»Überbrettl«

Berlin, im Januar 1901: Ernst von Wolzogen rief - nach dem Vorbild des Pariser »Chat noir« - Berlins erstes literarisches Kabarett, das »Überbrettl« am Alexanderplatz ins Leben. Einer seiner späteren Mitstreiter, Otto Julius Bierbaum, hatte 1897 in seinem Roman »Stilpe« die Vision des modernen Kabaretts so formuliert: »Wir werden diese alberne Welt umschmeißen! Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen! [...] Lustig und lüstig werden wir diese infame, moral-klapprige Welt wieder machen, lustig und himmlisch frech!« Bei der Namensgebung stand der von Wolzogen verehrte Friedrich Nietzsche mit seinem »Übermenschen« Pate, denn Wolzogens Kabarett sollte mehr als ein »Brettl«, ein Tingeltangel-Klub werden, eben ein »Überbrettl«. Das Eröffnungsprogramm, bei dem unter anderem Christian Morgenstern die Parodie einer imaginären Kritik von Alfred Kerr über den gerade stattfindenden Abend vortrug und in dem Bierbaums Szene »Der lustige Ehemann« in der Vertonung von Oskar Straus gleich dreimal wiederholt werden mußte, gestaltete sich zu einem phänomenalen Erfolg. Bei einem Gastspiel des »Überbrettls« am Wiener Carl-Theater im Sommer des Jahres 1901 lernte Wolzogen Arnold Schönberg kennen. Dieser zeigte ihm einige zwischen April und September 1901 komponierte Lieder, deren Texte er einer Anthologie »Deut-scher Chansons« entnommen hatte, welche auch den Textfundus des »Überbrettls« darstellte. Wolzogen erwarb für die Saison 1901/02 sowohl den »Nachtwandler« nach einem Text von Gustav Falke, welchen er »höchst originell und musikalisch reizvoll« fand, sowie »Jedem das Seine«. Die nach ihrem Entstehungsanlaß benannten »Brettl-Lieder« führten zu einer Anstellung Schönbergs als Kapellmeister am »Überbrettl«, die er am 16. Dezember 1901 antrat, und damit zu seiner ersten Übersiedlung nach Berlin. Zu dieser Zeit war Wolzogen bereits in ein eigenes, von dem Jugenstilarchitekten August Endell erbautes Haus in der Köpenicker Straße umgezogen. Der Innenraum zeigte sich - von den Sitzreihen bis hin zu den Schürzen der Programmverkäuferinnen - in sorgfältig abgestimmten hellen Farbtönen, die Decken waren pointillistisch bemalt. Bald nach der Premiere am 28. November wurde das - »Wolzogens Buntes Theater« genannte - Etablissement zum beliebten Treffpunkt der eleganten Berliner Welt. Schönbergs Welt war dies indes nicht: Bereits im April 1902 bat er einen Wiener Bekannten um Vermittlung einer Stelle, die seine Rückkehr ermöglichen sollte. Trotz der anfäng-licher Popularität des Theaters geriet das Unternehmen »Überbrettl« bald in eine finanzielle Krise: Denen, die wegen der Kunst kamen, war es zu sehr Tingeltangel, den Unterhaltungslustigen hingegen zu literarisch. Wolzogen stieg im Juni 1902 schwer verschuldet aus dem Geschäft aus; Schönbergs Vertrag, der bis zum 31. Juli 1902 ausgestellt worden war, wurde nicht verlängert. In seinen »Brettl-Liedern« zeichnete Schönberg die in den Gedichten dargestellten Charaktere satirisch nach, steigerte sie mitunter sogar ins Groteske. Um die musikalischen Qualitäten des »Überbrettl«-Orchesters war es vermutlich nicht besonders gut bestellt: Schönbergs »Nachtwandler« scheiterte bei der Urauf-führung, da der Trompeter den Schwierigkeiten der Partitur nicht gewachsen war.




Home >  Ausstellungen > Arnold Schönberg Center > Arnold Schönberg in Berlin > Überbrettl