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Schönbergs zweite Übersiedlung
Die in Wien in den Jahren 1903 bis 1911 komponierten Werke brachten Schönberg
erste Anerkennung in dem sich um ihn bildenden Kreis ein. Jedoch sah er
sich in zunehmendem Maße auch einer ihm feindlich gesinnten Öffentlichkeit
gegenüber, die beinahe jedes seiner Konzerte zu einem Skandal werden ließ.
Hinzu kam, daß er zwar als Privatdozent an der Wiener Musikakademie unterrichten
konnte, bei der Neubesetzung einer Professorenstelle allerdings regelrecht
übergangen wurde. Durch einen zu eskalieren drohenden Streit mit seinem
Wiener Vermieter wurde Schönberg im Sommer 1911 aus Wien vertrieben. Über
die »Flucht« berichtete er Ferruccio Busoni am 29. August 1911 aus seinem
bayerischen »Exil« in Berg am Starnberger See: »Ein mit mir im selben
Hause in Wien wohnender Unmensch, der zweifellos wahnsinnig ist [...]
bildet sich ein, daß er mich umbringen muß. Was er als Grund für seine
Wut angiebt sind Lügen, aber selbst als solche belanglos, daß sie diese
Wut, die mir nach dem Leben trachtet, nicht zu rechtfertigen geeignet
ist. Der Gefahr entweder selbst umgebracht, oder wegen Überschreitung
der Notwehr eingesperrt zu werden und den damit verbundenen Aufregungen,
mußte ich, nach verschiedenen vergeblichen Versuchen mir durch die Behörden,
oder sogar durch den Revolver, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, am
4. August mich durch Flucht mit meiner Familie vorläufig entziehen. Deshalb
kam ich hierher. Nun aber hoffte ich, die Angelegenheit durch den Advokaten
inzwischen in Ordnung zu bringen, sehe aber nach mehreren hin und her
= Schreibereien, daß ich keine Aussicht habe mir den zweifellos Tobsüchtigen,
der einstweilen noch weiter tobt !!! vom Halse zu schaffen. So kann ich
nicht nach Wien zurück !! So ist die Frage nach meiner Übersiedlung durch
diesen Unglücksfall, der die ›force majeur‹ spielt nicht mehr von meinem
Willen abhängig, sondern ich stehe unter einem Zwang.« Zusätzlich zu diesen
Schwierigkeiten hatte Schönberg mit akuten finanziellen Problemen zu kämpfen.
Die erste Hilfe kam aus Wien durch eine von Alban Berg initiierte Geldsammlung.
In Berlin war es Busoni, der sich um Schönberg bemühte. Ein von ihm, dem
Dirigenten Oskar Fried, dem Pianisten Artur Schnabel, dem englischen Musik-Korrespondenten
Edward Clark und dem Publizisten Alfred Kerr unterzeichneter Aufruf zur
Unterstützung Schönbergs erschien in der Berliner Zeitschrift »Pan«: »Schönberg
wird hierherkommen, wenn sich genügend Schüler melden. Dies mitzuteilen
ist der Zweck unserer Worte. Junge Leute, die Musik studieren, sollen
sie lesen. (Reife Männer, die Musik durch die Tat fördern, auch ...)«
Schönberg wurde zunächst von seinem zukünftigen Schüler Edward Clark beherbergt,
zum 1. Oktober zog er mit seiner nun vierköpfigen Familie in die in Zehlendorf
gelegene Villa Lepcke. Die positive Aufnahme, die ihm in Berlin bereitet
wurde, tat ihm sichtlich wohl, wie er Ende Oktober an seinen Wiener Verleger
Emil Hertzka schrieb: »Sie glauben gar nicht, wie ›berühmt‹ ich hier bin.
Ich schäme mich ja selbst fast, es zu gestehen. Überall kennt man mich.
Man erkennt mich nach meinen Bildern. Man kennt meine Biografie, meine
Eigenheiten, weiß von meinen ›Skandalen‹ und fast mehr als ich, der ich
so etwas bald vergesse.«
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