|
Matinée-Konzert
Dem Berliner Publikum stellte sich Schönberg im Februar 1912 mit einem
Matinée-Konzert vor. Auf dem Programm standen neben den George-Liedern
op. 15 die 1909 komponierten Orchesterstücke op. 16 in einer Bearbeitung
für zwei Klaviere zu vier Händen. Neben Anton Webern übernahmen drei Busoni-Schüler
die einzelnen Klavierparts: Louis Closson, Louis Grünberg und Eduard Steuermann,
der bald darauf Schüler Schönbergs und dessen wichtigster Klavierinterpret
wurde. Über die Probenarbeit an den achthändig gespielten Orchesterstücken
notierte er in sein »Berliner Tagebuch«: »Schwer ist so etwas einzustudieren.
Es macht mir wirklich oft Schwierigkeiten zu sagen, ob es beisammen war.
Erst wenn's anfängt klarer zu werden, unterscheide ich genau. Mir fehlen
eben die Klänge! Die Farben. Das Klavier ist doch nur ein Instrument.«
Das Konzert wurde vom Publikum größtenteils positiv aufgenommen, hatte
jedoch auch Schönbergs erste Fehde mit einem Berliner Musikkritiker zur
Folge. Leopold Schmidt, den Schönberg einmal als »Papst« der Berliner
Musikkritik bezeichnete, hatte nur einen kleinen Teil des Konzertes gehört,
veröffentlichte jedoch eine negative Kritik darüber. Schönberg antwortete
mit dem im »Pan« veröffentlichten satirischen Artikel »Schlafwandler«,
in dem er die sonambulen Fähigkeiten des Kritikers aufs Korn nahm: »Es
scheint, auf diese sonambule Fähigkeit verläßt sich der Kritiker mehr,
als auf die Aufführung. Er traut dem Autor weder mit dem Aug, noch mit
dem Ohr, sondern lediglich mit dem schlafwandelnden Geist. Wobei es ihm
nicht einmal daran liegt, den dazu nötigen Schlaf im Konzertsaal abzuhalten.
Natürlich, da sein Geist sich ohnedies auf die Reise begibt, kann es sich
der Kritiker sogar ersparen, bei der Aufführung selbst anwesend zu sein;
er kann ruhig zu Hause bleiben; denn die Hauptsache ist ja sein Geist
und der schlafwandelt ohnedies hin.« Auf dem Programm stand zunächst auch
das im Dezember 1911 in Berlin komponierte Lied »Herzgewächse« op. 20
nach einem Text von Maurice Maeterlinck, das jedoch wegen seiner enorm
schwierigen Gesangspartie von der Sängerin kurzfristig abgesagt wurde.
Das Werk stellt ein regelrechtes Klangexperiment dar: Es ertönt der koloristische
Reichtum eines Orchestersatzes in Kammermusikbesetzung, getragen von den
Registern eines Harmoniums.
|