Der biblischer Weg - Schauspiel in drei Akten von Arnold Schönberg
Synposis

 

Orte der Handlung: »Der erste Akt spielt in Europa, der zweite und der dritte in Neupalästina.«

1. Akt
1. Bild, 1. Szene: Das erste Bild spielt im Vorraum des Direktionsgebäudes der Neupalästina-Bewegung, es wird gerade ein Sportfest vorbereitet. Ein erstes Gespräch entwickelt sich zwischen Tamlan, einem Anhänger der Neupalästina-Bewegung und dem jungen Golban, der sich als typischer »Geistesjude« entpuppt, der jegliche körperliche Betätigung ablehnt. Diese erste Szene führt sogleich in das Zentrum des Schauspiels, indem sie zwei jüdische Archetypen und ihre antipodischen Standpunkte vorstellt: Den rein intellektuellen Geistesjuden, dem Handlungen, sobald sie die zerebrale Ebene übersteigen, fremd sind, und den »modernen Juden«, der nur ein Ziel kennt, nämlich die »Wiederaufrichtung der jüdischen Selbständigkeit« in einem eigenen Staat.
2. Szene: Man erhält Einblick in den erheblichen Umfang der Neupalästina-Bewegung und ihre militärische Organisation.
3. Szene: Hier wird indirekt bereits eines der zentralen Probleme des »Biblischen Wegs« angeschnitten: die jüdische Uneinigkeit. Zwei Anhänger Aruns' (Linda Rutlin und Kolbief) unterhalten sich über mutmaßliche Gegner der Bewegung.
4. Szene: Beschreibt die innerjüdischen Spannungen und Gegensätze, erstmals wird über die Voraussetzungen und Ideale der Neupalästina-Bewegung gesprochen. Die Frage nach der geistigen Führung kommt auf. Ein enthusiastisches Bekenntnis zur neuen Bewegung und offene Gegnerschaft werden gegenübergestellt, die Überzeugung der Anhänger dominiert bei weitem - die Neupalästina-Bewegung soll die »alten Ideologien« ablösen.
5. Szene: Golban und Gadman, zwei Gegner Aruns' diskutieren die angeblichen Widersprüche der geplanten Staatsgründung, die Szene verweilt beim Problem der jüdischen Uneinigkeit, sie verdeutlicht, daß Widerstände gegen die Neupalästina-Bewegung nicht nur außerhalb des Volkes sondern auch innerhalb des Judentums bestehen. Die Szene gipfelt in einer offenen Verschwörung gegen die Bewegung, offensichtlich gibt es auch in der nächsten Nähe Aruns' Gegner.
6. Szene: Sie verdeutlicht die Spannungen und Uneinigkeit auch unter den Überzeugten selbst, sie fürchten die »alten Ideologien«, die Macht des Kapitals und den Widerstand der Welt.
7. und 8. Szene: Man erhält Aufschluß über die Führung der Neupalästina-Bewegung. In einem Gespräch mit Jonston, einem idealistischen Anhänger der Bewegung, und dem Skeptiker Sanda kommt der unbedingte Führungsanspruch Aruns' zum Tragen, Kritiker werden als Gegner bezeichnet. Aruns, als der »Auserwählte«, welcher den Gedanken des israelitischen Staates neu geprägt habe, könne nicht irren.
9. und 10. Szene: Das erste Bild endet mit dem ersten Auftritt Aruns', er und Pinxar diskutieren über Probleme der religiösen Grundlagen der Neupalästina-Bewegung.

2. Bild: »Ein Fest- und Sportplatz auf einem Berg in den Alpen.«
1. Szene: Vorbeimarsch der Sportjugend, der Aufbau der Szene ist militärisch, mit dem Charakter einer Massenszene.
2. Szene: Sandas Distanz zur Bewegung wird immer augenscheinlicher, die geplanten Maßnahmen der Gegner werden angesprochen, vor allem über Kapital wird dabei diskutiert. Aruns selbst scheint auf innerjüdische Widerstände vorbereitet zu sein und bietet Sanda sogar an, seine Bedenken öffentlich vorzutragen.
3. Szene: hier wird Linda Rutlins Glauben an das Charisma Aruns' in den Mittelpunkt gestellt, sie legt stellvertretend für die Anhänger der Neupalästina-Bewegung dar, wodurch deren Verhältnis zum Meister bestimmt werde: sie folgen ihm blind, ihre Anhängerschaft ist nicht durch rational faßbare Argumente zu begreifen. Aruns wird zu einer Führergestalt idealisiert, denn er hat den Glauben, und nur er kann die Idee ausführen und dem Volk den »biblischen Weg« zeigen.
5. Szene: Aruns hat einen Verräter, Sanda, der mit den Gegenparteien in Verbindung steht, selbst in die Bewegung aufgenommen, die Unfehlbarkeit des Meisters hat somit ihren ersten Gegenbeweis gefunden.
6. Szene: Sie gibt Aufschluß darüber, warum Aruns vorerst nicht Palästina, sondern Ammongäa als Heimstatt anstrebt - es ist nur als Vorstufe zu dem eigentlichen Einzug in das gelobte Land gedacht, Setouras' widerspricht. Einmal mehr wird der Konflikt zwischen Aruns und den orthodoxen Palästina-Anhängern hervorgehoben: die Orthodoxie vertraut allein auf die Verheißung und lehnt den »biblischen Weg« Aruns' ab.
7. Szene: Palästina und Jerusalem, das verheißene Land, bleiben dennoch das Ziel allen Strebens Aruns', Neupalästina ist nur die Vorstufe zur endgültigen Erfüllung. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, daß die Bewegung nicht ohne ihre vorläufigen Gegner auskommen kann: Aruns' muß die Orthodoxie von der Richtigkeit seines Weges überzeugen, auch das Großkapital soll in das Neupalästina-Projekt miteinbezogen werden.
8. Szene: Die Katastrophe bereitet sich in Aruns' eigenen Reihen vor, Sanda versucht Christine, Aruns' Frau, auf seine Seite zu ziehen
10. Szene: Eine programmatische Rede Aruns' an das Volk Israel, ein glühendes Bekenntnis zu dem neuerwachenden jüdischen Bewußtsein.

2. Akt
»Ansiedlungs-Centrale in Neupalästina.«
Anscheinend hat die Einwanderung mittlerweile entscheidende Fortschritte gemacht, der Neupalästina-Traum scheint seine Erfüllung gefunden zu haben, Aruns konnte seine Leute in das eigene Land führen.
1. Szene: Aruns diktiert einen Brief an den Hohepriester Asseino, in welchem er ihn bittet, Neupalästina seinen Segen zu erteilen. Der Vertragsschluß mit Ammongäa steht kurz bevor, Aruns wähnt sich am Ziel, er denkt an den Aufbau eines Staates, die Ziele der Gesetzgebung.
2. bis 4. Szene: Neue Schwierigkeiten entstehen: Christine will Aruns verlassen, erste Sprachschwierigkeiten machen sich im Lager bemerkbar, die Aruns militärisch abwiegeln will, auch die Strahlenwaffe scheint in Gefahr, da ihr Erfinder und Überbringer, General Pinxar, aufgehalten wurde.
5. Szene: Der Spion Sanda will Aruns' Frau für seine Sache gewinnen, um in den Besitz des Geheimnisses der Strahlenwaffe zu gelangen.
6. Szene: Die Verschwörung, deren Entstehung durch die Einflußnahme des Großkapitals nun offenbar wird (Golbans Mitwirkung), wird von Sanda direkt in die Zentrale der Bewegung getragen. Das Problem der jüdischen Uneinigkeit gewinnt von Szene zu Szene immer größere Bedeutung.
8. Szene: Bruch zwischen Golban und seinem Sohn, die sich beide in den gegnerischen jüdischen Lagern exponieren, dies ist ein Zeichen dafür, daß die Zersplitterung des Judentums sich bis in die Familien hinein fortsetzt.
9. Szene: In einem Gespräch, das Sanda mit Linda Rutlin führt, in dem er versucht, auch sie auf die gegnerische Seite zu ziehen, klingt an, daß Kaphira, der Gesandte des Kaisers von Ammongäa, mutwillig für Neupalästina bestimmte Lebensmitteltransporte aufhält, die Treue der angeblichen Verbündeten wird somit in Frage gestellt.
11. Szene: Golban unterbreitet Aruns im Namen des Großkapitals Bedingungen, auch die »Intelligenz« zeigt wenig Opferbereitschaft. Noch vor der endgültigen Unterzeichnung des Vertrages mit Ammongäa, entpuppt sich die innere Gespaltenheit des Judentums als größter Feind der Bewegung.
13. Szene: Zugleich scheint die Gefahr von außen zuzunehmen, die Strahlenwaffe ist noch immer nicht eingetroffen. Aruns kommen erste Zweifel, er spürt, daß sich sein Ziel in großer Gefahr befindet. Doch nur die Einigung kann eine endgültige Lösung bringen, der Erfolg gegen jüdische Gegner wäre kein wirklicher Erfolg.
14. Szene: Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, Aruns' Frau ist mit Sanda entflohen. Aruns' bekennt sich erneut zu seinem Werk und zu seinen Zielen, den Verlust der Frau deutet er als Symbol für die Aufgabe aller ehemaligen Verbindungen. Dennoch kommen ihm ernsthafte Zweifel - der innere Konflikt und der Verfall der Glaubensstärke Aruns' ist eingeleitet.

3. Akt
1. Szene: Unruhe breitet sich unter den Ansiedlern aus, die Lebensmitteltransporte treffen nicht ein, von Pinxar kommt keine Nachricht. Durch militärisches Eingreifen sollen Ruhe und Disziplin erzeugt werden, der Autoritätsanspruch des neuen Staatsapparates macht sich bemerkbar. Kaphira, der Abgesandte Ammongäas entpuppt sich als heimlicher Gegner der Bewegung, er trägt tatsächlich die Verantwortung für das Ausbleiben der Lebensmitteltransporte und damit die Unruhe im Lager. Zudem ist die Vertragsunterzeichnung in Frage gestellt, da sie vom Eintreffen der Strahlenwaffe abhängig gemacht wird, auch hier scheint Kaphira die Verantwortung zu tragen. Die Unruhe unter den Siedlern nimmt zu.
2. Szene: Die Verhaftung des alten Golban offenbart die radikale Härte der neuen Führung.
3. Szene: Sie bringt das große Gespräch zwischen Aruns und dem Hohepriester Asseino und führt in das Zentrum des Schauspiels, da hier die gedanklichen Voraussetzungen für das Handeln Aruns' ausgebreitet werden.
4. Szene: Nachdem der innere Zusammenbruch vorbereitet wurde, ist auch der äußere Zusammenbruch unaufhaltsam: Sanda kennt mittlerweile das Geheimnis der Strahlenwaffe und prophezeit deren Verlust, auch würden bald alle Lebensmittel ausbleiben. Aruns hofft noch immer auf die Rettung seiner Waffe, andernfalls wäre sein Projekt verloren. Noch am Ende der Szene wird in Erfahrung gebracht, Pinxar sei tot, die Strahlenwaffe verloren. Damit wäre Neupalästina aber seiner politischen und militärischen Machtgrundlage beraubt und zum Untergang bestimmt.
6. Szene: Aruns' Schicksal erfüllt sich, er verliert die Macht, seine Vorstellungen eines freien jüdischen Staates zu verwirklichen.
7. Szene: Aruns wird von einer aufgebrachten Menge jüdischer Auswanderer getötet, im Sterben bekennt er sich zu den Vorbehalten Asseinos.
9. Szene: Mit dem Scheitern Aruns' bahnt sich eine Lösung des religiös-politischen Konfliktes an: Sein Tod als Zeichen, für die unabdingbare Hingabe an das Ziel der Befreiung Israels, bewirkt eine plötzliche Veränderung der Situation: das Opfer Aruns' läßt das im Scheitern begriffene Neupalästina-Projekt neu aufleben. Guido tritt die Nachfolge Aruns' an.
10. Szene: Die Strahlenwaffe konnte durch eine List Pinxars noch gerettet werden, so daß die Verschwörung zusammenbricht. Letzte Szene: Aruns' Idee wird erfüllt. Die Strahlenwaffe gibt Neupalästina die Macht, Bedingungen am Ammongäa zu stellen und seine Grenzen zu sichern. Nun ist auch Asseino von den Zielen der Bewegung überzeugt und bekennt sich zu Neupalästina, in Aruns' Tod sieht er die Erfüllung des göttlichen Gedankens. Die Einigung des jüdischen Volkes scheint bevorzustehen und Guido nutzt den Augenblick des Triumphes um die Verbundenheit des Volkes mit Gott auszusprechen.

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