| Korrespondenz
Arnold Schönberg Wassily Kandinsky W. Kandinsky Sehr geehrter Herr Professor! Entschuldigen Sie bitte, daß ich ohne das Vergnügen zu haben
Sie persönlich zu kennen einfach an Sie schreibe. Ich habe eben Ihr
Concert hier gehört und habe viel wirkliche Freude daran gehabt.
Sie kennen mich, d.h. meine Arbeiten natürlich nicht, da ich überhaupt
nicht viel ausstelle und in Wien nur flüchtig und schon vor Jahren
ein Mal ausgestellt habe (Secession). Unsere Bestrebungen aber und die
ganze Denk- und Gefühlsweise haben so viel Gemeinsames, daß
ich mich ganz berechtigt fühle, Ihnen meine Sympathie auszusprechen.
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Ich finde eben, daß unsere heutige Harmonie nicht auf dem "geometrischen"
Wege zu finden ist, sondern auf dem direkt antigeometrischen, antilogischen.
Und dieser Weg ist der der "Dissonanzen in der Kunst["], also auch in
der Malerei ebenso, wie in der Musik. Und die "heutige" malerische und
musikalische Dissonanz ist nichts als die Consonanz von "morgen". (Dabei
ist selbstverständlich das so zu sagen akademisch-"harmonische" nicht
prinzipiell auszuschließen: man nimmt das, was man braucht, ohne
sich zu kümmern, wo man es nimmt. Und gerade "heute", zu Zeiten des
kommenden "Liberalismus", sind so viele Möglichkeiten vorhanden!)
Arnold Schönberg Sehr geehrter Herr, ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihren Brief.
Ich habe mich außerordentlich gefreut. Es ist meinen Werken vorläufig
versagt, die Massen zu gewinnen. Umso sicherer erobern sie sich die Einzelnen.
Jene wirklich wertvollen Einzelnen, auf die es mir allein ankommt. Und
ich freue mich außerordentlich, wenn es ein Künstler ist, in
einer andern Kunst schaffend, als ich, der Beziehungen zu mir findet.
Es giebt sicher unter den Besten, die heute streben, solche unbekannten
Beziehungen, Gemeinsamkeiten, die wohl nicht zufällig sind. Ich bin
stolz darauf, solchen Sympathiebezeugungen öfter bei den besten begegnet
zu sein. Richtig: ich habe das Plakat nicht bei der Hand, kann es nicht finden.
Deshalb weiß ich auch nicht, um welchen Satz es sich handelt. –
Diese Sätze wurden vom Conzertbureau Gutman o h n e mein Wissen auf
das Plakat gesetzt. Mir ist solche Reklame unerwünscht und unsympathisch.
Aber ich konnte nichts mehr dagegen tun, als dem Bureau Vorwürfe
machen. Wozu ich nicht einmal das Recht hatte. Denn der Abend war von
diesem Bureau (und ich bin ihm sonst sehr dankbar dafür) auf dessen
eigene Rechnung arrangiert. Ich hatte also gar keinen Einfluß darauf.
W. Kandinsky Sehr geehrter Herr Professor! Sie haben mir große Freude mit Ihrem Brief bereitet. Ich danke
Ihnen bestens und freue mich sehr auf die persönliche Bekanntschaft
mit Ihnen. Über manches (z. B. bewußte – unbewußte Arbeit)
habe ich oft hin und her gedacht. Im Grunde bin ich mit Ihrer Ansicht
einverstanden. D. h. wenn man schon bei der Arbeit ist, so sollen keine
Gedanken kommen, sondern die innere "Stimme" soll allein reden und lenken.
Nur hat bis jetzt gerade der Maler überhaupt zu wenig gedacht. Er
faßte seine Arbeit auf als eine Art koloristische Equilibristik.
Der Maler soll aber (und gerade um sich ausdrücken zu können)
sein ganzes Material kennen lernen und sein Gefühl insofern üben,
daß er weiß und bei dem Unterschiede zwischen = und [kleine
Skizze] seelisch bebt! Das ist eben Inneres Wissen. Dann kann auch gebaut,
construirt werden und es kommt keine Geometrie dabei heraus –‚ sondern
Kunst. Es freut mich sehr, daß Sie von Sicherkennen sprechen. Das
ist die Wurzel der "neuen" Kunst, der Kunst überhaupt, die nie neu
ist, sondern nur in eine neue Phasis einzutreten hat – "Heute"! Momentan bin ich auf dem Lande. In zwei Tagen aber wieder in München.
W. Kandinsky Sehr geehrter Herr Professor! Vielen Dank für die Sendung. Es tut mir sehr leid, daß ich
das Album wieder zurücksenden muß. Aber Sie erlauben doch,
daß ich es 10 – 14 Tage bei mir behalte? Ich bin direkt begeistert
für Ihre Bilder: eine natürliche Notwendigkeit und ein feines
Gefühl sind ihre Quelle. Ich ahne schon lange, daß unsere doch
große Zeit nicht eine, sondern viele Möglichkeiten bringen
wird. In einer Schrift, die manchen gut gefällt, die aber noch kein
Verleger bei mir abnehmen wollte, spreche ich u. a. davon, daß in
der Malerei die Möglichkeiten so reich werden können, daß
sie nicht nur beide extremsten Grenzen berühren wird, sondern beinahe
überschreiten. Und diese weit, weit voneinanderstehenden Grenzen
( = 2 Polen) sind: volle Abstraktion und die reinste Realistik. Ich für
meine Person neige immer mehr und mehr zur ersten. Die zweite aber ist
mir ebenso willkommen. Und auf das Erscheinen der zweiten warte ich mit
Ungeduld. Ich meine: es kommt morgen! Nun, gerade in Ihren Bildern spüre
ich gerade das Reale so besonders stark. Diese Realistik ist natürlich
der schon überstandenen in keiner Weise gleich. Und innerlich – entgegengesetzt:
da war res = Zweck, hier – Mittel. Und ist das Mittel nicht gleich, wenn
es nur zum Ziel führt? Da denke ich wieder an Ihre "verbotenen" Oktavparallelen.
Bei uns Malern ist gerade die res verboten. Und da freue ich mich, wenn
sie kommt. Erschreckend, ja tragisch ist diese menschliche Neigung zum
Versteinern der Form. Gestern fraß man den Menschen, welcher diese
neue Form zeigte. Heute ist diese Form = unerschütterliches Gesetz
für alle Zeiten. Es ist tragisch, da es wieder und wieder zeigt,
daß die Menschen hauptsächlich am Äußeren hängen.
Ich habe viel über diese Frage nachgedacht und habe auch einen Trost
gefunden. Doch ist manchmal die Geduld am Platzen.
München Sehr geehrter Herr Professor! Mit ganz besonderem Vergnügen schicke ich Ihnen mein Bild.
Wollen Sie mir diese Freude machen, indem Sie mir Ihr Bild schicken? Da es sehr eilte, habe ich mir erlaubt, Ihren Artikel aus der "Musik" ohne Erlaubnis der "Univ[ersal] Edition" zu übersetzen und zum Druck zu geben. Sonst wäre vielleicht diese notwendige Sache um ein ganzes Jahr verschoben.
Sehr geehrter Herr Schönberg! Ich freue mich, daß ich Sie doch zu sehen bekomme. Bin eben von
München gekommen und [habe] Ihren Brief hier gefunden. Könnten
Sie vielleicht am Sonntag zu uns kommen? Sie fahren von Berg – Dampfer
– um 2:10 (fährt Sonn – und Feiertags), sind in Tutzing 2:45, steigen
da in den E[il]–Zug (von Tutzing um 3:00 ab) und sind um 3:46 in Murnau,
wo ich Sie von der Bahn abhole. Wir verbringen den Tag zusammen, Sie übernachten
hier und nächsten Morgen (natürlich!! wenn Sie dazu Lust haben)
gehen wir zu Fuß nach Sindelsdorf in der Kochelseegegend, wo mein
guter Freund Franz Marc (Maler) und seine Frau leben, die sich sehr
für Sie interessieren. Es würde ihnen eine große Freude
sein, Sie kennenzulernen. Wenn Sie wünschen, können Sie am Montag
Abend wieder zu Hause sein. Sonst übernachten wir alle in Sindelsdorf.
Nächste Woche könnte ich zu Ihnen kommen; ich möchte gerne,
daß wir uns wenigstens zweimal treffen.
Berg am Starnberger See Sehr geehrter Herr Kandinsky, herzlichen Dank für Ihre Einladung.
Ich kann nur leider diesen Sonntag nicht zu Ihnen kommen, weil ich jetzt
augenblicklich nicht für so lange Zeit von meiner Arbeit weg kann.
Auch ist meine Frau nicht ganz wohl und deshalb schon konnte ich mich
nicht entschließen fortzusein. Deshalb wäre es mir lieb, wenn
Sie uns besuchen wollten, wie Sie ankündigen, in der kommenden Woche.
In ungefähr einer Woche bin ich mit meiner Arbeit fertig und dann
erwiedere ich bestimmt Ihren Besuch. Bitte aber: kündigen Sie mir
den Tag sobald wie möglich an, damit ich mich einrichten kann. Ich
soll in dieser Woche auch einmal nach München, und wenn ich rechtzeitig
weiß, wann Sie kommen, kann ich mich leicht einteilen. Ich freue
mich schon sehr Sie kennen zu lernen und grüße Sie herzlich
Murnau Sonntag Sehr geehrter Herr Professor! Gestern das Telegramm, heute den Brief erhalten. Vielen Dank! Nach langer
Überlegung mußte ich mich doch entschließen, schon übermorgen
(Dienstag) zu Ihnen zu fahren. Diese Woche ist es mir sehr schwer, einen
anderen Tag zu wählen. Und bis zur nächsten Woche zu verschieben,
wäre es mir zu lang. Es war eben schon früher mit Marcs verabredet,
daß wir Montag hinkommen. So kann ich Dienstag von da aus fahren
und bin mit dem Schiff um 11,40 in Schloß Berg. Bis 5,35 würde
ich Zeit haben.
Murnau Sehr geehrter Herr Schönberg! Besten Dank für den Brief. Gerade gestern habe ich auch von Marc
einen Brief bekommen. Er fragt, wann ich Sie erwarte und bittet, wenn
möglich, die allgemeine Bekanntmachung bis zur nächsten Woche
zu verschieben, da er diese Woche sehr schwer kommen könnte. So wollen
wir es doch zur Bequemlichkeit aller so einrichten, daß Sie nächste
Woche Mittwoch (so früh wie möglich!) kommen und. wenn dieser
Tag Ihnen recht ist, kommen auch Marcs zu uns. Sobald ich Ihre Antwort
habe, teile ich sie Marc mit. Wir erwarten Sie freilich beide!
Berg am Starnberger See Sehr geehrter Herr Kandinsky, hoffentlich kommt nichts dazwischen. Ich
will Mittwoch, wie Sie vorschlagen, zu Ihnen kommen. Wenn etwas dazwischen
kommt, müßte ich eben abtelegrafieren und komme dann statt
dessen Donnerstag. Aber ich glaube es wird gehen. Meine Frau kommt wahrscheinlich
mit und freut sich, wie ich, auf das Beisammensein. Einstweilen also herzliche
Grüße Ich fahre: ab Leoni 7.50 zu Strauß fahre ich diesmal nicht!
Berg am Starnberger See Sehr geehrter Herr Kandinsky, ich kann also doch nicht am Mittwoch kommen.
Ich habe etwas vergessen, was ich Ihnen sagen werde. – Ich komme aber
dafür bestimmt Donnerstag den 14., wenn Sie mir nicht abschreiben.
Vielleicht können Sie mir für alle Fälle schreiben. Ich
kann auch Freitag oder Samstag, eventuell auch Sonntag.
18. 9. 11 Lieber Herr Schönberg! Mittwoch od. Donnerstag muß ich in München sein und zwar für
2 – 3 Tage. So will ich Sie Mittwoch um 11 antelefonieren, damit wir uns
verabreden können. Ihr Besuch hat uns allen sehr viel Freude gemacht.
Seien Sie vielmals herzlich gegrüßt. Empfehlen Sie mich bitte
Ihrer Frau Gemahlin.
[ziemlich sicher Dienstag 21. September 1911] Lieber Herr Schönberg! Unsere Münchener Adresse ist: Ainmillerstr. 36, 1. Gh [Gartenhaus].
Ich habe es ja versprochen, Ihnen mitzuteilen. Und jetzt fällt's
mir plötzlich ein. Nach München fahren wir morgen Abend und
bleiben da bis ungefähr Montag oder Dienstag.
Murnau Lieber Herr Schönberg, am dritten Tag der Arbeit am "Blauen Reiter" denken wir wieder, wie es
fein wäre, wenn wir alle mal zusammen – wenn auch kurz – sein könnten.
Und grüßen Sie herzlich [Münters Schrift]: Wenn wir doch kurz sein könnten – oder besser
lang! Herzl. Gruß, G. Münter
[Münters Schrift] Lieber Herr Schönberg! Hier kommt die Erinnerung. Bitte, seien Sie doch so gut zu veranlassen,
daß der erwähnte Artikel aus dem bewußten Taschenbuch
baldmöglichst in Kandinskys Hände kommt – und was Sie sonst
noch Gutes geschrieben haben. Sie würden auch ein sehr gutes Werk
thun, wenn Sie gute Reproduktionen (Photos oder Clichés) von Kokoschka,
der ja auch in Berlin ist, direkt schicken lassen könnten. Wenn nicht,
bitte um Kokoschkas Adresse, daß wir uns selbst an ihn wenden können.
Die blaue Reiterei stürmt voran. Ein Haufen Arbeiten. Es soll mit
dem Druck angefangen werden, helfen Sie! Stürmen Sie mit, damit das
Ziel erreicht wird.
München Lieber Herr Schönberg! Haben Sie heute gefühlt (d. h. heute besonders), daß hier
bei uns vi – el über Ihre Musik und Sie selbst gesprochen wurde?
Arnold Schönberg Lieber Herr Kandinsky, auf den "blauen Reiter" bin ich schon sehr neugierig.
Wann erscheint er denn endlich? Oder sind Sie noch nicht so weit?
Lieber Herr Schönberg Ihr Brief hat mich sehr gefreut. Fein – die vielen Concerte! Wann wird
das Münchner sein? Ich freue mich riesig darauf. Ganzer Abend in
Paris – ganz famos. Ich könnte da durch Le Fauconnier etwas in der
Presse erreichen. Ist es Ihnen angenehm? Es freut mich auch, daß
Sie so schön wohnen. Vielleicht kommen wir im Januar nach Berlin.
München Lieber Herr Schönberg! Wir 3 haben in den "M. N. N." [Münchener Neuesten Nachrichten] einen
Bericht über Ihr d-moll-Sextett gelesen und freuen uns sehr für
Sie und damit auch für unsere allgemeine Sache.
Berlin-Zehlendorf Lieber Herr Kandinsky, ich habe Ihr Buch noch nicht ganz gelesen; erst
zwei Drittel. Trotzdem muß ich Ihnen aber schon jetzt schreiben,
daß es mir außerordentlich gefällt. Sie haben mit so
vielem unbedingt recht. Insbesondere was Sie über die Farbe sagen
im Vergleich mit der musikalischen Farbe. Das stimmt mit meinen eigenen
Empfindungen überein. Höchst interessant ist mir Ihre Theorie
der Formen. Sehr neugierig bin ich auf das Kapitel "Theorie". Mit einigen
Kleinigkeiten bin ich nicht ganz einverstanden. Vor allem nicht damit,
daß Sie, wenn ich Sie recht verstehe, am liebsten eine genaue Theorie
gegeben hätten. Das halte ich jetzt nicht für nötig. Wir
suchen noch und suchen noch (wie Sie ja selbst sagen) mit dem Gefühl.
Trachten wir doch dieses Gefühl nie an eine Theorie zu verlieren!
Weiß 120 : Schwarz 24 so kann es unmöglich aufs Format ankommen. Denn ich muß das unbedingt auch sagen können, indem ich kürze, beispielsweise durch 12:
Schwarz 2 : Weiß 10
München Lieber Herr Schönberg, Vielen herzlichen Dank für Ihr Bild, Ihr Buch und Ihren Brief. Das
hat mich alles sehr gefreut. Das will ich nur geschwind sagen. Ich bin
sehr müde und kann doch den Brief nicht bis morgen verschieben. –
Von Ihren Bildern wollte ich folgende ausstellen (die Ausstellung beginnt
Dienstag den 19-ten) Selbstportrait, Dame in Rosa, (ev.[entuell] Landschaft)
und 2 - 3 Visionen, die auf alle Menschen starken Eindruck machen, ebenso
wie auf mich (aber lieben tue ich die "realistischen"). Unsere Ausstellung
wird sehr interessant, verschiedene Formen. Wegen Budapest mache ich natürlich
alles sehr gern. – Später mehr! Wir beide grüßen Sie herzlich
und ebenso Ihre Frau.
München Lieber Herr Schönberg, teilen Sie mir doch bitte schnell Ihre Preise
mit. Wir werden keinen eigentlichen Katalog machen können: keine
Zeit. Sondern einfache Listen mit Schreibmaschine geschrieben. Außerdem
gedruckte Circulare.
München Lieber Herr Schönberg, Vielen Dank für die Briefe und besonders für die angekündigte
Musik. Es wäre gut, nicht über 4 Seiten zu gehen. Da kann man
aber natürlich keine festen Grenzen stellen. Ihre Bilder besorge
ich. 4 hängen ja schon in der 1. Ausstellung des Blauen Reiters:
Selbstportrait, Landschaft und 2 Visionen. Wenn Sie wollen, schicke ich
auch diese per Post am 30. XII. Wenn möglich, lassen Sie sie bei
uns: wir machen sehr wahrscheinlich eine Tournee. Sie sollten nicht fehlen.
Die Ausstellung ist ff! Und macht Eindruck . . . P.S. Noch immer habe ich über den Kopf zu tun.
Berlin-Zehlendorf Lieber Herr Kandinsky, nun habe ich lange nichts von Ihnen gehört,
wüßte aber doch gerne, ob Sie meine Bilder rechtzeitig nach
Budapest geschickt haben. Dann: was hat man dazu gesagt? Kritik etc.?
Und schließlich: was macht der Blaue Reiter? Wann soll ich Ihnen
meine Musikbeilage schicken? Und: was sagen Sie zu meiner Harmonielehre?
Ich habe noch kein Wort von Ihnen darüber gehört! Sie haben
das Buch doch hoffentlich bekommen? Ich schickte es Ihnen sofort, als
ich die Gripe bekam, da ich es eben erhalten hatte.
München Lieber Herr Schönberg, wirklich schäme ich mich sehr. Es ist aber keine Schlamperei! Ich
will Ihnen nur kurz aufzählen, was ich mache: 1) den Blauen Reiter,
d. h. Artikel schreiben, lesen, corrigieren etc. 2) Ausstellung I des
B. R. leiten, 3) Ausstellung II des B. R. vorbereiten, 4) für die
Ausstellung in Moskau Deutsche, Franzosen, Schweizer einladen (ich habe
unbeschränkte Vollmacht, also auch unbeschränkte Pflicht), 5)
Verkaufen und Kaufen fremder Bilder helfen, und daraus fließend
6) ununterbrochen stets eilige, oft complizierte, oft sehr unangenehme
Briefe lesen, schreiben (es gibt Tage, wo ich mit jeder der 5 Posten Briefe
bekomme (es gibt Tage mit 20 einlaufenden Briefen und es gibt keinen Tag
ohne Briefe), 7) schulde ich Briefe, 8) male ich nicht, 9) vernachlässige
ich meine Geschäfte. Ich habe in 14 Tagen über 80 Briefe geschrieben.
Meine einzige Hoffnung ist, daß es sich ändert, wenn der "Bl.
R." endlich da gedruckt liegt und Ausstellungen arrangiert sind. Es quälen
mich jetzt schon 2 Bilder, die ich malen möchte: eins innerlich fertig,
am anderen sollte ich versuchen. – Also seien Sie mir nicht böse!
Sie beantworten ja meine Briefe auch nicht sehr genau. Ich habe Sie um
die Preise Ihrer Bilder längst gefragt und ob wir einige für
unsere Ausstellung D. B. R. behalten dürfen. Nach Budapest habe ich
längst geschickt alles mit folgenden Ausnahmen: 1) es hingen bei
uns "Selbstportrait", "Landschaft", 2 "Visionen" 2) Portrait "Dame in
Rosa" wollten Sie nicht geschickt haben (steht noch bei mir). Von der
Gruppe 1 habe ich Ihrem Wunsch entsprechend die "Landschaft" entfernt
(steht bei Thannhauser); die übrigen 3 sind mit unserer Ausstellung
nach Cöln gefahren und haben die feste Absicht auch weiter zu voyagieren.
Diese Bilder machten sich bei uns sehr gut. Und wer hat Ihnen denn gesagt,
daß ich Ihre Bilder nicht liebe? Mir ist nur der Ursprung der "Visionen"
nicht klar und ich würde mich sehr freuen, bald darüber etwas
zu hören. Es ist mir für meinen Artikel im "B[lauen] R[eiter]"
sehr wichtig!! Bitte schicken Sie schnell Ihre Musik? Und der Artikel? Soll ich denn darauf verzichten? Schreiben Sie doch schnell etwas! Wie soll die deutsche Musik ohne Artikel bleiben? Es kommen 2 russische.
München Lieber Herr Schönberg! Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen etwas unangenehmes angetan
habe. Ich dachte nur, daß Ihre Bilder dem Bild der Ausstellung helfen
werden und daß sie zur selben Zeit in verschiedenen Städten
und in guter Gesellschaft gezeigt werden, was Ihnen nützlich sein
kann. Vielleicht habe ich Ihnen im Dezember undeutlich geschrieben! Also
verzeihen Sie bitte meine Eigenmacht! Nicht wahr? – – Ich glaube kaum,
daß man in Budapest noch auf diese Bilder wartet. Jedenfalls möchte
ich Sie bitten, wenn Sie die Bilder doch geschickt haben wollen, umgehend
an Frl. E. Worringer – – Gereonsclub, Gereonshaus, Cöln a. Rh. darüber
zu schreiben. Ich schreibe ihr auch gleichzeitig mit diesem Brief und
bitte sie, Ihrer Bitte gemäß zu handeln. Das "Nachtstück"
lasse ich von hier schicken (per Post). — Wegen einem Concert von Ihnen
habe ich schon verschiedene Schritte getan – – in Moskau und Petersburg.
Vielleicht wird es doch endlich nutzen. Die neue Petersburger Vereinigung
"ARS" will auch Concerte veranstalten. Dahin habe ich bereits im Frühherbst
über Ihre Musik geschrieben. Und die Leute zeigten viel Interesse
für Sie. Die Sache (Verein) ist aber noch nicht vollkommen organisiert.
– Ich erwarte also Ihren Artikel und freue mich! Heute habe ich die letzten
Manuscripte in Druck gegeben. Schicken Sie also recht schnell! Und die
Musik? Die Fotografien Ihres Selbstportraits habe ich gerade in Cöln
bestellt. Das ist für den "B[lauen] R[eiter]". der also in 5 - 6
Wochen vollkommen fertig (gedruckt usw.) sein soll. Wenn Sie nur wüßten,
was das für eine Arbeit ist! – Darf ich Ihnen eine Correktur zuschicken?
Es ist ein Artikel über Skrjabin, welchen ich selbst übersetzen
mußte und habe eine Haidenangst, daß ich verschiedene Fachworte
mißbraucht habe! Ach bitte helfen Sie mir doch! Der Artikel ist
ganz kurz. Wollen Sie? – Morgen will ich für 2 – 3 Tage verreisen,
um meinen Kopf einigermaßen auf dem richtigen Platz wieder zu etablieren
– jetzt ist er irgendwo anders! Viele Grüße von Haus zu Haus
und nehmen Sie mir nicht übel, wenn ich etwas zu undeutlich handle.
München Lieber Herr Schönberg! Will Ihnen nur schnell mitteilen, daß Ihr Artikel "Verhältnis
zum Text" angekommen ist und besonders, daß ich mich sehr über
Ihren Beitrag zum B[lauen] R[eiter] freue und über diesen Artikel,
(der eben kam, in den ich nur eben schauen konnte) wie über alles
von Ihnen. Kandinsky ist gestern für ein paar Tage zur Erholung verreist,
er hat es recht nötig, das waren tolle Monate! Herausgeber, Redakteur,
Artikelschreiber, mehrfacher Ausstellungsarrangeur, Bilderverkaufsvermittlungsbureau
– da kommt Maler und Mensch nicht mehr zur Geltung. Gestern ging "Nachtstück"
ab nach Budapest u[nd] "Rosa Dame" an Sie. Ersteres versichert um 300
Mark. Letzteres war schon weggeschickt u. ich hoffe sehr, daß es
gut ankommt. Ich habe so schnell zur Feder gegriffen, weil ich gleich
von Ihrem schönen Beitrag wieder eine Begeisterung kriegte! Schon gelesen, Artikel ist sehr schön! Bloß über "Portrait" denke ich anders. Wer hat Recht? (Natürlich handelt es sich nur um Worte).
[Münters Schrift] München Sehr geehrter Herr Schönberg! Danke vielmals für Ihre freundlichen Zeilen. Morgen ist also Ihr
Concert, und wenn Sie meinen Brief bekommen, ist es schon überstanden
und ich hoffe Sie nicht allzusehr zu stören. [. . .]
[undatierter Zettel, wahrscheinlich Anfang Februar 1912] Möchten Sie nicht auch noch Busoni zu einem Beitrag auffordern. Er steht uns sehr nahe. Lesen Sie den "Pan" vom 1. Februar oder seine "Neue Aesthetik der Musik."
München Lieber Herr Schönberg, wir freuen uns sehr, daß es so gut mit dem Concert ging. Gratulieren
Ihnen herzlich und wünschen Ihnen GROSSEN inneren, äußeren
Erfolg in Prag. Würden Sie uns Kritiken schicken? Sie bekommen sie
alle in voller Ordnung zurück. Wann ist Ihr Concert hier? Verschiedene
Bekannte fragen danach. Und wir auch. (P. S.) Ich hoffe, daß Sie die Fotos schon geschickt haben. Ich muß sie, wie gesagt, sehr schnell haben.
[Telegramm aus München an Schönberg, bei Zemlinski, Prag, Hawliczekgasse 9, wahrscheinlich 29.2.1912, als Schönberg sein "Pelleas und Melisande", Mozart und Mahler in Prag dirigierte:] herzlich mit ihnen Muenter Kandinsky
München Lieber Herr Schönberg, allerherzlichsten Glückwunsch von uns beiden und von Marc (er ist
gerade in München) zu Ihrem famosen Erfolg. Daß sogar unsere
lieben "M. N. N." [Münchener Neueste Nachrichten] sich zu einer begeisterten
Notiz über Ihr Concert hinreißen ließen, ist ebenso bezeichnend
wie märchenhaft! Ich erwarte mit Ungeduld den von Ihnen angekündigten
Brief, wo Sie doch sicher ausführlich über Ihr Concert schreiben
werden. Ich hatte ja eine sehr große Lust nach Prag zum Concert
zu fahren, wie hätte ich es aber machen sollen, – ich, armer
Sklave des "Blauen Reiters". Tag nach Tag vergehen in ununterbrochenen
Sorgen dafür: Buch, Ausstellungen usw. usw. Ich komme sonst zu gar
nichts. Mit Sehnsucht erwarte ich das Erscheinen des Buches. Wenn Sie
nur wüßten, wie ich mich nach meiner Arbeit sehne, wie ich
zeichnen, zeichnen, malen, malen, malen möchte. Also genug des Sentiments,
und gehen wir zum ernsten Geschäft über. Wann ist Ihr Concert hier? Kommen Sie nicht selbst?
München P. S. zum Brief von heute! Lieber Herr Schönberg, Piper ist ein Manuscript-Sammler. Sein Vater
hat es angefangen. Er hat Autogramme von Beethoven, Liszt usw. Er ist
sehr für Ihre Musik begeistert und fragt mich schüchtern, ob
Sie ihm nicht das Manuscript für den "B[lauen} R[eiter]" schenken
würden. Als ich ihm sagte, ich will Sie mal fragen, war er begeistert.
Natürlich sagte ich, daß ich Sie darum gerne bitten werde,
weiß aber gar nicht, ob Sie es gern tun würden. Seien Sie bitte
so gut und erwähnen Sie auch diese Frage in Ihrem Brief, auf den
ich sehr warte.
Berlin-Zehlendorf Lieber Herr Kandinsky, zunächst muß ich Ihnen sagen, daß
mir Ihr Aufsatz über meine Bilder eine ganz ungeheure Freude gemacht
hat. Vor allem die Tatsache, daß Sie meine Bilder für der Mühe
wert halten. Dann aber auch was Sie sagen. Und was Sie außerdem
sagen: Sie sind ein so voller Mensch, daß Sie die geringste Erschütterung
immer zum Überfließen veranlaßt. Deshalb spenden Sie
auch bei dieser Gelegenheit eine Fülle der schönsten Ideen.
– – Ich bin sehr stolz darauf, Ihre Achtung gefunden zu haben und freue
mich riesig über Ihre Freundschaft.
[Münters Schrift] Lieber Herr Schönberg! Schnell ein Geschäftsbrief. Kandinsky begrüßt Ihren Vortrag
im B[lauen] R[eiter] mit Freuden, er sprach schon davon, Sie zu bitten,
wenn Sie kommen einen Vortrag zu halten in unsrer Ausstellung. Dr. Stadler,
Kunsthistoriker, hielt einen kl. Vortrag in der Ausstellung, an den sich
lebhafte Diskussionen anschlossen – der Vortrag ist ausgearbeitet u. erweitert
u. wird heute wiederholt. Die M. N. N. [Münchner Neueste Nachrichten]
haben es abgelehnt, die Notiz zur Ankündigung des Vortrags zu bringen
mit der Begründung, einmal hätten sie es gethan, öfter
brauchten sie nicht! So ist die Sache nur plakatiert u. es werden schon
Leute kommen. Nun, Dr. Stadler spricht über die Ausstellung. J. A.
Lux, ein Journalist u. Schriftsteller, den Sie wohl kennen, bot Kandinsky
an, einen Vortrag in der Ausstellung über Literatur zu halten. Das
soll am 13-ten stattfinden. Die Ausstellung schließt am 18-ten März.
Wann könnten Sie Ihren Vortrag halten? Natürlich muß es
nicht unbedingt zur Zeit der Ausstellung sein. Heute Abend besprechen
wir es mit Goltz, der ein sehr tüchtiger u. sympathischer Mensch
ist u. die Sache sicher gern arrangieren wird – in seinen Räumen
od. auch sonstwo. Lux wäre eventuell zu verschieben, wenn Sie gerade
diese Zeit haben wollen. Wir haben nämlich gehofft, daß Sie
zur Aufführung Ihrer Composition nach München kommen. Das soll
ja wohl am 14-ten sein? K[andinsky] und auch ich haben uns beide über
Ihren lieben Brief gefreut. Ich lese jetzt mit großem Interesse
das Buch "Arnold Schönberg". Auf Ihre Antwort freue ich mich, geben Sie's mir nur ordentlich! Kandinsky ist sehr traurig, daß Ihre Bilder nicht mit ausgestellt werden sollen im B[lauen] R[eiter] in Berlin, da er sie sehr schätzt u. er im B. R. doch gerade sein Prinzip der großen Freiheit und Vielgestaltigkeit vertritt. Aber da ist nun wohl nichts zu machen! Ihre Gründe sind einleuchtend. Bin überhaupt neugierig, wie es da wird. Walden scheint K[andinsky]'s Kunst besonders zu schätzen. Wie wird er sich zum B[lauen] R[eiter] stellen? Bitte antworten Sie gleich, damit K. genaues weiß wegen Ihrem Vortrag! Er grüßt auch vielmals.
[Münters Schrift] Sehr geehrter Herr Schönberg! Beim Durchlesen der allerletzten Correktur fällt mir noch einmal
die Stelle auf, die mir schon einmal komisch vorkam u. da ich glaube,
daß es nur aus Flüchtigkeit so gekommen ist, möchte ich
Sie fragen, ob es Ihnen angenehm ist, wenn Kokoschka vor Kandinsky stehen
bleibt. *) Ich hörte, er ist noch sehr jung u. soviel ich weiß
hat er außer äusserst talentvollen Bildern noch nicht viel
gemacht u. auch kaum Zeit zu einer bedeutenden Entwicklung [gehabt]. Wenn
Sie es wünschen u. gleich antworten, kann es eventuell noch richtiggestellt
werden, d. h. wenn es in Ihren Augen nicht schon richtig ist. Sie wissen
wohl, daß die Reihenfolge Bedeutung hat. Danke Ihnen, lieber Herr
Schönberg, vielmals für Ihre frdl. schnelle Antwort. K. schreibt
Ihnen nächstens.
28. 3. 1912 Lieber Herr Schönberg, Eben bekomme ich die Nachricht, daß Ihre Clavierstücke in
der Vereinigung ARS (Petersburg) gespielt wurden und einen "großen
und starken Eindruck" machten. Ich freue mich sehr. Eben habe ich nachgefragt,
ob es nicht möglich wäre, daß die ARS ein Concert von
Ihnen veranstaltet. – Separatabzüge Ihrer Noten und Artikel bekommen
Sie ganz bestimmt und 2 volle Bücher des "B[lauen] R[eiters]", welcher
jetzt im definitiven Druck ist.
München Lieber Herr Schönberg, wie geht‘s? Sie haben uns ganz vergessen. Waren Sie in Prag wegen dem
Vortrag über Mahler? Goltz traut sich nicht, den Vortrag in großem
Maßstabe zu veranstalten, und sein großer Saal (Ausstellungssaal)
gehört ihm augenblicklich nicht. Er meint, das beste wäre, ein
Concertbüro zu Hilfe zu nehmen. – Mir ging's nicht ganz gut: ich
habe ordentliche rheumatische Schmerzen gehabt und spüre bis jetzt
die Folgen. Über 14 Tage war ich zu Hause eingesperrt und lange Zeit
konnte ich den Hals weder nach oben noch unten, rechts oder links auch
nur 1 Millimeter drehen. Alles mußte ruhen. Erst jetzt habe ich
meine Arbeit wider aufgenommen. Glücklicherweise war Der Bl. Reiter
schon erledigt und im Druck. Jetzt wird er gebunden, broschiert etc. In
14 Tagen muß er endlich erscheinen! Hier lege ich Ihnen 2 Correkturen
bei, die falsch gesetzt wurden, da der Drucker meinte, es gehöre
in Ihr Buch. Vielleicht können Sie sie brauchen. 2 Belegexemplare
und Sonderdrucke bekommen Sie auch.
undatiert [nach dem 25. 4. 1912] Lieber Herr Kandinsky, Die Korrektur hatte ich schon abgeschickt, als dieses Programm und die
Musik kamen. Aber ich brauche das auch nicht. – –
Berlin-Zehlendorf Liebster Herr Kandinsky, ich will nur rasch Sie und Ihre Frau bitten,
mir wegen meines langen Schweigens nicht böse zu sein. Ich habe sehr
vieles zu tun und komme, ehe ich damit nicht fertig bin, zu keiner Ruhe.
Aber in 2 Wochen bin ich soweit und dann will ich Ihnen ausführlich
schreiben. Nehmen Sie also einstweilen, Sie und Frl. Münter, meine
allerherzlichsten Grüße
[Ansichtskarte Strand Ostseebad Carlshagen Villa Concordia] Lieber Herr Kandinsky, verehrtes Fräulein Münter – – sind Sie böse auf mich? daß ich so lange kein Wort von Ihnen
höre!! Ich selbst habe sehr viel gearbeitet und werde wahrscheinlich
jetzt noch mehr arbeiten und habe mancherlei Sorgen – deshalb kam ich
nicht dazu an Sie zu schreiben! Wie gehts Ihnen. Arbeiten Sie beide viel?
Und was? Ich will jetzt endlich meine "Glückliche Hand" komponieren,
wenn ich eine glückliche Hand habe. Viele herzliche Grüße
auch von meiner Frau an Sie beide
München Lieber Herr Schönberg Sie sollten auf solche Gedanken nicht kommen! Es ist wahr, daß
man solche Sachen erlebt, daß schließlich alles glaubwürdig
erscheint. Wenn ich aber etwas gegen Sie haben würde, so würde
ich auch ganz bestimmt offen Ihnen meine Zweifel resp. Ärger sagen.
Und erwarte das gleiche von Ihnen.
Lieber Herr Kandinsky, mit Bedauern erfuhr ich, daß Sie krank waren
und operiert werden mußten. Was fehlte Ihnen eigentlich? Sie erwähnen
das gar nicht. Wars gefährlich? Aber vor Allem: Sind Sie jetzt wohl,
und vor Wiederholung geschützt? Ich vermute Blinddarm? Hoffentlich
ist es das. Das ist wenigstens ganz unbedenklich. Was ist mit Ihrem Besuch bei uns in Berlin???
[Münters Schrift] Murnau Lieber Herr Schönberg! Schon seit vielen Wochen habe ich den Wunsch, Ihnen zu schreiben. Irgendwie
fehlte aber immer noch ein Körnchen zur Ausführung. Also: ich
möchte Sie aufmerksam machen auf ein Buch, von dem ich meine, es
müßte Ihnen auch Freude und Genuß bereiten. Und – auf
seinen Autor, der sicher ein merkwürdiger, seltener Mensch ist. Er
heißt Volker und sein Buch "Siderische Geburt", Verlag Karl Schnabel,
Berlin, 1910. Volker wohnt Nikolaussee bei Berlin, Luckoffstraße
33. Ich will Ihnen weiter nicht viel erzählen von dem Buch. Ich pflüge
mich nur langsam, und leider mit Pausen, hindurch. Ich nehme nur soviel
davon, als ich halt haben kann. Ganz kann ich nicht mit, besonders wirds
mir wohl zum Schluß zu hoch werden. Aber es geht mir wie eine schwere
goldene Kette Glied für Glied, Satz für Satz, durch die Hände.
Und ich glaube, es ist was für Sie! Wie geht's Ihnen? Wir müssen
nächsten Sonntag wieder nach München, damit K's neue Publikation,
ein Album mit Holzschnitten und Texten bald erscheint. Er erholt sich
allmählich, hat Ihnen ja von seiner Krankheit geschrieben, der Arzt
ist zufrieden mit seinen Fortschritten. Mir geht's gut, ich arbeite nicht
und verthue die Zeit. Lassen Sie doch einmal recht ausführlich von
sich hören.
Murnau Lieber Herr Schönberg das ist ja das dumme und was mich immer ärgert, daß ich die
Werke über Musik nicht lesen kann! Das allgemeinverständliche
habe ich in Ihrem Buch mit dem großen Vergnügen und der feinen
Freude gelesen, welche ich von allen Ihren Schriften bekomme. So viel
ich verstehe, lassen Sie keinen einzigen "Grundsatz", kein einziges "Gesetz"
der vorhandenen Theorie ohne Ihre scharfe Analyse stehen. Es wird an allem
richtig gewackelt und bewiesen (das ist das wichtigste!), daß alles
diesem Wackeln unterliegt und und daß alles abstrakt genommen nur
relativ und zeitlich ist. Daß nur die menschliche Engherzigkeit
(resp. "Dummheit") unerschütterlich fest stehen bleibt. Und da kämpfen
ja die Götter . . . . usw.! – Was mich aber wie gesagt ärgert
ist das, daß ich die positive Seite Ihres Buches nicht verstehen
kann. Wie gerne möchte ich einmal darüber mit Ihnen sprechen!
Vielleicht Ende Oktober! Da wir vielleicht dann in Berlin sein werden.
Im Oktober ist im "Sturm" meine ziemlich große Collektivausstellung.
Ich bin aber selbst in Rußland und hoffe nur, Ende Oktober zurück
über Berlin zu kommen. Münter wird wahrscheinlich schon vorher
da sein. – Die Sache ist ja die, daß die Musiker heutzutage am allernotwendigsten
erst das Umstürzen der "ewigen Harmoniegesetze" brauchen, was die
Maler nur in der zweiten Linie brauchen. Bei uns ist das notwendigste,
die Möglichkeiten der Komposition (resp. Konstruktion) zu zeigen
und das allgemeine (sehr allgemeine) Prinzip aufzustellen. Das ist die
Arbeit, die ich in meinem Buch angefangen habe — in sehr "liberalen" Strichen.
Die "innere Notwendigkeit" ist eben nur ein Thermometer (bzw. Maßstab),
welcher aber zur selben Zeit zu der großen Freiheit führt und
das innere Fassungsvermögen als die einzige Begrenzung dieser Freiheit
aufstellt. In der weiteren Arbeit, die jetzt (und schon jahrelang) in
mir Schritt für Schritt reift, berühre ich in glücklichen
Augenblicken die allgemeine Wurzel der Ausdrucksformen. Manchmal möchte
ich mich am Ellbogen beißen aus Wut, daß die Sache so langsam
vor sich geht. – Was Ihren Artikel im B[lauen R[eiter] anlangt, so habe
ich ihn mit der ständigen Freude genossen. Zum Schluß möchte
ich sagen: oder umgekehrt! D. h. wenn man von der Wurzel wegkommt, so
wird jede Kombinationsmöglichkeit ein "oder umgekehrt". Aber manchmal
ist man gezwungen, nur eine Seite grell-aufdringlich zu beleuchten, und
so fasse ich Ihren Artikel auf. Etwas ähnlich ist ja auch mein Vorwort
zum "Gelben Klang" geschrieben. Dieses "oder umgekehrt" können leider
nur sehr wenige fassen, deshalb wurden auch die 10 Gebote nur einseitig
und "positiv" gegeben. Deshalb sagte Christus: "das weitere könnt
Ihr heute nicht fassen". Und an der Schwelle dieses "Weiteren" stehen
wir heute. Was unser größtes Glück ist. Endlich: so verstehe
ich auch die Konstruktion, die sich, wie es Ihnen scheint, mit dem "Gelben
Klang" nicht harmonisch verbindet. Sie verstehen mich schon! Man hat eben
bis heute das Wort Konstruktion nur einseitig betrachtet. Aber alles hat
mindestens 2 Seiten – "oder umgekehrt". In diesem Falle: unter K[onstruktion]
verstand man bis heute das aufdringlich-geometrische (Hodler, Kubisten
usw.). Ich will aber zeigen, daß K[onstruktion] auch auf dem "Prinzip"
des Mißklanges zu erreichen ist (oder besser) daß sie hier
viel mehr Möglichkeiten giebt, die in der anfangenden Epoche unbedingt
zum Ausdruck gebracht werden müssen. So ist der "Gelbe Klang" konstruiert,
d. h. ebenso, wie meine Bilder. Das ist das, was man "Anarchie" nennt,
worunter man eine Gesetzlosigkeit versteht (da man immer noch nur die
eine Seite der 10 Gebote sieht) und worunter man Ordnung (in der Kunst
Konstruktion) verstehen muß, welche aber in einer anderen Sphäre
wurzelt, in der der inneren Notwendigkeit. Kurz gesagt: es giebt ein Gesetz,
welches Millionen Kilometer von uns entfernt ist, zu welchem wir Jahrtausende
streben, welches wir vorahnen, erraten, scheinbar deutlich sehen und welchem
wir deshalb verschiedene Gestalten geben. So ist die Entwicklung "Gottes",
der Religion, der Wissenschaft, der Kunst. Und alle diese Gestalten sind
"richtig", da sie alle gesehen wurden. Nur sind sie falsch, weil sie einseitig
sind. Und die Entwicklung besteht nur darin, daß alles vielseitig,
compliziert erscheint. Und immer mehr und mehr. So ist ja z. B. auch die
Geschichte der Musik: einstimmig, Melodie usw.
Odessa (Südrußland) Lieber Herr Schönberg Ihr Brief hat mich sehr gefreut. Fein, daß Sie so viel zu tun haben,
daß Sie so viel gespielt werden. Solche Erfolge haben aber andererseits
üble Folge. Sie kommen, zerstückeln die Zeit und fressen sie.
Es freut mich sehr, daß Sie nach Petersburg selbst fahren. Ich schreibe
darüber Dr. Kulbin, diesem netten, sympathischen, energischen Arzt,
Militärakademieprofessor, Künstler, Organisator etc. Er wird
Ihnen die besten Ratschläge geben und sicher von Herzen in allem
helfen. Ich kenne Petersburg als Stadt wenig. Vor 2 Jahren logierte ich
einige Tage im Hôtel d'Angleterre. Alter Pet. Stil, keine 2000 Liftboys
u. ähnliche unappetitliche Hotelzugaben des hohen Stils. Der Ton
einfach nobel. Sehr beliebt von ernsten Engländern, nicht protzigen!
Amerikanern. Lage sehr fein u. zur selben Zeit sehr ruhig. Ich zahlte
4 R[ubel] täglich für ein großes Zimmer mit 2 Fenstern
auf den Isaaksplatz. Pet[ersburg] ist teuer! 4 Rubel sind ca. 9 Mark.
Wenn Sie Kulbin Ihre Ankunft mitteilen, so wird er Sie sicher von der
Bahn abholen und sich Ihrer annehmen. Seine Adresse ist: St. Petersburg,
Glawny Stab, Dr. N. J. Kulbin. Ich erwarte also Ihre baldige Antwort. Ihren Brief an mich habe ich an Münter weitergeschickt.
St. Petersburg Lieber Herr Kandinsky, ich habe bestimmt gehofft, Sie in Petersburg oder
Berlin zu sehen. Ich habe Ihnen nach Odessa geschrieben, aber Sie haben
mir nicht geantwortet. Nun bin ich heute hier bei Herrn Kulbin und freue
mich sehr ihn so zu finden, wie ich ihn von Ihnen erwartet habe. – Herzliche
Grüße Ihnen und Frl. Münter (Sowie ich nach Berlin komme,
schreibe ich an Frl. Münter).
Arnold Schönberg Lieber Herr Kandinsky, ich habe fortwährend Unerquickliches zu tun
und nachher mit Müdigkeit zu kämpfen. Es ist traurig, daß
man nicht zum Atemholen kommt. Wenn ich dann müde bin, habe ich zu
gar nichts Lust; weder zum Arbeiten noch zum Briefschreiben. Seien Sie
mir nicht böse!
[Münters Schrift] Lieber Herr Schönberg! In Eile nur ein paar Worte: Haben Sie schon den 1. deutschen Herbstsalon
besucht? Versäumen Sie es doch nicht. Es wird Sie dort manches interessieren.
[Kandinskys Schrift]
5. 2. 1914 Lieber Herr Schönberg oft wollte ich Ihnen einige Zeilen schreiben. Und Ihr Brief machte mir
vor . . . Monaten viel Freude. Man wird tatsächlich schwindlig –
so sausen vor den Augen die vier Farben – weiß, rosa, grün,
orange – die vier Jahreszeiten. Man stellt sich im Geist 20 solche Drehungen
[vor] und sieht sich als einen Greis. Und die Arbeit ist tatsächlich
erst im Anfang. Immer öffnen sich neue Möglichkeiten, stückweise,
bruchweise, zu seltenen glücklichen Stunden als ein Ganzes. Vielleicht
sollte man von Zeit zu Zeit auf einem Turm sitzen, eingesperrt sein, alle
Sorgen abschütteln können. Aber das "Leben" klettert auch auf
den Turm und fließt durch das Schlüsselloch hinein. Das Wichtigste
ist also, sich innerlich einsperren zu können und sich innerlich
ausräuchern, keimfrei machen. Ich glaube, es wird jetzt andererseits
auch von außen mehr Ruhe kommen. Jedenfalls in der Malerei ist die
Explosionsperiode scheinbar ziemlich überstanden. Auf der Bühne
(Lebens=) erscheint das große Sieb[,] und das. kleine, kleinliche
fällt durch. Um so mehr werden sich die Menschen um das im Sieb gebliebene
herumbeißen. Was jetzt allein an "Kunstbüchern" erscheint!
Die Schlagworte sind allgemein bekannt geworden, man kann sie für
ein Fünferl in der Zeitung haben – und es ist keine große Schwierigkeit
mehr, ein Buch zu schreiben. Hexensabbath der Schreibwut. Die Münze
wird immer kleiner und von vielen unsauberen Fingern schmierig. Weh dem,
der eine "leichtere" Form braucht und "verständlicher" ist, erklärbarer!
Aus der Kunst wird eine Menagerie gemacht: in Käfigen sitzen die
Prachtexemplare und ein kühner Tierbändiger erklärt mit
der Peitsche in der Hand die Eigenschaften der Künstler. Alles wird
unglaublich einfach, das Geheimnis ist käuflich geworden. Freuen
Sie sich, daß niemand verstehen will, was Sie machen. Lassen Sie
die Schmutzfinger an Ihrer Form herumtasten! Wer den Inhalt wirklich braucht,
der kommt schon mit der Zeit. An sauberen Händen wird er erkannt.
Nun, Sie sehen, ich bin nicht gerade besonders guter Stimmung. Teils ist
aber doch die Influenza schuld, die ihr Gift in allen meinen Gliedern
hinterlassen hat. Und dieses böse Gift hindert mich an der Arbeit.
Und das ist für die gute Stimmung nicht gerade günstig.
27. 3. 1914 Lieber Herr Schönberg heute ist die Mappe gekommen mit Ihrem Brief und dem Brief von Herrn
Müller. Es ist mir sehr peinlich, Ihnen irgendwie nicht dienlich
sein zu können. Glauben Sie es mir nur! Ich kann aber mein Gewissen
nicht biegen. Die Holzschnitte sind nicht schlecht und nicht tatenlos,
aber ziemlich weit davon, was in meinen Augen Graphik und Malerei ist.
Die Formen sind modern-konventionell, alles schnell gemacht, ohne Empfindung
oder mit so wenig Empfindung, daß ich sie nicht sehen kann. Ich
weiß nicht, was das alles will. Glauben Sie mir, daß Ihre
Musik dadurch wenig gewürdigt wird. Diese Sachen sind durch gar nichts
"angeregt", oder nur und ausschließlich äußerlich. Was
man "Schaffen" nennt, ist nicht darin. Wie könnte ich es vertreten?
Es tut mir sehr leid, daß ich dieses scharfe Urteil aussprechen
muß. Ich kann aber nicht anders. Und das Titelblatt! Solche Sachen
müssen gemacht werden. Sie dürfen nicht mit Pinsel "schön"
gemalt werden. Wo bleibt dann Ihre Musik, die so durchfühlt und durchdacht
ist und vor allem eine wirkliche Gestaltung ist. Es giebt einen Schönberg,
und solche Blätter giebt es zehntausende und noch viel mehr. Ich lese über Sie fortwährend in der Moskauer "Musik": Ihre Londoner Erfolge usw. usw. Und jedes Mal freue ich mich.
Lieber Herr Schönberg
[Münters Schrift] Murnau Lieber Herr Schönberg – eben haben wir ein vorzügliches alleinstehendes
Häuschen gesehen. Adr. Jos. Staib, Murnau, Seidtlstr. 6. Der Besitzer
ist den ganzen Tag nicht da u. kommt nur zum Schlafen. Die Frau ist ausserhalb,
also Sie würden das Reich ganz allein haben. Der Mann ist ein besonders
sympathischer Typ, das Häuschen reizend, netter Garten mit großem
Gartenhaus. Petroleumlampen. W. C. oben und unten – dabei nach Westen
eine kl. Veranda – nach vorne, Osten Balkon mit Dach. Der Herr Jos. Staib ist arg billig – er will für die 4 Zimmer für 5 Wochen 300 M. haben. Es giebt noch Speicherraum für Koffer. Für 3 Z[immer], so daß er Nr. 1 für sich behält will er 250 M. Dann könnte man aber 2 resp. 3 B[etten] in einem Z[immer] stellen. Z. B. Z[immer] 4 [kleine Skizze] so daß das Sofa vors Fenster in die Mitte kommt. Also was sagen Sie dazu? Bitte möglichst sofort Antwort, am besten
direkt Staib. [Kandinskys PS] [Münters PS]
[Münters Schrift] Sonntag um 6. Lieber Herr Schönberg! Wir meinen, das Holzhäuschen
im See ist zu klein, zu primitiv eingerichtet – die Schnaken [Mücken]
werden Sie zu sehr eßen. Schränke u. Komfort fehlen ziemlich
– bei schlechtem Wetter sitzen Sie ganz im Wasser u. kriegen den Schnupfen.
Es ist nix für 5 Leute, von denen einer arbeiten will. Dagegen bitten
wir Sie zu wählen zwischen dem heute ausführlich beschrieb.
Haus Staib Seidlstr. 6 u. der Villa Achilles am See. Morgen telegraphieren
wir Ihnen den Preis von Achilles, nachdem wir es besichtigt haben – das
ist eine Villa auch ganz für sich – s. Wohnungsliste! mit allem Komfort
– unten am See. Es wird wohl teurer als Staib, aber der Vermieter geht
sicher von seinen 1000 M. herunter, da Sie es nur 5 Wochen brauchen. Das
Haus Staib hat den Vorzug der Heizbarkeit u. daß oben beim Dorf
weniger Schnaken sind u. daß es sehr billig ist u. alles nötige
vorhanden. Küche scheint sehr genügend eingerichtet.
12. 5. 1914 Lieber Herr Schönberg, vor einigen Tagen waren wir in Murnau. Dort
haben wir (wie beabsichtigt) mit der früheren Besitzerin unseres
Häuschens gesprochen, die jetzt ein anderes größeres Haus
hat und Zimmer vermietet. Es ist eine sehr anständige, gewissenhafte
und nette Frau, die wir beide aufs wärmste empfehlen können.
Sie hat verschiedene freie Zimmer, die bis 4. Juli frei sind (später
ist alles vermietet). Die Preise sind: 1. Stock pro Bett 1 Mark, II. St.
– – 80 Pf. Dabei können Sie auch 2 Zimmer haben oder 3, Küchenbenutzung
inbegriffen. Ich weiß nur leider nicht, ob etwas speziell gerechnet
wird, wenn Sie die Küche allein benutzen wollen, d. h. nur für
sich allein in Anspruch nehmen. Ich glaube – nicht. Doch! 80 Pf. pro Tag.
Wenn es Sie interessiert, Näheres zu erfahren, so schreiben Sie doch
an Frau Xaver Streidl, Kohlgruberstraße, Murnau a. Staffelsee, Oberbayern.
Sehr schöner Blick auf Murnau, aus manchen Fenstern auf den See.
Schöner Balkon. Zimmer zur Ost (Murnau) – und Südseite (Berge),
wichtig für das kalte Bayern. Durch schöne Anlagen und Wald
zum See. Viele Kaninchen! N. B. für die junge Generation!! Wiesen,
einsame Hügel, Wald, wo sich oft Rehe zeigen u. wunderschön
singen.
Berlin Lieber Herr Kandinsky, Herzlichsten Dank für Ihren sehr lieben Brief. Aber Sie haben mich mißverstanden: ich beabsichtige die Ferien in Bayern zu verbringen; das ist vom 4. Juli bis ca. 13./14. August. Und da ich viel komponieren möchte, muß ich sehr r | |||||||||||||||||||||||||||||||||