Der biblischer Weg - Schauspiel in drei Akten von Arnold Schönberg
Inhalt

 

Anmerkung
Text established on last corrected typewritten copy by the author. Nevertheless a certain number of typographical errors have remained uncorrected in that copy. We have corrected them in this version. First names for certain characters were supplied from a handwritten list of 'dramatis personae' inserted by Schoenberg in the folder DICH[tung] 29. ( Moshe Lazar, 1995)

Dramatis Personae

Aruns, Max
Christine, seine Frau
Rutlin, Linda
Pinxar
Guido [Joseph]
Asseino [David]
Jonston [Peter]
Kolbiëf
Gadman
Eldad
Sanda [Felix]
Tamlan [1. Officier]
Golban [Dirk]
d.j. Golban, sein Sohn [2. Officier]
Setouras [Michael]
Ein alter Mann
Kaphira; Gesandter Ammongäas
Thürsteher, Officiere, Beamte, Sportjugend, Festteilnehmer, Auswanderer, etc.

Inhalt
Akt I
: Bild I: Szene I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X
Akt I: Bild Set II: Szene I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X
Akt II
: Szene I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV
Akt III
: Szene I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X

I. AKT
Der erste Akt spielt in Europa, der zweite und dritte in Neupalästina. Gegenwart.

I. Bild (Rechts und links vom Zuschauer)

(Grosser langgestreckter Vorraum im Direktionsgebäude: Zu beiden Seiten Türen, die in verschiedene Zimmer führen; eine in der Mitte links in Aruns Zimmer. Diesem gegenüber, Mitte rechts, eine Eingangstür, hinter welcher eine abwärts führende Treppe zu denken ist. Im Hintergrunde rechts der Ansatz einer aufwärtsführenden Treppe. Den Hintergrund bildet ein grosses Fenster, welches Ausblick auf eine Alpenlandschaft und den grossen Sportplatz bietet. Die Ausstattung ohne jeden Zierrat, in gutem Material. Ebenso alle Möbel: Schränke, Tische, Sessel etc., welche, als Sitzgelegenheiten für Wartende, im Raum verteilt sind.)


I. (Während des ganzen ersten Bildes kann, soweit er das Spiel nicht stört, ein reger Parteienverkehr den Vorraum beleben)

Gadman, Tamlan, d.j. Golban
(Der junge Golban sitzt vorn an einem der Tische gegenüber der Eingangstür; Gadman tritt erst im Verlauf dieser Scene auf und wartet dann an einem der vorderen Tische.) (Beim Aufgehen des Vorhanges tritt Tamlan auf, sieht sich um, erblickt den jungen Golban, geht auf ihn zu)

Tamlan: Warum bist du nicht angezogen?
d.j. Golban: (macht eine verständnislos fragende Geste, blickt an sich herunter)
Tamlan: Bist du krank?
d.j. Golban: Nein. Warum?
Tamlan: Spielst du nicht mit?
d.j. Golban: (verständnislos) Mitspielen? Was? Wo?
Tamlan: Oder sind Sie vielleicht kein Jude?
d.j. Golban: Ah, doch! Ja!
Tamlan: Was machst du dann hier?
d.j. Golban: Ich warte auf meinen Vater, der mit Herrn Sanda spricht. Wir wollen das Sportfest ansehn und die Reden anhören.
Tamlan: Dann gehören Sie also keiner Sportvereinigung an?
d.j. Golban: Ich habe nicht Zeit, mich mit Sport abzugeben. Ich studiere orientalische Sprachen.
Tamlan: Sie sind also einer der vielen Juden, die seit Jahrhunderten alle Wissenschaften und Künste erlernen, darüber aber verlernt haben, ihre Glieder zu gebrauchen und sich durch sie Achtung zu verschaffen. Ich habe auch früher studiert und bin mir damals mindestens so gescheit vorgekommen, als Sie sich vorkommen. Und ich habe auch geglaubt, dass die Andern mich dafür achten müssen. Heute kümmere ich mich um eure Wissenschaften nicht mehr; wenn mir aber Einer Achtung versagt, versteh ich es, (den Arm hebend) sie ihm beizubringen (da der junge Golban schweigt:) Interessieren Sie sich nicht für das Schicksal Ihres Volkes?
d.j. Golban: Oh doch! Ich bin hergekommen, um zu sehn, was ihr leistet.
Tamlan: Ihr! Gehören Sie denn nicht dazu? Glauben Sie Freund oder Feind etwas anderes zu sein, als ein Jude? Wegen der Sprachgelehrtheit?
d.j. Golban: Ich treibe das, wozu mich Talent und Interesse bestimmen.
Tamlan: Und haben Sie also kein Interesse für die Wiederaufrichtung der jüdischen Selbständigkeit? Keines dafür, nicht mehr verachtet zu werden? Kein Talent, ein moderner Jude zu sein?
d.j. Golban: Ich habe bis jetzt noch nicht viel darüber nachgedacht. Jedenfalls aber bin ich zum Sport wenig geeignet.
Tamlan: Das war anfangs Mancher, der dann bald Vorzügliches geleistet hat. Versuchen Sie es!
d.j. Golban: Ich bin nicht gesund genug dazu.
Tamlan: In der Studierstube werden Sie es auch nicht! Aber bei uns sind Sie es bald. Kommen Sie mit mir; ich zeige Ihnen unser Lager und alles Andere.
d.j. Golban: Ich muss auf meinen Vater warten.
Tamlan: Wir lassen ihm Post. Da kommt Herr Kolbiëf, mit dem ich sprechen muss; dann werden wir zu Herrn Sanda gehn. Ich heisse Tamlan; wie heissen Sie?
d.j. Golban: Golban.


II. (Kolbiëf und Eldad, von der Treppe rechts herunterkommend; Eldad wendet sich zu Gadman)

Tamlan: (Kolbiëf entgegengehend; ihn stramm begrüssend) Herr Kolbief, es sind weit mehr Sportler angekommen, als erwartet wurden. Durchaus Neubeigetretene. Bei meiner Abteilung allein weit über zweihundert. Bei andern noch viel mehr. Es fehlt natürlich an Zelten, aber vielleicht auch an Platz. Ich soll Sie bitten, uns alle vorhandenen Zelte anzuweisen.
Kolbiëf: Allen deinen stürmischen Freunden können wir den gewünschten Komfort keinesfalls zur Verfügung stellen. Hoffentlich vertragen sie Sturm so gut und gerne, wie wir ihren Ansturm.
(reicht ihm ein Papier) Hier ist alles, was ich habe. Nicht viel, aber ich denke, ihr werdet euch zu helfen wissen.

Tamlan: Unsere Körper zu schützen soll uns kein Kopfzerbrechen kosten. Wir werdens probieren, und morgen werden alle wissen, ob es erträglich war. (zum j. Golban) Kommst du mit mir? (zu Kolbiëf) Ich will diesem Herrn unser Lager zeigen und seinen Vater, Herrn Golban, der bei Herrn Sanda ist, davon verständigen. Können wir zu Hernn Sanda gehn?
Kolbiëf: Wenn Sie der Sohn des Herrn Golban sind, so werde ich es Ihrem Vater selbst sagen. Ich treffe ihn hier. Also: Auf Wiedersehen!
(Tamlan und d.j. Golban ab. Kolbiëf klopft an die Türe rechts von Aruns Zimmer; Linda Rutlin kommt heraus)


III. Kolbiëf, Linda Rutlin

Kolbiëf: Ich bin sehr ärgerlich! Weniger darüber, dass Sanda mit Golban konferiert, was manchen Anderen freuen wird, weil es seinen Verdacht bestätigt. Als vielmehr darüber, dass ich etwas weiterverbreiten muss. Bloss weil ich das Pech hatte, es zu entdecken.
Linda Rutlin: Ich habe Sanda nie leiden mögen. Aber Aruns schätzt ihn. Unbegreiflich!
Kolbiëf: Vielleicht findet er wie ich: Sanda mag vertrauenswürdig sein, oder nicht. Wer kann uns schaden?
Linda Rutlin: Das ist wohl wahr. Aber soll man sich von ihm immer in seinen heiligsten Gefühlen verletzen lassen?
Kolbiëf: Man muss sich unverletzbare anschaffen!


IV. (Während dieser Scene ist Jonston aufgetreten; jetzt kommt auch Sanda mit Golban und Setouras; diese begrüssen Gadman und Eldad. Sie bilden an den Tischen teils sitzend, teils stehend, eine Gruppe.

Linda Rutlin, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, Golban, Setouras.
Golban: Das ist ja eine Festung!
Kolbiëf: Bis zu einem gewissen Grad. Ja, es wurde viel in kurzer Zeit erreicht. Vor zwei Jahren erst wurden die einzelnen Gruppen in der Sportvereinigung zusammengefasst. Und seither wurde das alles hier gebaut. Heuer sind fast alle Länder hier vertreten; aber vor einem Jahr war es kaum die Hälfte!
Sanda: Dafür aber giebt es auch doppeltsoviel verschiedene Meinungen!
Golban: Aber wozu brauchen sie militärische Anlagen?
Kolbiëf: Sie fragen mehr, als ich einem unserer Freunde anvertrauen dürfte. Vielleicht mehr als ich selbst weiss. Sie sehen, was ich sehe -- wir verbergen nichts -- und können wie ich Schlüsse daraus ziehn. Bilden Sie sich selbst eine Meinung -- das kann Ihnen niemand verwehren.
Sanda: Als ob, seit es hier doppelt so viel Völker gibt, an neuen Meinungen Mangel wäre!
Kolbiëf: Allerdings; je weniger Köpfe, desto mehr Meinungen.
Golban: Gibt es also bei Ihnen wenig selbständige Meinungen, weil es viele selbständige Köpfe gibt, oder, umgekehrt; wenig Köpfe, aber viele selbständige Meinungen?
Eldad: Beides nicht. Wir haben alle zusammen einen Kopf; aber einen von bezwingender Kraft.
Gadman: Sie verzeihen -- ich will nicht gerne unhöflich sein -- aber, das ist noch immer wenig schmeichelhaft für den Einzelnen. Aber auf Aussenstehende wirt es immerhin beruhigend, dass Sie sich das "je weniger Köpfe.... '' solcherart erläutern. Man fürchtet für den eigenen, wenn man an die bezwingende Kraft des Ihnen gemeinsamen Kopfes denkt und ist froh, dass Sie sich damit begnügen, die Anwesenheit anderer Köpfe bloss zu bestreiten. Aussenstehende wenigstens möchten den eigenen Kopf gern behalten dürfen. Und zwar: so wie er ist.
Kolbiëf: (mit einer Geste, zum Fenster hinaus) Sie sehen hier ringsum Menschen, alle unbehindert ausgerüstet mit allem, was ihnen Vergnügen macht.
Gadman: Der Kopf ist also frei -- sofern er sich nur der officiellen Meinung unterwirft.
Kolbiëf: Nach der Freiheit der Einzelnen fragt man hier allerdings wenig. Es liegt uns mehr an der Freiheit aller. Und die eigene Meinung: darüber sind wir hinaus. Uns allen ist bloss wichtig, dass alle einen einzigen Gedanken denken; den Volksgedanken: den, der uns zu einem Volk macht.
Gadman: Unsere Zeit will Frieden und gemeinsame Arbeit aller Nationen an den Friedenswerken der Wissenschaften, der Künste, des Rechts, der Wohlfahrt, des Handels, der Industrie, des Verkehrs und so weiter. Euer Volksgedanke wird nie wieder ein ganzes Volk bewegen. Nationalistische Überheblichkeit gehört einer vergangenen Zeit an....
Eldad: Und wird eine künftige beherrschen. Alles was war, kehrt wieder!
Setouras: (trocken) Also auch der Assimilationsgedanke! Aber eigentlich haben wir das alles oft gelesen, heute vormittags in der Festversammlung vernommen und werden davon wahrscheinlich Nachmittag wieder hören.
Kolbiëf: Scheinbar doch nicht oft genug!
Golban: So wie Ihr scheinbar die Argumente eurer Gegner nicht oft genug gehört habt. Ihr wollt nicht bemerken, wieviele Interessen in der Welt ihr stört und bildet euch ein, man könne aus dem Gebäude dieser Weltordnung einen Stein herausnehmen, ohne das Ganze zu erschüttern.
Eldad: Warum sollten wir ängstlicher sein als die meisten unserer Gegner?
Kolbiëf: (rasch) Nichts liegt uns ferner!
Eldad: Sind nicht die Orthodoxen ein Stein ausserhalb des Gebäudes? Und wollen nicht Sozialisten, Pazifisten und andere Weltverbesserer einen oder mehrere Steine herausnehmen?
Jonston: Wir theoretisieren wieder einmal über Fragen, die für uns praktisch längst ohne Bedeutung sind. Aus purer Höflichkeit! Auch wir, Herr Gadman!
Eldad: Es kommt übrigens nur darauf an, ob man das, was zurückbleibt, wiederauszubalancieren vermag.
Setouras: Und Sie können das selbstverständlich!
Kolbiëf: Wir hoffen, es so gut zu treffen, wie Ihre zukünftigen Bundesgenossen. Vielleicht noch etwas besser. Denn für unser Versuch giebt es immerhin geschichtliche Vorbilder.
Golban: Ich gebe zu: Euer Versuch, den jüdischen Staat mit Hilfe eines Schutzstaates zu erichten, ist wenigstens nicht neu. Mir fällt zwar keine bezügliche Bibelstelle ein -- ich habe das nicht so zur Hand, wie ihr -- aber: Hoffentlich habt ihr mehr Glück, als eure Vorläufer beim Tempelbau unter Julian.
Linda Rutlin: (enthusiastisch) Unser Tempelbau wird nicht durch Flammen, die aus der Erde strömen gestört werden. Er beginnt mit Flammen! Mit Flammen aus dem Geist eines unvergleichlichen Mannes. Wer seit Jahrhunderten reicht an ihn heran? Wer könnte eine solche Idee konzipieren? Sehn Sie dieses Gesicht an: Hat Gott ihm nicht den Sieg auf die Stirn geschrieben? Sagt es Ihnen sein Blick nicht, der durch die Jahrhunderte vor- und rückwärts blickt und in unsere wie aus einer andern Welt schaut?
Gadman: Die wir aber so wenig erschauen werden, wie manches andere Wunder, das Ihr Meister vespricht.
Jonston: Wenn man Euresgleichen ein Wunder weist, bezweifelt ihr es und verlangt, es zu sehn. Dann aber ist es euch keins mehr, oder höchstens ein technisches. "Und Moses schlug mit dem Stab zweimal auf den Felsen.'' Dass dann Wasser kommt leuchtet euch eher ein, als wenn er bloss zu dem Felsen gesprochen hätte....
Linda Rutlin: .... ja, so kleingläubig seid ihr, wie die, die mit Moses durch die Wüste wanderten. Euch kann nur so geholfen werden, wie ihnen: gegen euern Willen.... Wenn nichts Sie überzeugen kann, so müsste Ihnen doch die Arbeitskraft und Energie unseres Meisters imponieren. Er hat in diesen zwei Jahren zweimal die Erde bereist, hat überall Bünde organisiert, mit Regierungen verhaldelt, Verträge geschlossen, Zusagen erhalten, Gewissheiten geschaffen. Er hat Neupalästina in verschiedenen Richtungen durchquert und die wichtigsten Punkte selbst besichtigt, hat die Berichte der Sachverständigen geprüft, mit Technikern, Geographen, Industriellen und Finanzleuten verhandelt, den Plan der Besiedlung und Einwanderung selbst entworfen, die Ausführung in allen Details erwogen, Verbesserungen vorgeschlagen -- er hat alles bis ins Kleinste ausgedacht und nun sind wir vorbereitet: Nur Monate, Wochen vielleicht, trennen uns noch von dem Augenblick, wo das erste Auswandererschiff abgeht. Wer da nicht widerspruchslos bewundert und an den Erfolg glaubt, ist unfähig dazu!


V. (Die Gruppe hat sich während des letzten Teils der Scene aufgelöst. Einzelne sind abgegangen, andere in Zimmer eingetreten, einige bleiben sitzen. Während der letzten Worte hat Golban, überlegen lächelnd, Gadman an einen andern Tisch gezogen).
Golban, Gadman

Golban: Wenn diese Phantasten nicht durch mehr zusammengehalten sind, als durch ein paar paradoxe Redensarten, so werden sie sich schwerlich gegen realere Mächte behaupten.
Gadman: Das ist purer Dilletantismus! Auf solchen Grundlagen will man ein Staatswesen aufrichten? Noch dazu, wo es sich um ein Volk handelt, das aus Gelehrten, Künstlern, Händlern und Wechslern besteht; dem der Arbeiter- und Bauernstand fehlt! Ein Umstand übrigens, der den Sozialisten ziemlich peinlich wäre; denn sie müssten die sozialen Unterschiede erst schaffen, wenn sie sie beseitigen wollten.
Golban: Es werden weder die einen schaffen, noch die andern beseitigen! Kann man ernstlich glauben, dass ein Staat der Welt seine Juden und ihr Kapital aus seinem Volksvermögen entlassen wird? Oder das umgekehrt, das jüdische Kapital, dessen Interesse an der Neugründung ohnedies sehr gering ist, sich deswegen einen bedeutenden Schaden wird zufügen lassen?
Gadman: Aruns antwortet hier mit der Bibel: dass die Ägypter die Juden mit ihrem Hab und Gut ziehn lassen mussten. Und seine Anhänger lassen durchblicken, der Widerstand des Kapitals werde verschwinden, sobald es sein wahres Interesse erkenne. Aber man durchblickt mehr, als ihnen lieb sein kann. Man sieht und hört, dass Aruns phantastische Theorien keinen ganz befriedigen; dass er bei jedem irgendwie Anstoss erregt. Was sollen die vielen Intelligenzler anfangen? Umlernen? Körperlich arbeiten? Kennt er uns so wenig? Und wie will er mit den Orthodoxen fertig werden? Einerseits stützt er sich auf die Religion; dadurch hat er sie gewonnen, räumt ihnen aber übergrossen Einfluss ein. Andrerseits jedoch verkündet er, dass man einen modernen Staat nicht nach den durch die mosaische Offenbarung überlieferten Gesetzen regieren kann. Und stösst sie damit wieder ab.
Golban: Äusserst unklug für einen Politiker! Diesen Kampf hätte er solange als möglich hinausschieben müssen.
Gadman: Er hofft, sie durch seine Voraussage einer neuen Offenbarung hinhalten zu können, die der Auswanderung nach Neupalästina so folgen werde, wie die erste dem Auszug aus Ägypten.
Golban: Ich nehme an, dass er daran selbst nicht glaubt! Auch müsste er aus der Bibel, die ja, wie er sagt, genau den Weg angiebt, wissen, wie schwer es schon war, die erste durchzusetzen.
Gadman: Er argumentiert, wie stets, so auch hier sehr geistreich: Der Prophet Samuel sei gegen die durch die mosaischen Gesetze vorgeschriebenen Opfer aufgetreten. Erst David habe sie wiederhergestellt. Moses, Samuel, David stellten innerhalb der Bibel verschiedene Kulturstufen dar.
Golban: Solange sie theologische Diskussionen führen, bin ich ziemlich beruhigt.
Gadman: Aber er hat auch die verschiedenen extremzionistischen Gruppen nicht für sich. Sie wollen nicht nach Neupalästina sondern nach Palästina. Von einer starken jüdischnationalen Bewegung versprechen sie sich Gewinn, fürchten aber, sich zwischen zwei Stühle zu setzen und das Interesse der Gönner ihrer zionistischen Bestrebungen zu verlieren.
Golban: Und nun frage ich Sie: Hat Aruns in seinem neuen Staat die Macht, sich gegen sozialistische Bestrebungen zu wehren?
Gadman: Sie geben ihm im engsten Kreis seiner Anhänger schon jetzt zu schaffen. Sie fordern, dass Neupalästina Zukunftsstaat werde. Seine Antwort ist nicht ohne Witz: "Erst der Staat, dann seine Zukunft.'' Extreme aber wollen die Zukunft zuerst; und der Staat mag dann sehn, wie er nachkommt.
Golban: (ablenkend) Warum sind Sie hierher gekommen?
Gadman: Ich glaube nicht, dass Sie bloss aus Neugierde hier sind. Ich aber habe fast keinen andern Grund. Mich regt diese Unternehmung im höchsten Grad auf. Ich hasse sie und bin sicher, dass sie alles mögliche Böse bewirken wird. Sie rollt Probleme auf, die uns fremd, ja dem modernen Denken geradezu entgegengesetzt sind. Ich kann aber dennoch nicht sagen, warum ich hier bin. Es kommt mir vor, als ob ich zu einem Theaterstück oder Konzert gegangen wäre, obwohl ich im Voraus weiss, dass es mir nicht gefallen kann. Und doch habe ich das Gefühl, dass ich dabei sein muss.
Golban: Sie gehören doch einem Stand an, der allen Grund hat, dieses Unternehmen zu bekämpfen. Warum bleiben Sie Zuschauer? Hier wo es fast nur aktive Anhänger und ebenso tatkräftige Gegner gibt? Hier muss man sich doch einer Gruppe anschliessen! Sie haben doch sehr vernünftige Ansichten und betrachten das alles so wissenschaftlich! Kennen Sie Setouras? (Gadman verneint) Er ist Zionist und steht Aruns darum nur wenig freundlich gegenüber. Er wird dieses Fest nicht verlassen, ohne entschiedener Gegner zu sein. -- So wie ich es bin. Sie kennen Sanda?
Gadman: Er ist seit Kurzem überzeugter Anhänger Aruns und einer seiner nächsten.
Golban: Sind Sie dessen sicher?
Gadman: Man sagt, mit einem hässlichen Unterton, den ich nicht liebe, er sei Frau Aruns Jugendfreund und kein wichtiger Schritt ihres Mannes bleibe ihm unbekannt.
Golban: Das ist eine seiner wertvollsten Eigenschaften. Ich zweifle nicht daran, dass es uns bald gelingen wird, ihn ganz auf unsere Seit zu ziehn. Er hat zwar nicht viel Einfluss, aber, wie gesagt, schätzenswerte Eigenschaften und Sie dürfen mir glauben, dass die Gegner Aruns imstande sind, derlei nach seinem vollen Wert zu bezahlen. Ich könnte Ihnen noch weitere Namen nennen. Aber wenn Sie noch zweifeln, ob, und wie Sie am günstigsten Stellung nehmen sollen, so will ich Ihnen etwas mitteilen -- es wird ohnedies nicht mehr lange geheim bleiben. Der Zusammenschluss aller Gegner Aruns ist erfolgt. Die Wirkung davon wird er bald zu spüren bekommen. Fragen Sie Sanda; er weiss auch davon.
Gadman: Es wird mich freuen, wenn unsere Ansichten uns zusammen führen sollten. Aber: ich kaufe zwar, was ich benötige und lasse mir meine Arbeit bezahlen. Doch ein anderes Geschäft kann man mit mir nicht machen. An mir werden Sie Geld ersparen!
(Golban ab)


VI. (Zu der Gruppe links sind inzwischen wieder einige Personen zurückgekehrt und andere hinzugetreten)
Linda Rutlin, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, und Andere. Später Pinxar.

Linda Rutlin: ...ich verstehe wirklich nicht, wozu man sich mit Menschen in Diskussionen einlässt, die einen doch nie verstehen werden; die einem all das nicht nachfühlen können!
Sanda: Mit Gadman können Sie unbesorgt diskutieren. Er hat sicher jenes Einfühlungsvermögen, auf das Sie soviel Wert legen. Golban dagegen fehlt es gänzlich. Mit dem können Sie nicht reden. Aber er wird mit uns ein ernstes Wort reden.
Linda Rutlin: Golban? Ich halte ihn für einen Dummkopf. Den kann man doch nicht ernst nehmen!
Sanda: Gerade den muss man! Obwohl er nichts von Literatur versteht.
Linda Rutlin: Wir sind wohl soweit, dass wir solche Leute nicht mehr fürchten müssen.
Sanda: Halten Sie wirklich diese drei, vier Jahre, die bis jetzt an eine so aussergewöhnliche Angelegenheit aufgewendet wurden, für ausreichend zu einem Erfolg?
(Pinxar ist hinzugetreten)

Jonston: Dass endlich auch Ihnen einmal etwas zu rasch ist. Sollte die Berichterstattung nicht nachkommen können? Heute? Denken Sie doch: Alexander der Grosse hat sein Weltreich in fünfzehn Jahren aufgerichtet!
Sanda: Und es stand so fest, dass seine Nachfolger kaum länger gebraucht haben, es wieder zu zerstören.
Jonston: Jedenfalls hat somit die Zeit in beiden Fällen keine wesentliche Rolle gespielt. Ein Gedanke ist durch seine Richtigkeit bereits erfüllt und die Zeit ist seine unwesentlichste Dimension. Aber sowas glauben Sie ja nicht, obwohl es nicht einmal von mir ist.
Linda Rutlin: Aber dass unser Jahrhundert in der Zeitausnützung dem Alexanders überlegen ist, werden Sie doch wenigstens zugeben!
Sanda: Dennoch finde ich Ihren Optimismus bedenklich. Denn Alexanders Erfolg beruhte ausser auf der abstrakten Richtigkeit seines Gedankens, auch noch auf Konkreterem: nämlich auf einigen sehr bedeutenden Siegen. Sie können nicht behaupten, dass etwas Ähnliches hier vorliegt. Wir haben unsere Gegner bisher noch nicht gespürt! Ihre Gegenwehr beginnt, sobald wir ihnen schaden. Bis jetzt marschieren sie getrennt, aber für uns unsichtbar und waren darum unangreifbar.
Jonston: Allerdings, heute versuchen sie bloss, bei uns dieselbe Uneinigkeit hervorzurufen, die bei ihnen herrscht!
Sanda: Gegen uns werden sie sich rasch genug einigen.
Kolbiëf: Orthodoxe und Assimilanten, Sozialisten und Kapitalisten? Das wird einen dauerhaften Bund geben!
Sanda: Warum nicht, solange ihr Interesse tangiert wird? Sie überschätzen den Wert der Theorien in der Politik. Ich stehe genügend ausserhalb, komme in der Welt herum, bin nicht befangen, wie Sie, weiss darum -- von Orthodoxen, Sozialisten und anderen kann man dabei absehn -- dass Intelligenzler und Kapitalisten wirkliche, echte Interessengruppen sind, die sich ihrer Haut wehren müssen und zudem gewissen Mächten näher stehn als wir.
Jonston: Man wird mit ihnen fertig werden! Oder ohne sie!
Sanda: Wie: auch ohne sie? Es geschähe ohne Intelligenz, wenn man das jüdische Kapital nicht mit in die neue Heimat nähme. Soll denn den neuen Staat ein armes Volk, ein Volk von Hirten und Bauern bilden?
Linda Rutlin: Wie es in der heiligen Schrift heisst, die uns in allem den Weg weist.
Sanda: Wo aber auch eine Anzahl heute nicht mehr gebraüchlicher Wunder erwähnt wird. Glauben Sie den Widerstand der Welt so leicht nehmen zu dürfen, wie den der Ägypter? Oder rechnen Sie wieder auf ein trockenes rotes Meer oder gar auf Posaunen von Jericho?
Pinxar: Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Herr Sanda! Trockenes Meer oder nicht: Wer mit Pharao geht, wird mit ihm untergehn! Das müssen Sie mir selbstverständlich nicht glauben. Wer es aber glaubt, geht kalten Blutes durchs Rote Meer, fragt nicht, ob er dabei kalte Füsse bekommt und weiss auch, dass es einem guten Glauben niemals an Posaunen von Jericho gefehlt hat. Wir werden Posaunen und Posaunisten haben!
Sanda: (Mit einer Geste gemachten Erstaunens) Sie sagen das mit derselben Bestimmtheit, mit der hier manche andere Redensarten vorgetragen werden. Bei Ihnen, dem Ingenieur, hat es sicherlich tieferen Sinn. Ich bin überzeugt, dass die Ihrigen keine Reklame-Posaunen sind. Jedenfalls ist das sehr interessant! Sehr geheimnisvoll!
Pinxar: Das ist mir nicht lieb, dass Sie aus meinen Worten anderes, als ihren offenen Sinn heraushören. Suchen Sie hier, bitte, kein Geheimnis dahinter! Wir machen uns gerne die Vorfreude einiger gutklingender Redensarten! Auch Sie sollten weniger Interesse, aber mehr Gefallen daran finden.
Kolbiëf: (zu Eldad) Wir müssen zum Meister; er wird Befehle für uns haben.
(Beide ab; auch andere entfernen sich. Es bleiben bloss zurück:)


VII. Jonston, Gadman, Sanda
(Jonston und Sanda stehend, Gadman sitzend)

Sanda: Es hat sich hier, seit wir uns nicht gesehen haben, ein förmlicher Hof gebildet! Wie fühlt sich da ein unabhängigkeitsliebender Mensch, wie Sie? Es giebt schon Befehle! Und sonstige Hofsitten.
(Jonston macht eine fragendablehnende Geste und hört mit gesenktem Kopf widerwillig zu)

Sanda: Es wird Hof gehalten und gemacht. Freilich, warum sollten hier die Frauen keine Rolle spielen?
Linda Rutlin ist ein schönes und geistvolles Weib. Man kann begreifen, dass ihr Enthusiasmus und ihre Bewunderung von Aruns mit Wohlwollen aufgenommen werden. Sie steht ihm auch in der Rasse näher, als seine Frau. Die mir übrigens leid tut.
Jonston: (sehr unfreundlich) Wenn hier Hofsitten herrschen, so sind es andere, als die, auf die Sie anspielen. Gewiss ganz andere. Und wenn Sie an diesem Hof gedeihen wollen, so werden Sie sich nach seinen Sitten richten müssen: Man tratscht hier nicht!
Sanda: Dann bin ich also nicht hoffähig?
Jonston: Inwieweit Sie es anderswo wären, ist mir gleichgültig. (lässt Sanda stehn, will an Gadman vorbei abgehn, wird aber von diesem angehalten. Sanda ist abgegangen.)


VIII. Gadman, Jonston

Gadman: Man verträgt hier keine Kritik!
Jonston: Soll man derlei dulden? Hier fehlts noch an Disciplin!
Gadman: Nicht das meine ich: Sanda ist nicht mein Mann. Sondern ich finde, man glaubt hier alles besser zu wissen.
Jonston: Wer etwas für richtig hält, kann nicht das Gegenteil für auch richtig halten. Wer sicher ist, das Einzig-Richtige zu tun, -- und nur der glaubt wirklich -- verträgt keine Kritik; hält sie für Unsinn oder erkennt am Meinungsunterschied den Gesinnungsunterschied des Gegners.
Gadman: Jeder irrt. Warum sollte Einer unfehlbar sein? Ihr habt schon zuviel Disciplin. Kritik führt zu Verbesserungen, warnt vor Fehlern.
Jonston: Jeder irrt! Nur der Kritiker ist unfehlbar.
Gadman: Er hat den Vorzug, nicht voreingenommen zu sein.
Jonston: Oder tut wenigstens so!
Gadman: Besser getan, als kritiklos "Ja'' zu sagen; dem Führer nach dem Munde zu reden.
Jonston: Nach einem guten Munde, mein Wertester! Es gehört Talent dazu, sich voreinnehmen zu lassen! Es gehört mehr Verstand dazu, zu erfassen, was dieser Mund spricht als dazu es zu kritisieren. Es erfordert mehr Mut und Charakter, mit einem "Ja'' stützend und stärkend bereitzustehn, wenn der Ausgang einer Sache noch ungewiss ist, als sich hinter "Wenn'' und "Aber'' zu verkriechen. Ein Führer kann Widerstand in seiner nächsten Nähe nicht brauchen -- sein Hebelarm ist zu lang. In seine Umgebung passen nur solche, die seine Fernwirkung fühlen und begreifen, dass ihr Widerstand nur lästig und zeitvergeudend wäre: weder klärend, noch fördernd. Darum denken sie lieber ein paar wertlose Stunden länger nach, als dass sie ihn ein paar wertvolle Sekunden durch Einwende ermüden. Was ein solcher Führer tut, ist entweder ganz falsch oder ganz richtig. Ein Mittelding giebt es da nicht. Er hat sein Leben dafür eingesetzt. Wir müssen uns, wenn wir das unsere einsetzen, nur schämen, dass wir damit nur ein relativ ebensogrosses Opfer bringen.
Gadman: Ich muss gestehen, dass ich das noch nie so angesehen habe und dass mir Ihre Haltung imponiert.
Jonston: Wir "Ja-Sager'' sind ziemlich abgehärtet gegen die Urteile, die man über uns fällt. Wir wissen, was wir tun. Wir wissen, dass Vertrauen ein Teil des Talents ist. Nur wer Selbstvertrauen hat, kann auch zu einem andern Vertrauen fassen. Nur wer weiss, dass ihm selbst manches gelingt, zweifelt nicht an der Einsicht eines andern. Sie würden staunen, wie weit unser gegenseitiges Vertrauen geht. Jeder hat seine besondere Aufgabe und erfährt nicht mehr, als nötig ist, sie verständig zu erfüllen. Keinem aber fällt es ein, der Tätigkeit des andern nachzuspüren. Alle Fäden münden bei Aruns. Keiner wird mit einem Wissen belastet, das er nicht benötigt. Anders kann man Geheimnisse nicht bewahren. Wir sind "Ja-Sager'' aus einem höchst moralischen Prinzip; aber auch aus Disciplin und wegen praktischer Notwendigkeiten. Wo kämen wir hin, wenn wir über jedes Detail diskutierten? Ich war einer der ersten, denen Aruns, damals ein Schriftsteller, der von seiner Arbeit lebte, seine Idee mitteilte, ein Unternehmen zu beginnen, das ein Kapital von ein paar tausend Millionen Pfund erfordert. Sie wissen,wir haben einen Vertrag mit dem Kaiser von Ammongäa geschlossen, demzufolge dieser uns einen bisher wenig kultivierten Teil seines Reiches, gross genug um dreissig Millionen Menschen dort anzusiedeln, zur Gründung Neupalästinas überlässt. Wir haben dagegen die Verpflichtung übernommen, Ammongäa, welches reich an natürlichen Schätzen aller Art ist, die Mittel zur Verfügung zu stellen, welche es ihm ermöglichen ein moderner Staat zu werden. Bedenken Sie, welche Zeit hier verloren worden wäre, wenn Aruns mit jedem seiner Gehilfen über jedes Detail erst hätte diskutieren müssen. Er hat uns in Kürze informiert und wir haben ihm vertraut. So gings! Sie haben gewiss von einem Skandal gehört in den Kaphira, der bevollmächtigte Vertreter des Kaisers von Ammongäa, verwickelt war. Davon will ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Wir waren mit Aruns in Ammongäa: Pinxar, Kolbief, Eldad, einige Sachberater und ich. Man verhandelte mit Kaphira, der sich von allen Anfang an für unsere Bestrebungen eingesetzt hatte, über den Verlauf der Grenze Neupalästinas. Kaphira bezeugte Aruns grosse Freundschaft und jeder glaubte, Kaphira liebe Aruns, wie jeder ihn liebt, der ihn kennt. Aruns dachte scheinbar anders darüber. Die Grenze sollte an einer Stelle einen grossen Fluss entlang gehn. An einem bestimmten Punkte jedoch, sollte sich, nach einem Vorschlag Kaphira in einem grossen Bogen vom Fluss abweichen, wodurch unser Gebiet vergrössert wurde. In diesem Landstrich befinden sich grosse Erzlager und wie man vermutet, auch Radium. Es war uns allen vollkommen unbegreiflich, warum Aruns mit ungewohnter Hartnäckigkeit und Heftigkeit die Annahme dieses wertvollen Landes verweigerte und auf der strategischen Grenze beharrte, die ja bei der heutigen Kriegsführung keinen besonderen Wert hat. Man ging unfreundlich und erregt auseinander. Wir alle, so diszipliniert wir sind, hielten das für einen schweren Fehler Aruns und waren in grosser Verlegenheit. Am Abend hatten Kolbief und ich bei ihm zu tun. Kolbief, der sein Temperament schwerer zügelt als ich, platzte mit der Frage heraus, die ihm keine Ruhe liess. Aruns lachte und sagte: "Dass Sie um Staatsgeheimnisse fragen, ist zwar gegen die Verabredung; aber Sie sollen es diesmal erfahren: Ich habe eben einen Brief von Kaphira bekommen.'' Er las ihn vor: Kaphira hätte dieses Landstück schon lange gerne selbst erworben, besitze aber nicht genug Geld. Da nur Aruns keinen Wert darauf lege, es zu besitzen, so hoffe Kaphira, es von ihm zu einem billigen Preis zu erhalten und bitte deshalb Aruns, es für Neupalästina zu übernehmen. "Die hundert Pfund,'' sagte Aruns mit seinem köstlichen Humor, "die Kaphira bezahlen wird, werden unsere Staatskasse nicht sehr bereichern, wohl aber meine Menschenkenntnis. "Ich wusste,'' fuhr er fort, "wir Juden bekommen nichts umsonst, und konnte deshalb nicht begreifen, warum Kaphira uns das schenken wollte. Um dahinter zu kommen, verweigerte ich die Annahme. Und Sie sehen, was ich dabei gewonnen habe: ich weiss nicht nur, wer Kaphira ist, sondern habe auch gerlernt, welche Beweggründe einer guten Politik am Besten nachhelfen. Aber das Wichtigste'' -- und seine strahlenden Augen bezeugten besser als was er sagte, wie stolz ihn das machte -- "das Schönste: ein Jude, selbst wenn ihm alles feil wäre, wird doch nie Seinesgleichen dem Nichtjuden verkaufen.'' Ich könnte Ihnen unter dem Motto: wie wichtig Disciplin und Vertrauen ist, noch manche lehrreiche Geschichte erzählen.
Gadman: Ich hoffe bald Gelegenheit dazu zu haben. Denn ich bin überrascht und froh, Sie so ganz anders zu finden, als ich gedacht habe.
(Jonston und Gadman verabschieden sich und gehen ab; Jonston in sein Zimmer, Gadman die Treppe abwärts.)


IX. (Aruns und Pinxar treten auf; Guido etwas abseits).

Pinxar: Der alte Baal des Unglaubens hat grosse Macht in unserm Volke. Man müsste ihnen Wunder zeigen. Aber sie verlangen nur danach, sie zu sehn, weil sie es für unmöglich halten, dass wir sie ihnen zeigen.
Aruns: Der durchdringenden Intelligenz unserer Leute hält kein Mysterium stand. Ihr fehlt heute noch die Fähigkeit unmittelbarer Anschauung. Darum benötigen sie eines körperlichen Gleichnisses; darum wollen sie sehn.
Pinxar: Aber an unsere Posaunen von Jericho werden sie glauben müssen. Hier werden alle sehn und erkennen, dass unser Gedankengebäude auch ein sicheres Fundament in dieser Welt hat. Dass Sie recht hatten als Sie sagten: "Wir werden vielleicht wieder Posaunen von Jericho brauchen und darum werden sie da sein.'' Und dass sich somit auch die Wahrheit Ihres Wortes bewiesen hat: "Aus einem guten Gedanken fliesst alles von selbst.''
Aruns: Leider können wir ihnen dieses Wunder noch nicht zeigen. Eine Volksmasse aber begehrt sichtbare Erfüllungen.
Pinxar: Unsere Propaganda bedient sich derselben Mittel, wie alle ähnlichen Bestrebungen. Wir haben unsere Leiden, unsere Hoffnungen und eins mehr: unseren Glauben.
Aruns: Dieser Glaube aber, an einen unsichtbaren und unvorstellbaren Gott, bietet keine sichtbaren Erfüllungen. Jeder Mensch hat das Verlangen, seinen Gott zu spüren, zu fühlen, hören, sehen. Sei es, dass er bestrafe, sei es, dass er belohne: aber er soll reagieren.
Pinxar: Unsere Religion ist zu geistig, als dass sie leicht volkstümlich sein könnte. Darum giebt sie kein so handliches Regierunginstrument ab, wie andere.
Aruns: Und darum ist unsere ganze Geschichte beherrscht von Religionskämpfen. Alles läuft darauf hinaus, den reinen Gottesgedanken zu erläutern, fasslich, volkstümlich zu machen. Im Ghetto gab es kaum eine andere niedrige Schule, als eine die lehrte die heilige Schrift zu lesen; und kaum eine höhere, als eine die lehrte, sie zu verstehn. Aber unser Volk ist dazu auserwählt, diesen Gedanken zu erfassen. Jeder Einzelne wird so denken müssen; nicht anders und nichts Anderes!
Pinxar: Insofern ist unsere Absicht, unsere Befreiung auf die Posaunen von Jericho zu stützen, unserer Geistesart eigentlich fremd.
Aruns: Ich glaube, das geht zu weit: sie sind ein Erzeugnis und ein Werkzeug unseres Glaubens. Sie wären nicht ohne ihn und sind nur für ihn; und beides nur solange, als er ihrer bedarf. So wie die auffallend praktische Intelligenz, die Freund und Feind an unserm Volke erkannte, nur ein Werkzeug der Diaspora ist und verschwinden wird, solbald wir uns ohne sie erhalten können.
Pinxar: So werden wir als zuversichtlich über den Geist des Zweifels siegen.
Aruns: Ich liebe auch diese Zweifelsucht an unserem Volke: Sie übt den Geist und stärkt ihn für den Glauben. Nur der Geist eines alten, durchgebildeten Volkes, der jedem Zweifel ausgesetzt war und ihn überwunden hat, vermag den Gottesgedanken in seiner ganzen Reinheit und Tiefe zu erfassen. Eines Tages wird auch das erfüllt sein!
Pinxar: (entnimmt seiner Brieftasche ein Blatt und überreicht es Aruns ) Für den Fall, als mir etwas passieren sollte. Wenn es einem Dechiffreur gelingen könnte, dieses Blatt zu enträtseln, so sind einige tausend Versuche zu machen, um das Geheimnis unserer Posaunen von Jericho zu erfahren. Aber mit Hilfe der beiden Schlüssel, die ich so gewählt habe, dass Sie sie nicht vergessen können, ergiebt sich die Versuchsanordnung und alles Fehlende. Sie lauten: 1. "Josua, Kap. 6, Vers 20'' und 2. "Posaunen von Jericho''
Aruns: Bitte behalten Sie das Blatt bis nach dem Vorbeimarsch der Sportjugend. Ich möchte, dass Sie sehn, wem ich es zur Aufbewahrung übergebe und wie ich es tue, damit Sie einem Dritten davon berichten. Und nun will auch ich Ihnen ein Papier übergeben (tut es): "Für den Fall, dass mir etwas passieren sollte''! Unsere Freunde ahnen durchaus nicht, welchen unerwarteten Gefahren wir beide so oft entgegentreten müssen. Das ist gut so. Sonst wäre es für uns zu schwer, ihren so notwendigen Optimismus reichlich genug zu ernähren.
Pinxar: Richtet sich der Inhalt nur an mich?
Aruns: Auch an die gewisse dritte Person. Es ist eine Ergänzung der vorangegangenen Informationen und Ermächtigungen. Sie werden mit mündlichen Erläuterungen nicht sparen dürfen. Er muss alles wissen. Alles so gut verstehn, wie wir beide. Und jeden Augenblick bereit sein, an meine Stelle zu treten.
Pinxar: Niemand ahnt, was er weiss; und niemand kann vermuten, welches seine zukünftige Bestimmung ist. Möchten Sie nicht wissen, was aus ihm geworden ist? Sie haben ihn zwei Jahre nicht gesehn.
Aruns: Ich kann mir keine Vorstellung von ihm machen.
Pinxar: Er wartet darauf, dass Sie sich umdrehen und schaut ununterbrochen auf Sie, um einen Blick von Ihnen zu erhaschen.
(Aruns dreht sich um; sieht Guido lange an)
Aruns: Er ist so, wie ich erwartet habe, dass er sein wird. Nur schöner und grösser!


X. Kolbiëf und Eldad zu Aruns und Pinxar

Eldad: Meister, wenn Sie nicht andere Befehle haben, so frage ich, ob das Fest nun beginnen kann.
Aruns: Ihr beide seid die geplagtesten meiner Freunde. Immer beschäftigt und verlangt doch immer neue Arbeit. Aber jetzt habe ich keinen Wunsch mehr, als den, dass ihr beide euch ein bisschen erholt; von den Schlachten, die ihr, wie ich höre, vorhin geschlagen habt. Erholt euch, sonst erholen sich die Geschlagenen und ihr habt eine neue Diskussion auf dem Hals! Lasst uns beginnen!

Ende des ersten Bildes. Vorhang


I. AKT
II. Bild

(Ein Fest- und Sportplatz auf einem Berg in den Alpen. Ein Teil der amphitheatralisch
aufgebauten Tribünen befindet sich auf der Bühne und erstreckt sich in einer Geraden, die links dem Vordergrund ziemlich nahe kommt, schräg nach hinten rechts. Der weitaus grössere Teil dieses Tribünenteils dehnt sich weit in den Hintergrund aus. Links, nahe des Vordergrunds sieht man einen kleinen vorspringenden Teil des Direktionsgebäudes (in welchem, in seinem ersten Stock, das vorige Bild gespielt hat) von dessem grossem, als Rednerplatz dienendem Balkon aus man Aussicht auf den Sportplatz hat. Vor diesem Hause bleibt ein für das Spiel Raum bietender Platz frei. Hier und im ganzen Vordergrund verschiendene Sitzgelegenheiten: Tische, Stühle, Bänke, etc. Die Tribünen sind so angeordnet, dass, soweit sie nicht der Sicht entzogen sind, die sie besetzen den Festgäste gesehen werden können. Den eigentlichen Spielboden des Festplatzes hat man sich tiefer als den Bühnen boden zu denken. Hinter den Tribünen Hochgebirgslandschaft: Berge, Wälder, Wiesen, Gletscher. Die gegen die Zuschauer offene Stelle des Sportplatzes hat man als Eingang zu denken; hier muss Raum für den Vorbeimarsch sein.)


I. (Auf dem Balkon: Aruns, Frau Christine, Linda Rutlin und andere der nächsten Freunde; die Tribünen vollbesetzt; auch im Vordergrund Festgäste) (Musik bei Beginn des Bildes)

Vorbeimarsch der Sportjugend.

(In grösseren und kleineren Zügen gehen von rechts Vertreter aller Sportsarten (darunter eine grosse Gruppe jugendlicher Pfadfinder) entsprechen gekleidet über die Bühne nach links, an dem Direktionsgebä[u]de vorbei, und links wieder ab. Einige Züge singen im Chor, andere sind von Trommlern, Hornisten oder Musikkapellen begleitet. Jeder Zug bringt, wenn er den Balkon passiert, Aruns eine Huldigung, durch Fahnenschwenken, Händehochheben, u. dgl. m. dar).


II. (Wenn der Vorbeimarsch zuende ist, treten, einzeln und in Gruppen, noch wärend des Nachspiels der Musik, nebst andern, folgende Personen auf: Aruns, Frau Christine, Linda Rutlin, Pinxar, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, Golban, Setouras.
(Sie besetzen die Sitzgelegenheiten oder stehen nahe der sich bildenden Gruppe)

Sanda: (zu Aruns und Frau Christine) Ein mächtiger Anblick! Niemand, der das gesehn, könnte sich ihm entziehn. (mehr zu Christine:) Schade nur, dass wir das nicht allen unsern Gegnern zeigen können! Das müsste alle bekehren, zu deren Ohr wir noch keinen Zugang finden.
Kolbiëf: Der Mensch ist ein Augentier.
Sanda: (zu Aruns) Leider! Und was die Sache noch verschlimmert: es gibt zwei Spielarten. Die weitblickenden sind in der Minderheit. Die kurzsichtigen, die nur auf kurze Sicht kreditieren, sind zahlreicher und mächtiger. (wieder zu Christine:) Ich habe, wie ich bereits andeutete, in London Ungünstiges erfahren.
Aruns: Dass die Gruppe des Grosskapitals, der die wichtigsten Zeitungen gehören, sich mit den Führern der Orthodoxen und Zionisten, den gemässigsten Sozialisten und den Vertretungen der Intelligenzberufsverbände geeinigt und ein grosses Komitee gegründet hat, unsere Ziele zu bekämpfen.
Sanda: Sie wissen das?
Aruns: Wir werden gut bedient. Sie scheinbar auch!
Sanda: (lacht, um Verlegenheit zu verbergen) Berufssache! Ich bin darauf angewiesen. Aber werden wir nichts dagegen unternehmen!
Aruns: Ein Interview?
Sanda: Warum nicht? Sie spielen ja mit offenen Blättern. Mir scheint, diese Wendung könnte leicht einen Rückschlag bewirken.
Aruns: Der aber später einträfe, als wir ihn erwartet haben.
Sanda: Unsere Gegner haben allerdings lange gebraucht, aber verteufelt geschickte Arbeit geleistet. Es gelingt ihnen alle zu befriedigen, die wir bisher nicht gewinnen konnten. Darum machen Sie rasche Fortschritte. Sie lehnen Neupalästina definitiv ab, setzen sich dagegen energisch für Jerusalem ein und haben damit die Orthodoxen und Zionisten aller Parteirichtungen gewonnen. (sich abwechselnd werbend an verschiedene Personen der Gruppe wendend): Sie stellen jedermann frei, auszuwandern, oder in beliebigen andern Staatsbürgerverhältnissen zu bleiben, was die Intelligenzler auf ihre Seite bringt und der Industrie und dem Handel zu Gefallen ist. Auch haben sie damit die Presse. Sie verpflichten sich, dem neuen Judenstaat ein so grosses Kapital zur Verfügung zu stellen, dass der ihn beschützende Staat auf Kosten der Juden in Palästina beträchtliche, auch anderwärts verwendbare Sicherheitstruppen wird erhalten können. Zum Schutz z. B. der Erd[öl]quellen.
Kolbiëf: (ärgerlich) Und Sie glauben, dass wir mit solch selbstverständlichen Kombinationen nicht gerechnet haben?
Sanda: Pardon, Herr Kolbief, ich bin aufs Glauben nicht mehr angewiesen, als Sie. Es könnte sogar sein, dass ich mehr weiss, als Einer, der doch nicht oft genug mit den eigenen Augen sieht. Lassen Sie mich gefälligst zuende reden: ich habe einen Schachzug zu vermelden, der meines Wissen unerwartet kommt.
Kolbiëf: Ihres Wissens? Ihres Glaubens? Das weiss ich!
Sanda: Es soll mich freuen, wenn Sie mit Ihrem Optimismus recht haben. Denn ich habe mich hier wohl genügend exponiert, um den Erfolg unseres Unternehmen wünschen zu müssen. Mir scheint das ernst genug! Man will es uns unmöglich machen, das jüdische Kapital in die neue Heimat mitzunehmen. (Bewegung)
Kolbiëf: Auch das ist nichts Neues!
Sanda: Aber das Mittel, dessen sie sich bedienen, ist neu! (Bewegung) Offenbar auf Betreiben jüdischer Finanzgewaltiger werden in allernächster Zeit die Regierungen aller Länder auf einer internationalen Konferenz den Beschluss fassen, die Ausfuhr jüdischen Kapitals zu verbieten. (Bewegung) (zu Aruns:) Ich will Sie nicht interviewen und bin überzeugt, dass Sie schon solche Schwierigkeiten überwunden haben. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich sehr neugierig darauf bin, wie Sie diesen Schachzug parieren wollen.
Aruns: (Mit grossem und auffallendem Unwillen) Durch den Glauben, den Sie zu erschüttern erstrebt sind. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Sagen Sie all das heute gleich nach meiner Festreden öffentlich unserer Jugend. Sagen Sie ihr mehr: dass wir alle, nicht bloss die Intelligenz, die ja schwerlich bei uns befriedigende Berufe finden wird und das Kapital und alle andern, unserer Sache noch sehr grosse persönliche Opfer zu bringen und Gefahren zu bestehen haben. Schildern Sie es in den schwärzesten Farben, knüpfen Sie dabei an meine Rede an; Sie werden Gelegenheit dazu finden, da ich der Jugend auch eine höchst bedenkliche Eröffnung machen werde, die manche Erwachsenen zurückschrecken liesse. Machen Sie selbst die Probe, ob das ein schwaches Geschlecht ist, das durch schöne Worte zu gewinnen und durch weniger schöne zu verlieren ist. Überzeugen Sie sich, ob das Vertrauen dieser besten unseres Volkes zu erschüttern ist und ob, was wir für diese und durch sie erreichen wollen, noch vereitelt werden kann. Machen Sie die Probe; überzeugen Sie sich. Es steht Ihnen nichts im Wege!
Sanda: (scheinbar bestürzt) Ja, wollte ich denn das? Habe ich das je bestritten? Ich wollte doch nur warnen.
(Aruns, sichtlich unfreundlich, wendet sich zu Pinxar, mit dem er die Gruppe verlässt. Auch andere ziehen sich zurück.)


III. Christine, Linda Rutlin, Sanda

Linda Rutlin: Ich muss Ihnen wieder sagen, Herr Sanda, dass ich Sie nicht begreife. Haben Sie nicht das Gefühl, dass Pessimismus einem Unternehmen gegenüber, das ein Mann wie Aruns konzipiert hat, höchst unangebracht ist?
Sanda: (mit einem Blick auf Christine) Gefühle habe ich mancherlei. Aber sie machen mich nicht blind gegen Tatsachen und Gefahren.
Linda Rutlin: Wahrer Glaube ist blind!
Christine: Liebes Fräulein Rutlin, wir glauben alle; nicht weniger, als Sie. Darum muss man aber nicht jemanden, den man (pointiert) liebt, blind ins Verderben rennen lassen.
Linda Rutlin: Wohin unser Meister uns führt, das kann nicht das Verderben sein. Wenn ich aber die Wahl hätte, ob ich mich von ihm ins Verderben oder von irgendeinem Andern zum Gedeihen führen lassen soll, brauchte ich mich nicht lange zu besinnen.
Sanda: Als Frau, und da Sie nicht die seine sind, können Sie sich blind Ihrer Begeisterung hingeben. Wer aber sein Schicksal teilen muss und will , wird rasch sehn lernen.
Christine: Das glaube ich auch. Ich sorge für beide, wenn ich für mich wachsam bin. Das bleibt mein Recht und meine Pflicht; und darin besteht das Glück der Frau eines grossen Mannes, der sich allen geschenkt hat: ihn zu bewahren!
Sanda: (den andern Sinn betonend) Jawohl, ihn zu bewahren, der allen gehört; nicht mehr einer Einzelnen allein.


IV. Aruns, Pinxar; später Christine

Aruns: Darf ich Sie bitten, mir jetzt das Blatt zu geben?
(Pinxar übergiebt Aruns das Blatt; Aruns bittet Christine durch ein Zeichen zu sich; ihr ein paar Schritte entgegen, von Pinxar sich entfernend, so dass dieser die Übergabe nur sehen kann.)

Aruns: (Christine das Blatt übergebend) Davon hängt unsere ganze Zukunft ab; bewahre es gut; man wird es nicht bei dir vermuten.
Christine: Man wird nicht vermuten, dass ich bewahre, wovon deine und meine Zukunft abhängt? Dürfte man anderes erwarten bei der Frau eines grossen Mannes?
Aruns: Ich weiss, dass meine Frau ihren Mann nicht gross nennt, um ihm zu schmeicheln. Derlei ist nicht Gebrauch zwischen uns, ich weiss also, dass es einen tiefern Sinn haben muss. Dein Vorwurf wäre berechtigt, wenn ich nicht ganz Oberflächliches gemeint hätte. Vielleicht aber hörst du es lieber, wenn ich so sage: Wer mir Böses wünscht, soll es bei dir nicht vermuten, es bei dir zu finden. Aber, wer mir Gutes wünscht, kann es nur bei dir suchen.
Christine: Ich werde es bewahren! (ab ins Direktionsgebäude)


V. Aruns, Pinxar

Aruns: Sanda hat mir heute sehr missfallen. Seine hämische Freude ist mir kaum verständlich. Es hat fast den Eindruck gemacht, als ob er unsere Freunde habe unsicher machen wollen. Hat Sie meine ungewöhnliche Heftigkeit nicht trotzdem gewundert?
Pinxar: Ein bisschen! Aber er hat eine dicke Haut.
Aruns: Scheinbar, denn ich bin nicht durchgedrungen. Ich hätte nämlich gerne aus ihm herausgebracht, ob er von einer andern, ziemlich gefährlichen Gegenaktion wisse. Eine Attaque auf unsere Jugendsportvereine, sie zu sprengen. Man mobilisiert die Eltern und fordert sie auf, ihren minderjährigen Kindern die Teilnahme an den Vereinen, die man als politische bezeichnet, zu verbieten. Ich glaube man hat auch schon die Jugend selbst bearbeitet, indem man ihnen ein schreckliches Schicksal: Steine klopfen, Strassenarbeit, Landbau u. dgl.m. voraussagt. Es wird mit Polizei gedroht. Für uns hat das nicht viel mehr zu bedeuten, als dass es uns neue Mühe macht. Aber in den weitern Kreisen unserer Anhänger wird eine gewisse Beunruhigung entstehn. Haben Sie den Eindruck, dass Sanda davon weiss?
Pinxar: Sein Gewissen ist so weit, dass es seinem Wissen keine Schranken setzt. Einfuhr lässt er gewiss gerne frei passieren; aber für Ausfuhr hebt er Zoll ein.
Aruns: Sie wollen doch damit nicht sagen: ....
Pinxar: Dass er ein bezahlter Verräter ist.
Aruns: Unmöglich! Er ist mir nicht (mehr) [sehr] sympatisch; ich glaube auch nicht, dass er mein Freund ist. Ich habe ihn oft unfreundlich behandelt, weil er eine taktlose Art hat, sich in persönliche Angelegenheiten einzumengen. Aber er ist ein Jugendfreund meiner Frau, ist gegen sie sehr aufmerksam und hat ihr und unserer Sache schon gute Dienste geleistet. Er begreift sehr rasch und hat die seltene Gabe, schwierige Dinge populär zu sagen; und wir brauchen das! In diesem Sinn hat er mir zuerst so gut gefallen, dass ich ihn, obwohl er aus seiner oppositionellen Einstellung kein Hehl machte, nach kurzem Beisammensein engagiert. Er spielt hier die Rolle eines enfant terrible, eines Hechtes im Karpfenteich -- was manchmal ganz anregend ist. Sympatisch ist er mir auch darin nicht! Aber ein Verräter?
Pinxar: Er ist von unsern Gegnern gekauft. (überreicht Aruns ein Papier)
Aruns: (liest) " .... muss vor Sanda warnen. Er wurde in Paris und London in seinem geheimen Verkehr mit einflussreichen Führern der Gegenparteien, insbesondere des Grosskapitals beobachtet und auch belauscht. Er treibt seit einiger Zeit einen Luxus, der mit seinem Einkommen gänzlich unvereinbar ist'' (sinnend) Ich möchte mich gerade diesem gegenüber gerne unbefangen zeigen.... (sehr ernst) Aber die Sache duldet gegebenenfalls persönliche Rücksichten nicht. Zunächst jedoch, besteht keine Gefahr. Aber es gibt Arbeit, die am Besten sofort geschieht, denn der Umfang der Gegenaktion lässt sich nicht genau abschätzen. (winkt einem Vorübergehenden) Bitte ersuchen Sie die Herrn Setouras, Jonston und Kolbief, zu mir zu kommen. (wieder zu Pinxar:) Wir müssen ihnen zuvorkommen. Aber es genügt, Zeit zu gewinnen. Bis unsere Posaunen von Jericho bereit sind.
Pinxar: Also zwei bis drei Monate.
Aruns: Das können wir leicht erreichen. Pinxar, ich muss Sie bitten, gleich nach dem Fest zu reisen, um mit Kaphira die Einwanderungsfrage definitiv zu regeln. Vorher müssen Sie den Regierungen der Grossmächte und den Finanzgruppen meine Vorschläge über die Herauslassung des jüdischen Kapitals unterbreiten. Darin wird Kolbief Sie zum Teil unterstützen.
Pinxar: Da es sich bloss um den Zeitgewinn handelt, werde ich wohl keine bestimmten Zahlen vorschlagen, sondern nur das Prinzip und seine Vorteile erörtern.
Aruns: Am Besten. Über Details verhandeln wir später. Vorläufig nur: dass ein Teil der Werte in den Besitz der betreffenden Staaten übergeht, ein anderer als Darlehen zurückbehalten wird und der Rest frei ausgeführt werden darf.
(Setouras, Jonston und Kolbiëf treten von verschiedenen Seiten auf.)


VI. Aruns, Pinxar, Kolbiëf, Setouras, [Jonston].

Aruns: (zu Setouras) Ich habe erwartet, dass Sie mir Nachricht von meinem Freunde Asseino bringen?
Setouras: Ich habe Ihnen leider eigentlich nicht Neues zu sagen. Er anerkennt sogar Ihre Argumente. Er giebt zu, dass die Lage Palästinas an die Hollands, Belgiens und der Schweiz erinnere; dass die interessierten Staaten es nur in der Hand eines schwachen Besitzers dulden könnten, der ihres Schutzes bedarf. Aber für uns ist Palästina das gelobte Land und in der Hand Gottes wird es stark genug sein. Damit erledigt sich für uns alles Übrige von selbst.
Aruns: Und Asseino beharrt in dem Glauben, dass die Juden diesmal ohne Wüstenwanderung ins gelobte Land gelangen können?
Setouras: Sie spielen auf Ihre Theorie an, dass die Wüstenwanderung einen Zweck gehabt habe.
Aruns: Ich habe es oft gesagt: man kann seinen Aufmarsch nicht in Feindesland vollziehen. Darum habe ich Neupalästina als Aufmarschgebiet gewählt.
Setouras: Palästina wird, da uns die Vertragsmächte schützen, nicht Feindesland sein.
Aruns: Solange der Bestand eines Judenstaats in ihrem Interesse liegt. Hört das auf, so ist er rings von übermächtigen Feinden umgeben. Jedes Volk muss sich selbst schützen!
Setouras: Der Rechtgläubigen erstrebt nur den Schutz Gottes.
Aruns: Dem Rechtgläubigen müsste die Bibel massgebend sein. Aus ihr ist -- in unsere gegenwärtige Ausdrucksweise übertragen -- zu entnehmen, dass Moses, der doch hinsichtlich der mosaischen Gesetze rechtgläubig war, die vierzig Jahre der Wüstenwanderung dazu benützt hat, die heranwachsenden Generationen an ein gesetzliches Leben zu gewöhnen und zu einem schlagfertigen Kriegsvolk heranzubilden.
Setouras: In unserer gegenwärtigen Ausdrucksweise möchte ich Ihnen erwidern, dass die Juden ein gesetzliches Leben ohnedies führen, der Beruf eines Kriegsvolkes jedoch heute kaum mehr für wilde Araber passt, gewiss aber nicht für civilisierte Menschen.
Aruns: Wie reden nach wie vor aneinander vorbei. Meine Schuld ist es nicht. Das ist alles Asseinos Meinung, die Sie mir ja recht ungeschminkt wiedergegeben haben. Wir sind einander nicht näher gekommen, reden aber immerhin nicht mehr ausschliesslich wie Schriftgelehrte miteinander, sondern bald schon wie Staatsmänner. Jedenfalls danke ich Ihnen für die Botschaft.
(Setouras empfiehlt sich; ab)


VII. Aruns, Pinxar, Jonston, Kolbiëf

Aruns: Setouras ist päpstlicher als sein Papst. Für Asseino ist die Annäherung an das Grosskapital kein Schachzug, sondern ein Schwerthieb gegen mich, zu dem ihn sein Glauben verpflichtet. Setouras fühlt sich dagegen erst jetzt im Recht, erst durch die Macht, auf die er sich stützt. Wenn ich ihn gebührend zurecht gewiesen hätte, würde er sich selbst den Rückweg zu mir abgeschnitten haben. Das wäre schade. So kommen wir aber etwas zu langsam vorwärts. Doch nun habe ich Aufträge für euch beide, die das Tempo beschleunigen werden. Ihr beide könnt leider das Fest nicht bis zuende mitmachen. Ihr müsst sofort abreisen.
Kolbiëf: Noch vor Ihrer Rede? Ach!
Jonston: Wegen der Gegenaktion?
Aruns: Jawohl; es ist nicht ohne Eile. Ihr fliegt zusammen, du, Jonston bis Paris, Sie, Kolbief weiter bis London. Jonston, etwas Schweres für dich: du musst mit Asseino verhandeln.
Jonston: Verhandeln? Mit Asseino? Das kann niemand! Bei aller Verehrung: er ist ein Pulverfass!
Aruns: Kolbief wäre dazu zu feurig. Wenn du trocken mit ihm sprichst, habe ich bemerkt, dass du ihm imponierst. Sage ihm also, im Anschluss an das, was ich eben mit Setouras besprochen habe....
Jonston: .... dass auch für uns die Wüstenwanderung ihre Fortsetzung in der Eroberung Kaanaans findet.
Aruns: Ganz richtig: Aber sei vorsichtig: nichts über unsere Mittel und Wege. In seinem Fanatismus kann er leicht unangenehm werden. Sage ihm dann weiter, ich könne ihm die Garantie dafür bieten, dass unsere Wüstenwanderung nicht vierzig Jahre dauern werde. Jedenfalls mehr als vierzig Wochen, aber vielleicht weniger, als vierzig Monate. Erkläre ihm, warum wir uns zu unserm Ziel: Jerusalem, erst bekennen dürfen, bis wir in Neupalästina festen Fuss gefasst haben. Sage ihm, dass ich nur wünsche, er möge sich gegen uns wohlwollender verhalten und kein Bündnis mit unsern Gegnern schliessen, ehe er meine Garantien geprüft habe. Dass ich ihn aufs Höchste verehre und ihm gelegentlich direkter und mündlicher Besprechungen als Zeichen meiner Achtung vollstes Vertrauen bezeigen werde, indem ich ihm Eröffnungen mache, die bisher noch niemandem gemacht wurden: eben meine Garantien.
Jonston: Es wird nicht leicht sein, ihn davon zu überzeugen, dass wir den geraden Weg noch nicht gehn können. Elasticität und Verständnis für Politik fehlen ihm gänzlich.
Aruns: Du must es erreichen: Wie: das überlasse ich dir. Der Schachzug unserer Gegner nötigt uns zu Eile. Und nun Kolbiëf: Auch Sie haben eine heikle Aufgabe. Sie haben in Ihrer letzten Besprechung dem Komitee der Finanzmächte zu verstehen gegeben, dass die Besiedlung Neupalästinas leistungsfähigen Kapitalisten und Industriellen dankenswerte Aufgaben stellen wird.
Kolbiëf: Man hat es, da ich nicht deutlicher werden durfte, ungläubig aufgenommen.
Aruns: In meinem Namen können Sie auch diesmal noch nicht deutlicher werden, aber sagen, dass ich bereit bin, eine für beide Teile nützliche Vereinbarung zu treffen, für deren Einhaltung ich gute Garantien treffen kann; und umso bessere, je weniger wir durch Gegenwirkung gestört werden. Sie können dann in Ihrem Namen: ....
Kolbiëf: .... so, als ob es von mir wäre? Ich muss also Komödie spielen?
Aruns: Als Gesandter, wohl! Politik! Die Notwendigkeit hat in diesen Jahren auch aus mir einen völlig andern Menschen gemacht. Ich habe früher nie berechnet -- heute tue ich es mit Virtuosität. Ich habe früher nur eine Form der Wahrheit gekannt -- heute muss ich viele anwenden; und kann oft nicht die einzige für mich behalten. Geben Sie also in Ihrem Namen zu verstehen, dass ich gewiss dafür zu gewinnen sein werde, eine Finanzgruppe, die sich mit uns verträgt, auch an dem Weg zu interessieren, der uns durch unsern Schutzstaat führt....
Kolbiëf: .... an der Industrialisierung und Militarisierung Ammongäas....
Aruns: Sprechen Sie nur von der Industrialisierung. Mehr könnte schaden. Aber Sie können fragen -- mit unterlegter Bedeutsamkeit -- ob denn der Schaden der ihrer Gruppe durch Neupalästina droht, so unermesslich ist; ob er sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt; und ob der Verstand von Männern, die einander wohlwollen, nicht Mittel erdenken könnte ihn zu paralysieren.
Jonston: Unsere Aufträge haben wir gegen jedermann geheim zu halten?
Aruns: Ohne Ausnahme!
Jonston: Aber unsere Abreise vor Ihrer Rede wird auffallen.
Aruns: Sie erfolgt allerdings nicht plangemäss.
Jonston: Und könnte übelgedeutet werden. Von gewissen Stimmungsmachern!
Pinxar: Von Stimmungen sind wir doch ziemlich unabhängig.
Aruns: Ganz richtig! Lassen wir ihnen diesen Effekt. Unsere sind besser fundiert.
(Sie entfernen sich gegen den Hintergrund. Aruns ins Direktionsgebäude)


VIII. (Christine ist mittlerweile wieder aufgetreten. Sanda, der darauf gelauert hat, geht ihr entgegen und kommt mit ihr nach vorn)

Sanda: Sie werden Linda Rutlin gut im Auge behalten müssen; sie kann nicht erwarten, dass Sie etwas verlieren, was sie gerne gewinnen möchte.
Christine: Ich kann an sie nur verlieren, was ich habe. Habe ich denn meinen Mann? Er gehört allen.
Sanda: Ein grosser Mann muss in jeder Beziehung anders beurteilt werden. In seinen Vorzügen und in seinen Fehlern. Muss nicht sogar ich das berücksichtigen? Glauben Sie wirklich, dass ich sonst die beleidigende Behandlung vorhin so widerspruchslos ertragen hätte? Ich kann mich noch jetzt nicht darüber beruhigen und habe dennoch geschwiegen. Aber ich muss Ihnen nicht banale Weisheiten sagen: Warum er allen gehören muss und seinem Werk; warum er nicht Zeit hat, nur einer allein zu gehören, wie wir gewöhnliche Männer. Wer weiss das besser, als Sie? Welche Frau sollte fähig sein, Frau eines grossen Mannes zu sein, wenn nicht Sie?
Christine: Frau? Ich kann und mag nicht teilen. Wenn alle auf ihn Anspruch haben, so bleibt für mich nur ebensoviel. Das genügt einer Frau nicht. Gewiss: er ist zu gross; er ist eben seiner Aufgabe gewachsen; er kann nicht bloss Mann einer unbedeutenden Frau sein. Aber einer Frau kann ein weniger bedeutender Mann genügen, wenn er ihr allein gehört.
Sanda: Sie sind nicht glücklich! Wenige, die es so verdienten! Die einen Mann so glücklich machen können, wie Sie!
(Sie verabschiedet sich mit einem dankbaren Blick, da eben auf dem Balkon die Freunde Aruns sichtbar werden)


IX. (Die Tribünen, welche in der Zwischenzeit schwächer besetzt waren, haben sich wieder gefüllt. Die Sportjugend hat den grössten Teil der Bühne besetzt. Die Gegner Aruns u. A., Golban , Gadman , Setouras, etc. bleiben abseits in einer Gruppe beisammen, ohne jedoch besonders hervorzutreten. Affallen so jedoch bald die grosse Anteilnahme Gadman s an Aruns Rede. Sobald Aruns auf dem Balkon sichtbar wird, giebt eine Trompete das Zeichen zu Ruhe und alle erheben sich, um die grosse Rede Aruns stehend anzuhören)


X.

Aruns:
Volk Israels! Was ist dieses Fest? Ist es ein Sportfest? Eine Parade? Ein Parteiversammlung? Eine Volksversammlung? Ist dieser Tag denn nicht ein Tag, wie alle andern? Nein, das ist er nicht, sondern er ist einer, der sicherlich ein Gedenktag bleiben wird für alle Zeiten des Judentums. So wie es jener Tag ist, an welchem der jüngste Mann fragt: "Warum sitzen wir heute angelehnt?'' Aber hier wird er anders fragen müssen: "Warum stehn wir heute alle? Warum haben wir uns erhoben? Warum bleiben wir nicht sitzen, am Boden, niedrig, wie alle andern Tage vorher?'' Wir sind aufgestanden, wir haben uns erhoben und aufgerichtet zu einer Grösse, die niemand geahnt hätte. Wir haben wieder aufgerichtet die runden Rücken, die gekrümmt waren, weil sie gewärtig sein mussten, jeden Streich zu empfangen, der andern gebührte. Wir stehen wieder da, wie das alte, zähe, trotzige, halsstarrige Volk der Bibel; aber nicht mehr, wie dort, sind wir heute halsstarrig gegen unsern Gott, sondern für ihn, der uns zu seinem Volk bestimmt hat. Brüder! Kennt ihr noch die kleinen, gedrückten, schwächlichen Jüdlein "Hep - Hep'', die scheu um sich blickten, wenn sie sich andern gegenüber befanden, als unsern Leuten; die aber dennoch als anmassend galten und "freche Juden'' hiessen, sobald sie wagten, sich zu regen, oder gar sich weigerten, jede Beleidigung hinzunehmen; die eine minderwertige Rasse vorstellten im Vorstellungsvermögen selbst der Geringsten aller andern Rassen; die von allen Völkern verachtet und verhöhnt waren und am meisten von denen, die ihre geistigen Begriffe nicht ohne die unsrigen zu bilden vermochten? Brüder! Erinnert ihr euch noch dieser gedemühtigten, verachteten, verfolgten kleinen Jüdlein, die so verachtet sie waren, dennoch -- immer einer gegen zehn -- so mutig waren, ihre Rasse nicht untergehen zu lassen und zu stolz, sich mit denen zu vermischen, von denen sie als unebenbürtige Fremdlinge betrachtet wurden. Diese feigen Juden, die den Mut hatten, feig zu heissen, wenn sie nur Juden bleiben durften, sie haben alle Opfer gebracht, alle Verfolgung hingenommen und jede Beschimpfung und jede Verletzung ihres Stolzes ertragen, weil keiner in keinem Augenblick aufhörte zu fühlen, dass wir auserwählt sind zu solchen Leiden; dass diese unsere künftigen Vorzüge gebären sollen; dass nur unter Schmerzen geboren werden kann; dass wir zu leiden haben, weil wir auserwählt sind, den messianischen Gedanken über alle Zeiten zu erhalten. Den strengen, reinen, unerbittlichen Gedanken, dass es nur einen einzigen, ewigen, unsichtbaren und unvorstellbaren Gott gibt. Wir sind ein altes Volk. Was könnte uns ein Gott sein, den wir verstehn, von dem wir uns ein Bild machen, den wir beeinflussen können? Wir brauchen kein Wunder: Verfolgung und Verachtung haben uns gestärkt, haben unsere Zähigkeit und Ausdauer vervielfältigt, Organe erzeugt und gekräftigt, die unsere Widerstandfähigkeit erhöhten. Wir sind ein altes Volk. Noch kann zwar nicht jeder Einzelne unsern Gottesgedanken ganz erfassen; sich damit abfinden, dass alles Geschehn von einem höchsten Wesen abhängt, dessen Gesetze wir fühlen und erkennen, aber nach ihrem Sinn nicht fragen dürfen. Sobald aber jeder bis zum Letzten das kann: Dann ist der Messias gekommen. Der Messias des inneren Gleichgewichts!

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Liebe junge Freunde! Eure Lehrer und Führer haben diesen Glauben in euch verpflanzt, haben euren Geist entwickelt und euren Körper geschult. Seit ihr begriffen habt, dass die Erkenntnis des wahren Wesens Gottes über allem Wissen und allem andern geistigen Streben steht; und seit ihr den Wert eurer körperlichen Kräfte schätzen und an ihnen Freude finden gelernt habt, konntet ihr euch in kurzer Zeit fähig erweisen, Leistungen zu vollbringen und Anstrengungen zu ertragen, bei denen eure körperlich zurückgesunkenen Väter versagt hätten. Ihr steht heute in keiner Weise hinter den Völkern zurück, bei denen wir gelebt haben. Ihr besitzt die Kraft, die in wenigen Generationen die unseres ganzes Volkes sein wird. Eure Kraft und Gesundheit wird erneuern, was alt und morsch ist an Israels Stamm; nur ihr seid fähig, die Umbildung unseres Volkes durchzuführen: es aus einem Volk von Gelehrten, Künstlern, Händlern und Wechslern zu verwandeln in ein gesundes und kräftiges Volk, geeignet, ein Leben zu führen, wie ein Volk, dem Gott eine Heimat geschenkt hat. Nun also seid ihr fähig, die grosse Aufgabe zu lösen! Ihr besitzt Elastizität, Schwung, Begeisterung, Anpassung und Opferfähigkeit. Euch ist die schwerste Aufgabe zugefallen. Denn für die Jugend geschieht alles, was wir erstreben. Ihr gehört die Zukunft; sie wird es geniessen, wenn kein Jude mehr nach Achtung oder Nichtachtung Andersrassiger wird fragen müssen. Darum soll sie den entscheidenden Anteil an der Arbeit haben. Ihr jungen Menschen, ihr sollt Pionniere sein im neuen Land; ihr sollt den Boden bereiten, das Fundament legen, auf dem sich der stolze Bau dieses Staates erheben wird. Und das ist der tiefere Sinn dieses Festes und darum wird es ein Gedenktag für alle Zeiten werden. Heute opfert ihr eurem Volke hier alle euer ehemaliges Bestreben nach einer Geistigkeit, die der Diaspora gedient hat. Und heute, hier, bekundet ihr mit eurer Kraft, dass ihr einem höhern Wissen dienen wollt, als es Menschenweisheit ist. Dass ihr eurem Volk es ermöglichen wollt, seinen Gottesgedanken zuende zu leben, zuende zu träumen!
(Allgemeiner Jubel in welchem Gadmans leidenschaftliche Begeisterungsäusserungen auffallen. Nach einer Weile Trompetenstösse; einen Augenblick Stille, hierauf wird von allen eine Hymne gesungen)

Ende des ersten Aktes. Vorhang



II. AKT
(Ansiedlungs-Centrale in Neupalästina)

Der Raum ist so geteilt, dass auf der einen Seite der Bühne (rechts vom Zuschauer) ein möglichst grosswirkender (Arbeits- und Empfangs-) Saal Platz hat, dessen auf der Bühne befindliche Wände aber durchaus verglast sind, so dass die Landschaft im Hintergrund sichtbar bleibt; dessen gegen den Zuschauer rechts vorn liegende Seite offen ist und zwar so gelegt, dass vom Saal aus, über einige Stufen ein nicht zu kleiner Platz erreichbar ist (gross genug, um dort spielen zu können). Die Haupteingangstür in den Saal befindet sich in der linken, schrägen Seitenwand, beiläufig in der Mitte der Bühne, doch ist der Eintritt auch rechts vorne und aus der rechten Kulisse (wo man sich das Direktionsgebäude zu denken hat, dessen Veranda der Saal ist) und durch die Tür in der Rückwand möglich. Beiläufig in der Mitte der Bühne, nahe der linken Seitenwand, etwas mehr vorn, auf dem Platz steht ein Auslaufbrunnen. Die übrige Bühne deutet tropische Landschaft an, in welcher man provisorische Auswandererwohnungen, Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude etc. (Wellblech- und Holzbauten) wahrnimmt. Im Saal: Sitzgelegenheiten, Arbeitstische, Telephon und Telegraph, etc. Vor den Stufen: Tische, Bänke und genügend Spielraum; in der linken Hälfte, nahe dem Saal, ebenfalls einige Sitzgelegenheiten.


I. (Im Saal: Aruns, Christine, Linda Rutlin; vor dem Saal, an der linken Seitenwand, militärisch gekleideter Posten. Aruns diktiert auf- und abgehend einen Brief, den L. Rutlin, an einem Schreibtisch sitzend, das Gesicht gegen den Zuschauer gerichtet, stenographisch aufnimmt)

Aruns: Ehrwürdiger Herr; seit vier Wochen hier, in dem Lande, das unseren Nachkommen vielleicht einst heilig sein wird, ist nun der Augenblick gekommen, wo ich Sie bitten darf: erfüllen Sie Ihre, meinem Freunde Oberst Jonston gegebene Zusage, erfüllen Sie unseren sehnlichsten Wunsch: kommen Sie, um morgen das Passahfest mit uns zu feiern; geben Sie dem Tage, dem wir mit unbeschreiblichen Gefühlen entgegensehen, die religiöse Weihe; sagen Sie uns, dass Gott bisher mit uns war. Gottes Hilfe hat uns den Widerstand unserer stärksten Gegner überwinden lassen. Unser Glaube, unsere Idee hat gesiegt und als wahr hat sich erwiesen, dass aus einem guten Gedanken alles von selbst flìesst. Man hat mich wegen dieses Satzes einen Phantasten genannt, obwohl er aus der Erfahrung geschöpft ist. Denn kaum hatte ich den Gedanken gefasst, als auch schon da war, was seinen Erfolg sicherte. Ich musste lange schweigen! Nun sei das Geheimnis gelüftet, auf Grund dessen Ihnen meine Botschaft die Garantie dafür anbot, dass wir an Palästina als unser Ziel denken: Wie den Juden vor Jericho, so hat auch uns Gott ein Machtmittel in die Hand gegeben, unserer Feinde Herr zu werden: auch wir haben Posaunen von Jericho! Eine Erfindung unseres General Pinxar setzt uns instand, an jeden beliebigen Punkt der Erde in beliebigem Umkreis Strahlen zu senden, welche den Sauerstoff der Luft verzehren und alles Lebendige ersticken. Heute trifft Pinxar mit dem Apparat hier ein, hier sind alle Vorbereitungen getroffen, so dass wenige Stunden nachher die Installation vollendet sein wird. Noch heute wird der Vertrag mit Ammongäa geschlossen; dessen Minister, Kaphira, ist seit gestern hier. Nach den Feiertagen werden wir auf einer neuen Basis mit den Weltmächten verhandeln, die bald werden einsehn müssen, dass wir von ihrer Gnade oder Ungnade unabhängig geworden sind und unsern Willen den nötigen Nachdruck verleihen können.
Linda Rutlin: (unterbrechend, wovon Aruns peinlich berührt ist) Meister, dürfen wir es wagen, das durch Wellen auszusenden? Wenn es abgefangen würde! Ein so schweriegendes Geheimnis!
Christine: Haben Sie geglaubt, dass in alle Ewigkeit Sie allein es werden hüten dürfen?
Aruns: Pinxars Chiffre bietet genug Sicherheit. Und ausserdem: wer es erst jetzt erfährt, kann uns nicht mehr schaden. Konnten es selbst die nicht, denen wir es zum Teil wenigstens schon früher andeuten mussten! (weiter diktierend) Wir stehen nun vor der Notwendigkeit, an den innern Aufbau unseres Staates zu denken. Hier giebt es soviel Probleme, als es Parteien giebt, also: tausend Schwierigkeiten. Unmöglich wird es sein, sie alle auf einmal zu überwinden. Der Realpolitiker kann nur hoffen, ein günstiges Kompromiss zustande zu bringen. Zwischen Ihnen und mir besteht eine Differenz eigentlich nur in der Frage, unserer künftigen Gesetzgebung: soll sie auf der wörtlichen Auffassung der mosaischen Überlieferung oder aber auf modernen Bedürfnissen angepasster Interpretation beruhen? Heute schlage ich Ihnen nun die Hinausschiebung unsere Meinungsdifferenz zunächst auf fünf Jahre unter folgenden Bedingungen vor: Punkt I. Eine provisorische Gesetzgebung, die sich der Herkunftsländer der Juden möglichst anpasst, in Glaubensfragen zunächst aber so tolerant ist, wie etwa die amerikanische. Punkt II. Die Vorarbeiten zu einer definitiven, nationalreligiösen Gesetzgebung haben spätestens in drei Jahren zu beginnen. Bis dahin hat jedoch jede diesbezügliche Propaganda in Wort und Schrift zu unterbleiben. Punkt III. Seien Sie, Asseino, unser erster Hohepriester. Sie, der Sie als einziger Lebender dessen würdig und dazu fähig sind, der Sie die geistige, menschliche und religiöse Grösse besitzen, zu der jeder verehrend aufblickt. Üben Sie diese Macht aus, die oft in unserem Volke, je nachdem in wessen Hand sie sich befand, grösser war als die weltliche und die Ihnen die Garantie bietet, dass in diesen fünf Jahren hier nichts geschehen kann, was Ihr Glaube nicht billigt. Übernehmen Sie die Führung der Seelen und Herzen. Es giebt keinen ausser Ihnen: seien Sie der Unsere, lassen Sie uns die Ihren sein! Ich wäre glücklich Sie hier zu sehen und das Nähere zu besprechen. Ich bitte Sie um Ihren Segen für unser weiteres Werk und bin in Ergebenheit und Verehrung, Ihr... Dieser Brief geht sofort mittels Radio an David Asseino.
(Linda Rutlin mit dem Blatt ab)


II. Aruns, Christine

Christine: Ich bin überrascht, dass deine Sekretärin in Angelegenheiten eingeweiht ist, die du vor mir bisher geheimgehalten hast.
Aruns: Du irrst: Fräulein Rutlin hat eben jetzt zum erstenmal davon gehört. Bis zu diesem Augenblich war ich gezwungen, das Geheimnis zu wahren: eine schwere Last, die man keinem aufladen darf, wenn man ganz sicher gehen muss!
Christine: Ich wusste nicht, dass etwas aufhört, Geheimnis zu sein, wenn es zwischen uns keines mehr ist.
Aruns: Praktisch gewiss nicht; aber, wer meine Verantwortung trägt, muss auch theoretisch jede Gefahr ausschliessen.
Christine: Diesen Unterschied muss man verstehen; fühlen kann man ihn nicht.
Aruns: Darf ich mich von Gefühlen leiten lassen?
Christine: Mir gegenüber offenbar nicht!
Aruns: Kind, besitze ich dein Vertrauen nicht, wo ich auf das so vieler angewiesen bin?
Christine: Besitze ich dein Vertrauen?
Aruns: Unbedingt in allem, was meine Person angeht. Und noch weit mehr: Bewahrst nicht du das Blatt, von dem unser Aller Schicksal abhängt? Du weisst nicht, was es enthält: es ist der Schlüssel zu unserm Geheimnis, zu unsern Posaunen von Jericho. Ausser uns beiden kennt nur noch Pinxar seine Existenz und Aufbewahrungsort -- ich setze dabei als selbstverständlich voraus, dass du niemand davon gesagt hast.
Christine: (ausweichend, etwas zweideutig) Da du ja zu niemand Vertrauen hättest...!
Aruns: Als Verwalter eines Geheimnisses, von dem das Schicksal aller abhängt, habe ich kein Recht dazu. Hier können mich keine Gefühle leiten, hier kann ich nur Grundsätze anwenden....
Christine: .... welchen zufolge deine Frau deiner Sekretärin gleichgestellt wird. Ich weiss nicht, welches deine Gefühle für diese junge Dame sind, aber welches die ihrigen sind, kann jeder sehn. Niemand aber behauptet, dass sie dir unangenehm sind.
Aruns: Bitte bedenke: Habe ich das Recht, mir persönliche Gefühle zu Bewusstsein gelangen zu lassen? Darf ich an anderem noch auf dieser Erde hängen, als an meiner Aufgabe? Hätte ich auch nur die Zeit dazu?
Christine: Also nur die Zeit und das Recht fehlen: aber die persönlichen Gefühle....
Aruns: .... sind nicht vorhanden!
Christine: Die für meine Person wohl nicht. Aber Fräulein Rutlin...! Du täuschst mich nicht! Ich sehe nur zu klar! Ich werde dich aber verlassen, ehe du mich schickst. Du kannst mich ja gar nicht behalten, weil ich dir nicht ganz artgleich bin. Ich merke das seit Langem....
(An Weiterem wird sie durch den Türsteher gehindert. Während des Letzten sind nämlich hinten zwei Offiziere mit Motorrädern (Achtung, Regisseur: hier wie immer nur diskret andeuten) angekommen, die nachdem sie ihre Räder versorgt haben, sich an den Türsteher gewendet haben)

Türsteher: Meister erwarteten Herren Offiziere.
Aruns: Ich lasse bitten.
(Tamlan und d.j. Golban treten auf)


III. Aruns, Christine, Tamlan, d.j. Golban
(Stramme Begrüssung)

Aruns: Grüss Gott, liebe Leutnants!
Tamlan: Meister; wir kommen, Ihnen für unsere Beförderung zu danken.
Aruns: Ist schon geschehn: sie hat mir selbst Freude gemacht. Wenn Ihr Beide des Weitern so brauchbar seid, wie bisher, werde ich bald euer Schuldner sein!
d.j. Golban: Darf ich diese Gelegenheit zu einer dienstlichen Frage benutzen?
Aruns: (nickt).
d.j. Golban: Bei der Aufstellung eines provisorischen Gotteshauses an der gemeinsamen Grenze des russischen und deutschen Lagers arbeiteten Angehörige beider Sprachen unter Leitung eines deutschsprechenden Vorarbeiters. Gestern war nun ein Zwist entstanden, weil der Vorarbeiter einige technische Kommandos weder auf hebräisch, noch auf russisch sagen konnte. Eine kleine Prügelei war bald beigelegt und man einigte sich, an die Sprachkommission heranzutreten.
Dort wurde nun konstatiert, dass für die betreffenden Begriffe bereits lehnwortartige Bildungen aus dem Arabischen, respektive Türkischen vorgesehen, aber zweifellos noch nicht in allgemeinem Gebrauch sind. Ich soll Befehle für künftiges Verhalten erbitten.
Aruns: Waren Sie dabei?
d.j. Golban: Jawohl!
Aruns: Das ist doch Ihr Fach. Haben Sie da nicht helfen können!
d.j. Golban: Ich kam gerade noch zur Prügelei zurecht.
Aruns: Die Sprachwissenschaft ist also zu spät gekommen!
Wie haben Sie sich verändert! Früher wären Sie zur Prügelei zu spät gekommen!
Man kann natürlich nicht zu jedem kleinen Bau einen Sprachgelehrten delegieren. Auch ist es unmöglich, dass der Vorarbeiter, wenn es brennt, erst telephonisch anfrägt, wie löschen auf Hebräisch heisse und wie der Imperativ gebildet werde.
Lieber Leutnant, ich habe nicht viel dagegen, wenn sich bei solchen Anlässen die Sprachgelehrten verspäten.
Wenn aber, wie diesmal, das Militär bei der Prügelei einigermassen rechtzeitig eingreift, bin ich ganz zufrieden.
Sonst ist da nicht zu veranlassen!
Wissen Sie übrigens, dass Ihr Vater heute hier sein wird?
d.j. Golban: Ich werde trachten müssen, ihm auszuweichen.
Aruns: Das sollten Sie keinesfalls tun. Bedenken Sie, dass Sie ihn schwer gekränkt haben!
d.j. Golban: Nicht durch meinen Willen. Er hat mich zur Entscheidung gezwungen. Da konnte ich nicht anders, als mit Ihnen gehn.
Aruns: Ich hätte keinen mitgelassen, wäre ich nicht sicher, dass sehr bald alle erzürnten Väter sich mit ihren wiedergewonnenen Söhnen versöhnen werden.
Suchen Sie Ihren Vater zu treffen. Er wird grollen, aber glücklich sein, Sie wohlauf zu sehn.
(Tamlan und d.j. Golban beurlauben sich; Sanda tritt auf)


IV. Christine, Aruns, Sanda

Sanda: Eben ist folgende radio Meldung eingegangen:
"Durch Schaden an der Maschine aufgehalten. Hoffe nicht mehr als fünf Stunden verspätet einzutreffen. Pinxar.''
Aruns: Fünf Stunden ist nicht viel -- wir haben zweitausend Jahre gewartet. Immerhin wäre es mir angenehmer, wenn ich ihn zur verabredeten Stunde hätte da haben können. (leise zu Christine): Dann ist es nötig, noch bis zum Eintreffen Pinxars gegen jedermann zu schweigen. (Ab)


V. Christine, Sanda, später Linda Rutlin

Sanda: Ihr Mann scheint über Pinxars Verspätung sehr verstimmt zu sein. Es wird allerdings, wenn er so knapp vor dem Passahfest kommt, nicht leicht sein, ihm Arbeiter zur Verfügung zu stellen.
Insbesondere für morgen! Denn: ob er heute mit dem Abladen seines Transportes fertig wird....?
Christine: (Die nicht zugehört hat, sehr aufgeregt) Sanda, haben Sie den Eindruck, dass mein Mann und Fräulein Rutlin.... (stockt)
Sanda: Ihre Bewunderung, ihre Schwärmerei, ihre Huldigungen, sind gelinde gesagt, so eindringlich, dass sie zu ihm verdringen müssen. Dass sie ihm unangenehm sind, ist mir dagegen nicht aufgefallen.
Mir ist es allerdings nicht gegeben, an Unberührtheit und Unberührbarkeit zu glauben. Vorsichtig ausgedrückt: es missfällt ihm nichts an ihr.
Christine: Ich finde dasselbe. Zudem habe ich eben etwas erfahren, was... was ich nicht für möglich gehalten hätte; was allem die Krone aufsetzt: er hat ihr Geheimnisse anvertraut, die nicht einmal noch ich kenne!
Sanda: (sehr unterstrichen) Ah!
Christine: Mich bindet nichts mehr an ihn. Er will mich los werden. Ich existiere längst nicht mehr für ihn. Nach diesem Beweis will ich auf Weiteres nicht mehr warten.
Sanda: Sie wollen ihn doch nicht jetzt, wo er seinem Triumph so nahe ist, verlassen? Jetzt, wo er die Früchte seiner Arbeit ernten wird?
Christine: Ich warte nicht, bis ich geschickt werde!
Sanda: Und Sie wollen kampflos auf alles verzichten? Auch auf die Aussicht, Königin zu werden?
(Hier tritt [Linda Rutlin....])

Christine: Königin? -- Unsinn!
Sanda: Sehn Sie nicht, dass er nach der Krone strebt?
Christine: Nein!
Sanda: Und Sie ahnen auch nicht, dass Linda Rutlin damit rechnet, dass Sie keine Kinder haben und auch keine thronfähigen bekommen können?
Christine: (nach einigem Zögern) Sind Sie dessen sicher?
Sanda: Sicher? Alles deutet darauf hin. Hier ist alles militärisch organisiert; alles; sogar die Presse, die Verwaltung und die Wirtschaft; er wird Meister genannt, ist aber Oberbefehlshaber; alle Macht ist in seiner Hand; das ist ja schon Diktatur! Von da bis zum Vollzug der Königskrönung ist nur ein Schritt. Nur eine Formalität, der sich hier kaum jemand zu widersetzen vermöchte.
Erinnern Sie sich: Die Sozialisten haben ihn immer als Monarchisten bezeichnet. Er hat dem nie widersprochen.
Christine: Es ist möglich, dass Sie recht haben.
Wie konnte ich das alles übersehen?
Ich werde ihn verlassen.
Sanda: Christine, Sie wissen, dass ich Aruns sehr schätze und achte, obwohl er gegen mich oft sehr unfreundlich war.
Trotzdem kann ich mir nicht verhehlen, dass sein Verhalten ein schweres Unrecht gegen Sie ist und nicht mit der moralischen Überlegenheit übereinstimmt, die er sonst wahrnehmen lässt. Ich halte es seit Langem für sicher, dass Sie seine Frau nicht mehr sein werden, sobald er das Ziel seines Ehrgeizes (Christine wehrt mit einer Geste ab) erreicht haben wird. (unbeirrt, mit parodierendem Unterton, fortfahrend) "Aus einem guten Gedanken fliesst alles von selbst'' -- ich halte diesen Gedanken schon lange nicht mehr für gut, sonst müsste heute alle Widerstände, die aus ihm spriessen, schon überwunden sein. Er hat schwere Fehler, die sich jetzt zu rächen beginnen. Aber, was immer daraus "fliessen'' mag: für Sie, das steht fest, wird es nicht gut sein. Ich glaube: auch für ihn nicht und für keinen, der ihm ganz gefolgt ist. Aber schliesslich wird ihm sein überlegener Verstand vielleicht aus der Klemme helfen.
Und nun, nachdem ich so weit gegangen bin und habe einmal offen zu Ihnen gesprochen -- wie es meiner Pflicht als Jugendfreund entspricht; als Einziger hier, der mit Ihnen fühlt, der Sie, wie Sie wissen, liebt, der in Ihnen nicht eine Person sieht, die Macht und Einfluss zu vergeben hat, der nur das Weib in Ihnen sieht und liebt -- nun sage ich Ihnen:
Verlassen Sie diesen Mann, der Sie nicht mehr liebt, der Ihrer überdrüssig ist, der Sie -- es muss gesagt werden -- betrügt und Sie verstossen wird.
Kommen Sie mit mir, der Sie glücklicher machen wird, als ein grösserer, weil er ganz Ihnen gehören und nichts anderes denken und fühlen wird, der hier nicht bleiben will, der hier von Niemand etwas will: Nur von Ihnen; und von Ihnen nur Sie!
Christine: (sieht ihn eine Weile nachdenkend an) Ich bin zu verwirrt, muss erst meine Gedanken ordnen!
Ich sehe Sie später.
Ich werde Ihnen Nachricht geben.
(Christine ab nach rechts ins Haus; Sanda bleibt einen Augenblick stehn; dann verlässt er vorn über die Stufen den Saal; bleibt vorn wieder stehn!)

Sanda: Ein Verhältnis hätte für meine Zwecke vollauf genügt. Eine Entführung spielt mehr ausserhalb meines Geschmacks.
Aber was tut man nicht für die gutbezahlte Sache?
Es wäre angenehm, wenn ich hier noch ermitteln könnte, welchen Wert dieser Dienst in London haben dürfte.
Ich hätte mit Linda Rutlin besser reden müssen! Ob das noch möglich wäre?
Ich kann mir nicht denken, wozu man das Blatt dort haben will, da ja Pinxar sich auch ohne es behelfen könnte.
Immerhin: wenn nichts dazwischen kommt, werde ich es heute abends besitzen!


VI. (Golban tritt von hinten auf; sieht Sanda, geht auf ihn zu)
Sanda, Golban

Golban: Ah, Sanda! gut dass ich vor allen anderen einen Mann treffe, den Freund und Feind durch ihr Vertrauen auszeichnen. Da kann ich ja gleich wertvolle Auskünfte bekommen.
Sanda: Wenn ich nicht irre, so habe Sie mir schon Wertvolleres zu verdanken, als Auskünfte. Trotzdem hat aber Ihr Dank nicht ausgereicht, mir Ersatz für die Lebensstellung zu bieten, die ich aufgebe, wenn ich ganz zu Ihnen übergehe.
Offiziell nämlich, wie man das nennt.
Golban: Offiziell? Ich denke, Sie werden statt einer offiziellen Stellung gerne den Gegenwert in bar annehmen.
Ich finde, wir bezahlen fremde Federn so gut, dass sie darauf verzichten können, dass wir uns mit ihnen schmücken.
Hier haben Sie allerdings eine Ehrenstelle -- in jeder Hinsicht.
Aber ich frage mich nur: wie sind Sie dazu gekommen?
Sanda: Mein Beruf brachte mich zu Aruns.
Ich richtete Fragen an ihn, die einen andern in Verlegenheit gebracht hätten; er fertigte mich elegant ab. Ich fand ihn sehr interessant und es scheint, dass auch ich ihm gefiel, denn er engagierte mich, obwohl ich ihm opponierte.
Im Laufe der Zeit fasste ich Interesse und eine gewisse Sympathie für das Abenteuerliche seiner Pläne, ohne jedoch meine oppositionelle Haltung jemals aufzugeben. Man liess sich scheinbar gewisse Unverschämtheiten ganz gerne von mir gefallen.
Meine Tätigkeit hatte die Aufmerksamkeit der Gegenparteien erweckt. Sympathien hatte ich ja für diese nicht.
Golban: Sie glauben an nichts!
Sanda: An Weniges -- aber das können Sie dem, was ich schreibe, kaum anmerken. Dieser letztere Umstand ist Ihnen ja auch der wertvollere, und für meinen Glauben hätten Sie mir gewiss niedrigere Angebote gemacht.
Ich liefere Ihnen gute Gründe, mich zu schätzen.
Diese und ein nicht allzugrosses Gehalt beziehe ich hier.
Als Zugabe geniesse ich hier noch eine gewisse Achtung für welche Sie mich nicht entschädigen könnten, selbst wenn wir beide besten Willen daran wendeten.
Sie sehen also, was ich aufgebe, wenn ich ganz zu Ihnen übergehe.
Aber ich will Ihnen nichts vormachen: Eine Lebensstellung auf diesem heissen Boden hier würde mich eine zu hohe Versicherungsprämie kosten.
Darum habe ich vorgesorgt: Ich werde morgen Ihrem Konzern einen sehr wertvollen Gegenstand zu einem wirklich bescheidenen Preis anbieten.
Golban: Und zwar?
Sanda: Morgen, bitte; und nicht hier! an einem sicherern Orte.
Golban: Wollen Sie mit mir reisen?
Sanda: Danke, nein; ich habe meine eigene Equipage und reise vielleicht nicht allein.
Aber bleiben Sie denn nur so kurze Zeit hier?
Golban: Ich muss morgen abends zurück sein. Aber mein Geschäft wird sich wahrscheinlich rasch erledigen, da Aruns unser Ultimatum gewiss ablehnen wird. Er ahnt nicht, über welche Mittel wir verfügen, um unseren Willen durchzusetzen.
Sanda: Sie verlangen die Teilnahme an der Regierungsgewalt?
Golban: Sie sind neugierig! Wollen Sie mir mein Geheimnis abkaufen?
Sanda: Es kommt auf den Preis an.
Golban: Sie könnten ihn nicht bezahlen. Bezähmen Sie Ihre Neugierde, so wie ich die meinige. Was Sie angeht, werden Sie rechtzeitig und kostenlos erfahren.
Sanda: Mein lieber Herr Golban, wenn ich wartete, bis Sie mir etwas mitteilen, wäre das für unser Geschäft nicht sehr förderlich. Was aber mich angeht, soweit ich es nicht errate, habe ich immer noch selbst herausgefunden.
Ein kleines Beispiel: Ich weiss, dass Sie sich mit Ammongäa verständigt haben.
Golban: Ich rate Ihnen: hüten Sie sich! Vielleicht wissen Sie jetzt schon zu viel!
(Gadman tritt auf)


VII. Gadman, Sanda, Golban

Golban: Wie Gadman, ist auch hier?
Sanda: Er ist einer der neuesten Diener seines Herrn. Und -- ohne seinen Wert herabsetzen zu wollen -- wie alles Neue, etwas überschätzt: so behauptet wenigstens die Eifersucht von uns Älteren, mit schon etwas übertragenen Verdiensten.
Golban: Ich hatte, als ich Ihnen seinerzeit riet, Partei zu ergreifen, gehofft, dass Sie sich auf die aussichtsreichere Seite schlagen werden.
Gadman: Ich weiss nicht, ob Ihnen das wertvoll erscheinen wird: Ich habe die eine Aussicht, mir eines Tages bei genauester Prüfung sagen zu dürfen, dass ich aus vollkommen ungetrübt reinen Motiven an einer grossen Sache mitgewirkt habe, ohne mir den mindesten Vorwurf machen zu müssen, damit einen andern Zweck verfolgt zu haben, als den Erfolg der Sache.
Das ist meine Aussicht, und für die habe ich Partei ergriffen.
Golban: Ein neuer Paulus!
Sanda: Was an allerhöchster Stelle sehr geschätzt wird.
Golban: Mir fehlt die Veranlagung, Ihnen das nachzufühlen. Mein Herr Sohn, der ja auch von Ihrer Partei ergriffen ist, hat sie sicher nicht von mir geerbt.
Sie imponieren mir in gewisser Hinsicht. Und Sie werden sicherlich auf Ihre Rechnung kommen, da Sie so anspruchslos sind.
Natürlich, meine Geschäfte stellen andere Ansprüche. Und trotzdem sind unsere Aussichten nicht schlechter, als Ihre. Eben darum tut es mir leid, dass Sie nicht daran teilhaben können.
Aber nun muss ich trachten, zu Aruns zu gelangen.
(will gehn, doch im selben Augenblick tritt Linda Rutlin auf, der d.j. Golban folgt.)


VIII. Gadman, Sanda, Golban, Linda Rutlin, d.j. Golban

Golban: Ah, Fräulein Rutlin, Sie können mich gewiss gleich bei Herrn Aruns melden.
Aber wer ist das?
d.j. Golban: Vater!
Golban: Mein Herr Sohn!
Er ist nämlich auch einer, der den gewissen "Weg'' geht, den die "Bibel genau angibt''. Aber das 5. Gebot gibt auch genau den Weg an. Danach fragen die Herrn nicht, die Kinder zur Missachtung ihrer Eltern verführen.
d.j. Golban: Uns hat niemand verführt.
Es wurde im Gegenteil auf das 5. Gebot hingewiesen und uns nahegelegt, zu unseren Eltern zurückzukehren.
Mehr noch: Da nicht leicht einer den Mut hat, als Erster vorzutreten, waren insgeheim einige bestimmt worden, zum Schein sich sofort zu melden, als solche, die nicht mit wollen. Keiner ist ihrem Beispiel gefolgt. Keines Entschluss geriet ins Wanken.
Es wurden Erlaubnisscheine der Eltern gefordert.
Die meisten haben sie den ihrigen abgetrotzt.
Du Vater hast mich zur Entscheidung gezwungen, darum war ich genötigt, vorübergehend deinen Namen abzulegen.
Golban: Du wirst morgen mit mir zurückfliegen!
d.j. Golban: Einem Offizier kannst du nicht befehlen!
Golban: Offizier bist du? Gut, bleibe! Du wirst es bereuen!
d.j. Golban: Der Meister sagte heute; es werden bald alle Väter da sein, um sich mit ihren Kindern zu versöhnen. Dann wirst du mir auch verzeihen.
Golban: Wenn die Väter da sein werden, wird manches anders kommen, als Herr Aruns glaubt. Wenn du nicht Verstand annimmst, werde ich dir nie verzeihen!
d.j. Golban: Verstand habe ich schon angenommen. Aber du verlangst von mir, dass ich ihn aufgebe. Aber ich werde eher den Geist aufgeben, als den Geist dieser Idee. (Eilt ab)
(Golban steht einen Augenblick verblüfft da)
Linda Rutlin: Herr Golban, Sie werden den Meister kaum sofort sprechen können, da er beschäftigt ist. Aber ich werde Sie ehestens melden.
Golban: Also später! Kommen Sie mit mir, Gadman?
(Golban und Gadman ab)


IX. Linda Rutlin, Sanda
(Linda Rutlin will ebenfalls abgehn, wird aber von Sanda zurückgehalten)

Sanda: Fräulein Rutlin, bitte, einen Augenblick! Ich muss mich entschuldigen: Sie werden Ihren Schreibtisch in Unordnung finden. Ich habe bei Ihnen vergebens ein wichtiges Blatt gesucht.
Linda Rutlin: Ich bin überrascht: wie wenn ich dort etwas Geheimes aufbewahrt hätte?
Sanda: Sie würden niemand diskreteren finden können, als mich.
Linda Rutlin: Ist zum Glück nicht nötig.
Was soll das für ein Blatt sein?
Sanda: Die Kopie des chiffrierten Blattes, dessen Original Pinxar Aruns und dieser Frau Christine übergeben hat.
Linda Rutlin: Von der Existenz eines solchen Blattes ist mir nichts bekannt.
Sanda: Aber doch: Es betrifft die Posaunen von Jericho.
Linda Rutlin: (stuzt) Posaunen von Jericho? Woher wissen Sie davon?
Sanda: Nun muss ich staunen! Wer soll davon wissen, wenn ich es nicht weiss?
Linda Rutlin: Der Meister hätte zu Ihnen davon gesprochen?
Sanda: Der Meister, oder ein Anderer. Warum nicht?
Linda Rutlin: (tut sehr geschickt, als ob sie ihm glaube)
Wenn Sie davon wissen, so ist das ein Zeichen, dass ich Sie zu den Allervertrautesten zählen darf. Ich wusste das nicht, und brachte Ihnen bisher -- Sie verzeihen -- nicht volles Vertrauen entgegen. Aber wer davon weiss, wer also weiss, wie fest wir stehn, muss verlässlich sein, auch wenn er gerne anders möchte.
Sanda: Ich habe immer bemerkt, dass Sie mich nicht voll nehmen, konnte mir das nicht erklären, bin aber froh, dass das nun anders wird.
Nun werden auch wir bald gute Freunde sein. Nicht wahr?
Linda Rutlin: Gewiss; natürlich!
Sanda: Dann darf also auch ich offen zu Ihnen reden. Es ist nicht allein dieses Blatt, sondern auch der dazugehörige Chiffrenschlüssel, den ich bei Ihnen gesucht habe. Ich muss beides mit einem andern Akt zusammen zu Ihnen hinüber gegeben haben. Ich bin in grosser Verlegenheit, da ich einen Auftrag, den mir Aruns erteilt hat, nicht ausführen kann. Jetzt wo Sie wissen, dass Sie mir vertrauen können, werden Sie mir wohl aus der Verlegenheit helfen und mir das Wichtigste aus dem Inhalt des Blattes mitteilen.
Linda Rutlin: (mit wieder geändertem Ton) Sie irren, Herr Sanda; ob ich das Blatt kenne oder nicht: Ich hätte nicht das Recht, jemand, der mein Vertrauen erst so kurze Zeit besitzt, Mitteilungen zu machen, zu denen ich nicht beauftragt bin. Vertrauen oder Nichtvertrauen kommen überdies, wie Sie wissen, in dienstlichen Fragen bei uns nicht in Betracht.
Sanda: (ärgerlich) Und Sie wollen mich deswegen in dieser Verlegenheit lassen? Das kann ich nicht glauben!
Linda Rutlin: Sie können manches nicht glauben: das rächt sich jetzt.
Sanda: (zorniger) Nicht bloss manches, sondern fast alles, was Sie glauben! Aber es wird sich nicht an mir rächen, der