Arnold Schönberg und Gustav Mahler

  Arnold Schönbergs erste Begegnungen mit Gustav Mahler versprachen kaum Aussicht auf persönliche Kontakte. Mit zahlreichen anderen Musikern und Musikliebhabern stellte sich der junge Komponist immer wieder für die billigen Plätze der heutigen Wiener Staatsoper an, der Mahler von 1897 bis 1907 als Hofoperndirektor vorstand. Mahlers Dirigierstil wie auch die seit 1902 in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Alfred Roller entstandenen, völlig neuartigen Inszenierungen klassischer und zeitgenössischer Werke beeindruckten Schönberg tief. Nach Möglichkeit wohnte er jeder Aufführung bei.
 
Im Jahr 1912 urteilte er rückblickend, Mahler sei »der größte Musiker unserer Zeit [...], der in Wien Wagner-Aufführungen von unerhörter Schönheit gegeben hat, der es verstanden hat, alles, was Musiker und Sänger heute können, dem einzigen reingeistigen Zweck so unterzuordnen, daß man die Existenz des Materials und der Materie vergessen konnte«.

Wahrscheinlich kam Schönberg erstmals bei seinem Freund Alexander Zemlinsky mit Mahlers Kompositionen in Berührung. Zunächst schien er kaum beeindruckt. Laut dem Zeugnis der damaligen Schülerin Zemlinskys und späteren Frau Mahlers, Alma Schindler, soll Schönberg noch 1902 sein Desinteresse an der Erstaufführung der IV. Symphonie begründet haben: »Wie kann Mahler bei der IV. etwas können, wo er doch schon bei der I. nichts gekonnt hat.«

Diese ablehnende Haltung wandelte sich jedoch spätestens mit der Wiener Erstaufführung der III. Symphonie im Dezember 1904. Schönberg richtete einen begeisterten Brief an Mahler: »ich habe Ihre Seele gesehen, nackt, splitternackt. Sie lag vor mir wie eine wilde, geheimnisvolle Landschaft mit ihren grauenerregenden Untiefen und Schluchten und daneben heitere, anmuthige Sonnenwiesen, idyllische Ruheplätze. Ich empfand sie wie ein Naturereignis mit seinem Schrecken und Unheil und seinem verklärenden, beruhigenden Regenbogen. Was verschlägt es da, dass, als man mir nachher ihr ›Programm‹ sagte, dieses zu meinen Empfindungen wenig zu passen schien.«

Bald danach ergaben sich, vermittelt durch Zemlinsky, der schon seit längerem im Hause Mahler verkehrte, erste persönliche Kontakte. Dabei kam es oft zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem streitlustigen Schönberg, wovon Alma in ihren Erinnerungen ausführlich berichtet. Kein momentanes Zerwürfnis war jedoch von langer Dauer, schon nach kurzer Zeit begann Gustav Mahler »Eisele und Beisele« – wie er Zemlinsky und Schönberg nach zwei Wiener Witzblattfiguren nannte – zu vermissen. Mit der Zeit intensivierte sich die Beziehung. Nie vergaß Mahler in seinen Briefen an Zemlinsky Schönberg zu grüßen oder zu gemeinsamen Treffen einzuladen. Er zeigte auch reges Interesse an Schönbergs Werken, besuchte Proben und Konzerte und setzte sich bei Kollegen - etwa bei Richard Strauss – für ihn ein. Als Mahler während einer tumultösen Aufführung des Ersten Streichquartetts op. 7 seine ganze Autorität investierte, um die zahlreichen Störer ruhig zu stellen, wäre er sogar fast in eine Prügelei verwickelt worden.

Mahlers Umzug nach Amerika, wo er die Stelle des Chefdirigenten der New Yorker Philharmoniker antrat, bedeutete für Schönberg einen schweren Verlust. Trotz der großen Distanz brach der Kontakt jedoch nicht ab. Mahler unterstützte Schönberg wo er konnte, auch in finanziellen Dingen. Als Schönberg im August 1910 brieflich um eine Leihgabe von 300 bis 400 Gulden bat, ließ ihm Mahler ohne Umstände 800 Kronen zukommen. Im Oktober desselben Jahres zeigte er sich tief beeindruckt vom Besuch einer Gemäldeausstellung mit Werken Schönbergs. Als »ein Fremder, der nicht genannt sein wollte« erwarb Mahler drei Bilder. Erst später lüftete Webern in einem Brief kurz vor Schönbergs 37. Geburtstag die wahre Identität des Käufers. Noch wenige Tage vor seinem Tod im Jahr 1911 soll Mahler in großer Sorge geäußert haben: »Wenn ich gehe, hat er niemand mehr«.

Auch in späteren Jahren blieb Schönberg in Kontakt mit der Familie Mahler. Das anfänglich eher distanzierte Verhältnis zu Alma verbesserte sich zunehmend. Die Zuerkennung eines Stipendiums der durch sie mitbegründeten Gustav Mahler Stiftung bedeutete eine große Erleichterung für den Komponisten. Brieflich blieben beide bis zu Schönbergs Tod in Kontakt.

Die intensive Auseinandersetzung Schönbergs mit dem Menschen und der Musik Mahlers läßt sich heute vor allem anhand der, abgesehen von der Rezension eines Konzertes aus dem Jahr 1905, erst nach Mahlers Tod entstandenen Texte nachvollziehen. Schon 1911 vefaßte Schönberg eine kurze Würdigung für die Zeitschrift »Der Merker«, der bereits 1912 ein weiterer Beitrag folgte. Im selben Jahr hielt er seinen großen Vortrag »Gustav Mahler« im Berliner Harmonium Saal. Ferner existieren ein unveröffentlichter Aufsatz zu Mahlers 25. Todestag, Notizen zu einer Abhandlung über die IX. Symphonie sowie eine Vielzahl ausführlicher Kommentare in anderen Dokumenten.

Schönbergs Reputation als Mahler-Experte beschränkte sich nicht auf seinen engsten Kreis. Im Mai 1920 war er auf Einladung des berühmten Dirigenten Willem Mengelberg zu Gast beim Mahler-Fest in Amsterdam, begleitet von seiner Familie und seinem ehemaligen Schüler Anton Webern. Neben der Aufführung einiger Werke Schönbergs im Rahmen des Festprogramms kam während dieser Zeit auch die Idee zur Gründung eines »Mahler-Bundes« auf. Mengelberg sollte Ehrenpräsident der Vereinigung, Schönberg ihr Präsident werden. In seinem ausführlichen Entwurf der Statuten ist als Vereinsziel formuliert, »die Erscheinung Gustav Mahler, den Menschen, den Künstler und das Werk ins Bewusstsein der Zeitgenossen einzusetzen.« Aufgrund von Streitigkeiten zwischen Schönberg und dem Vereinskomitee – vor allem über die Befugnisse des Präsidenten – wurde das Projekt jedoch wieder fallen gelassen.

Schönberg setzte sich Zeit seines Lebens unvermindert für Mahler ein. Noch im Jahr 1948 reagierte er anläßlich einer Aufführung der VII. Symphonie vehement auf die abfällige Rezension des Kritikers Olin Downes. Die Beurteilung dieser Musik sei keine Frage des Geschmacks – jeder, der sich um das Studium der Partituren bemühte, könne alle Vorzüge des Werkes klar erkennen. In Briefen an Downes rekapituliert Schönberg sein Verhältnis zu Mahlers Schaffen und räumt ein, in früheren Jahren ebenfalls schlecht über den Komponisten gesprochen zu haben. Auch zwischen 1925 und 1935 habe er nicht gewagt, »Mahlers Musik zu lesen oder zu hören. Ich fürchtete, meine Abneigung gegen sie könnte wiederkehren. Glücklicherweise war ich so entzückt wie je, als ich eine mäßig gelungene Aufführung der Zweiten Symphonie in Los Angeles hörte: sie hatte nichts von ihrer Überzeugungskraft eingebüßt.« Für Schönberg blieb damit gültig, was er bereits 1912 zur Eröffnung seines Mahler-Vortrags formuliert hatte: »Ich glaube fest und unerschütterlich daran, daß Gustav Mahler einer der größten Menschen und Künstler war.«
 
 

 

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