Arnold Schönberg und Franz Schreker

  »Ein Skandal übrigens so etwas aufzuführen! Musik gewordener Kretinismus oder ein Defect im Gehör. Dabei nahezu talentlos – für die musikalische Composition. Nie möchtest Du, eine solche Tortur mitmachen!« So klang Schrekers Urteil über Schönbergs Erstes Streichquartett nach der Premiere im Jahr 1907. Kein vielversprechender Beginn. Dennoch leitete Schreker wenige Jahre später die Uraufführungen von Schönbergs »Friede auf Erden« (1911) und der »Gurre-Lieder« (1913).
 

Schönberg konzipierte von »Friede auf Erden« für die Erstaufführung eine orchestrierte Fassung, »weil Schreker es ohne das nicht mit seinem jungen Chor riskieren kann, eine die Sicherheit der Intonation ermöglichende Begleitung, die aber nicht als kompositionell mit dem Werk zusammenhängend anzusehen ist!« Die Uraufführung im Musikverein wurde nach dem Bericht Franz Schrekers, der das Wiener Tonkünstler-Orchester »bis beinahe zur Unhörbarkeit abgedämpft« hatte, ein »unbestrittener Erfolg«. 1915 ließ sich Schreker in seiner Oper »Die Gezeichneten« von Schönbergs Gemälden inspirieren und widmete 1929 seine achte Oper »Christophorus« »Arnold Schönberg in Freundschaft«. Schönberg zitierte im Gegenzug »Der ferne Klang« (1910) in seiner Harmonielehre, spielte Schrekers Musik in Konzerten des Vereins für musikalische Privataufführungen und zählte in seiner Widmung der Essay-Sammlung »Style and Idea« von 1950 Schreker zu »jenen mit denen man die Prinzipien der Musik, der Kunst, der künstlerischen und bürgerlichen Moral nicht zu erörtern brauchte. Es bestand ein stilles und klares gegenseitiges Einverständnis in all diesen Dingen.«

Schönberg und Schreker trafen sich erstmals um 1908, wahrscheinlich durch Alexander Zemlinsky vermittelt, den Schreker seit seiner Studienjahre am Wiener Konservatorium kannte. Zusammen mit Gustav Mahler unterzeichneten die beiden 1909 als erste Komponisten Exklusivverträge bei der Universal Edition. Von da an kreuzten sich ihre Wege häufiger. 1920 wurde Schreker Direktor der Berliner Hochschule für Musik und nutzte seinen Einfluß um Schönbergs Berufung an die Preußische Akademie der Künste im Jahr 1925 zu sichern. Beide Künstler waren auch engagierte Lehrer (sie teilten sogar einige Studenten, darunter Paul Amadeus Pisk und Rudolf Kolisch), die gründliche Kenntnisse der Kompositionstechnik zusammen mit einem festen Glauben an stilistische Weiterentwicklung und kreative Individualität vermittelten. Einige der Studenten Schrekers, darunter Ernst Krenek und Jascha Horenstein, knüpften enge Verbindungen zu Schönbergs Kreis; dessen Schüler Winfried Zillig spielte eine wichtige Rolle bei der Wiederbelebung von Schrekers Werken nach dem Zweiten Weltkrieg.

Unter dem Druck, jüdische Professoren der Berliner Musikhochschule zu entlassen, legte Schreker sein Amt 1932 unter Protest nieder und nahm eine Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste an. 1933 wurden er und Schönberg ihrer Stellungen an der Akademie enthoben. Schönberg emigrierte in die Vereinigten Staaten, Schreker wäre gefolgt, erlitt jedoch im Dezember 1933 einen Schlaganfall und starb im folgenden März, zwei Tage vor seinem 56. Geburtstag.

In vielerlei Hinsicht scheinen Schönberg und Schreker polare Gegensätze zu sein. Der eine von Natur aus analytisch, rigoros in seinem Streben nach Konsequenz, scheinbar gleichgültig gegenüber dem Publikum, setzte sich sein ganzes Leben hindurch mit Fragen der organischen Einheit und des Zusammenhangs sowie der klassischen Überlieferung auseinander. Der andere ein erfolgreicher Mann des Theaters, ein Sensualist und Phantast, ein manchmal radikaler Praktikter der stilistischen Montage, in seiner Erscheinung eher international als »Deutsch«.

Es gab fortlaufend Spannungen in ihrer Verbindung – weithin dokumentiert durch die Korrespondenz und andere Quellen – aber auch einen enormen Vorrat an künstlerischem Respekt und persönlicher Zuneigung. »Er ist der einzige Mensch zu dem ich wirklich künstlerisches Vertrauen habe«, schrieb Schreker 1926 über Schönberg, »weil sein Wesen Schärfe mit Naivität verbindet«. Tatsächlich sind dies Züge, welche beide Künstler teilten. Die Komplexität ihrer Persönlichkeit und Verbindung zu verstehen ist ein Anfang, um die Vielgestaltigkeit der Wiener Moderne zu begreifen.

 

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