»Berliner Projekte«

Schönberg genoß zusammen mit seiner Frau Gertrud das vielfältige kulturelle Angebot, das Berlin zu bieten hatte. So sahen sie - allein oder gemeinsam mit den Schrekers oder den Kestenbergs - zahlreiche Filmvorführungen, wobei die Vorliebe der Schönbergs besonders den Filmen von Charlie Chaplin galt. Auch die philharmonischen Konzerte unter Furtwängler sowie Opernaufführungen wurden besucht. In der Freizeit richteten sich Schönbergs kreative Fähigkeiten auf die Erfindung und Verbesserung von Gegenständen, nicht nur in der eigenen Wohnung. So war er unzufrieden mit dem System der Berliner Straßenbahn-Fahrscheine und entwickelte einen Alternativ-Vorschlag: »Anbei erlaube ich mir eine Anregung zu einem Umsteigefahrschein, dessen Gültigkeit auf eine gewisse Zeit beschränkbar ist, einzusenden. Sollten Sie diese Anregung nicht verwerten können, so bitte ich freundlichst um Diskretion.« Seine Vorstellungen von Lehre wollte Schönberg auch außerhalb der Akademie durchsetzen. So konzipierte er etwa 1927 - auf früheren Überlegungen basierend - eine »Internationale Stilbildungs-Schule«, deren Aufgabe es sein soll, »den Schülern und den Lehrern die Kenntnis der Komposition- und Vortragsstile der führenden musikalischen Nationen [zu] vermitteln.« »Hiedurch wird folgendes bezweckt: I. Es soll die Sicherheit gefunden werden, dass ausländische Werke überall im Sinn ihrer nationalen Eigentümlichkeiten erfasst und vorgetragen werden. II. Es ist zu erwarten (und anzustreben), dass ein Gedankenaustausch verbunden mit praktischen Uebungen wechselseitig zur Annahme gewisser Verbesserungen oder Vorzüge anregen wird.« Als Forum konnte Schönberg auch auf den damals noch jungen Berliner Rundfunk, die Funkstunde, zurückgreifen. Im April 1927 dirigierte er dort »Pelleas und Melisande«, es folgten mehr oder weniger regelmäßige Aufführungen seiner Werke. Daß Schönberg selbst regelmäßig Rundfunksendungen hörte, geht aus einem Brief seiner Vermieterin hervor, die sich über den übermäßigen Gebrauch des Lautsprechers beklagte, worauf dieser entgegnete: »Selbstverständlich kann ich ihn [den Lautsprecher] nur dann sprechen lassen, wenn eine Sendung ist, da er zu anderen Zeiten seinen Zweck nicht erfüllen würde. Den ganzen Tag ist auch gelogen.« Im April 1930 schlug Schönberg dem Intendanten der Berliner Funkstunde, Hans Flesch, verschiedene Formen einer »Propaganda für neue Musik« vor, einerseits Analysen von neuen Musikwerken mit Hörbeispielen, andererseits Diskussionen des Komponisten mit Kritikern und Fachleuten. Realisiert wurde diese Idee einer kritischen Auseinandersetzung am 30. März 1931, als in der Funkstunde eine Diskussion zwischen Schönberg, Heinrich Strobel, Herausgeber der Zeitschrift »Melos«, und Eberhard Preußner, Musikreferent des Zentralamtes für Erziehung und Unterricht in Berlin, stattfand. Ausschnitte davon sind erhalten: [2:30] [Aufnahme: »Herr Strobel, unterschätzen Sie nicht die Grösse des Kreises, der sich um mich bildet. Er wird wachsen durch die Wissbegierde einer idealistischen Jugend, die sich mehr durch das Geheimnisvolle angezogen fühlt, als durch das Alltägliche. Aber wie immer das auch kommen mag, so kann ich doch nichts anderes weder denken noch sagen, als das, was mir meine Aufgabe vorschreibt. Nehmen Sie das, meine Herren, nicht für Hochmut: ich hätte gerne bessern Erfolg, es ist keineswegs mein Wunsch, als einsamer Säulenheiliger dazustehn. Jedoch: solange ich mein Denken und Phantasieren für richtig halten darf, werde ich nichts anderes glauben können, als dass Gedanken gedacht werden müssen und gesagt, auch wenn sie nicht verstanden werden, auch wenn sie nie verstanden werden könnten. Ich selbst bin ja gar nicht der Meinung, dass ich so ganz unverständlich bin. Aber überlegen wir: Hätten unbestritten grosse Gedanken wie zum Beispiel die eines Kant nicht gedacht, nicht gesagt werden sollen, weil, nur heute Aufrichtige zugeben müssen dass Sie ihnen nicht folgen können? Wem unser Herrgott die Bestimmung gegeben hat, Unpopuläres zu sagen, dem hat er die Fähigkeit verliehen, sich damit abzufinden, dass es immer die andern sind, die verstanden werden.«]

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