mir scheint, daß Einer der konstruiert, wägen, prüfen muß. Berechnen die Tragfähigkeit, die Zusammengehörigkeit etc. Der "Gelbe Klang" aber ist doch nicht Konstruktion, sondern einfach: Wiedergabe innerlich geschauten. Da ist doch folgender Unterschied:
Innerlich geschaut ist ein Ganzes, das zwar Bestandteile hat, aber gebundene, bereits eingeordnete.
Konstruiertes: sind Bestandteile, die ein Ganzes nachahmen wollen. Aber es ist keine Gewähr da ob nicht die wichtigsten fehlen. Und ob nicht das Bindemittel dieser fehlende Bestandteil ist: die Seele.
Ich bin gewiß, daß das nur ein Streit um Worte ist, daß wir in der Hauptsache ganz gleich denken. Aber: "Konstruktion", das ist zwar nur ein Wort, aber doch dasjenige, mit dem ich bei Ihnen nicht einverstanden bin. Wenn auch das Einzige.
Aber wie gesagt: der "Gelbe Klang" gefällt mir außerordentlich. Es ist ja ganz dasselbe, was ich in meiner "Glücklichen Hand" angestrebt habe. Nur gehen Sie noch weiter als ich im Verzichtleisten auf jeden bewußten Gedanken, auf jede lebensartige Handlung. Das ist natürlich ein großer Vorzug. Wir müssen uns bewußt werden, daß es Rätsel um uns giebt. Und müssen den Mut bekommen, diesen Rätseln in die Augen zu blicken, ohne feige nach "der Lösung" zu fragen. Es ist wichtig, daß unsere Schöpferkraft solche Rätsel den Rätseln nachbildet, von denen wir umgeben sind. Damit unsere Seele den Versuch mache – nicht sie zu lösen – sondern sie zu dechiffrieren. Was wir dabei gewinnen, soll nicht die Lösung, sondern eine neue Chiffrier- oder Dechiffrier-Methode sein. Die, an sich wertlos, Material bietet, neue Rätsel zu schaffen. Denn die Rätsel sind ein Abbild des Unfaßbaren. Ein unvollkommenes, d.i. menschliches Abbild. Aber wenn wir durch sie nur lernen, das Unfaßbare für möglich zu halten, nähern wir uns Gott, da wir dann nicht mehr verlangen, ihn verstehen zu wollen. Da wir dann nicht mehr ihn mit unserem Verstand messen, ihn kritisieren, ihn ableugnen, weil wir ihn nicht auflösen können in jene menschliche Unzulänglichkeit, die unsere Klarheit ist. – Deshalb freue ich mich über den goldenen [= gelben] Klang und stelle mir vor, daß er, aufgeführt, auf mich kolossale Wirkung machen müßte.
– Ich hätte gerne gehört, was Sie zu meiner Harmonielehre sagen. Haben Sie die gelesen? Dann auch mein Aufsatz im B[lauen] R[eiter]. In dem steht ja auch manches drin, das dem in Ihrer Vorrede zum "Gelben Klang" gesagten sehr nahe steht.
Hoffentlich höre ich bald etwas von Ihnen. Wie geht es Frl. Münter? Ich bin ihr Antwort auf einen sehr lieben Brief schuldig. Die soll bald erfolgen. Zwar: ich werde jetzt schon in den nächsten Tagen Proben zu "Pierrot lunaire" haben, der von Frau Albertine Zehme auf einer großen Tournee vorgetragen werden wird. Aber dennoch will ich dazu Zeit finden. Für heute also noch einmal: herzlichste Grüße Ihnen beiden; auch von meiner Frau.
Ihr Arnold Schönberg

Was ist mit Ihrem Besuch bei uns in Berlin???


[Münters Schrift] Murnau
20. 8. 1912
 

Lieber Herr Schönberg!

Schon seit vielen Wochen habe ich den Wunsch, Ihnen zu schreiben. Irgendwie fehlte aber immer noch ein Körnchen zur Ausführung. Also: ich möchte Sie aufmerksam machen auf ein Buch, von dem ich meine, es müßte Ihnen auch Freude und Genuß bereiten. Und – auf seinen Autor, der sicher ein merkwürdiger, seltener Mensch ist. Er heißt Volker und sein Buch "Siderische Geburt", Verlag Karl Schnabel, Berlin, 1910. Volker wohnt Nikolaussee bei Berlin, Luckoffstraße 33. Ich will Ihnen weiter nicht viel erzählen von dem Buch. Ich pflüge mich nur langsam, und leider mit Pausen, hindurch. Ich nehme nur soviel davon, als ich halt haben kann. Ganz kann ich nicht mit, besonders wirds mir wohl zum Schluß zu hoch werden. Aber es geht mir wie eine schwere goldene Kette Glied für Glied, Satz für Satz, durch die Hände. Und ich glaube, es ist was für Sie! Wie geht's Ihnen? Wir müssen nächsten Sonntag wieder nach München, damit K's neue Publikation, ein Album mit Holzschnitten und Texten bald erscheint. Er erholt sich allmählich, hat Ihnen ja von seiner Krankheit geschrieben, der Arzt ist zufrieden mit seinen Fortschritten. Mir geht's gut, ich arbeite nicht und verthue die Zeit. Lassen Sie doch einmal recht ausführlich von sich hören.
Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin herzliche Grüße von uns beiden,
Ihre Münter.
(P.S.) Soweit kam ich gestern Abend und ließ den Brief liegen, heute kommt Ihr famoser Brief. Und jetzt bin ich ganz sicher, daß der Volker Ihr Mann ist! Auf Seite 31 unten beschreibt er die Elemente von Kandinskys Compositionen II, IV, V. usw. Natürlich nicht im Zusammenhang mit K, den und dessen Arbeit er wahrscheinlich damals durchaus nicht kannte. Ich finde, solche Menschen müssen sich kennen. (Ebenso, wie ich Ihre Adresse fand damals).
Nun Ihre Frage. Es war eine doppelte Bruchoperation, wozu noch die Operation einer neuen Krampfader kam. Der Arzt hatte von einer Kleinigkeit gesprochen, aber nachher sahen wir, was da noch alles dazu kommt und wie lange es immer noch dauert, bis Kandinsky wieder auf den alten Stand kommt. Er ist noch nicht da leider, und will in ca. einem Monat nach Südrussland, seine Eltern zu besuchen.
[Kandinskys Schrift:] Ihr Brief hat mir viel Freude gemacht. Ich schreibe Ihnen bald ausführlich. Herzliche Grüße,
Ihr Kandinsky


Murnau
22. 8. 1912
 

Lieber Herr Schönberg

das ist ja das dumme und was mich immer ärgert, daß ich die Werke über Musik nicht lesen kann! Das allgemeinverständliche habe ich in Ihrem Buch mit dem großen Vergnügen und der feinen Freude gelesen, welche ich von allen Ihren Schriften bekomme. So viel ich verstehe, lassen Sie keinen einzigen "Grundsatz", kein einziges "Gesetz" der vorhandenen Theorie ohne Ihre scharfe Analyse stehen. Es wird an allem richtig gewackelt und bewiesen (das ist das wichtigste!), daß alles diesem Wackeln unterliegt und und daß alles abstrakt genommen nur relativ und zeitlich ist. Daß nur die menschliche Engherzigkeit (resp. "Dummheit") unerschütterlich fest stehen bleibt. Und da kämpfen ja die Götter . . . . usw.! – Was mich aber wie gesagt ärgert ist das, daß ich die positive Seite Ihres Buches nicht verstehen kann. Wie gerne möchte ich einmal darüber mit Ihnen sprechen! Vielleicht Ende Oktober! Da wir vielleicht dann in Berlin sein werden. Im Oktober ist im "Sturm" meine ziemlich große Collektivausstellung. Ich bin aber selbst in Rußland und hoffe nur, Ende Oktober zurück über Berlin zu kommen. Münter wird wahrscheinlich schon vorher da sein. – Die Sache ist ja die, daß die Musiker heutzutage am allernotwendigsten erst das Umstürzen der "ewigen Harmoniegesetze" brauchen, was die Maler nur in der zweiten Linie brauchen. Bei uns ist das notwendigste, die Möglichkeiten der Komposition (resp. Konstruktion) zu zeigen und das allgemeine (sehr allgemeine) Prinzip aufzustellen. Das ist die Arbeit, die ich in meinem Buch angefangen habe — in sehr "liberalen" Strichen. Die "innere Notwendigkeit" ist eben nur ein Thermometer (bzw. Maßstab), welcher aber zur selben Zeit zu der großen Freiheit führt und das innere Fassungsvermögen als die einzige Begrenzung dieser Freiheit aufstellt. In der weiteren Arbeit, die jetzt (und schon jahrelang) in mir Schritt für Schritt reift, berühre ich in glücklichen Augenblicken die allgemeine Wurzel der Ausdrucksformen. Manchmal möchte ich mich am Ellbogen beißen aus Wut, daß die Sache so langsam vor sich geht. – Was Ihren Artikel im B[lauen R[eiter] anlangt, so habe ich ihn mit der ständigen Freude genossen. Zum Schluß möchte ich sagen: oder umgekehrt! D. h. wenn man von der Wurzel wegkommt, so wird jede Kombinationsmöglichkeit ein "oder umgekehrt". Aber manchmal ist man gezwungen, nur eine Seite grell-aufdringlich zu beleuchten, und so fasse ich Ihren Artikel auf. Etwas ähnlich ist ja auch mein Vorwort zum "Gelben Klang" geschrieben. Dieses "oder umgekehrt" können leider nur sehr wenige fassen, deshalb wurden auch die 10 Gebote nur einseitig und "positiv" gegeben. Deshalb sagte Christus: "das weitere könnt Ihr heute nicht fassen". Und an der Schwelle dieses "Weiteren" stehen wir heute. Was unser größtes Glück ist. Endlich: so verstehe ich auch die Konstruktion, die sich, wie es Ihnen scheint, mit dem "Gelben Klang" nicht harmonisch verbindet. Sie verstehen mich schon! Man hat eben bis heute das Wort Konstruktion nur einseitig betrachtet. Aber alles hat mindestens 2 Seiten – "oder umgekehrt". In diesem Falle: unter K[onstruktion] verstand man bis heute das aufdringlich-geometrische (Hodler, Kubisten usw.). Ich will aber zeigen, daß K[onstruktion] auch auf dem "Prinzip" des Mißklanges zu erreichen ist (oder besser) daß sie hier viel mehr Möglichkeiten giebt, die in der anfangenden Epoche unbedingt zum Ausdruck gebracht werden müssen. So ist der "Gelbe Klang" konstruiert, d. h. ebenso, wie meine Bilder. Das ist das, was man "Anarchie" nennt, worunter man eine Gesetzlosigkeit versteht (da man immer noch nur die eine Seite der 10 Gebote sieht) und worunter man Ordnung (in der Kunst Konstruktion) verstehen muß, welche aber in einer anderen Sphäre wurzelt, in der der inneren Notwendigkeit. Kurz gesagt: es giebt ein Gesetz, welches Millionen Kilometer von uns entfernt ist, zu welchem wir Jahrtausende streben, welches wir vorahnen, erraten, scheinbar deutlich sehen und welchem wir deshalb verschiedene Gestalten geben. So ist die Entwicklung "Gottes", der Religion, der Wissenschaft, der Kunst. Und alle diese Gestalten sind "richtig", da sie alle gesehen wurden. Nur sind sie falsch, weil sie einseitig sind. Und die Entwicklung besteht nur darin, daß alles vielseitig, compliziert erscheint. Und immer mehr und mehr. So ist ja z. B. auch die Geschichte der Musik: einstimmig, Melodie usw.
Und hinter diesem letzten Gesetz ist noch viel weiter noch eins, da dieses erste auch nur eine Seite ist. Es ist zum Verrücktwerden und zum Hosianna singen.
Wir grüßen Sie und Ihre Frau. Herzlichst
Ihr Kandinsky


Odessa (Südrußland)
Skobelewstr. 12
23. 10. 1912
 

Lieber Herr Schönberg

Ihr Brief hat mich sehr gefreut. Fein, daß Sie so viel zu tun haben, daß Sie so viel gespielt werden. Solche Erfolge haben aber andererseits üble Folge. Sie kommen, zerstückeln die Zeit und fressen sie. Es freut mich sehr, daß Sie nach Petersburg selbst fahren. Ich schreibe darüber Dr. Kulbin, diesem netten, sympathischen, energischen Arzt, Militärakademieprofessor, Künstler, Organisator etc. Er wird Ihnen die besten Ratschläge geben und sicher von Herzen in allem helfen. Ich kenne Petersburg als Stadt wenig. Vor 2 Jahren logierte ich einige Tage im Hôtel d'Angleterre. Alter Pet. Stil, keine 2000 Liftboys u. ähnliche unappetitliche Hotelzugaben des hohen Stils. Der Ton einfach nobel. Sehr beliebt von ernsten Engländern, nicht protzigen! Amerikanern. Lage sehr fein u. zur selben Zeit sehr ruhig. Ich zahlte 4 R[ubel] täglich für ein großes Zimmer mit 2 Fenstern auf den Isaaksplatz. Pet[ersburg] ist teuer! 4 Rubel sind ca. 9 Mark. Wenn Sie Kulbin Ihre Ankunft mitteilen, so wird er Sie sicher von der Bahn abholen und sich Ihrer annehmen. Seine Adresse ist: St. Petersburg, Glawny Stab, Dr. N. J. Kulbin.
K. kennt alles, d. h. auch alle Künstler, die in Betracht kommen. Mit dem liberalen (nicht radikalen) Pet[ersburg] stehe ich schlecht. K. kennt glaube ich auch diese Kreise. In unserem Sinne ist in Pet. nicht viel los. Moskau nimmt auch hier den ersten Platz ein, was die Petersburger freilich nicht einsehen wollen. Hartmann lebt sonst auch in Moskau (augenblicklich ist er in Neapel), wird aber vielleicht im Nov.-Dez. in Pet. sein.
Ich reise in 14 Tagen nach Moskau um dort 3-4 Wochen zu bleiben. Dann vielleicht einige Tage in Petersburg und über Berlin (?) nach München zurück, wo ich Mitte od. 2-te Hälfte Dez. eintreffen werde. Wie verteilt sich Ihre Zeit? Schreiben Sie mir bitte umgehend darüber, wenn auch in sehr knapper Form!
Meine Ausstellung ist – Königin-Augustestr. 51 ("Der Sturm") u. bleibt bis Ende Okt. in Berlin. Dann Holland. Januar – München usw.
In Eile!
Viele herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau
Ihr Kandinsky

Ich erwarte also Ihre baldige Antwort. Ihren Brief an mich habe ich an Münter weitergeschickt.


St. Petersburg
18. 12. 1912
 

Lieber Herr Kandinsky, ich habe bestimmt gehofft, Sie in Petersburg oder Berlin zu sehen. Ich habe Ihnen nach Odessa geschrieben, aber Sie haben mir nicht geantwortet. Nun bin ich heute hier bei Herrn Kulbin und freue mich sehr ihn so zu finden, wie ich ihn von Ihnen erwartet habe. – Herzliche Grüße Ihnen und Frl. Münter (Sowie ich nach Berlin komme, schreibe ich an Frl. Münter).
Ihr Arnold Schönberg
[russisch:]
Grüße und gute Wünsche
N. Kul'bin
Obwohl wir uns nicht kennen, habe ich doch viel von Ihnen gehört und Ihnen sogar geschrieben, leider ohne eine Antwort zu bekommen. Ich erlaube mir Ihnen einen Gruß zu schicken.
N. Dobycina


Arnold Schönberg
Berlin-Südende
Berlinerstr. 17 a
28. 9. 1913
 

Lieber Herr Kandinsky, ich habe fortwährend Unerquickliches zu tun und nachher mit Müdigkeit zu kämpfen. Es ist traurig, daß man nicht zum Atemholen kommt. Wenn ich dann müde bin, habe ich zu gar nichts Lust; weder zum Arbeiten noch zum Briefschreiben. Seien Sie mir nicht böse!
Vielen Dank für Ihren so lieben Brief. Ich werde die Universal-Edition veranlassen, die Noten zu schicken. Hoffentlich tut sie es. Sie ist sehr kleinlich in solchen Dingen.
Der Zeitschrift "Die Kunst" überlasse ich gerne meinen Aufsatz über "Kunstunterricht". Soll ich den direkt hinsenden? Ich weiß gar nicht, ob ich ein Exemplar davon habe. – Eben finde ich eines – und sende es hin. Ich berufe mich auf Sie.
Leider bin ich heuer nicht in Petersburg, hoffentlich aber nächstes Jahr. Dafür aber kommen in München im Februar meine Gurre-Lieder heraus, die ich gar nicht verachte, wie die Journalisten immer meinen. Denn ich habe mich seit dieser Zeit wohl entwickelt, aber ich habe mich nicht gebessert, sondern nur mein Stil ist besser worden, so daß ich mehr in die Tiefe desjenigen dringen kann, das ich damals schon zu sagen hatte und imstande bin es trotzdem sowohl knapper, als auch ausführlicher zu sagen. Ich lege also Gewicht darauf, daß man diesem Werke glaubt, was ich später gehalten habe. Dann singt am 18. November Fritz Soot ältere Lieder von mir. Die sind zwar nicht so alt wie die Gurrelieder (cirka 4-6 Jahre später) und trotzdem mag ich sie zum Teil weniger. Immerhin: es werden wenige so gute geschrieben. Aber sie sind das unfreieste, das es von mir giebt. Ich glaubte damals lernen zu müssen, was ich längst besser konnte und arbeitete an den Sachen. Das macht mir heute wenig Freude. Vielleicht haben Sie Lust und Zeit sich das Eine oder Andere anzuhören!
Daß ich in Rußland Erfolg habe, freut mich sehr. Im Ausland hat man ja überhaupt mehr Interesse für mich als in Deutschland. Nur wird man meinen früheren Werken wahrscheinlich ebensowenig gerecht werden, wie denen Mahlers. Man hat dort so fixe Vorstellungen von Modernität, von einer modischen Modernität, die so ganz die Persönlichkeit vergißt und nur die modische Technik gelten läßt, daß ich mit meinen älteren Werken wenig Chance habe. Die Klassifikation (!!) ist beiläufig die:
Strauß, oder Debussy, oder Skriabine und eventuell meine letzten Sachen.
Ich aber glaube, daß das alles Firlefanz ist. Auf den Stil kommt es nur dann an, wenn Alles andere da ist! Und dann kommt er wieder nicht in Betracht, weil wir ja Beethoven nicht wegen seines seinerzeit neuen Stils, sondern wegen seines jederzeit neuen Inhalts mögen. Natürlich ist ein moderner Stil für den, der sonst nichts aus den Sachen heraushört, ein bequemes Mittel sich zu einem Autor in eine Beziehung zu setzen. Aber mir macht das wenig Freude. Ich möchte gerne, daß man beachtet, was ich sage, nicht wie ich es sage. Erst wenn man jenes bemerkt haben wird, wird man diesem ansehen, daß es unnachahmlich ist.
Es ist lächerlich, daß ich von mir spreche. Aber ich wollte, Sie täten das gleiche und erzählten mir von sich!! Ich weiß ja so gar nichts von Ihnen mehr! Und auch von Frl. Münter. Das tut mir so leid, daß ich deren so lieben Brief noch immer nicht beantwortet habe! Ich will es unbedingt demnächst tun. Bitten Sie Ihre liebe Frau für mich, daß sie eventuell meinen Willen für die Tat nimmt.
Viele allerherzlichste Grüße an Sie beide Ihr
Arnold Schönberg


[Münters Schrift]
8. 11.1913
 

Lieber Herr Schönberg!

In Eile nur ein paar Worte: Haben Sie schon den 1. deutschen Herbstsalon besucht? Versäumen Sie es doch nicht. Es wird Sie dort manches interessieren.
Herzl. Grüße von uns beiden,
Ihre G. Münter

[Kandinskys Schrift]
Herzl. Gruß u. Dank für den Brief, der unbedingt beantwortet wird! Furchtbar viel habe ich zu tun gehabt.
Ihr Kandinsky


5. 2. 1914

Lieber Herr Schönberg

oft wollte ich Ihnen einige Zeilen schreiben. Und Ihr Brief machte mir vor . . . Monaten viel Freude. Man wird tatsächlich schwindlig – so sausen vor den Augen die vier Farben – weiß, rosa, grün, orange – die vier Jahreszeiten. Man stellt sich im Geist 20 solche Drehungen [vor] und sieht sich als einen Greis. Und die Arbeit ist tatsächlich erst im Anfang. Immer öffnen sich neue Möglichkeiten, stückweise, bruchweise, zu seltenen glücklichen Stunden als ein Ganzes. Vielleicht sollte man von Zeit zu Zeit auf einem Turm sitzen, eingesperrt sein, alle Sorgen abschütteln können. Aber das "Leben" klettert auch auf den Turm und fließt durch das Schlüsselloch hinein. Das Wichtigste ist also, sich innerlich einsperren zu können und sich innerlich ausräuchern, keimfrei machen. Ich glaube, es wird jetzt andererseits auch von außen mehr Ruhe kommen. Jedenfalls in der Malerei ist die Explosionsperiode scheinbar ziemlich überstanden. Auf der Bühne (Lebens=) erscheint das große Sieb[,] und das. kleine, kleinliche fällt durch. Um so mehr werden sich die Menschen um das im Sieb gebliebene herumbeißen. Was jetzt allein an "Kunstbüchern" erscheint! Die Schlagworte sind allgemein bekannt geworden, man kann sie für ein Fünferl in der Zeitung haben – und es ist keine große Schwierigkeit mehr, ein Buch zu schreiben. Hexensabbath der Schreibwut. Die Münze wird immer kleiner und von vielen unsauberen Fingern schmierig. Weh dem, der eine "leichtere" Form braucht und "verständlicher" ist, erklärbarer! Aus der Kunst wird eine Menagerie gemacht: in Käfigen sitzen die Prachtexemplare und ein kühner Tierbändiger erklärt mit der Peitsche in der Hand die Eigenschaften der Künstler. Alles wird unglaublich einfach, das Geheimnis ist käuflich geworden. Freuen Sie sich, daß niemand verstehen will, was Sie machen. Lassen Sie die Schmutzfinger an Ihrer Form herumtasten! Wer den Inhalt wirklich braucht, der kommt schon mit der Zeit. An sauberen Händen wird er erkannt. Nun, Sie sehen, ich bin nicht gerade besonders guter Stimmung. Teils ist aber doch die Influenza schuld, die ihr Gift in allen meinen Gliedern hinterlassen hat. Und dieses böse Gift hindert mich an der Arbeit. Und das ist für die gute Stimmung nicht gerade günstig.
Viele herzliche Grüße von Haus zu Haus
und vergessen Sie nicht ganz
Ihren Kandinsky


 27. 3. 1914

Lieber Herr Schönberg

heute ist die Mappe gekommen mit Ihrem Brief und dem Brief von Herrn Müller. Es ist mir sehr peinlich, Ihnen irgendwie nicht dienlich sein zu können. Glauben Sie es mir nur! Ich kann aber mein Gewissen nicht biegen. Die Holzschnitte sind nicht schlecht und nicht tatenlos, aber ziemlich weit davon, was in meinen Augen Graphik und Malerei ist. Die Formen sind modern-konventionell, alles schnell gemacht, ohne Empfindung oder mit so wenig Empfindung, daß ich sie nicht sehen kann. Ich weiß nicht, was das alles will. Glauben Sie mir, daß Ihre Musik dadurch wenig gewürdigt wird. Diese Sachen sind durch gar nichts "angeregt", oder nur und ausschließlich äußerlich. Was man "Schaffen" nennt, ist nicht darin. Wie könnte ich es vertreten? Es tut mir sehr leid, daß ich dieses scharfe Urteil aussprechen muß. Ich kann aber nicht anders. Und das Titelblatt! Solche Sachen müssen gemacht werden. Sie dürfen nicht mit Pinsel "schön" gemalt werden. Wo bleibt dann Ihre Musik, die so durchfühlt und durchdacht ist und vor allem eine wirkliche Gestaltung ist. Es giebt einen Schönberg, und solche Blätter giebt es zehntausende und noch viel mehr.
Seien Sie mir nicht böse! Wir beide grüßen herzlichst
Sie und Ihre Frau
Ihr Kandinsky

Ich lese über Sie fortwährend in der Moskauer "Musik": Ihre Londoner Erfolge usw. usw. Und jedes Mal freue ich mich.


München
5. 5. 1914
 

Lieber Herr Schönberg
Es freut uns sehr, daß Sie und Ihre Familie im Sommer nach Bayern kommen. Wirklich fein! Münter schlägt Ihnen Uffing*) vor – stiller Ort am Staffelsee, (2 Hotels: "Seerose" – einfach, nett; "Kurhaus Staffelsee" – teuer, nicht sehr gut)
oder Seehausen, viel näher zu uns. Beide Orte mit sehr feinen Badegelegenheiten und Kahnfahrten.
Von Uffing bis Murnau – 1 Stunde im Kahn, ebenso zu Fuß. Von Neuhausen [= Seehausen] – 20 Min.
Uffing ist netter. Sie können sich aber auch ebenso gut in Murnau einmieten – nur liegt M. hoch, und so ist man gezwungen, nach dem Schwimmen und Rudern auf den Hügel zu klettern. Am allerbesten fahren wir von München aus in die Murnauer Gegend zusammen u. Sie sehen sich alles selbst an. Wollen Sie eine Wohnung mit Küche? Oder werden Sie keinen Haushalt führen?
Hier gibt es allerhand Theaterpläne, wovon Sie von Marc schon gehört haben. Sie werden deshalb besonders gierig erwartet.
Viele herzliche Grüße von Haus zu Haus
Ihr Kandinsky
[Münters Schrift]
*) Uffing gefiel mir im Jahre 1908 besonders gut wegen der Seenähe, u. ich wünschte das nächste Jahr statt Murnau dorthin zu gehen. Badegelegenheit schien mir gut – kann aber nicht garantieren.

Skizze


[Münters Schrift] Murnau
7. 5. Sonntag 1914

Lieber Herr Schönberg – eben haben wir ein vorzügliches alleinstehendes Häuschen gesehen. Adr. Jos. Staib, Murnau, Seidtlstr. 6. Der Besitzer ist den ganzen Tag nicht da u. kommt nur zum Schlafen. Die Frau ist ausserhalb, also Sie würden das Reich ganz allein haben. Der Mann ist ein besonders sympathischer Typ, das Häuschen reizend, netter Garten mit großem Gartenhaus. Petroleumlampen. W. C. oben und unten – dabei nach Westen eine kl. Veranda – nach vorne, Osten Balkon mit Dach.
[Hier hat Münter den Wohnungsgrundriß skizziert]

Der Herr Jos. Staib ist arg billig – er will für die 4 Zimmer für 5 Wochen 300 M. haben. Es giebt noch Speicherraum für Koffer. Für 3 Z[immer], so daß er Nr. 1 für sich behält will er 250 M. Dann könnte man aber 2 resp. 3 B[etten] in einem Z[immer] stellen. Z. B. Z[immer] 4 [kleine Skizze] so daß das Sofa vors Fenster in die Mitte kommt.

Also was sagen Sie dazu? Bitte möglichst sofort Antwort, am besten direkt Staib.
Die kl. Häuschen "Seefried" sind doch zu primitiv u. klein für Sie. Villa Wild ist ja Paradies – aber mit Menschen. Oder haben Sie an Herrn Wild wegen "Achilles" geschr. er wollte es ja. für 5 Wochen ev. billiger geben. Nun sind wir neugierig – u. beim Mittagessen – eben kommt der Fisch. [Kandinskys Schrift]
Der Fisch war gut! Schloßkarten[?] – auch!! Und das Bier!!! Also prosit! Das Staibhäuschen ist ein einfaches Bauernhaus (keine Villa), aber sehr sauber, geruchfrei und wurde gerade gestrichen, gerichtet usw. Weder Kinder, noch Hunde im Haus. Der Mann ist jung (und jung verheiratet) und wirklich sehr nett. – Vom See weit – ca. 15 Min. Die Lage aber sehr gut, einsam. Die Zeichnung ist stark gepreßt: das Haus weiter von der Straße, die Bahn vi-iel weiter vom Haus, und ebenso der See usw.
Viele Grüße Ihr K.

[Kandinskys PS]
Die Seehäuschen sind viel zu klein

[Münters PS]
Bergaussicht.
Zu uns circa 5 Minuten. Lage ruhig, etwas abseits, allein.


[Münters Schrift]
[undatiert, 7. 5. 1914?]
 

Sonntag um 6. Lieber Herr Schönberg! Wir meinen, das Holzhäuschen im See ist zu klein, zu primitiv eingerichtet – die Schnaken [Mücken] werden Sie zu sehr eßen. Schränke u. Komfort fehlen ziemlich – bei schlechtem Wetter sitzen Sie ganz im Wasser u. kriegen den Schnupfen. Es ist nix für 5 Leute, von denen einer arbeiten will. Dagegen bitten wir Sie zu wählen zwischen dem heute ausführlich beschrieb. Haus Staib Seidlstr. 6 u. der Villa Achilles am See. Morgen telegraphieren wir Ihnen den Preis von Achilles, nachdem wir es besichtigt haben – das ist eine Villa auch ganz für sich – s. Wohnungsliste! mit allem Komfort – unten am See. Es wird wohl teurer als Staib, aber der Vermieter geht sicher von seinen 1000 M. herunter, da Sie es nur 5 Wochen brauchen. Das Haus Staib hat den Vorzug der Heizbarkeit u. daß oben beim Dorf weniger Schnaken sind u. daß es sehr billig ist u. alles nötige vorhanden. Küche scheint sehr genügend eingerichtet.
Bei Staib sind die Betten sicher gut – bei Seefried etwas provisorisch aussehend. Ich laße wieder den Schluß für K – damit wir nichts vergessen.
[Kandinskys Schrift]
Bei Staib sind gute Kachelöfen. Ihren Eilbrief um 4 Uhr erhalten. Dienstag haben Sie die Staibbeschreibung und den Preis Achilles. Dann telegraphieren Sie bitte, was wir nehmen sollen. Bayer. Sommer kann kalt sein und Ofen u. Holz nötig.
Ihr K.

Skizze


12. 5. 1914
 

Lieber Herr Schönberg, vor einigen Tagen waren wir in Murnau. Dort haben wir (wie beabsichtigt) mit der früheren Besitzerin unseres Häuschens gesprochen, die jetzt ein anderes größeres Haus hat und Zimmer vermietet. Es ist eine sehr anständige, gewissenhafte und nette Frau, die wir beide aufs wärmste empfehlen können. Sie hat verschiedene freie Zimmer, die bis 4. Juli frei sind (später ist alles vermietet). Die Preise sind: 1. Stock pro Bett 1 Mark, II. St. – – 80 Pf. Dabei können Sie auch 2 Zimmer haben oder 3, Küchenbenutzung inbegriffen. Ich weiß nur leider nicht, ob etwas speziell gerechnet wird, wenn Sie die Küche allein benutzen wollen, d. h. nur für sich allein in Anspruch nehmen. Ich glaube – nicht. Doch! 80 Pf. pro Tag. Wenn es Sie interessiert, Näheres zu erfahren, so schreiben Sie doch an Frau Xaver Streidl, Kohlgruberstraße, Murnau a. Staffelsee, Oberbayern. Sehr schöner Blick auf Murnau, aus manchen Fenstern auf den See. Schöner Balkon. Zimmer zur Ost (Murnau) – und Südseite (Berge), wichtig für das kalte Bayern. Durch schöne Anlagen und Wald zum See. Viele Kaninchen! N. B. für die junge Generation!! Wiesen, einsame Hügel, Wald, wo sich oft Rehe zeigen u. wunderschön singen.
[Kleine Lageskizze mit See und Kohlgruber Straße "nach Kohlgrub u. Oberammergau. wohin auch eine elektr. Bahn fährt"]
Von uns 5-8 Minuten! Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie bei Streidls mieten würden. Aber eins habe ich vergessen! Ich weiß ja nicht, wie lange Sie in unserer Gegend bleiben wollen! Da doch die Zimmer nur bis 4. Juli frei sind. Aber dann ziehen Sie vielleicht etwas in die Kochelgegend – Kochel selbst od. an den feinen Walchensee. Aber auch Kochel ist fein! Nur finden wir Murnau mannigfaltiger, freier.
Schnell will ich den Brief in den Kasten stecken. Schreiben Sie uns doch ein paar Worte, wie Sie sich entschließen! Ja?
Viele herzliche häusliche Grüße Ihr Kandinsky


Berlin
25. 5. 1914
 

Lieber Herr Kandinsky,

Herzlichsten Dank für Ihren sehr lieben Brief. Aber Sie haben mich mißverstanden: ich beabsichtige die Ferien in Bayern zu verbringen; das ist vom 4. Juli bis ca. 13./14. August. Und da ich viel komponieren möchte, muß ich sehr r