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Gustav Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen (1920)
Bearbeitung für kleines Ensemble
Einführung
Die genaue Entstehungszeit der »Lieder eines fahrenden Gesellen« ist kaum
eindeutig zu bestimmen, vermutlich aber wurden sie während Mahlers Tätigkeit
in Kassel zwischen Ende 1883 und Anfang 1885 niedergelegt. Die Unsicherheiten
bei der Datierung haben ihren Grund: zum einen ist ungeklärt, ob Mahler
die Texte selbst, in Anlehnung an Gedichte aus »Des Knaben Wunderhorn«
oder an eine seinerzeit populäre Gedichtsammlung des Schriftstellers Rudolf
Baumbach, verfaßte, zum anderen entstanden Textbearbeitung und Komposition
ebenso wie eine Orchester- und eine Klavierfassung zum Teil parallel.
Mahler verwendete zum Befremden eines zeitgenössischen, bürgerlich-aufgeklärten
Publikums vermeintlich naive, zum Teil als banal empfundene Volksdichtungen.
Die »Humoresken«, wie Mahler seine Lieder später bezeichenderweise nannte,
obwohl sie vom Leid eines in der Fremde wandernden Liebenden - in deutlicher
Parallele zu Schuberts »Winterreise« - künden, zeigen in vielgestaltigem,
oftmals verstörendem Nebeneinander Trauer und Freude, sentimentale Emotion
und bittere Ironie; daß sich zwischen solchen Gegensätzen im Werk weder
eine aufgenötigte Kausallogik noch psychologische Begründungszwänge ausbilden
wollen, verhindert die Glättung des Volkstones zur künstlichen »belle
nature«. Das beständige Umarbeiten war für Mahler, der auch darin allzu
einsinnigen und paßgerechten Lösungen mißtraute, Strategie: Die beiden
Fassungen (zu je vier Liedern), die er 1897 publizierte, weichen nicht
nur in der Instrumentation (hier für Gesang und Klavier, dort für Gesang
und Orchester) voneinander ab, sondern auch in wichtigen kompositorischen
Einzelheiten. Es handelt sich mithin nicht um ein im Particell abgeschlossenes,
nachträglich orchestriertes Werk, sondern um eine Komposition, die sich
den spezifischen Bedürfnissen des jeweiligen Klangkörpers anpaßt - und
darin wesentlich auf die gesamte Satzstruktur zurückwirkt.
Als Gustav Mahler seine »Lieder eines fahrenden Gesellen« schrieb, ging
der vierzehn Jahre jüngere Schönberg noch zur Schule und unternahm gerade
seine ersten Kompositions-versuche. Möglicherweise war die nachgerade
grenzenlose Verehrung, die Schönberg in späterer Zeit für den Menschen
und Künstler Mahler entwickelte, jener Grund, aus dem er - 35 Jahre später
und trotz mancher Divergenzen in künstlerischen Fragen - die Kammerfassung
der »Gesellen«-Lieder selbst anfertigte, deren Uraufführung am 6. Februar
1920 im 43. Konzert des »Vereins für musikalische Privataufführungen«
stattfand. Denn zumeist wurden im Verein Orchesterwerke aus pragmatischen
Gründen in Fassungen für ein oder zwei Klaviere gespielt, und anderweitige
Bearbeitungen deligierte Schönberg häufig an seine Schüler. Mahlers umfangreicher
Orchestersatz, der laut Schönberg nicht instrumentiert, sondern »für Orchester
erfunden« ist, sollte dabei in ein Werk für zehn Instrumente umgeschrieben
werden. Für die Bearbeitung stellte Schönberg keine neue Partitur her,
sondern trug seine Klangvorstellungen unmittelbar in die Noten der Erstausgabe
ein. Er markierte so die bestehenden Stimmen mit den neuen Instrumentenbezeichnungen,
wobei etwa die Tasteninstrumente Harmonium und Klavier aus praktischen
Erwägungen oftmals den Bläser- und Harfenpart übernahmen. Dennoch entsteht
insgesamt nie der Eindruck einer schematischen Vorgehensweise: Der Charakter
jeder einzelnen Partie zeigt sich differenziert und flexibel nachgezeichnet,
was oftmals etwa zu feingliedrig schattierten Instrumentenwechseln innerhalb
einer einzigen Melodielinie führt. Durch die reduzierte Fassung tritt
vor allem das thematisch-motivische Gewebe der Komposition pointierter
in den Vordergrund, ganz im Sinne von Schönbergs Anspruch an die »fast
beispiellose Sachlichkeit« und Ökonomie des Mahlerschen Klangbildes. Es
handelt sich bei der Kammerfassung der »Gesellen«-Lieder kaum um eine
Neuinterpretation des Werkes. Vielmehr war es die Absicht des Mahler-Verehrers
Schönberg, den originalen Klang verlustlos in ökonomischere Verhältnisbestimmungen
zu übertragen. Bereits in seiner Gedenkrede auf Mahler von 1912 hatte
Schönberg selbstbewußt erkannt, wie man einem Vorbild dann am nächsten
kommt, wenn man darum bemüht ist, gleichsam im anderen bei sich selbst
zu sein: »Der Nachfolger setzt nicht nur den Inhalt, sondern auch die
Intensität fort, das Erbe stets in entsprechendem Maße vermehrend. Diese
Erbschaft verpflichtet, aber sie wird nur jenen auferlegt, die sie tragen
können.«
Therese Muxeneder
© Arnold Schönberg Center
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