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Der biblischer Weg - Schauspiel in drei Akten von Arnold
Schönberg
Inhalt
Anmerkung
Text established on last corrected typewritten copy by the author. Nevertheless
a certain number of typographical errors have remained uncorrected in
that copy. We have corrected them in this version. First names for certain
characters were supplied from a handwritten list of 'dramatis personae'
inserted by Schoenberg in the folder DICH[tung] 29. ( Moshe Lazar, 1995)
Dramatis Personae
Aruns, Max
Christine, seine Frau
Rutlin, Linda
Pinxar
Guido [Joseph]
Asseino [David]
Jonston [Peter]
Kolbiëf
Gadman
Eldad
Sanda [Felix]
Tamlan [1. Officier]
Golban [Dirk]
d.j. Golban, sein Sohn [2. Officier]
Setouras [Michael]
Ein alter Mann
Kaphira; Gesandter Ammongäas
Thürsteher, Officiere, Beamte, Sportjugend, Festteilnehmer, Auswanderer,
etc.
Inhalt
Akt I: Bild I: Szene I,
II, III,
IV, V,
VI, VII,
VIII, IX,
X
Akt I: Bild
Set II: Szene I,
II, III,
IV, V,
VI, VII,
VIII, IX,
X
Akt II: Szene I, II,
III, IV,
V, VI,
VII, VIII,
IX, X,
XI, XII,
XIII, XIV
Akt III: Szene I, II,
III, IV,
V, VI,
VII, VIII,
IX, X
I. AKT
Der erste Akt spielt in Europa, der zweite und dritte in Neupalästina.
Gegenwart.
I. Bild (Rechts und links vom Zuschauer)
(Grosser langgestreckter Vorraum im Direktionsgebäude: Zu beiden Seiten
Türen, die in verschiedene Zimmer führen; eine in der Mitte links in Aruns
Zimmer. Diesem gegenüber, Mitte rechts, eine Eingangstür, hinter welcher
eine abwärts führende Treppe zu denken ist. Im Hintergrunde rechts der
Ansatz einer aufwärtsführenden Treppe. Den Hintergrund bildet ein grosses
Fenster, welches Ausblick auf eine Alpenlandschaft und den grossen Sportplatz
bietet. Die Ausstattung ohne jeden Zierrat, in gutem Material. Ebenso
alle Möbel: Schränke, Tische, Sessel etc., welche, als Sitzgelegenheiten
für Wartende, im Raum verteilt sind.)
I. (Während des ganzen ersten Bildes kann,
soweit er das Spiel nicht stört, ein reger Parteienverkehr den Vorraum
beleben)
Gadman, Tamlan, d.j. Golban
(Der junge Golban sitzt vorn an einem der Tische gegenüber der Eingangstür;
Gadman tritt erst im Verlauf dieser Scene auf und wartet dann an einem
der vorderen Tische.) (Beim Aufgehen des Vorhanges tritt Tamlan auf, sieht
sich um, erblickt den jungen Golban, geht auf ihn zu)
Tamlan: Warum
bist du nicht angezogen?
d.j. Golban:
(macht eine verständnislos fragende Geste, blickt an sich herunter)
Tamlan: Bist du krank?
d.j. Golban:
Nein. Warum?
Tamlan: Spielst du nicht mit?
d.j. Golban:
(verständnislos) Mitspielen? Was? Wo?
Tamlan: Oder sind Sie vielleicht kein Jude?
d.j. Golban:
Ah, doch! Ja!
Tamlan: Was machst du dann hier?
d.j. Golban:
Ich warte auf meinen Vater, der mit Herrn Sanda spricht. Wir wollen das
Sportfest ansehn und die Reden anhören.
Tamlan: Dann gehören Sie also keiner Sportvereinigung
an?
d.j. Golban:
Ich habe nicht Zeit, mich mit Sport abzugeben. Ich studiere orientalische
Sprachen.
Tamlan: Sie sind also einer der vielen Juden,
die seit Jahrhunderten alle Wissenschaften und Künste erlernen, darüber
aber verlernt haben, ihre Glieder zu gebrauchen und sich durch sie Achtung
zu verschaffen. Ich habe auch früher studiert und bin mir damals mindestens
so gescheit vorgekommen, als Sie sich vorkommen. Und ich habe auch geglaubt,
dass die Andern mich dafür achten müssen. Heute kümmere ich mich um eure
Wissenschaften nicht mehr; wenn mir aber Einer Achtung versagt, versteh
ich es, (den Arm hebend) sie ihm beizubringen (da der junge Golban schweigt:)
Interessieren Sie sich nicht für das Schicksal Ihres Volkes?
d.j. Golban:
Oh doch! Ich bin hergekommen, um zu sehn, was ihr leistet.
Tamlan: Ihr! Gehören Sie denn nicht dazu?
Glauben Sie Freund oder Feind etwas anderes zu sein, als ein Jude? Wegen
der Sprachgelehrtheit?
d.j. Golban:
Ich treibe das, wozu mich Talent und Interesse bestimmen.
Tamlan: Und haben Sie also kein Interesse
für die Wiederaufrichtung der jüdischen Selbständigkeit? Keines dafür,
nicht mehr verachtet zu werden? Kein Talent, ein moderner Jude zu sein?
d.j. Golban:
Ich habe bis jetzt noch nicht viel darüber nachgedacht. Jedenfalls aber
bin ich zum Sport wenig geeignet.
Tamlan: Das war anfangs Mancher, der dann
bald Vorzügliches geleistet hat. Versuchen Sie es!
d.j. Golban:
Ich bin nicht gesund genug dazu.
Tamlan: In der Studierstube werden Sie es
auch nicht! Aber bei uns sind Sie es bald. Kommen Sie mit mir; ich zeige
Ihnen unser Lager und alles Andere.
d.j. Golban:
Ich muss auf meinen Vater warten.
Tamlan: Wir lassen ihm Post. Da kommt Herr
Kolbiëf, mit dem ich sprechen muss; dann werden wir zu Herrn Sanda gehn.
Ich heisse Tamlan; wie heissen Sie?
d.j. Golban:
Golban.
II. (Kolbiëf und Eldad, von der Treppe
rechts herunterkommend; Eldad wendet sich zu Gadman)
Tamlan: (Kolbiëf entgegengehend; ihn stramm
begrüssend) Herr Kolbief, es sind weit mehr Sportler angekommen, als erwartet
wurden. Durchaus Neubeigetretene. Bei meiner Abteilung allein weit über
zweihundert. Bei andern noch viel mehr. Es fehlt natürlich an Zelten,
aber vielleicht auch an Platz. Ich soll Sie bitten, uns alle vorhandenen
Zelte anzuweisen.
Kolbiëf: Allen deinen stürmischen Freunden
können wir den gewünschten Komfort keinesfalls zur Verfügung stellen.
Hoffentlich vertragen sie Sturm so gut und gerne, wie wir ihren Ansturm.
(reicht ihm ein Papier) Hier ist alles, was ich habe. Nicht viel, aber
ich denke, ihr werdet euch zu helfen wissen.
Tamlan: Unsere Körper zu schützen soll uns
kein Kopfzerbrechen kosten. Wir werdens probieren, und morgen werden alle
wissen, ob es erträglich war. (zum j. Golban) Kommst du mit mir? (zu Kolbiëf)
Ich will diesem Herrn unser Lager zeigen und seinen Vater, Herrn Golban,
der bei Herrn Sanda ist, davon verständigen. Können wir zu Hernn Sanda
gehn?
Kolbiëf: Wenn Sie der Sohn des Herrn Golban
sind, so werde ich es Ihrem Vater selbst sagen. Ich treffe ihn hier. Also:
Auf Wiedersehen!
(Tamlan und d.j. Golban ab. Kolbiëf klopft an die Türe rechts von Aruns
Zimmer; Linda Rutlin kommt heraus)
III. Kolbiëf, Linda Rutlin
Kolbiëf: Ich bin sehr ärgerlich! Weniger
darüber, dass Sanda mit Golban konferiert, was manchen Anderen freuen
wird, weil es seinen Verdacht bestätigt. Als vielmehr darüber, dass ich
etwas weiterverbreiten muss. Bloss weil ich das Pech hatte, es zu entdecken.
Linda Rutlin: Ich habe Sanda nie leiden mögen.
Aber Aruns schätzt ihn. Unbegreiflich!
Kolbiëf: Vielleicht findet er wie ich: Sanda
mag vertrauenswürdig sein, oder nicht. Wer kann uns schaden?
Linda Rutlin: Das ist wohl wahr. Aber soll
man sich von ihm immer in seinen heiligsten Gefühlen verletzen lassen?
Kolbiëf: Man muss sich unverletzbare anschaffen!
IV. (Während dieser Scene ist Jonston
aufgetreten; jetzt kommt auch Sanda mit Golban und Setouras; diese begrüssen
Gadman und Eldad. Sie bilden an den Tischen teils sitzend, teils stehend,
eine Gruppe.
Linda Rutlin, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, Golban, Setouras.
Golban: Das ist ja eine Festung!
Kolbiëf: Bis zu einem gewissen Grad. Ja,
es wurde viel in kurzer Zeit erreicht. Vor zwei Jahren erst wurden die
einzelnen Gruppen in der Sportvereinigung zusammengefasst. Und seither
wurde das alles hier gebaut. Heuer sind fast alle Länder hier vertreten;
aber vor einem Jahr war es kaum die Hälfte!
Sanda: Dafür aber giebt es auch doppeltsoviel
verschiedene Meinungen!
Golban: Aber wozu brauchen sie militärische
Anlagen?
Kolbiëf: Sie fragen mehr, als ich einem unserer
Freunde anvertrauen dürfte. Vielleicht mehr als ich selbst weiss. Sie
sehen, was ich sehe -- wir verbergen nichts -- und können wie ich Schlüsse
daraus ziehn. Bilden Sie sich selbst eine Meinung -- das kann Ihnen niemand
verwehren.
Sanda: Als ob, seit es hier doppelt so viel
Völker gibt, an neuen Meinungen Mangel wäre!
Kolbiëf: Allerdings; je weniger Köpfe, desto
mehr Meinungen.
Golban: Gibt es also bei Ihnen wenig selbständige
Meinungen, weil es viele selbständige Köpfe gibt, oder, umgekehrt; wenig
Köpfe, aber viele selbständige Meinungen?
Eldad: Beides nicht. Wir haben alle zusammen
einen Kopf; aber einen von bezwingender Kraft.
Gadman: Sie verzeihen -- ich will nicht gerne
unhöflich sein -- aber, das ist noch immer wenig schmeichelhaft für den
Einzelnen. Aber auf Aussenstehende wirt es immerhin beruhigend, dass Sie
sich das "je weniger Köpfe.... '' solcherart erläutern. Man fürchtet
für den eigenen, wenn man an die bezwingende Kraft des Ihnen gemeinsamen
Kopfes denkt und ist froh, dass Sie sich damit begnügen, die Anwesenheit
anderer Köpfe bloss zu bestreiten. Aussenstehende wenigstens möchten den
eigenen Kopf gern behalten dürfen. Und zwar: so wie er ist.
Kolbiëf: (mit einer Geste, zum Fenster hinaus)
Sie sehen hier ringsum Menschen, alle unbehindert ausgerüstet mit allem,
was ihnen Vergnügen macht.
Gadman: Der Kopf ist also frei -- sofern
er sich nur der officiellen Meinung unterwirft.
Kolbiëf: Nach der Freiheit der Einzelnen
fragt man hier allerdings wenig. Es liegt uns mehr an der Freiheit aller.
Und die eigene Meinung: darüber sind wir hinaus. Uns allen ist bloss wichtig,
dass alle einen einzigen Gedanken denken; den Volksgedanken: den, der
uns zu einem Volk macht.
Gadman: Unsere Zeit will Frieden und gemeinsame
Arbeit aller Nationen an den Friedenswerken der Wissenschaften, der Künste,
des Rechts, der Wohlfahrt, des Handels, der Industrie, des Verkehrs und
so weiter. Euer Volksgedanke wird nie wieder ein ganzes Volk bewegen.
Nationalistische Überheblichkeit gehört einer vergangenen Zeit an....
Eldad: Und wird eine künftige beherrschen.
Alles was war, kehrt wieder!
Setouras: (trocken) Also auch der Assimilationsgedanke!
Aber eigentlich haben wir das alles oft gelesen, heute vormittags in der
Festversammlung vernommen und werden davon wahrscheinlich Nachmittag wieder
hören.
Kolbiëf: Scheinbar doch nicht oft genug!
Golban: So wie Ihr scheinbar die Argumente
eurer Gegner nicht oft genug gehört habt. Ihr wollt nicht bemerken, wieviele
Interessen in der Welt ihr stört und bildet euch ein, man könne aus dem
Gebäude dieser Weltordnung einen Stein herausnehmen, ohne das Ganze zu
erschüttern.
Eldad: Warum sollten wir ängstlicher sein
als die meisten unserer Gegner?
Kolbiëf: (rasch) Nichts liegt uns ferner!
Eldad: Sind nicht die Orthodoxen ein Stein
ausserhalb des Gebäudes? Und wollen nicht Sozialisten, Pazifisten und
andere Weltverbesserer einen oder mehrere Steine herausnehmen?
Jonston: Wir theoretisieren wieder einmal
über Fragen, die für uns praktisch längst ohne Bedeutung sind. Aus purer
Höflichkeit! Auch wir, Herr Gadman!
Eldad: Es kommt übrigens nur darauf an, ob
man das, was zurückbleibt, wiederauszubalancieren vermag.
Setouras: Und Sie können das selbstverständlich!
Kolbiëf: Wir hoffen, es so gut zu treffen,
wie Ihre zukünftigen Bundesgenossen. Vielleicht noch etwas besser. Denn
für unser Versuch giebt es immerhin geschichtliche Vorbilder.
Golban: Ich gebe zu: Euer Versuch, den jüdischen
Staat mit Hilfe eines Schutzstaates zu erichten, ist wenigstens nicht
neu. Mir fällt zwar keine bezügliche Bibelstelle ein -- ich habe das nicht
so zur Hand, wie ihr -- aber: Hoffentlich habt ihr mehr Glück, als eure
Vorläufer beim Tempelbau unter Julian.
Linda Rutlin: (enthusiastisch) Unser Tempelbau
wird nicht durch Flammen, die aus der Erde strömen gestört werden. Er
beginnt mit Flammen! Mit Flammen aus dem Geist eines unvergleichlichen
Mannes. Wer seit Jahrhunderten reicht an ihn heran? Wer könnte eine solche
Idee konzipieren? Sehn Sie dieses Gesicht an: Hat Gott ihm nicht den Sieg
auf die Stirn geschrieben? Sagt es Ihnen sein Blick nicht, der durch die
Jahrhunderte vor- und rückwärts blickt und in unsere wie aus einer andern
Welt schaut?
Gadman: Die wir aber so wenig erschauen werden,
wie manches andere Wunder, das Ihr Meister vespricht.
Jonston: Wenn man Euresgleichen ein Wunder
weist, bezweifelt ihr es und verlangt, es zu sehn. Dann aber ist es euch
keins mehr, oder höchstens ein technisches. "Und Moses schlug mit
dem Stab zweimal auf den Felsen.'' Dass dann Wasser kommt leuchtet euch
eher ein, als wenn er bloss zu dem Felsen gesprochen hätte....
Linda Rutlin: .... ja, so kleingläubig seid
ihr, wie die, die mit Moses durch die Wüste wanderten. Euch kann nur so
geholfen werden, wie ihnen: gegen euern Willen.... Wenn nichts Sie überzeugen
kann, so müsste Ihnen doch die Arbeitskraft und Energie unseres Meisters
imponieren. Er hat in diesen zwei Jahren zweimal die Erde bereist, hat
überall Bünde organisiert, mit Regierungen verhaldelt, Verträge geschlossen,
Zusagen erhalten, Gewissheiten geschaffen. Er hat Neupalästina in verschiedenen
Richtungen durchquert und die wichtigsten Punkte selbst besichtigt, hat
die Berichte der Sachverständigen geprüft, mit Technikern, Geographen,
Industriellen und Finanzleuten verhandelt, den Plan der Besiedlung und
Einwanderung selbst entworfen, die Ausführung in allen Details erwogen,
Verbesserungen vorgeschlagen -- er hat alles bis ins Kleinste ausgedacht
und nun sind wir vorbereitet: Nur Monate, Wochen vielleicht, trennen uns
noch von dem Augenblick, wo das erste Auswandererschiff abgeht. Wer da
nicht widerspruchslos bewundert und an den Erfolg glaubt, ist unfähig
dazu!
V. (Die Gruppe hat sich während des letzten
Teils der Scene aufgelöst. Einzelne sind abgegangen, andere in Zimmer
eingetreten, einige bleiben sitzen. Während der letzten Worte hat Golban,
überlegen lächelnd, Gadman an einen andern Tisch gezogen).
Golban, Gadman
Golban: Wenn diese Phantasten nicht durch
mehr zusammengehalten sind, als durch ein paar paradoxe Redensarten, so
werden sie sich schwerlich gegen realere Mächte behaupten.
Gadman: Das ist purer Dilletantismus! Auf
solchen Grundlagen will man ein Staatswesen aufrichten? Noch dazu, wo
es sich um ein Volk handelt, das aus Gelehrten, Künstlern, Händlern und
Wechslern besteht; dem der Arbeiter- und Bauernstand fehlt! Ein Umstand
übrigens, der den Sozialisten ziemlich peinlich wäre; denn sie müssten
die sozialen Unterschiede erst schaffen, wenn sie sie beseitigen wollten.
Golban: Es werden weder die einen schaffen,
noch die andern beseitigen! Kann man ernstlich glauben, dass ein Staat
der Welt seine Juden und ihr Kapital aus seinem Volksvermögen entlassen
wird? Oder das umgekehrt, das jüdische Kapital, dessen Interesse an der
Neugründung ohnedies sehr gering ist, sich deswegen einen bedeutenden
Schaden wird zufügen lassen?
Gadman: Aruns antwortet hier mit der Bibel:
dass die Ägypter die Juden mit ihrem Hab und Gut ziehn lassen mussten.
Und seine Anhänger lassen durchblicken, der Widerstand des Kapitals werde
verschwinden, sobald es sein wahres Interesse erkenne. Aber man durchblickt
mehr, als ihnen lieb sein kann. Man sieht und hört, dass Aruns phantastische
Theorien keinen ganz befriedigen; dass er bei jedem irgendwie Anstoss
erregt. Was sollen die vielen Intelligenzler anfangen? Umlernen? Körperlich
arbeiten? Kennt er uns so wenig? Und wie will er mit den Orthodoxen fertig
werden? Einerseits stützt er sich auf die Religion; dadurch hat er sie
gewonnen, räumt ihnen aber übergrossen Einfluss ein. Andrerseits jedoch
verkündet er, dass man einen modernen Staat nicht nach den durch die mosaische
Offenbarung überlieferten Gesetzen regieren kann. Und stösst sie damit
wieder ab.
Golban: Äusserst unklug für einen Politiker!
Diesen Kampf hätte er solange als möglich hinausschieben müssen.
Gadman: Er hofft, sie durch seine Voraussage
einer neuen Offenbarung hinhalten zu können, die der Auswanderung nach
Neupalästina so folgen werde, wie die erste dem Auszug aus Ägypten.
Golban: Ich nehme an, dass er daran selbst
nicht glaubt! Auch müsste er aus der Bibel, die ja, wie er sagt, genau
den Weg angiebt, wissen, wie schwer es schon war, die erste durchzusetzen.
Gadman: Er argumentiert, wie stets, so auch
hier sehr geistreich: Der Prophet Samuel sei gegen die durch die mosaischen
Gesetze vorgeschriebenen Opfer aufgetreten. Erst David habe sie wiederhergestellt.
Moses, Samuel, David stellten innerhalb der Bibel verschiedene Kulturstufen
dar.
Golban: Solange sie theologische Diskussionen
führen, bin ich ziemlich beruhigt.
Gadman: Aber er hat auch die verschiedenen
extremzionistischen Gruppen nicht für sich. Sie wollen nicht nach Neupalästina
sondern nach Palästina. Von einer starken jüdischnationalen Bewegung versprechen
sie sich Gewinn, fürchten aber, sich zwischen zwei Stühle zu setzen und
das Interesse der Gönner ihrer zionistischen Bestrebungen zu verlieren.
Golban: Und nun frage ich Sie: Hat Aruns
in seinem neuen Staat die Macht, sich gegen sozialistische Bestrebungen
zu wehren?
Gadman: Sie geben ihm im engsten Kreis seiner
Anhänger schon jetzt zu schaffen. Sie fordern, dass Neupalästina Zukunftsstaat
werde. Seine Antwort ist nicht ohne Witz: "Erst der Staat, dann seine
Zukunft.'' Extreme aber wollen die Zukunft zuerst; und der Staat mag dann
sehn, wie er nachkommt.
Golban: (ablenkend) Warum sind Sie hierher
gekommen?
Gadman: Ich glaube nicht, dass Sie bloss
aus Neugierde hier sind. Ich aber habe fast keinen andern Grund. Mich
regt diese Unternehmung im höchsten Grad auf. Ich hasse sie und bin sicher,
dass sie alles mögliche Böse bewirken wird. Sie rollt Probleme auf, die
uns fremd, ja dem modernen Denken geradezu entgegengesetzt sind. Ich kann
aber dennoch nicht sagen, warum ich hier bin. Es kommt mir vor, als ob
ich zu einem Theaterstück oder Konzert gegangen wäre, obwohl ich im Voraus
weiss, dass es mir nicht gefallen kann. Und doch habe ich das Gefühl,
dass ich dabei sein muss.
Golban: Sie gehören doch einem Stand an,
der allen Grund hat, dieses Unternehmen zu bekämpfen. Warum bleiben Sie
Zuschauer? Hier wo es fast nur aktive Anhänger und ebenso tatkräftige
Gegner gibt? Hier muss man sich doch einer Gruppe anschliessen! Sie haben
doch sehr vernünftige Ansichten und betrachten das alles so wissenschaftlich!
Kennen Sie Setouras? (Gadman verneint) Er ist Zionist und steht Aruns
darum nur wenig freundlich gegenüber. Er wird dieses Fest nicht verlassen,
ohne entschiedener Gegner zu sein. -- So wie ich es bin. Sie kennen Sanda?
Gadman: Er ist seit Kurzem überzeugter Anhänger
Aruns und einer seiner nächsten.
Golban: Sind Sie dessen sicher?
Gadman: Man sagt, mit einem hässlichen Unterton,
den ich nicht liebe, er sei Frau Aruns Jugendfreund und kein wichtiger
Schritt ihres Mannes bleibe ihm unbekannt.
Golban: Das ist eine seiner wertvollsten
Eigenschaften. Ich zweifle nicht daran, dass es uns bald gelingen wird,
ihn ganz auf unsere Seit zu ziehn. Er hat zwar nicht viel Einfluss, aber,
wie gesagt, schätzenswerte Eigenschaften und Sie dürfen mir glauben, dass
die Gegner Aruns imstande sind, derlei nach seinem vollen Wert zu bezahlen.
Ich könnte Ihnen noch weitere Namen nennen. Aber wenn Sie noch zweifeln,
ob, und wie Sie am günstigsten Stellung nehmen sollen, so will ich Ihnen
etwas mitteilen -- es wird ohnedies nicht mehr lange geheim bleiben. Der
Zusammenschluss aller Gegner Aruns ist erfolgt. Die Wirkung davon wird
er bald zu spüren bekommen. Fragen Sie Sanda; er weiss auch davon.
Gadman: Es wird mich freuen, wenn unsere
Ansichten uns zusammen führen sollten. Aber: ich kaufe zwar, was ich benötige
und lasse mir meine Arbeit bezahlen. Doch ein anderes Geschäft kann man
mit mir nicht machen. An mir werden Sie Geld ersparen!
(Golban ab)
VI. (Zu der Gruppe links sind inzwischen
wieder einige Personen zurückgekehrt und andere hinzugetreten)
Linda Rutlin, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, und Andere. Später
Pinxar.
Linda Rutlin: ...ich verstehe wirklich nicht,
wozu man sich mit Menschen in Diskussionen einlässt, die einen doch nie
verstehen werden; die einem all das nicht nachfühlen können!
Sanda: Mit Gadman können Sie unbesorgt diskutieren.
Er hat sicher jenes Einfühlungsvermögen, auf das Sie soviel Wert legen.
Golban dagegen fehlt es gänzlich. Mit dem können Sie nicht reden. Aber
er wird mit uns ein ernstes Wort reden.
Linda Rutlin: Golban? Ich halte ihn für einen
Dummkopf. Den kann man doch nicht ernst nehmen!
Sanda: Gerade den muss man! Obwohl er nichts
von Literatur versteht.
Linda Rutlin: Wir sind wohl soweit, dass
wir solche Leute nicht mehr fürchten müssen.
Sanda: Halten Sie wirklich diese drei, vier
Jahre, die bis jetzt an eine so aussergewöhnliche Angelegenheit aufgewendet
wurden, für ausreichend zu einem Erfolg?
(Pinxar ist hinzugetreten)
Jonston: Dass endlich auch Ihnen einmal etwas
zu rasch ist. Sollte die Berichterstattung nicht nachkommen können? Heute?
Denken Sie doch: Alexander der Grosse hat sein Weltreich in fünfzehn Jahren
aufgerichtet!
Sanda: Und es stand so fest, dass seine Nachfolger
kaum länger gebraucht haben, es wieder zu zerstören.
Jonston: Jedenfalls hat somit die Zeit in
beiden Fällen keine wesentliche Rolle gespielt. Ein Gedanke ist durch
seine Richtigkeit bereits erfüllt und die Zeit ist seine unwesentlichste
Dimension. Aber sowas glauben Sie ja nicht, obwohl es nicht einmal von
mir ist.
Linda Rutlin: Aber dass unser Jahrhundert
in der Zeitausnützung dem Alexanders überlegen ist, werden Sie doch wenigstens
zugeben!
Sanda: Dennoch finde ich Ihren Optimismus
bedenklich. Denn Alexanders Erfolg beruhte ausser auf der abstrakten Richtigkeit
seines Gedankens, auch noch auf Konkreterem: nämlich auf einigen sehr
bedeutenden Siegen. Sie können nicht behaupten, dass etwas Ähnliches hier
vorliegt. Wir haben unsere Gegner bisher noch nicht gespürt! Ihre Gegenwehr
beginnt, sobald wir ihnen schaden. Bis jetzt marschieren sie getrennt,
aber für uns unsichtbar und waren darum unangreifbar.
Jonston: Allerdings, heute versuchen sie
bloss, bei uns dieselbe Uneinigkeit hervorzurufen, die bei ihnen herrscht!
Sanda: Gegen uns werden sie sich rasch genug
einigen.
Kolbiëf: Orthodoxe und Assimilanten, Sozialisten
und Kapitalisten? Das wird einen dauerhaften Bund geben!
Sanda: Warum nicht, solange ihr Interesse
tangiert wird? Sie überschätzen den Wert der Theorien in der Politik.
Ich stehe genügend ausserhalb, komme in der Welt herum, bin nicht befangen,
wie Sie, weiss darum -- von Orthodoxen, Sozialisten und anderen kann man
dabei absehn -- dass Intelligenzler und Kapitalisten wirkliche, echte
Interessengruppen sind, die sich ihrer Haut wehren müssen und zudem gewissen
Mächten näher stehn als wir.
Jonston: Man wird mit ihnen fertig werden!
Oder ohne sie!
Sanda: Wie: auch ohne sie? Es geschähe ohne
Intelligenz, wenn man das jüdische Kapital nicht mit in die neue Heimat
nähme. Soll denn den neuen Staat ein armes Volk, ein Volk von Hirten und
Bauern bilden?
Linda Rutlin: Wie es in der heiligen Schrift
heisst, die uns in allem den Weg weist.
Sanda: Wo aber auch eine Anzahl heute nicht
mehr gebraüchlicher Wunder erwähnt wird. Glauben Sie den Widerstand der
Welt so leicht nehmen zu dürfen, wie den der Ägypter? Oder rechnen Sie
wieder auf ein trockenes rotes Meer oder gar auf Posaunen von Jericho?
Pinxar: Machen Sie sich darüber keine Sorgen,
Herr Sanda! Trockenes Meer oder nicht: Wer mit Pharao geht, wird mit ihm
untergehn! Das müssen Sie mir selbstverständlich nicht glauben. Wer es
aber glaubt, geht kalten Blutes durchs Rote Meer, fragt nicht, ob er dabei
kalte Füsse bekommt und weiss auch, dass es einem guten Glauben niemals
an Posaunen von Jericho gefehlt hat. Wir werden Posaunen und Posaunisten
haben!
Sanda: (Mit einer Geste gemachten Erstaunens)
Sie sagen das mit derselben Bestimmtheit, mit der hier manche andere Redensarten
vorgetragen werden. Bei Ihnen, dem Ingenieur, hat es sicherlich tieferen
Sinn. Ich bin überzeugt, dass die Ihrigen keine Reklame-Posaunen sind.
Jedenfalls ist das sehr interessant! Sehr geheimnisvoll!
Pinxar: Das ist mir nicht lieb, dass Sie
aus meinen Worten anderes, als ihren offenen Sinn heraushören. Suchen
Sie hier, bitte, kein Geheimnis dahinter! Wir machen uns gerne die Vorfreude
einiger gutklingender Redensarten! Auch Sie sollten weniger Interesse,
aber mehr Gefallen daran finden.
Kolbiëf: (zu Eldad) Wir müssen zum Meister;
er wird Befehle für uns haben.
(Beide ab; auch andere entfernen sich. Es bleiben bloss zurück:)
VII. Jonston, Gadman, Sanda
(Jonston und Sanda stehend, Gadman sitzend)
Sanda: Es hat sich hier, seit wir uns nicht
gesehen haben, ein förmlicher Hof gebildet! Wie fühlt sich da ein unabhängigkeitsliebender
Mensch, wie Sie? Es giebt schon Befehle! Und sonstige Hofsitten.
(Jonston macht eine fragendablehnende Geste und hört mit gesenktem Kopf
widerwillig zu)
Sanda: Es wird Hof gehalten und gemacht.
Freilich, warum sollten hier die Frauen keine Rolle spielen?
Linda Rutlin ist ein schönes und geistvolles Weib. Man kann begreifen,
dass ihr Enthusiasmus und ihre Bewunderung von Aruns mit Wohlwollen aufgenommen
werden. Sie steht ihm auch in der Rasse näher, als seine Frau. Die mir
übrigens leid tut.
Jonston: (sehr unfreundlich) Wenn hier Hofsitten
herrschen, so sind es andere, als die, auf die Sie anspielen. Gewiss ganz
andere. Und wenn Sie an diesem Hof gedeihen wollen, so werden Sie sich
nach seinen Sitten richten müssen: Man tratscht hier nicht!
Sanda: Dann bin ich also nicht hoffähig?
Jonston: Inwieweit Sie es anderswo wären,
ist mir gleichgültig. (lässt Sanda stehn, will an Gadman vorbei abgehn,
wird aber von diesem angehalten. Sanda ist abgegangen.)
VIII. Gadman, Jonston
Gadman: Man verträgt hier keine Kritik!
Jonston: Soll man derlei dulden? Hier fehlts
noch an Disciplin!
Gadman: Nicht das meine ich: Sanda ist nicht
mein Mann. Sondern ich finde, man glaubt hier alles besser zu wissen.
Jonston: Wer etwas für richtig hält, kann
nicht das Gegenteil für auch richtig halten. Wer sicher ist, das Einzig-Richtige
zu tun, -- und nur der glaubt wirklich -- verträgt keine Kritik; hält
sie für Unsinn oder erkennt am Meinungsunterschied den Gesinnungsunterschied
des Gegners.
Gadman: Jeder irrt. Warum sollte Einer unfehlbar
sein? Ihr habt schon zuviel Disciplin. Kritik führt zu Verbesserungen,
warnt vor Fehlern.
Jonston: Jeder irrt! Nur der Kritiker ist
unfehlbar.
Gadman: Er hat den Vorzug, nicht voreingenommen
zu sein.
Jonston: Oder tut wenigstens so!
Gadman: Besser getan, als kritiklos "Ja''
zu sagen; dem Führer nach dem Munde zu reden.
Jonston: Nach einem guten Munde, mein Wertester!
Es gehört Talent dazu, sich voreinnehmen zu lassen! Es gehört mehr Verstand
dazu, zu erfassen, was dieser Mund spricht als dazu es zu kritisieren.
Es erfordert mehr Mut und Charakter, mit einem "Ja'' stützend und
stärkend bereitzustehn, wenn der Ausgang einer Sache noch ungewiss ist,
als sich hinter "Wenn'' und "Aber'' zu verkriechen. Ein Führer
kann Widerstand in seiner nächsten Nähe nicht brauchen -- sein Hebelarm
ist zu lang. In seine Umgebung passen nur solche, die seine Fernwirkung
fühlen und begreifen, dass ihr Widerstand nur lästig und zeitvergeudend
wäre: weder klärend, noch fördernd. Darum denken sie lieber ein paar wertlose
Stunden länger nach, als dass sie ihn ein paar wertvolle Sekunden durch
Einwende ermüden. Was ein solcher Führer tut, ist entweder ganz falsch
oder ganz richtig. Ein Mittelding giebt es da nicht. Er hat sein Leben
dafür eingesetzt. Wir müssen uns, wenn wir das unsere einsetzen, nur schämen,
dass wir damit nur ein relativ ebensogrosses Opfer bringen.
Gadman: Ich muss gestehen, dass ich das noch
nie so angesehen habe und dass mir Ihre Haltung imponiert.
Jonston: Wir "Ja-Sager'' sind ziemlich
abgehärtet gegen die Urteile, die man über uns fällt. Wir wissen, was
wir tun. Wir wissen, dass Vertrauen ein Teil des Talents ist. Nur wer
Selbstvertrauen hat, kann auch zu einem andern Vertrauen fassen. Nur wer
weiss, dass ihm selbst manches gelingt, zweifelt nicht an der Einsicht
eines andern. Sie würden staunen, wie weit unser gegenseitiges Vertrauen
geht. Jeder hat seine besondere Aufgabe und erfährt nicht mehr, als nötig
ist, sie verständig zu erfüllen. Keinem aber fällt es ein, der Tätigkeit
des andern nachzuspüren. Alle Fäden münden bei Aruns. Keiner wird mit
einem Wissen belastet, das er nicht benötigt. Anders kann man Geheimnisse
nicht bewahren. Wir sind "Ja-Sager'' aus einem höchst moralischen
Prinzip; aber auch aus Disciplin und wegen praktischer Notwendigkeiten.
Wo kämen wir hin, wenn wir über jedes Detail diskutierten? Ich war einer
der ersten, denen Aruns, damals ein Schriftsteller, der von seiner Arbeit
lebte, seine Idee mitteilte, ein Unternehmen zu beginnen, das ein Kapital
von ein paar tausend Millionen Pfund erfordert. Sie wissen,wir haben einen
Vertrag mit dem Kaiser von Ammongäa geschlossen, demzufolge dieser uns
einen bisher wenig kultivierten Teil seines Reiches, gross genug um dreissig
Millionen Menschen dort anzusiedeln, zur Gründung Neupalästinas überlässt.
Wir haben dagegen die Verpflichtung übernommen, Ammongäa, welches reich
an natürlichen Schätzen aller Art ist, die Mittel zur Verfügung zu stellen,
welche es ihm ermöglichen ein moderner Staat zu werden. Bedenken Sie,
welche Zeit hier verloren worden wäre, wenn Aruns mit jedem seiner Gehilfen
über jedes Detail erst hätte diskutieren müssen. Er hat uns in Kürze informiert
und wir haben ihm vertraut. So gings! Sie haben gewiss von einem Skandal
gehört in den Kaphira, der bevollmächtigte Vertreter des Kaisers von Ammongäa,
verwickelt war. Davon will ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Wir waren
mit Aruns in Ammongäa: Pinxar, Kolbief, Eldad, einige Sachberater und
ich. Man verhandelte mit Kaphira, der sich von allen Anfang an für unsere
Bestrebungen eingesetzt hatte, über den Verlauf der Grenze Neupalästinas.
Kaphira bezeugte Aruns grosse Freundschaft und jeder glaubte, Kaphira
liebe Aruns, wie jeder ihn liebt, der ihn kennt. Aruns dachte scheinbar
anders darüber. Die Grenze sollte an einer Stelle einen grossen Fluss
entlang gehn. An einem bestimmten Punkte jedoch, sollte sich, nach einem
Vorschlag Kaphira in einem grossen Bogen vom Fluss abweichen, wodurch
unser Gebiet vergrössert wurde. In diesem Landstrich befinden sich grosse
Erzlager und wie man vermutet, auch Radium. Es war uns allen vollkommen
unbegreiflich, warum Aruns mit ungewohnter Hartnäckigkeit und Heftigkeit
die Annahme dieses wertvollen Landes verweigerte und auf der strategischen
Grenze beharrte, die ja bei der heutigen Kriegsführung keinen besonderen
Wert hat. Man ging unfreundlich und erregt auseinander. Wir alle, so diszipliniert
wir sind, hielten das für einen schweren Fehler Aruns und waren in grosser
Verlegenheit. Am Abend hatten Kolbief und ich bei ihm zu tun. Kolbief,
der sein Temperament schwerer zügelt als ich, platzte mit der Frage heraus,
die ihm keine Ruhe liess. Aruns lachte und sagte: "Dass Sie um Staatsgeheimnisse
fragen, ist zwar gegen die Verabredung; aber Sie sollen es diesmal erfahren:
Ich habe eben einen Brief von Kaphira bekommen.'' Er las ihn vor: Kaphira
hätte dieses Landstück schon lange gerne selbst erworben, besitze aber
nicht genug Geld. Da nur Aruns keinen Wert darauf lege, es zu besitzen,
so hoffe Kaphira, es von ihm zu einem billigen Preis zu erhalten und bitte
deshalb Aruns, es für Neupalästina zu übernehmen. "Die hundert Pfund,''
sagte Aruns mit seinem köstlichen Humor, "die Kaphira bezahlen wird,
werden unsere Staatskasse nicht sehr bereichern, wohl aber meine Menschenkenntnis.
"Ich wusste,'' fuhr er fort, "wir Juden bekommen nichts umsonst,
und konnte deshalb nicht begreifen, warum Kaphira uns das schenken wollte.
Um dahinter zu kommen, verweigerte ich die Annahme. Und Sie sehen, was
ich dabei gewonnen habe: ich weiss nicht nur, wer Kaphira ist, sondern
habe auch gerlernt, welche Beweggründe einer guten Politik am Besten nachhelfen.
Aber das Wichtigste'' -- und seine strahlenden Augen bezeugten besser
als was er sagte, wie stolz ihn das machte -- "das Schönste: ein
Jude, selbst wenn ihm alles feil wäre, wird doch nie Seinesgleichen dem
Nichtjuden verkaufen.'' Ich könnte Ihnen unter dem Motto: wie wichtig
Disciplin und Vertrauen ist, noch manche lehrreiche Geschichte erzählen.
Gadman: Ich hoffe bald Gelegenheit dazu zu
haben. Denn ich bin überrascht und froh, Sie so ganz anders zu finden,
als ich gedacht habe.
(Jonston und Gadman verabschieden sich und gehen ab; Jonston in sein Zimmer,
Gadman die Treppe abwärts.)
IX. (Aruns und Pinxar treten auf; Guido
etwas abseits).
Pinxar: Der alte Baal des Unglaubens hat
grosse Macht in unserm Volke. Man müsste ihnen Wunder zeigen. Aber sie
verlangen nur danach, sie zu sehn, weil sie es für unmöglich halten, dass
wir sie ihnen zeigen.
Aruns: Der durchdringenden Intelligenz unserer
Leute hält kein Mysterium stand. Ihr fehlt heute noch die Fähigkeit unmittelbarer
Anschauung. Darum benötigen sie eines körperlichen Gleichnisses; darum
wollen sie sehn.
Pinxar: Aber an unsere Posaunen von Jericho
werden sie glauben müssen. Hier werden alle sehn und erkennen, dass unser
Gedankengebäude auch ein sicheres Fundament in dieser Welt hat. Dass Sie
recht hatten als Sie sagten: "Wir werden vielleicht wieder Posaunen
von Jericho brauchen und darum werden sie da sein.'' Und dass sich somit
auch die Wahrheit Ihres Wortes bewiesen hat: "Aus einem guten Gedanken
fliesst alles von selbst.''
Aruns: Leider können wir ihnen dieses Wunder
noch nicht zeigen. Eine Volksmasse aber begehrt sichtbare Erfüllungen.
Pinxar: Unsere Propaganda bedient sich derselben
Mittel, wie alle ähnlichen Bestrebungen. Wir haben unsere Leiden, unsere
Hoffnungen und eins mehr: unseren Glauben.
Aruns: Dieser Glaube aber, an einen unsichtbaren
und unvorstellbaren Gott, bietet keine sichtbaren Erfüllungen. Jeder Mensch
hat das Verlangen, seinen Gott zu spüren, zu fühlen, hören, sehen. Sei
es, dass er bestrafe, sei es, dass er belohne: aber er soll reagieren.
Pinxar: Unsere Religion ist zu geistig, als
dass sie leicht volkstümlich sein könnte. Darum giebt sie kein so handliches
Regierunginstrument ab, wie andere.
Aruns: Und darum ist unsere ganze Geschichte
beherrscht von Religionskämpfen. Alles läuft darauf hinaus, den reinen
Gottesgedanken zu erläutern, fasslich, volkstümlich zu machen. Im Ghetto
gab es kaum eine andere niedrige Schule, als eine die lehrte die heilige
Schrift zu lesen; und kaum eine höhere, als eine die lehrte, sie zu verstehn.
Aber unser Volk ist dazu auserwählt, diesen Gedanken zu erfassen. Jeder
Einzelne wird so denken müssen; nicht anders und nichts Anderes!
Pinxar: Insofern ist unsere Absicht, unsere
Befreiung auf die Posaunen von Jericho zu stützen, unserer Geistesart
eigentlich fremd.
Aruns: Ich glaube, das geht zu weit: sie
sind ein Erzeugnis und ein Werkzeug unseres Glaubens. Sie wären nicht
ohne ihn und sind nur für ihn; und beides nur solange, als er ihrer bedarf.
So wie die auffallend praktische Intelligenz, die Freund und Feind an
unserm Volke erkannte, nur ein Werkzeug der Diaspora ist und verschwinden
wird, solbald wir uns ohne sie erhalten können.
Pinxar: So werden wir als zuversichtlich
über den Geist des Zweifels siegen.
Aruns: Ich liebe auch diese Zweifelsucht
an unserem Volke: Sie übt den Geist und stärkt ihn für den Glauben. Nur
der Geist eines alten, durchgebildeten Volkes, der jedem Zweifel ausgesetzt
war und ihn überwunden hat, vermag den Gottesgedanken in seiner ganzen
Reinheit und Tiefe zu erfassen. Eines Tages wird auch das erfüllt sein!
Pinxar: (entnimmt seiner Brieftasche ein
Blatt und überreicht es Aruns ) Für den Fall, als mir etwas passieren
sollte. Wenn es einem Dechiffreur gelingen könnte, dieses Blatt zu enträtseln,
so sind einige tausend Versuche zu machen, um das Geheimnis unserer Posaunen
von Jericho zu erfahren. Aber mit Hilfe der beiden Schlüssel, die ich
so gewählt habe, dass Sie sie nicht vergessen können, ergiebt sich die
Versuchsanordnung und alles Fehlende. Sie lauten: 1. "Josua, Kap.
6, Vers 20'' und 2. "Posaunen von Jericho''
Aruns: Bitte behalten Sie das Blatt bis nach
dem Vorbeimarsch der Sportjugend. Ich möchte, dass Sie sehn, wem ich es
zur Aufbewahrung übergebe und wie ich es tue, damit Sie einem Dritten
davon berichten. Und nun will auch ich Ihnen ein Papier übergeben (tut
es): "Für den Fall, dass mir etwas passieren sollte''! Unsere Freunde
ahnen durchaus nicht, welchen unerwarteten Gefahren wir beide so oft entgegentreten
müssen. Das ist gut so. Sonst wäre es für uns zu schwer, ihren so notwendigen
Optimismus reichlich genug zu ernähren.
Pinxar: Richtet sich der Inhalt nur an mich?
Aruns: Auch an die gewisse dritte Person.
Es ist eine Ergänzung der vorangegangenen Informationen und Ermächtigungen.
Sie werden mit mündlichen Erläuterungen nicht sparen dürfen. Er muss alles
wissen. Alles so gut verstehn, wie wir beide. Und jeden Augenblick bereit
sein, an meine Stelle zu treten.
Pinxar: Niemand ahnt, was er weiss; und niemand
kann vermuten, welches seine zukünftige Bestimmung ist. Möchten Sie nicht
wissen, was aus ihm geworden ist? Sie haben ihn zwei Jahre nicht gesehn.
Aruns: Ich kann mir keine Vorstellung von
ihm machen.
Pinxar: Er wartet darauf, dass Sie sich umdrehen
und schaut ununterbrochen auf Sie, um einen Blick von Ihnen zu erhaschen.
(Aruns dreht sich um; sieht Guido lange an)
Aruns: Er ist so, wie ich erwartet habe,
dass er sein wird. Nur schöner und grösser!
X. Kolbiëf und Eldad zu Aruns und Pinxar
Eldad: Meister, wenn Sie nicht andere Befehle
haben, so frage ich, ob das Fest nun beginnen kann.
Aruns: Ihr beide seid die geplagtesten meiner
Freunde. Immer beschäftigt und verlangt doch immer neue Arbeit. Aber jetzt
habe ich keinen Wunsch mehr, als den, dass ihr beide euch ein bisschen
erholt; von den Schlachten, die ihr, wie ich höre, vorhin geschlagen habt.
Erholt euch, sonst erholen sich die Geschlagenen und ihr habt eine neue
Diskussion auf dem Hals! Lasst uns beginnen!
Ende des ersten Bildes. Vorhang
I. AKT
II.
Bild
(Ein Fest- und Sportplatz auf einem Berg in den Alpen. Ein Teil der amphitheatralisch
aufgebauten Tribünen befindet sich auf der Bühne und erstreckt sich in
einer Geraden, die links dem Vordergrund ziemlich nahe kommt, schräg nach
hinten rechts. Der weitaus grössere Teil dieses Tribünenteils dehnt sich
weit in den Hintergrund aus. Links, nahe des Vordergrunds sieht man einen
kleinen vorspringenden Teil des Direktionsgebäudes (in welchem, in seinem
ersten Stock, das vorige Bild gespielt hat) von dessem grossem, als Rednerplatz
dienendem Balkon aus man Aussicht auf den Sportplatz hat. Vor diesem Hause
bleibt ein für das Spiel Raum bietender Platz frei. Hier und im ganzen
Vordergrund verschiendene Sitzgelegenheiten: Tische, Stühle, Bänke, etc.
Die Tribünen sind so angeordnet, dass, soweit sie nicht der Sicht entzogen
sind, die sie besetzen den Festgäste gesehen werden können. Den eigentlichen
Spielboden des Festplatzes hat man sich tiefer als den Bühnen boden zu
denken. Hinter den Tribünen Hochgebirgslandschaft: Berge, Wälder, Wiesen,
Gletscher. Die gegen die Zuschauer offene Stelle des Sportplatzes hat
man als Eingang zu denken; hier muss Raum für den Vorbeimarsch sein.)
I. (Auf dem Balkon: Aruns, Frau
Christine, Linda Rutlin und andere der nächsten Freunde; die Tribünen
vollbesetzt; auch im Vordergrund Festgäste) (Musik bei Beginn des Bildes)
Vorbeimarsch der Sportjugend.
(In grösseren und kleineren Zügen gehen von rechts Vertreter aller Sportsarten
(darunter eine grosse Gruppe jugendlicher Pfadfinder) entsprechen gekleidet
über die Bühne nach links, an dem Direktionsgebä[u]de vorbei, und links
wieder ab. Einige Züge singen im Chor, andere sind von Trommlern, Hornisten
oder Musikkapellen begleitet. Jeder Zug bringt, wenn er den Balkon passiert,
Aruns eine Huldigung, durch Fahnenschwenken, Händehochheben, u. dgl. m.
dar).
II. (Wenn der Vorbeimarsch
zuende ist, treten, einzeln und in Gruppen, noch wärend des Nachspiels
der Musik, nebst andern, folgende Personen auf: Aruns, Frau Christine,
Linda Rutlin, Pinxar, Jonston, Kolbiëf, Gadman, Eldad, Sanda, Golban,
Setouras.
(Sie besetzen die Sitzgelegenheiten oder stehen nahe der sich bildenden
Gruppe)
Sanda: (zu Aruns und Frau Christine) Ein
mächtiger Anblick! Niemand, der das gesehn, könnte sich ihm entziehn.
(mehr zu Christine:) Schade nur, dass wir
das nicht allen unsern Gegnern zeigen können! Das müsste alle bekehren,
zu deren Ohr wir noch keinen Zugang finden.
Kolbiëf: Der Mensch ist ein Augentier.
Sanda: (zu Aruns) Leider! Und was die Sache
noch verschlimmert: es gibt zwei Spielarten. Die weitblickenden sind in
der Minderheit. Die kurzsichtigen, die nur auf kurze Sicht kreditieren,
sind zahlreicher und mächtiger. (wieder zu Christine:)
Ich habe, wie ich bereits andeutete, in London Ungünstiges erfahren.
Aruns: Dass die Gruppe des Grosskapitals,
der die wichtigsten Zeitungen gehören, sich mit den Führern der Orthodoxen
und Zionisten, den gemässigsten Sozialisten und den Vertretungen der Intelligenzberufsverbände
geeinigt und ein grosses Komitee gegründet hat, unsere Ziele zu bekämpfen.
Sanda: Sie wissen das?
Aruns: Wir werden gut bedient. Sie scheinbar
auch!
Sanda: (lacht, um Verlegenheit zu verbergen)
Berufssache! Ich bin darauf angewiesen. Aber werden wir nichts dagegen
unternehmen!
Aruns: Ein Interview?
Sanda: Warum nicht? Sie spielen ja mit offenen
Blättern. Mir scheint, diese Wendung könnte leicht einen Rückschlag bewirken.
Aruns: Der aber später einträfe, als wir
ihn erwartet haben.
Sanda: Unsere Gegner haben allerdings lange
gebraucht, aber verteufelt geschickte Arbeit geleistet. Es gelingt ihnen
alle zu befriedigen, die wir bisher nicht gewinnen konnten. Darum machen
Sie rasche Fortschritte. Sie lehnen Neupalästina definitiv ab, setzen
sich dagegen energisch für Jerusalem ein und haben damit die Orthodoxen
und Zionisten aller Parteirichtungen gewonnen. (sich abwechselnd werbend
an verschiedene Personen der Gruppe wendend): Sie stellen jedermann frei,
auszuwandern, oder in beliebigen andern Staatsbürgerverhältnissen zu bleiben,
was die Intelligenzler auf ihre Seite bringt und der Industrie und dem
Handel zu Gefallen ist. Auch haben sie damit die Presse. Sie verpflichten
sich, dem neuen Judenstaat ein so grosses Kapital zur Verfügung zu stellen,
dass der ihn beschützende Staat auf Kosten der Juden in Palästina beträchtliche,
auch anderwärts verwendbare Sicherheitstruppen wird erhalten können. Zum
Schutz z. B. der Erd[öl]quellen.
Kolbiëf: (ärgerlich) Und Sie glauben, dass
wir mit solch selbstverständlichen Kombinationen nicht gerechnet haben?
Sanda: Pardon, Herr Kolbief, ich bin aufs
Glauben nicht mehr angewiesen, als Sie. Es könnte sogar sein, dass ich
mehr weiss, als Einer, der doch nicht oft genug mit den eigenen Augen
sieht. Lassen Sie mich gefälligst zuende reden: ich habe einen Schachzug
zu vermelden, der meines Wissen unerwartet kommt.
Kolbiëf: Ihres Wissens? Ihres Glaubens? Das
weiss ich!
Sanda: Es soll mich freuen, wenn Sie mit
Ihrem Optimismus recht haben. Denn ich habe mich hier wohl genügend exponiert,
um den Erfolg unseres Unternehmen wünschen zu müssen. Mir scheint das
ernst genug! Man will es uns unmöglich machen, das jüdische Kapital in
die neue Heimat mitzunehmen. (Bewegung)
Kolbiëf: Auch das ist nichts Neues!
Sanda: Aber das Mittel, dessen sie sich bedienen,
ist neu! (Bewegung) Offenbar auf Betreiben jüdischer Finanzgewaltiger
werden in allernächster Zeit die Regierungen aller Länder auf einer internationalen
Konferenz den Beschluss fassen, die Ausfuhr jüdischen Kapitals zu verbieten.
(Bewegung) (zu Aruns:) Ich will Sie nicht
interviewen und bin überzeugt, dass Sie schon solche Schwierigkeiten überwunden
haben. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich sehr neugierig darauf bin,
wie Sie diesen Schachzug parieren wollen.
Aruns: (Mit grossem und auffallendem Unwillen)
Durch den Glauben, den Sie zu erschüttern erstrebt sind. Ich mache Ihnen
einen Vorschlag: Sagen Sie all das heute gleich nach meiner Festreden
öffentlich unserer Jugend. Sagen Sie ihr mehr: dass wir alle, nicht bloss
die Intelligenz, die ja schwerlich bei uns befriedigende Berufe finden
wird und das Kapital und alle andern, unserer Sache noch sehr grosse persönliche
Opfer zu bringen und Gefahren zu bestehen haben. Schildern Sie es in den
schwärzesten Farben, knüpfen Sie dabei an meine Rede an; Sie werden Gelegenheit
dazu finden, da ich der Jugend auch eine höchst bedenkliche Eröffnung
machen werde, die manche Erwachsenen zurückschrecken liesse. Machen Sie
selbst die Probe, ob das ein schwaches Geschlecht ist, das durch schöne
Worte zu gewinnen und durch weniger schöne zu verlieren ist. Überzeugen
Sie sich, ob das Vertrauen dieser besten unseres Volkes zu erschüttern
ist und ob, was wir für diese und durch sie erreichen wollen, noch vereitelt
werden kann. Machen Sie die Probe; überzeugen Sie sich. Es steht Ihnen
nichts im Wege!
Sanda: (scheinbar bestürzt) Ja, wollte ich
denn das? Habe ich das je bestritten? Ich wollte doch nur warnen.
(Aruns, sichtlich unfreundlich, wendet sich zu Pinxar, mit dem er die
Gruppe verlässt. Auch andere ziehen sich zurück.)
III. Christine, Linda Rutlin,
Sanda
Linda Rutlin: Ich muss Ihnen wieder sagen,
Herr Sanda, dass ich Sie nicht begreife. Haben Sie nicht das Gefühl, dass
Pessimismus einem Unternehmen gegenüber, das ein Mann wie Aruns konzipiert
hat, höchst unangebracht ist?
Sanda: (mit einem Blick auf Christine) Gefühle
habe ich mancherlei. Aber sie machen mich nicht blind gegen Tatsachen
und Gefahren.
Linda Rutlin: Wahrer Glaube ist blind!
Christine: Liebes Fräulein Rutlin, wir glauben
alle; nicht weniger, als Sie. Darum muss man aber nicht jemanden, den
man (pointiert) liebt, blind ins Verderben rennen lassen.
Linda Rutlin: Wohin unser Meister uns führt,
das kann nicht das Verderben sein. Wenn ich aber die Wahl hätte, ob ich
mich von ihm ins Verderben oder von irgendeinem Andern zum Gedeihen führen
lassen soll, brauchte ich mich nicht lange zu besinnen.
Sanda: Als Frau, und da Sie nicht die seine
sind, können Sie sich blind Ihrer Begeisterung hingeben. Wer aber sein
Schicksal teilen muss und will , wird rasch sehn lernen.
Christine: Das glaube ich auch. Ich sorge
für beide, wenn ich für mich wachsam bin. Das bleibt mein Recht und meine
Pflicht; und darin besteht das Glück der Frau eines grossen Mannes, der
sich allen geschenkt hat: ihn zu bewahren!
Sanda: (den andern Sinn betonend) Jawohl,
ihn zu bewahren, der allen gehört; nicht mehr einer Einzelnen allein.
IV. Aruns, Pinxar; später Christine
Aruns: Darf ich Sie bitten, mir jetzt das
Blatt zu geben?
(Pinxar übergiebt Aruns das Blatt; Aruns bittet Christine durch ein Zeichen
zu sich; ihr ein paar Schritte entgegen, von Pinxar sich entfernend, so
dass dieser die Übergabe nur sehen kann.)
Aruns: (Christine das Blatt übergebend) Davon
hängt unsere ganze Zukunft ab; bewahre es gut; man wird es nicht bei dir
vermuten.
Christine: Man wird nicht vermuten, dass
ich bewahre, wovon deine und meine Zukunft abhängt? Dürfte man anderes
erwarten bei der Frau eines grossen Mannes?
Aruns: Ich weiss, dass meine Frau ihren Mann
nicht gross nennt, um ihm zu schmeicheln. Derlei ist nicht Gebrauch zwischen
uns, ich weiss also, dass es einen tiefern Sinn haben muss. Dein Vorwurf
wäre berechtigt, wenn ich nicht ganz Oberflächliches gemeint hätte. Vielleicht
aber hörst du es lieber, wenn ich so sage: Wer mir Böses wünscht, soll
es bei dir nicht vermuten, es bei dir zu finden. Aber, wer mir Gutes wünscht,
kann es nur bei dir suchen.
Christine: Ich werde es bewahren! (ab ins
Direktionsgebäude)
V. Aruns, Pinxar
Aruns: Sanda hat mir heute sehr missfallen.
Seine hämische Freude ist mir kaum verständlich. Es hat fast den Eindruck
gemacht, als ob er unsere Freunde habe unsicher machen wollen. Hat Sie
meine ungewöhnliche Heftigkeit nicht trotzdem gewundert?
Pinxar: Ein bisschen! Aber er hat eine dicke
Haut.
Aruns: Scheinbar, denn ich bin nicht durchgedrungen.
Ich hätte nämlich gerne aus ihm herausgebracht, ob er von einer andern,
ziemlich gefährlichen Gegenaktion wisse. Eine Attaque auf unsere Jugendsportvereine,
sie zu sprengen. Man mobilisiert die Eltern und fordert sie auf, ihren
minderjährigen Kindern die Teilnahme an den Vereinen, die man als politische
bezeichnet, zu verbieten. Ich glaube man hat auch schon die Jugend selbst
bearbeitet, indem man ihnen ein schreckliches Schicksal: Steine klopfen,
Strassenarbeit, Landbau u. dgl.m. voraussagt. Es wird mit Polizei gedroht.
Für uns hat das nicht viel mehr zu bedeuten, als dass es uns neue Mühe
macht. Aber in den weitern Kreisen unserer Anhänger wird eine gewisse
Beunruhigung entstehn. Haben Sie den Eindruck, dass Sanda davon weiss?
Pinxar: Sein Gewissen ist so weit, dass es
seinem Wissen keine Schranken setzt. Einfuhr lässt er gewiss gerne frei
passieren; aber für Ausfuhr hebt er Zoll ein.
Aruns: Sie wollen doch damit nicht sagen:
....
Pinxar: Dass er ein bezahlter Verräter ist.
Aruns: Unmöglich! Er ist mir nicht (mehr)
[sehr] sympatisch; ich glaube auch nicht, dass er mein Freund ist. Ich
habe ihn oft unfreundlich behandelt, weil er eine taktlose Art hat, sich
in persönliche Angelegenheiten einzumengen. Aber er ist ein Jugendfreund
meiner Frau, ist gegen sie sehr aufmerksam und hat ihr und unserer Sache
schon gute Dienste geleistet. Er begreift sehr rasch und hat die seltene
Gabe, schwierige Dinge populär zu sagen; und wir brauchen das! In diesem
Sinn hat er mir zuerst so gut gefallen, dass ich ihn, obwohl er aus seiner
oppositionellen Einstellung kein Hehl machte, nach kurzem Beisammensein
engagiert. Er spielt hier die Rolle eines enfant terrible, eines Hechtes
im Karpfenteich -- was manchmal ganz anregend ist. Sympatisch ist er mir
auch darin nicht! Aber ein Verräter?
Pinxar: Er ist von unsern Gegnern gekauft.
(überreicht Aruns ein Papier)
Aruns: (liest) " .... muss vor Sanda
warnen. Er wurde in Paris und London in seinem geheimen Verkehr mit einflussreichen
Führern der Gegenparteien, insbesondere des Grosskapitals beobachtet und
auch belauscht. Er treibt seit einiger Zeit einen Luxus, der mit seinem
Einkommen gänzlich unvereinbar ist'' (sinnend) Ich möchte mich gerade
diesem gegenüber gerne unbefangen zeigen.... (sehr ernst) Aber die Sache
duldet gegebenenfalls persönliche Rücksichten nicht. Zunächst jedoch,
besteht keine Gefahr. Aber es gibt Arbeit, die am Besten sofort geschieht,
denn der Umfang der Gegenaktion lässt sich nicht genau abschätzen. (winkt
einem Vorübergehenden) Bitte ersuchen Sie die Herrn Setouras, Jonston
und Kolbief, zu mir zu kommen. (wieder zu Pinxar:)
Wir müssen ihnen zuvorkommen. Aber es genügt, Zeit zu gewinnen. Bis unsere
Posaunen von Jericho bereit sind.
Pinxar: Also zwei bis drei Monate.
Aruns: Das können wir leicht erreichen. Pinxar,
ich muss Sie bitten, gleich nach dem Fest zu reisen, um mit Kaphira die
Einwanderungsfrage definitiv zu regeln. Vorher müssen Sie den Regierungen
der Grossmächte und den Finanzgruppen meine Vorschläge über die Herauslassung
des jüdischen Kapitals unterbreiten. Darin wird Kolbief Sie zum Teil unterstützen.
Pinxar: Da es sich bloss um den Zeitgewinn
handelt, werde ich wohl keine bestimmten Zahlen vorschlagen, sondern nur
das Prinzip und seine Vorteile erörtern.
Aruns: Am Besten. Über Details verhandeln
wir später. Vorläufig nur: dass ein Teil der Werte in den Besitz der betreffenden
Staaten übergeht, ein anderer als Darlehen zurückbehalten wird und der
Rest frei ausgeführt werden darf.
(Setouras, Jonston und Kolbiëf treten von verschiedenen Seiten auf.)
VI. Aruns, Pinxar, Kolbiëf,
Setouras, [Jonston].
Aruns: (zu Setouras) Ich habe erwartet, dass
Sie mir Nachricht von meinem Freunde Asseino bringen?
Setouras: Ich habe Ihnen leider eigentlich
nicht Neues zu sagen. Er anerkennt sogar Ihre Argumente. Er giebt zu,
dass die Lage Palästinas an die Hollands, Belgiens und der Schweiz erinnere;
dass die interessierten Staaten es nur in der Hand eines schwachen Besitzers
dulden könnten, der ihres Schutzes bedarf. Aber für uns ist Palästina
das gelobte Land und in der Hand Gottes wird es stark genug sein. Damit
erledigt sich für uns alles Übrige von selbst.
Aruns: Und Asseino beharrt in dem Glauben,
dass die Juden diesmal ohne Wüstenwanderung ins gelobte Land gelangen
können?
Setouras: Sie spielen auf Ihre Theorie an,
dass die Wüstenwanderung einen Zweck gehabt habe.
Aruns: Ich habe es oft gesagt: man kann seinen
Aufmarsch nicht in Feindesland vollziehen. Darum habe ich Neupalästina
als Aufmarschgebiet gewählt.
Setouras: Palästina wird, da uns die Vertragsmächte
schützen, nicht Feindesland sein.
Aruns: Solange der Bestand eines Judenstaats
in ihrem Interesse liegt. Hört das auf, so ist er rings von übermächtigen
Feinden umgeben. Jedes Volk muss sich selbst schützen!
Setouras: Der Rechtgläubigen erstrebt nur
den Schutz Gottes.
Aruns: Dem Rechtgläubigen müsste die Bibel
massgebend sein. Aus ihr ist -- in unsere gegenwärtige Ausdrucksweise
übertragen -- zu entnehmen, dass Moses, der doch hinsichtlich der mosaischen
Gesetze rechtgläubig war, die vierzig Jahre der Wüstenwanderung dazu benützt
hat, die heranwachsenden Generationen an ein gesetzliches Leben zu gewöhnen
und zu einem schlagfertigen Kriegsvolk heranzubilden.
Setouras: In unserer gegenwärtigen Ausdrucksweise
möchte ich Ihnen erwidern, dass die Juden ein gesetzliches Leben ohnedies
führen, der Beruf eines Kriegsvolkes jedoch heute kaum mehr für wilde
Araber passt, gewiss aber nicht für civilisierte Menschen.
Aruns: Wie reden nach wie vor aneinander
vorbei. Meine Schuld ist es nicht. Das ist alles Asseinos Meinung, die
Sie mir ja recht ungeschminkt wiedergegeben haben. Wir sind einander nicht
näher gekommen, reden aber immerhin nicht mehr ausschliesslich wie Schriftgelehrte
miteinander, sondern bald schon wie Staatsmänner. Jedenfalls danke ich
Ihnen für die Botschaft.
(Setouras empfiehlt sich; ab)
VII. Aruns, Pinxar, Jonston,
Kolbiëf
Aruns: Setouras ist päpstlicher als sein
Papst. Für Asseino ist die Annäherung an das Grosskapital kein Schachzug,
sondern ein Schwerthieb gegen mich, zu dem ihn sein Glauben verpflichtet.
Setouras fühlt sich dagegen erst jetzt im Recht, erst durch die Macht,
auf die er sich stützt. Wenn ich ihn gebührend zurecht gewiesen hätte,
würde er sich selbst den Rückweg zu mir abgeschnitten haben. Das wäre
schade. So kommen wir aber etwas zu langsam vorwärts. Doch nun habe ich
Aufträge für euch beide, die das Tempo beschleunigen werden. Ihr beide
könnt leider das Fest nicht bis zuende mitmachen. Ihr müsst sofort abreisen.
Kolbiëf: Noch vor Ihrer Rede? Ach!
Jonston: Wegen der Gegenaktion?
Aruns: Jawohl; es ist nicht ohne Eile. Ihr
fliegt zusammen, du, Jonston bis Paris, Sie, Kolbief weiter bis London.
Jonston, etwas Schweres für dich: du musst mit Asseino verhandeln.
Jonston: Verhandeln? Mit Asseino? Das kann
niemand! Bei aller Verehrung: er ist ein Pulverfass!
Aruns: Kolbief wäre dazu zu feurig. Wenn
du trocken mit ihm sprichst, habe ich bemerkt, dass du ihm imponierst.
Sage ihm also, im Anschluss an das, was ich eben mit Setouras besprochen
habe....
Jonston: .... dass auch für uns die Wüstenwanderung
ihre Fortsetzung in der Eroberung Kaanaans findet.
Aruns: Ganz richtig: Aber sei vorsichtig:
nichts über unsere Mittel und Wege. In seinem Fanatismus kann er leicht
unangenehm werden. Sage ihm dann weiter, ich könne ihm die Garantie dafür
bieten, dass unsere Wüstenwanderung nicht vierzig Jahre dauern werde.
Jedenfalls mehr als vierzig Wochen, aber vielleicht weniger, als vierzig
Monate. Erkläre ihm, warum wir uns zu unserm Ziel: Jerusalem, erst bekennen
dürfen, bis wir in Neupalästina festen Fuss gefasst haben. Sage ihm, dass
ich nur wünsche, er möge sich gegen uns wohlwollender verhalten und kein
Bündnis mit unsern Gegnern schliessen, ehe er meine Garantien geprüft
habe. Dass ich ihn aufs Höchste verehre und ihm gelegentlich direkter
und mündlicher Besprechungen als Zeichen meiner Achtung vollstes Vertrauen
bezeigen werde, indem ich ihm Eröffnungen mache, die bisher noch niemandem
gemacht wurden: eben meine Garantien.
Jonston: Es wird nicht leicht sein, ihn davon
zu überzeugen, dass wir den geraden Weg noch nicht gehn können. Elasticität
und Verständnis für Politik fehlen ihm gänzlich.
Aruns: Du must es erreichen: Wie: das überlasse
ich dir. Der Schachzug unserer Gegner nötigt uns zu Eile. Und nun Kolbiëf:
Auch Sie haben eine heikle Aufgabe. Sie haben in Ihrer letzten Besprechung
dem Komitee der Finanzmächte zu verstehen gegeben, dass die Besiedlung
Neupalästinas leistungsfähigen Kapitalisten und Industriellen dankenswerte
Aufgaben stellen wird.
Kolbiëf: Man hat es, da ich nicht deutlicher
werden durfte, ungläubig aufgenommen.
Aruns: In meinem Namen können Sie auch diesmal
noch nicht deutlicher werden, aber sagen, dass ich bereit bin, eine für
beide Teile nützliche Vereinbarung zu treffen, für deren Einhaltung ich
gute Garantien treffen kann; und umso bessere, je weniger wir durch Gegenwirkung
gestört werden. Sie können dann in Ihrem Namen: ....
Kolbiëf: .... so, als ob es von mir wäre?
Ich muss also Komödie spielen?
Aruns: Als Gesandter, wohl! Politik! Die
Notwendigkeit hat in diesen Jahren auch aus mir einen völlig andern Menschen
gemacht. Ich habe früher nie berechnet -- heute tue ich es mit Virtuosität.
Ich habe früher nur eine Form der Wahrheit gekannt -- heute muss ich viele
anwenden; und kann oft nicht die einzige für mich behalten. Geben Sie
also in Ihrem Namen zu verstehen, dass ich gewiss dafür zu gewinnen sein
werde, eine Finanzgruppe, die sich mit uns verträgt, auch an dem Weg zu
interessieren, der uns durch unsern Schutzstaat führt....
Kolbiëf: .... an der Industrialisierung und
Militarisierung Ammongäas....
Aruns: Sprechen Sie nur von der Industrialisierung.
Mehr könnte schaden. Aber Sie können fragen -- mit unterlegter Bedeutsamkeit
-- ob denn der Schaden der ihrer Gruppe durch Neupalästina droht, so unermesslich
ist; ob er sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt; und ob der Verstand
von Männern, die einander wohlwollen, nicht Mittel erdenken könnte ihn
zu paralysieren.
Jonston: Unsere Aufträge haben wir gegen
jedermann geheim zu halten?
Aruns: Ohne Ausnahme!
Jonston: Aber unsere Abreise vor Ihrer Rede
wird auffallen.
Aruns: Sie erfolgt allerdings nicht plangemäss.
Jonston: Und könnte übelgedeutet werden.
Von gewissen Stimmungsmachern!
Pinxar: Von Stimmungen sind wir doch ziemlich
unabhängig.
Aruns: Ganz richtig! Lassen wir ihnen diesen
Effekt. Unsere sind besser fundiert.
(Sie entfernen sich gegen den Hintergrund. Aruns ins Direktionsgebäude)
VIII. (Christine ist mittlerweile
wieder aufgetreten. Sanda, der darauf gelauert hat, geht ihr entgegen
und kommt mit ihr nach vorn)
Sanda: Sie werden Linda Rutlin gut im Auge
behalten müssen; sie kann nicht erwarten, dass Sie etwas verlieren, was
sie gerne gewinnen möchte.
Christine: Ich kann an sie nur verlieren,
was ich habe. Habe ich denn meinen Mann? Er gehört allen.
Sanda: Ein grosser Mann muss in jeder Beziehung
anders beurteilt werden. In seinen Vorzügen und in seinen Fehlern. Muss
nicht sogar ich das berücksichtigen? Glauben Sie wirklich, dass ich sonst
die beleidigende Behandlung vorhin so widerspruchslos ertragen hätte?
Ich kann mich noch jetzt nicht darüber beruhigen und habe dennoch geschwiegen.
Aber ich muss Ihnen nicht banale Weisheiten sagen: Warum er allen gehören
muss und seinem Werk; warum er nicht Zeit hat, nur einer allein zu gehören,
wie wir gewöhnliche Männer. Wer weiss das besser, als Sie? Welche Frau
sollte fähig sein, Frau eines grossen Mannes zu sein, wenn nicht Sie?
Christine: Frau? Ich kann und mag nicht teilen.
Wenn alle auf ihn Anspruch haben, so bleibt für mich nur ebensoviel. Das
genügt einer Frau nicht. Gewiss: er ist zu gross; er ist eben seiner Aufgabe
gewachsen; er kann nicht bloss Mann einer unbedeutenden Frau sein. Aber
einer Frau kann ein weniger bedeutender Mann genügen, wenn er ihr allein
gehört.
Sanda: Sie sind nicht glücklich! Wenige,
die es so verdienten! Die einen Mann so glücklich machen können, wie Sie!
(Sie verabschiedet sich mit einem dankbaren Blick, da eben auf dem Balkon
die Freunde Aruns sichtbar werden)
IX. (Die Tribünen, welche in
der Zwischenzeit schwächer besetzt waren, haben sich wieder gefüllt. Die
Sportjugend hat den grössten Teil der Bühne besetzt. Die Gegner Aruns
u. A., Golban , Gadman , Setouras, etc. bleiben abseits in einer Gruppe
beisammen, ohne jedoch besonders hervorzutreten. Affallen so jedoch bald
die grosse Anteilnahme Gadman s an Aruns Rede. Sobald Aruns auf dem Balkon
sichtbar wird, giebt eine Trompete das Zeichen zu Ruhe und alle erheben
sich, um die grosse Rede Aruns stehend anzuhören)
X.
Aruns: Volk Israels! Was ist dieses Fest? Ist es ein Sportfest?
Eine Parade? Ein Parteiversammlung? Eine Volksversammlung? Ist dieser
Tag denn nicht ein Tag, wie alle andern? Nein, das ist er nicht, sondern
er ist einer, der sicherlich ein Gedenktag bleiben wird für alle Zeiten
des Judentums. So wie es jener Tag ist, an welchem der jüngste Mann fragt:
"Warum sitzen wir heute angelehnt?'' Aber hier wird er anders fragen
müssen: "Warum stehn wir heute alle? Warum haben wir uns erhoben?
Warum bleiben wir nicht sitzen, am Boden, niedrig, wie alle andern Tage
vorher?'' Wir sind aufgestanden, wir haben uns erhoben und aufgerichtet
zu einer Grösse, die niemand geahnt hätte. Wir haben wieder aufgerichtet
die runden Rücken, die gekrümmt waren, weil sie gewärtig sein mussten,
jeden Streich zu empfangen, der andern gebührte. Wir stehen wieder da,
wie das alte, zähe, trotzige, halsstarrige Volk der Bibel; aber nicht
mehr, wie dort, sind wir heute halsstarrig gegen unsern Gott, sondern
für ihn, der uns zu seinem Volk bestimmt hat. Brüder! Kennt ihr noch die
kleinen, gedrückten, schwächlichen Jüdlein "Hep - Hep'', die scheu
um sich blickten, wenn sie sich andern gegenüber befanden, als unsern
Leuten; die aber dennoch als anmassend galten und "freche Juden''
hiessen, sobald sie wagten, sich zu regen, oder gar sich weigerten, jede
Beleidigung hinzunehmen; die eine minderwertige Rasse vorstellten im Vorstellungsvermögen
selbst der Geringsten aller andern Rassen; die von allen Völkern verachtet
und verhöhnt waren und am meisten von denen, die ihre geistigen Begriffe
nicht ohne die unsrigen zu bilden vermochten? Brüder! Erinnert ihr euch
noch dieser gedemühtigten, verachteten, verfolgten kleinen Jüdlein, die
so verachtet sie waren, dennoch -- immer einer gegen zehn -- so mutig
waren, ihre Rasse nicht untergehen zu lassen und zu stolz, sich mit denen
zu vermischen, von denen sie als unebenbürtige Fremdlinge betrachtet wurden.
Diese feigen Juden, die den Mut hatten, feig zu heissen, wenn sie nur
Juden bleiben durften, sie haben alle Opfer gebracht, alle Verfolgung
hingenommen und jede Beschimpfung und jede Verletzung ihres Stolzes ertragen,
weil keiner in keinem Augenblick aufhörte zu fühlen, dass wir auserwählt
sind zu solchen Leiden; dass diese unsere künftigen Vorzüge gebären sollen;
dass nur unter Schmerzen geboren werden kann; dass wir zu leiden haben,
weil wir auserwählt sind, den messianischen Gedanken über alle Zeiten
zu erhalten. Den strengen, reinen, unerbittlichen Gedanken, dass es nur
einen einzigen, ewigen, unsichtbaren und unvorstellbaren Gott gibt. Wir
sind ein altes Volk. Was könnte uns ein Gott sein, den wir verstehn, von
dem wir uns ein Bild machen, den wir beeinflussen können? Wir brauchen
kein Wunder: Verfolgung und Verachtung haben uns gestärkt, haben unsere
Zähigkeit und Ausdauer vervielfältigt, Organe erzeugt und gekräftigt,
die unsere Widerstandfähigkeit erhöhten. Wir sind ein altes Volk. Noch
kann zwar nicht jeder Einzelne unsern Gottesgedanken ganz erfassen; sich
damit abfinden, dass alles Geschehn von einem höchsten Wesen abhängt,
dessen Gesetze wir fühlen und erkennen, aber nach ihrem Sinn nicht fragen
dürfen. Sobald aber jeder bis zum Letzten das kann: Dann ist der Messias
gekommen. Der Messias des inneren Gleichgewichts!
----
Liebe junge Freunde! Eure Lehrer und Führer haben diesen Glauben in euch
verpflanzt, haben euren Geist entwickelt und euren Körper geschult. Seit
ihr begriffen habt, dass die Erkenntnis des wahren Wesens Gottes über
allem Wissen und allem andern geistigen Streben steht; und seit ihr den
Wert eurer körperlichen Kräfte schätzen und an ihnen Freude finden gelernt
habt, konntet ihr euch in kurzer Zeit fähig erweisen, Leistungen zu vollbringen
und Anstrengungen zu ertragen, bei denen eure körperlich zurückgesunkenen
Väter versagt hätten. Ihr steht heute in keiner Weise hinter den Völkern
zurück, bei denen wir gelebt haben. Ihr besitzt die Kraft, die in wenigen
Generationen die unseres ganzes Volkes sein wird. Eure Kraft und Gesundheit
wird erneuern, was alt und morsch ist an Israels Stamm; nur ihr seid fähig,
die Umbildung unseres Volkes durchzuführen: es aus einem Volk von Gelehrten,
Künstlern, Händlern und Wechslern zu verwandeln in ein gesundes und kräftiges
Volk, geeignet, ein Leben zu führen, wie ein Volk, dem Gott eine Heimat
geschenkt hat. Nun also seid ihr fähig, die grosse Aufgabe zu lösen! Ihr
besitzt Elastizität, Schwung, Begeisterung, Anpassung und Opferfähigkeit.
Euch ist die schwerste Aufgabe zugefallen. Denn für die Jugend geschieht
alles, was wir erstreben. Ihr gehört die Zukunft; sie wird es geniessen,
wenn kein Jude mehr nach Achtung oder Nichtachtung Andersrassiger wird
fragen müssen. Darum soll sie den entscheidenden Anteil an der Arbeit
haben. Ihr jungen Menschen, ihr sollt Pionniere sein im neuen Land; ihr
sollt den Boden bereiten, das Fundament legen, auf dem sich der stolze
Bau dieses Staates erheben wird. Und das ist der tiefere Sinn dieses Festes
und darum wird es ein Gedenktag für alle Zeiten werden. Heute opfert ihr
eurem Volke hier alle euer ehemaliges Bestreben nach einer Geistigkeit,
die der Diaspora gedient hat. Und heute, hier, bekundet ihr mit eurer
Kraft, dass ihr einem höhern Wissen dienen wollt, als es Menschenweisheit
ist. Dass ihr eurem Volk es ermöglichen wollt, seinen Gottesgedanken zuende
zu leben, zuende zu träumen!
(Allgemeiner Jubel in welchem Gadmans leidenschaftliche Begeisterungsäusserungen
auffallen. Nach einer Weile Trompetenstösse; einen Augenblick Stille,
hierauf wird von allen eine Hymne gesungen)
Ende des ersten Aktes. Vorhang
II.
AKT
(Ansiedlungs-Centrale in Neupalästina)
Der Raum ist so geteilt, dass auf der einen Seite der Bühne (rechts vom
Zuschauer) ein möglichst grosswirkender (Arbeits- und Empfangs-) Saal
Platz hat, dessen auf der Bühne befindliche Wände aber durchaus verglast
sind, so dass die Landschaft im Hintergrund sichtbar bleibt; dessen gegen
den Zuschauer rechts vorn liegende Seite offen ist und zwar so gelegt,
dass vom Saal aus, über einige Stufen ein nicht zu kleiner Platz erreichbar
ist (gross genug, um dort spielen zu können). Die Haupteingangstür in
den Saal befindet sich in der linken, schrägen Seitenwand, beiläufig in
der Mitte der Bühne, doch ist der Eintritt auch rechts vorne und aus der
rechten Kulisse (wo man sich das Direktionsgebäude zu denken hat, dessen
Veranda der Saal ist) und durch die Tür in der Rückwand möglich. Beiläufig
in der Mitte der Bühne, nahe der linken Seitenwand, etwas mehr vorn, auf
dem Platz steht ein Auslaufbrunnen. Die übrige Bühne deutet tropische
Landschaft an, in welcher man provisorische Auswandererwohnungen, Verwaltungs-
und Wirtschaftsgebäude etc. (Wellblech- und Holzbauten) wahrnimmt. Im
Saal: Sitzgelegenheiten, Arbeitstische, Telephon und Telegraph, etc. Vor
den Stufen: Tische, Bänke und genügend Spielraum; in der linken Hälfte,
nahe dem Saal, ebenfalls einige Sitzgelegenheiten.
I. (Im Saal: Aruns, Christine, Linda
Rutlin; vor dem Saal, an der linken Seitenwand, militärisch gekleideter
Posten. Aruns diktiert auf- und abgehend einen Brief, den L. Rutlin, an
einem Schreibtisch sitzend, das Gesicht gegen den Zuschauer gerichtet,
stenographisch aufnimmt)
Aruns: Ehrwürdiger Herr; seit vier Wochen
hier, in dem Lande, das unseren Nachkommen vielleicht einst heilig sein
wird, ist nun der Augenblick gekommen, wo ich Sie bitten darf: erfüllen
Sie Ihre, meinem Freunde Oberst Jonston gegebene Zusage, erfüllen Sie
unseren sehnlichsten Wunsch: kommen Sie, um morgen das Passahfest mit
uns zu feiern; geben Sie dem Tage, dem wir mit unbeschreiblichen Gefühlen
entgegensehen, die religiöse Weihe; sagen Sie uns, dass Gott bisher mit
uns war. Gottes Hilfe hat uns den Widerstand unserer stärksten Gegner
überwinden lassen. Unser Glaube, unsere Idee hat gesiegt und als wahr
hat sich erwiesen, dass aus einem guten Gedanken alles von selbst flìesst.
Man hat mich wegen dieses Satzes einen Phantasten genannt, obwohl er aus
der Erfahrung geschöpft ist. Denn kaum hatte ich den Gedanken gefasst,
als auch schon da war, was seinen Erfolg sicherte. Ich musste lange schweigen!
Nun sei das Geheimnis gelüftet, auf Grund dessen Ihnen meine Botschaft
die Garantie dafür anbot, dass wir an Palästina als unser Ziel denken:
Wie den Juden vor Jericho, so hat auch uns Gott ein Machtmittel in die
Hand gegeben, unserer Feinde Herr zu werden: auch wir haben Posaunen von
Jericho! Eine Erfindung unseres General Pinxar setzt uns instand, an jeden
beliebigen Punkt der Erde in beliebigem Umkreis Strahlen zu senden, welche
den Sauerstoff der Luft verzehren und alles Lebendige ersticken. Heute
trifft Pinxar mit dem Apparat hier ein, hier sind alle Vorbereitungen
getroffen, so dass wenige Stunden nachher die Installation vollendet sein
wird. Noch heute wird der Vertrag mit Ammongäa geschlossen; dessen Minister,
Kaphira, ist seit gestern hier. Nach den Feiertagen werden wir auf einer
neuen Basis mit den Weltmächten verhandeln, die bald werden einsehn müssen,
dass wir von ihrer Gnade oder Ungnade unabhängig geworden sind und unsern
Willen den nötigen Nachdruck verleihen können.
Linda Rutlin: (unterbrechend, wovon Aruns
peinlich berührt ist) Meister, dürfen wir es wagen, das durch Wellen auszusenden?
Wenn es abgefangen würde! Ein so schweriegendes Geheimnis!
Christine: Haben Sie geglaubt, dass in alle
Ewigkeit Sie allein es werden hüten dürfen?
Aruns: Pinxars Chiffre bietet genug Sicherheit.
Und ausserdem: wer es erst jetzt erfährt, kann uns nicht mehr schaden.
Konnten es selbst die nicht, denen wir es zum Teil wenigstens schon früher
andeuten mussten! (weiter diktierend) Wir stehen nun vor der Notwendigkeit,
an den innern Aufbau unseres Staates zu denken. Hier giebt es soviel Probleme,
als es Parteien giebt, also: tausend Schwierigkeiten. Unmöglich wird es
sein, sie alle auf einmal zu überwinden. Der Realpolitiker kann nur hoffen,
ein günstiges Kompromiss zustande zu bringen. Zwischen Ihnen und mir besteht
eine Differenz eigentlich nur in der Frage, unserer künftigen Gesetzgebung:
soll sie auf der wörtlichen Auffassung der mosaischen Überlieferung oder
aber auf modernen Bedürfnissen angepasster Interpretation beruhen? Heute
schlage ich Ihnen nun die Hinausschiebung unsere Meinungsdifferenz zunächst
auf fünf Jahre unter folgenden Bedingungen vor: Punkt I. Eine provisorische
Gesetzgebung, die sich der Herkunftsländer der Juden möglichst anpasst,
in Glaubensfragen zunächst aber so tolerant ist, wie etwa die amerikanische.
Punkt II. Die Vorarbeiten zu einer definitiven, nationalreligiösen Gesetzgebung
haben spätestens in drei Jahren zu beginnen. Bis dahin hat jedoch jede
diesbezügliche Propaganda in Wort und Schrift zu unterbleiben. Punkt III.
Seien Sie, Asseino, unser erster Hohepriester. Sie, der Sie als einziger
Lebender dessen würdig und dazu fähig sind, der Sie die geistige, menschliche
und religiöse Grösse besitzen, zu der jeder verehrend aufblickt. Üben
Sie diese Macht aus, die oft in unserem Volke, je nachdem in wessen Hand
sie sich befand, grösser war als die weltliche und die Ihnen die Garantie
bietet, dass in diesen fünf Jahren hier nichts geschehen kann, was Ihr
Glaube nicht billigt. Übernehmen Sie die Führung der Seelen und Herzen.
Es giebt keinen ausser Ihnen: seien Sie der Unsere, lassen Sie uns die
Ihren sein! Ich wäre glücklich Sie hier zu sehen und das Nähere zu besprechen.
Ich bitte Sie um Ihren Segen für unser weiteres Werk und bin in Ergebenheit
und Verehrung, Ihr... Dieser Brief geht sofort mittels Radio an David
Asseino.
(Linda Rutlin mit dem Blatt ab)
II. Aruns, Christine
Christine: Ich bin überrascht, dass deine
Sekretärin in Angelegenheiten eingeweiht ist, die du vor mir bisher geheimgehalten
hast.
Aruns: Du irrst: Fräulein Rutlin hat eben
jetzt zum erstenmal davon gehört. Bis zu diesem Augenblich war ich gezwungen,
das Geheimnis zu wahren: eine schwere Last, die man keinem aufladen darf,
wenn man ganz sicher gehen muss!
Christine: Ich wusste nicht, dass etwas aufhört,
Geheimnis zu sein, wenn es zwischen uns keines mehr ist.
Aruns: Praktisch gewiss nicht; aber, wer
meine Verantwortung trägt, muss auch theoretisch jede Gefahr ausschliessen.
Christine: Diesen Unterschied muss man verstehen;
fühlen kann man ihn nicht.
Aruns: Darf ich mich von Gefühlen leiten
lassen?
Christine: Mir gegenüber offenbar nicht!
Aruns: Kind, besitze ich dein Vertrauen nicht,
wo ich auf das so vieler angewiesen bin?
Christine: Besitze ich dein Vertrauen?
Aruns: Unbedingt in allem, was meine Person
angeht. Und noch weit mehr: Bewahrst nicht du das Blatt, von dem unser
Aller Schicksal abhängt? Du weisst nicht, was es enthält: es ist der Schlüssel
zu unserm Geheimnis, zu unsern Posaunen von Jericho. Ausser uns beiden
kennt nur noch Pinxar seine Existenz und Aufbewahrungsort -- ich setze
dabei als selbstverständlich voraus, dass du niemand davon gesagt hast.
Christine: (ausweichend, etwas zweideutig)
Da du ja zu niemand Vertrauen hättest...!
Aruns: Als Verwalter eines Geheimnisses,
von dem das Schicksal aller abhängt, habe ich kein Recht dazu. Hier können
mich keine Gefühle leiten, hier kann ich nur Grundsätze anwenden....
Christine: .... welchen zufolge deine Frau
deiner Sekretärin gleichgestellt wird. Ich weiss nicht, welches deine
Gefühle für diese junge Dame sind, aber welches die ihrigen sind, kann
jeder sehn. Niemand aber behauptet, dass sie dir unangenehm sind.
Aruns: Bitte bedenke: Habe ich das Recht,
mir persönliche Gefühle zu Bewusstsein gelangen zu lassen? Darf ich an
anderem noch auf dieser Erde hängen, als an meiner Aufgabe? Hätte ich
auch nur die Zeit dazu?
Christine: Also nur die Zeit und das Recht
fehlen: aber die persönlichen Gefühle....
Aruns: .... sind nicht vorhanden!
Christine: Die für meine Person wohl nicht.
Aber Fräulein Rutlin...! Du täuschst mich nicht! Ich sehe nur zu klar!
Ich werde dich aber verlassen, ehe du mich schickst. Du kannst mich ja
gar nicht behalten, weil ich dir nicht ganz artgleich bin. Ich merke das
seit Langem....
(An Weiterem wird sie durch den Türsteher gehindert. Während des Letzten
sind nämlich hinten zwei Offiziere mit Motorrädern (Achtung, Regisseur:
hier wie immer nur diskret andeuten) angekommen, die nachdem sie ihre
Räder versorgt haben, sich an den Türsteher gewendet haben)
Türsteher: Meister erwarteten Herren Offiziere.
Aruns: Ich lasse bitten.
(Tamlan und d.j. Golban treten auf)
III. Aruns, Christine, Tamlan, d.j.
Golban
(Stramme Begrüssung)
Aruns: Grüss Gott, liebe Leutnants!
Tamlan: Meister; wir kommen, Ihnen für unsere
Beförderung zu danken.
Aruns: Ist schon geschehn: sie hat mir selbst
Freude gemacht. Wenn Ihr Beide des Weitern so brauchbar seid, wie bisher,
werde ich bald euer Schuldner sein!
d.j. Golban:
Darf ich diese Gelegenheit zu einer dienstlichen Frage benutzen?
Aruns: (nickt).
d.j. Golban:
Bei der Aufstellung eines provisorischen Gotteshauses an der gemeinsamen
Grenze des russischen und deutschen Lagers arbeiteten Angehörige beider
Sprachen unter Leitung eines deutschsprechenden Vorarbeiters. Gestern
war nun ein Zwist entstanden, weil der Vorarbeiter einige technische Kommandos
weder auf hebräisch, noch auf russisch sagen konnte. Eine kleine Prügelei
war bald beigelegt und man einigte sich, an die Sprachkommission heranzutreten.
Dort wurde nun konstatiert, dass für die betreffenden Begriffe bereits
lehnwortartige Bildungen aus dem Arabischen, respektive Türkischen vorgesehen,
aber zweifellos noch nicht in allgemeinem Gebrauch sind. Ich soll Befehle
für künftiges Verhalten erbitten.
Aruns: Waren Sie dabei?
d.j. Golban:
Jawohl!
Aruns: Das ist doch Ihr Fach. Haben Sie da
nicht helfen können!
d.j. Golban:
Ich kam gerade noch zur Prügelei zurecht.
Aruns: Die Sprachwissenschaft ist also zu
spät gekommen!
Wie haben Sie sich verändert! Früher wären Sie zur Prügelei zu spät gekommen!
Man kann natürlich nicht zu jedem kleinen Bau einen Sprachgelehrten delegieren.
Auch ist es unmöglich, dass der Vorarbeiter, wenn es brennt, erst telephonisch
anfrägt, wie löschen auf Hebräisch heisse und wie der Imperativ gebildet
werde.
Lieber Leutnant, ich habe nicht viel dagegen, wenn sich bei solchen Anlässen
die Sprachgelehrten verspäten.
Wenn aber, wie diesmal, das Militär bei der Prügelei einigermassen rechtzeitig
eingreift, bin ich ganz zufrieden.
Sonst ist da nicht zu veranlassen!
Wissen Sie übrigens, dass Ihr Vater heute hier sein wird?
d.j. Golban:
Ich werde trachten müssen, ihm auszuweichen.
Aruns: Das sollten Sie keinesfalls tun. Bedenken
Sie, dass Sie ihn schwer gekränkt haben!
d.j. Golban:
Nicht durch meinen Willen. Er hat mich zur Entscheidung gezwungen. Da
konnte ich nicht anders, als mit Ihnen gehn.
Aruns: Ich hätte keinen mitgelassen, wäre
ich nicht sicher, dass sehr bald alle erzürnten Väter sich mit ihren wiedergewonnenen
Söhnen versöhnen werden.
Suchen Sie Ihren Vater zu treffen. Er wird grollen, aber glücklich sein,
Sie wohlauf zu sehn.
(Tamlan und d.j. Golban beurlauben sich; Sanda tritt auf)
IV. Christine, Aruns, Sanda
Sanda: Eben ist folgende radio Meldung eingegangen:
"Durch Schaden an der Maschine aufgehalten. Hoffe nicht mehr als
fünf Stunden verspätet einzutreffen. Pinxar.''
Aruns: Fünf Stunden ist nicht viel -- wir
haben zweitausend Jahre gewartet. Immerhin wäre es mir angenehmer, wenn
ich ihn zur verabredeten Stunde hätte da haben können. (leise zu Christine):
Dann ist es nötig, noch bis zum Eintreffen Pinxars gegen jedermann zu
schweigen. (Ab)
V. Christine, Sanda, später Linda Rutlin
Sanda: Ihr Mann scheint über Pinxars Verspätung
sehr verstimmt zu sein. Es wird allerdings, wenn er so knapp vor dem Passahfest
kommt, nicht leicht sein, ihm Arbeiter zur Verfügung zu stellen.
Insbesondere für morgen! Denn: ob er heute mit dem Abladen seines Transportes
fertig wird....?
Christine: (Die nicht zugehört hat, sehr
aufgeregt) Sanda, haben Sie den Eindruck, dass mein Mann und Fräulein
Rutlin.... (stockt)
Sanda: Ihre Bewunderung, ihre Schwärmerei,
ihre Huldigungen, sind gelinde gesagt, so eindringlich, dass sie zu ihm
verdringen müssen. Dass sie ihm unangenehm sind, ist mir dagegen nicht
aufgefallen.
Mir ist es allerdings nicht gegeben, an Unberührtheit und Unberührbarkeit
zu glauben. Vorsichtig ausgedrückt: es missfällt ihm nichts an ihr.
Christine: Ich finde dasselbe. Zudem habe
ich eben etwas erfahren, was... was ich nicht für möglich gehalten hätte;
was allem die Krone aufsetzt: er hat ihr Geheimnisse anvertraut, die nicht
einmal noch ich kenne!
Sanda: (sehr unterstrichen) Ah!
Christine: Mich bindet nichts mehr an ihn.
Er will mich los werden. Ich existiere längst nicht mehr für ihn. Nach
diesem Beweis will ich auf Weiteres nicht mehr warten.
Sanda: Sie wollen ihn doch nicht jetzt, wo
er seinem Triumph so nahe ist, verlassen? Jetzt, wo er die Früchte seiner
Arbeit ernten wird?
Christine: Ich warte nicht, bis ich geschickt
werde!
Sanda: Und Sie wollen kampflos auf alles
verzichten? Auch auf die Aussicht, Königin zu werden?
(Hier tritt [Linda Rutlin....])
Christine: Königin? -- Unsinn!
Sanda: Sehn Sie nicht, dass er nach der Krone
strebt?
Christine: Nein!
Sanda: Und Sie ahnen auch nicht, dass Linda
Rutlin damit rechnet, dass Sie keine Kinder haben und auch keine thronfähigen
bekommen können?
Christine: (nach einigem Zögern) Sind Sie
dessen sicher?
Sanda: Sicher? Alles deutet darauf hin. Hier
ist alles militärisch organisiert; alles; sogar die Presse, die Verwaltung
und die Wirtschaft; er wird Meister genannt, ist aber Oberbefehlshaber;
alle Macht ist in seiner Hand; das ist ja schon Diktatur! Von da bis zum
Vollzug der Königskrönung ist nur ein Schritt. Nur eine Formalität, der
sich hier kaum jemand zu widersetzen vermöchte.
Erinnern Sie sich: Die Sozialisten haben ihn immer als Monarchisten bezeichnet.
Er hat dem nie widersprochen.
Christine: Es ist möglich, dass Sie recht
haben.
Wie konnte ich das alles übersehen?
Ich werde ihn verlassen.
Sanda: Christine, Sie wissen, dass ich Aruns
sehr schätze und achte, obwohl er gegen mich oft sehr unfreundlich war.
Trotzdem kann ich mir nicht verhehlen, dass sein Verhalten ein schweres
Unrecht gegen Sie ist und nicht mit der moralischen Überlegenheit übereinstimmt,
die er sonst wahrnehmen lässt. Ich halte es seit Langem für sicher, dass
Sie seine Frau nicht mehr sein werden, sobald er das Ziel seines Ehrgeizes
(Christine wehrt mit einer Geste ab) erreicht haben wird. (unbeirrt, mit
parodierendem Unterton, fortfahrend) "Aus einem guten Gedanken fliesst
alles von selbst'' -- ich halte diesen Gedanken schon lange nicht mehr
für gut, sonst müsste heute alle Widerstände, die aus ihm spriessen, schon
überwunden sein. Er hat schwere Fehler, die sich jetzt zu rächen beginnen.
Aber, was immer daraus "fliessen'' mag: für Sie, das steht fest,
wird es nicht gut sein. Ich glaube: auch für ihn nicht und für keinen,
der ihm ganz gefolgt ist. Aber schliesslich wird ihm sein überlegener
Verstand vielleicht aus der Klemme helfen.
Und nun, nachdem ich so weit gegangen bin und habe einmal offen zu Ihnen
gesprochen -- wie es meiner Pflicht als Jugendfreund entspricht; als Einziger
hier, der mit Ihnen fühlt, der Sie, wie Sie wissen, liebt, der in Ihnen
nicht eine Person sieht, die Macht und Einfluss zu vergeben hat, der nur
das Weib in Ihnen sieht und liebt -- nun sage ich Ihnen:
Verlassen Sie diesen Mann, der Sie nicht mehr liebt, der Ihrer überdrüssig
ist, der Sie -- es muss gesagt werden -- betrügt und Sie verstossen wird.
Kommen Sie mit mir, der Sie glücklicher machen wird, als ein grösserer,
weil er ganz Ihnen gehören und nichts anderes denken und fühlen wird,
der hier nicht bleiben will, der hier von Niemand etwas will: Nur von
Ihnen; und von Ihnen nur Sie!
Christine: (sieht ihn eine Weile nachdenkend
an) Ich bin zu verwirrt, muss erst meine Gedanken ordnen!
Ich sehe Sie später.
Ich werde Ihnen Nachricht geben.
(Christine ab nach rechts ins Haus; Sanda bleibt einen Augenblick stehn;
dann verlässt er vorn über die Stufen den Saal; bleibt vorn wieder stehn!)
Sanda: Ein Verhältnis hätte für meine Zwecke
vollauf genügt. Eine Entführung spielt mehr ausserhalb meines Geschmacks.
Aber was tut man nicht für die gutbezahlte Sache?
Es wäre angenehm, wenn ich hier noch ermitteln könnte, welchen Wert dieser
Dienst in London haben dürfte.
Ich hätte mit Linda Rutlin besser reden müssen! Ob das noch möglich wäre?
Ich kann mir nicht denken, wozu man das Blatt dort haben will, da ja Pinxar
sich auch ohne es behelfen könnte.
Immerhin: wenn nichts dazwischen kommt, werde ich es heute abends besitzen!
VI. (Golban tritt von hinten auf; sieht
Sanda, geht auf ihn zu)
Sanda, Golban
Golban: Ah, Sanda! gut dass ich vor allen
anderen einen Mann treffe, den Freund und Feind durch ihr Vertrauen auszeichnen.
Da kann ich ja gleich wertvolle Auskünfte bekommen.
Sanda: Wenn ich nicht irre, so habe Sie mir
schon Wertvolleres zu verdanken, als Auskünfte. Trotzdem hat aber Ihr
Dank nicht ausgereicht, mir Ersatz für die Lebensstellung zu bieten, die
ich aufgebe, wenn ich ganz zu Ihnen übergehe.
Offiziell nämlich, wie man das nennt.
Golban: Offiziell? Ich denke, Sie werden
statt einer offiziellen Stellung gerne den Gegenwert in bar annehmen.
Ich finde, wir bezahlen fremde Federn so gut, dass sie darauf verzichten
können, dass wir uns mit ihnen schmücken.
Hier haben Sie allerdings eine Ehrenstelle -- in jeder Hinsicht.
Aber ich frage mich nur: wie sind Sie dazu gekommen?
Sanda: Mein Beruf brachte mich zu Aruns.
Ich richtete Fragen an ihn, die einen andern in Verlegenheit gebracht
hätten; er fertigte mich elegant ab. Ich fand ihn sehr interessant und
es scheint, dass auch ich ihm gefiel, denn er engagierte mich, obwohl
ich ihm opponierte.
Im Laufe der Zeit fasste ich Interesse und eine gewisse Sympathie für
das Abenteuerliche seiner Pläne, ohne jedoch meine oppositionelle Haltung
jemals aufzugeben. Man liess sich scheinbar gewisse Unverschämtheiten
ganz gerne von mir gefallen.
Meine Tätigkeit hatte die Aufmerksamkeit der Gegenparteien erweckt. Sympathien
hatte ich ja für diese nicht.
Golban: Sie glauben an nichts!
Sanda: An Weniges -- aber das können Sie
dem, was ich schreibe, kaum anmerken. Dieser letztere Umstand ist Ihnen
ja auch der wertvollere, und für meinen Glauben hätten Sie mir gewiss
niedrigere Angebote gemacht.
Ich liefere Ihnen gute Gründe, mich zu schätzen.
Diese und ein nicht allzugrosses Gehalt beziehe ich hier.
Als Zugabe geniesse ich hier noch eine gewisse Achtung für welche Sie
mich nicht entschädigen könnten, selbst wenn wir beide besten Willen daran
wendeten.
Sie sehen also, was ich aufgebe, wenn ich ganz zu Ihnen übergehe.
Aber ich will Ihnen nichts vormachen: Eine Lebensstellung auf diesem heissen
Boden hier würde mich eine zu hohe Versicherungsprämie kosten.
Darum habe ich vorgesorgt: Ich werde morgen Ihrem Konzern einen sehr wertvollen
Gegenstand zu einem wirklich bescheidenen Preis anbieten.
Golban: Und zwar?
Sanda: Morgen, bitte; und nicht hier! an
einem sicherern Orte.
Golban: Wollen Sie mit mir reisen?
Sanda: Danke, nein; ich habe meine eigene
Equipage und reise vielleicht nicht allein.
Aber bleiben Sie denn nur so kurze Zeit hier?
Golban: Ich muss morgen abends zurück sein.
Aber mein Geschäft wird sich wahrscheinlich rasch erledigen, da Aruns
unser Ultimatum gewiss ablehnen wird. Er ahnt nicht, über welche Mittel
wir verfügen, um unseren Willen durchzusetzen.
Sanda: Sie verlangen die Teilnahme an der
Regierungsgewalt?
Golban: Sie sind neugierig! Wollen Sie mir
mein Geheimnis abkaufen?
Sanda: Es kommt auf den Preis an.
Golban: Sie könnten ihn nicht bezahlen. Bezähmen
Sie Ihre Neugierde, so wie ich die meinige. Was Sie angeht, werden Sie
rechtzeitig und kostenlos erfahren.
Sanda: Mein lieber Herr Golban, wenn ich
wartete, bis Sie mir etwas mitteilen, wäre das für unser Geschäft nicht
sehr förderlich. Was aber mich angeht, soweit ich es nicht errate, habe
ich immer noch selbst herausgefunden.
Ein kleines Beispiel: Ich weiss, dass Sie sich mit Ammongäa verständigt
haben.
Golban: Ich rate Ihnen: hüten Sie sich! Vielleicht
wissen Sie jetzt schon zu viel!
(Gadman tritt auf)
VII. Gadman, Sanda, Golban
Golban: Wie Gadman, ist auch hier?
Sanda: Er ist einer der neuesten Diener seines
Herrn. Und -- ohne seinen Wert herabsetzen zu wollen -- wie alles Neue,
etwas überschätzt: so behauptet wenigstens die Eifersucht von uns Älteren,
mit schon etwas übertragenen Verdiensten.
Golban: Ich hatte, als ich Ihnen seinerzeit
riet, Partei zu ergreifen, gehofft, dass Sie sich auf die aussichtsreichere
Seite schlagen werden.
Gadman: Ich weiss nicht, ob Ihnen das wertvoll
erscheinen wird: Ich habe die eine Aussicht, mir eines Tages bei genauester
Prüfung sagen zu dürfen, dass ich aus vollkommen ungetrübt reinen Motiven
an einer grossen Sache mitgewirkt habe, ohne mir den mindesten Vorwurf
machen zu müssen, damit einen andern Zweck verfolgt zu haben, als den
Erfolg der Sache.
Das ist meine Aussicht, und für die habe ich Partei ergriffen.
Golban: Ein neuer Paulus!
Sanda: Was an allerhöchster Stelle sehr geschätzt
wird.
Golban: Mir fehlt die Veranlagung, Ihnen
das nachzufühlen. Mein Herr Sohn, der ja auch von Ihrer Partei ergriffen
ist, hat sie sicher nicht von mir geerbt.
Sie imponieren mir in gewisser Hinsicht. Und Sie werden sicherlich auf
Ihre Rechnung kommen, da Sie so anspruchslos sind.
Natürlich, meine Geschäfte stellen andere Ansprüche. Und trotzdem sind
unsere Aussichten nicht schlechter, als Ihre. Eben darum tut es mir leid,
dass Sie nicht daran teilhaben können.
Aber nun muss ich trachten, zu Aruns zu gelangen.
(will gehn, doch im selben Augenblick tritt Linda Rutlin auf, der d.j.
Golban folgt.)
VIII. Gadman, Sanda, Golban, Linda
Rutlin, d.j. Golban
Golban: Ah, Fräulein Rutlin, Sie können mich
gewiss gleich bei Herrn Aruns melden.
Aber wer ist das?
d.j. Golban:
Vater!
Golban: Mein Herr Sohn!
Er ist nämlich auch einer, der den gewissen "Weg'' geht, den die
"Bibel genau angibt''. Aber das 5. Gebot gibt auch genau den Weg
an. Danach fragen die Herrn nicht, die Kinder zur Missachtung ihrer Eltern
verführen.
d.j. Golban:
Uns hat niemand verführt.
Es wurde im Gegenteil auf das 5. Gebot hingewiesen und uns nahegelegt,
zu unseren Eltern zurückzukehren.
Mehr noch: Da nicht leicht einer den Mut hat, als Erster vorzutreten,
waren insgeheim einige bestimmt worden, zum Schein sich sofort zu melden,
als solche, die nicht mit wollen. Keiner ist ihrem Beispiel gefolgt. Keines
Entschluss geriet ins Wanken.
Es wurden Erlaubnisscheine der Eltern gefordert.
Die meisten haben sie den ihrigen abgetrotzt.
Du Vater hast mich zur Entscheidung gezwungen, darum war ich genötigt,
vorübergehend deinen Namen abzulegen.
Golban: Du wirst morgen mit mir zurückfliegen!
d.j. Golban:
Einem Offizier kannst du nicht befehlen!
Golban: Offizier bist du? Gut, bleibe! Du
wirst es bereuen!
d.j. Golban:
Der Meister sagte heute; es werden bald alle Väter da sein, um sich mit
ihren Kindern zu versöhnen. Dann wirst du mir auch verzeihen.
Golban: Wenn die Väter da sein werden, wird
manches anders kommen, als Herr Aruns glaubt. Wenn du nicht Verstand annimmst,
werde ich dir nie verzeihen!
d.j. Golban:
Verstand habe ich schon angenommen. Aber du verlangst von mir, dass ich
ihn aufgebe. Aber ich werde eher den Geist aufgeben, als den Geist dieser
Idee. (Eilt ab)
(Golban steht einen Augenblick verblüfft da)
Linda Rutlin: Herr Golban, Sie werden den
Meister kaum sofort sprechen können, da er beschäftigt ist. Aber ich werde
Sie ehestens melden.
Golban: Also später! Kommen Sie mit mir,
Gadman?
(Golban und Gadman ab)
IX. Linda Rutlin, Sanda
(Linda Rutlin will ebenfalls abgehn, wird aber von Sanda zurückgehalten)
Sanda: Fräulein Rutlin, bitte, einen Augenblick!
Ich muss mich entschuldigen: Sie werden Ihren Schreibtisch in Unordnung
finden. Ich habe bei Ihnen vergebens ein wichtiges Blatt gesucht.
Linda Rutlin: Ich bin überrascht: wie wenn
ich dort etwas Geheimes aufbewahrt hätte?
Sanda: Sie würden niemand diskreteren finden
können, als mich.
Linda Rutlin: Ist zum Glück nicht nötig.
Was soll das für ein Blatt sein?
Sanda: Die Kopie des chiffrierten Blattes,
dessen Original Pinxar Aruns und dieser Frau Christine übergeben hat.
Linda Rutlin: Von der Existenz eines solchen
Blattes ist mir nichts bekannt.
Sanda: Aber doch: Es betrifft die Posaunen
von Jericho.
Linda Rutlin: (stuzt) Posaunen von Jericho?
Woher wissen Sie davon?
Sanda: Nun muss ich staunen! Wer soll davon
wissen, wenn ich es nicht weiss?
Linda Rutlin: Der Meister hätte zu Ihnen
davon gesprochen?
Sanda: Der Meister, oder ein Anderer. Warum
nicht?
Linda Rutlin: (tut sehr geschickt, als ob
sie ihm glaube)
Wenn Sie davon wissen, so ist das ein Zeichen, dass ich Sie zu den Allervertrautesten
zählen darf. Ich wusste das nicht, und brachte Ihnen bisher -- Sie verzeihen
-- nicht volles Vertrauen entgegen. Aber wer davon weiss, wer also weiss,
wie fest wir stehn, muss verlässlich sein, auch wenn er gerne anders möchte.
Sanda: Ich habe immer bemerkt, dass Sie mich
nicht voll nehmen, konnte mir das nicht erklären, bin aber froh, dass
das nun anders wird.
Nun werden auch wir bald gute Freunde sein. Nicht wahr?
Linda Rutlin: Gewiss; natürlich!
Sanda: Dann darf also auch ich offen zu Ihnen
reden. Es ist nicht allein dieses Blatt, sondern auch der dazugehörige
Chiffrenschlüssel, den ich bei Ihnen gesucht habe. Ich muss beides mit
einem andern Akt zusammen zu Ihnen hinüber gegeben haben. Ich bin in grosser
Verlegenheit, da ich einen Auftrag, den mir Aruns erteilt hat, nicht ausführen
kann. Jetzt wo Sie wissen, dass Sie mir vertrauen können, werden Sie mir
wohl aus der Verlegenheit helfen und mir das Wichtigste aus dem Inhalt
des Blattes mitteilen.
Linda Rutlin: (mit wieder geändertem Ton)
Sie irren, Herr Sanda; ob ich das Blatt kenne oder nicht: Ich hätte nicht
das Recht, jemand, der mein Vertrauen erst so kurze Zeit besitzt, Mitteilungen
zu machen, zu denen ich nicht beauftragt bin. Vertrauen oder Nichtvertrauen
kommen überdies, wie Sie wissen, in dienstlichen Fragen bei uns nicht
in Betracht.
Sanda: (ärgerlich) Und Sie wollen mich deswegen
in dieser Verlegenheit lassen? Das kann ich nicht glauben!
Linda Rutlin: Sie können manches nicht glauben:
das rächt sich jetzt.
Sanda: (zorniger) Nicht bloss manches, sondern
fast alles, was Sie glauben! Aber es wird sich nicht an mir rächen, der |