| Toter Winkel Über seinen kompositorischen Standpunkt zu Endes des letzten Jahrhunderts schrieb Schönberg rückblickend: »Während dieses Werk [Streichquartett D-Dur] noch stark unter dem Einfluß von Brahms und Dvorák stand, trat eine plötzliche Wende zu einer ›fortschrittlicheren‹ Kompositionsweise ein. Mahler und Strauss waren auf der Musikszene erschienen, und ihr auftreten war so faszinierend, daß jeder Musiker sofort gezwungen war, Partei zu ergreifen, pro oder contra. Da ich damals erst dreiundzwanzig Jahre alt war, sollte ich leicht Feuer fangen und damit beginnen, symphonische Dichtungen in einem ununterbrochenen Satz vom Umfang der durch Mahler und Strauss vorgegebenen Modelle zu komponieren. Eine von ihnen, die ich nicht beendete, war Hans im Glück (ein Grimmsches Märchen). Höhepunkte dieser Periode waren die Verklärte Nacht op. 4 und Pelleas und Melisande op. 5.« (Bemerkungen zu den vier Streichquartetten) Ein weiteres - aus 34 Takten bestehendes - Fragment, daß in diesen Zusammenhang gehört, von Schönberg jedoch nicht erwähnt wird, ist das Streichsextett »Toter Winkel«, es ist sein frühester Entwurf einer sinfonischen Dich-tung. Ihm vorangestellt ist ein Gedicht von Gustav Falke, eine düstere Naturbeschreibung. Die Konzeption für eine Streichsextettbesetzung, aber auch zahlreiche Details, wie z.B. die simultane Kombination von gedämpfter und ungedämpfter Spielweise oder die Verwendung von figurativen Elementen wie Doppelschlag und Wechselnoten innerhalb der Motivik, verbinden das Werk mit der im Jahr darauf komponierten »Verklärten Nacht«, als dessen unmittelbarer Vorläufer es angesehen werden kann. Iris Pfeiffer © Arnold Schönberg Center |
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