Unterricht 2: Erich Schmid

Der Schweizer Erich Schmid gelangte über Frankfurt, wo er am Hoch'schen Konservatorium studierte, nach Berlin. Er lernte Schönberg während einer Aufführung seiner Violinsonatine op. 1 in Frankfurt kennen; dieser ermutigte ihn, sein Schüler zu werden. Die formale Aufnahme in die Meisterklasse erfolgte im Juni 1930, im Oktober des Jahres die Übersiedlung nach Berlin. Über seine ersten Unterrichtsstunden berichtete Schmid seinen Eltern: »Schönberg selbst empfing uns sehr liebenswürdig und unterhielt sich nun zwei Stunden auf lebhafteste Weise. Kaum ein Wort über Musik, nein über Baukunst, Malerei, Bildhauerei sprach er. [...] Gestern nun brachte ich meine Orchesterstücke. Der erste Satz wurde angesehen und gespielt. Dann kam Diskussion. Allgemein gefiel er, nur wurde er nicht völlig verstanden. Ich sollte also erklären. Das war auch das Verhängnis, denn erstens wußte ich nicht mehr genau Bescheid, und dann sagte ich in der Befangenheit ganz falsche Dinge. Da nun ist Schönberg wahnsinnig streng. Begriffe mit falschem Inhalt oder falsch angewendet! Das kann ihn wütend machen.« Ein besonders rares Unterrichtsdokument stellt die Reinschrift von Schmids Streichquartett op. 4 dar, ein zwölftönig komponiertes Werk. Gemeinsam gingen Schmid und Schönberg die Partitur durch, wobei der Lehrer behutsame Änderungen vorschlug. So notierte er etwa eine Variante des zweiten Themas, die Schmid in einer späteren Abschrift des Satzes berücksichtigte. Über die gemeinsame Arbeit an dem Werk berichtete Schmid später: »Als ich ihm [...] einen Streichquartett-Satz brachte, gefiel ihm irgendeine thematische Entwicklung nicht. Er machte einen Vorschlag, aber mit zum Teil anderen Tonfolgen. Ich bedeutete schüchtern, daß meine Komposition im 12-Ton-System geschrieben sei. Schönbergs Reaktion war: ›Dann versuchen Sie eine ähnliche Entwicklung mit Ihren Reihen.‹ Damit war die Sache erledigt.« Das Streichquartett op. 4 wurde anläßlich eines Schülerkonzertes, bei dem Schmid auch zwei Werke seiner Studienkollegen dirigierte, im Juni 1931 uraufgeführt. Schönberg war zu dieser Zeit bereits in Barcelona, sodaß die beteiligten Schüler ihr Konzert selbst organisieren mußten. Während der Feier nach dem Konzert schickten sie Schönberg den mit Unterschriften und Bemerkungen versehenen Programmzettel, den dieser sorgfältig aufbewahrte. 1931 kehrte Schmid nach Frankfurt zurück, 1933 dann wieder in die Schweiz, hielt aber Briefkontakt mit dem ebenfalls bei Schönberg lernenden Peter Schacht. Durch die Briefe Schachts blieb Schmid auf dem Laufenden über seinen ehemaligen Lehrer und die Mitstudenten: »Daß Hannenheim irrsinnig geworden ist, weiß Du wohl? [...] Seine Werke wollte er verbrennen, die Kraus hat aber wohl den größten Teil gerettet: es soll dieselbe Krankheit sein, die van Gogh gehabt hat, mit denselben Gehörstäuschungen, die bei Schumann auftraten. Schizophrenie und Beziehungswahnsinn. Sein neues Klavierkonzert soll hervorragend sein.« Schmid wurde 1949 Chefdirigent des Orchesters der Züricher Tonhalle, 1957 Leiter des Rundfunkorchesters Beromünster. In seinen Dirigaten nahm das Werk von Schönberg und Webern eine herausragende Rolle ein, zudem leitete Schmid viele Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Komponisten. Erich Schmid lebt in einem Altersheim in der Nähe von Zürich.

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