Auseinandersetzung mit dem Judentum

1921 war Schönberg aufgrund seiner jüdischen Herkunft mit seiner Familie aus dem österreichischen Ferienort Mattsee ausgewiesen worden. Dieses Erlebnis ließ ihn in den zwanziger Jahren verstärkt über seine nationale Identität nachdenken. In einer Reihe von Randbemerkungen und kurzen Stellungnahmen setzte er sich mit Fragen des Antisemitismus, der jüdischen Religion und mit Grundsätzen seiner später systematisch entwickelten spezifisch jüdischen Politik auseinander. Mit dem dreiaktigen zionistischen Sprechdrama »Der biblische Weg« legte er 1927 eine Arbeit vor, welche einem »Propagandafeldzug« zur Mobilisierung des Judentums gewidmet ist und in Schönbergs Werk die bislang konkreteste Form politischen Handelns darstellt - noch bevor die Verfolgung des jüdischen Volkes in Deutschland zum offiziellen Regierungsprogramm erklärt wird. »Der biblische Weg« ist eine der umfangreichsten literarischen Arbeiten Schönbergs und als reines Sprechdrama ohne musikalischen Hintergrund ein Sonderfall in seinem Œuvre. Das Schauspiel verweist - direkt oder indirekt - immer wieder auf seine alttestamentarischen Grundlagen. Die Geschichte Israels, der Auszug aus Ägypten und der Bund zwischen Gott und seinem auserwählten Volk sind präsent, ohne das Drama konkret in biblischer Zeit anzusiedeln. Voraussetzung für den Hauptgegenstand des Schauspiels - die Gründung des jüdischen Staates - ist die Verheißung des gelobten Landes. Ziel der Neupalästina-Bewegung ist die Vorbereitung zur Landnahme in Palästina und die Erfüllung des »Gedankens des einzigen, ewigen, unsichtbaren und unvorstellbaren Gottes«. Ein Jahr darauf konzipierte Schönberg das andere große Werk, das sich mit dem Judentum befaßt: seine Oper »Moses und Aron«, die allerdings unvollendet bleiben sollte. Mit den Vorstudien und Entwürfen zu der Oper begann eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem biblischen Stoff und dessen musikdramatischer Realisierung als monumentales Gesamtkunstwerk. Zwischen dem »biblischen Weg« und »Moses und Aron« bestehen enge Bezüge, wenngleich die Gegenwartsnähe des Schauspiels in der Oper aufgegeben wird, um die jüdische Frage mythisch erhöht weiter auszuarbeiten. In übertragenem Sinne stellt die Oper einen theologischen Kommentar des Dramas dar. Im Schauspiel sind Gedanke und Tat in einer Person vereint, dieses führt zum Scheitern des Hauptprotagonisten Max Aruns. In »Moses und Aron« hingegen werden Gedanke und Tat auf zwei Personen - Moses und Aron - verteilt, wodurch der ideologische Disput schärfer formuliert ist. Hauptfrage beider Werke ist, wie Volkwerdung und Erfüllung der Verheißung bewerkstelligt werden können. Das Bekenntnis zum Monotheismus ist hierbei - wie auch in Schönbergs religiösem Spätschaffen - ausschlaggebend.

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