 |
|
|
|
|
|
|
|
|
Konzert für Violoncello und Orchester (D-Dur) (nach dem Concerto per
Clavicembalo von Matthias Georg Monn, komp. 1746) (in freier Umgestaltung)
(19321933)
Einführung
Während der Diskussion Arnold Schönbergs mit Eberhard Preussner und dem
Musikkritiker Heinrich Strobel im Berliner Rundfunk (1931) warf letzterer
dem Komponisten vor, seine Musik sei zwar fremdartig, aber nicht »neu«.
Schönberg entgegnete hierauf: »Absolut Neues gibt es nicht! Das relativ
Neue aber wurzelt in der Tradition, und es ist für mich nur angenehm,
wenn man das - wenn auch auf diesem Umweg - erkennt.« Schönbergs Bestreben,
seine Musik aus der Tradition heraus verständlich zu machen, manifestierte
sich vor allem in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren in zahlreichen
Texten, so etwa im Prager Vortrag »Neue Musik, veraltete Musik, Stil und
Gedanke« (1930). Musikalischen Ausdruck fand dieses Bemühen zudem in einigen
Bearbeitungen von Werken älterer Komponisten: der »Umgestaltung« des Cellokonzerts
nach dem D-Dur-Cembalokonzert von Matthias Georg Monn (1932/33), der Bearbeitung
für Streichquartett und Orchester von Georg Friedrich Händels Concerto
grosso in B-Dur op. 6 Nr. 7 (1933), der Orchesterbearbeitung von Johannes
Brahms' Klavierquartett g-Moll op. 25 (1937) sowie eine fragmentarisch
gebliebene Umarbeitung von Johann Sebastian Bachs Gambensonate für Violoncello
und Orchester (1939). Mit der Bearbeitung des Cembalo-Konzertes von Monn
griff Schönberg auf ein für ihn bereits bekanntes Stück zurück, 1911/12
hatte er durch Vermittlung Guido Adlers dafür eine Generalbaßaussetzung
für die Denkmäler Österreichischer Tonkunst erstellt. Den unmittelbaren
Anlaß für die erneute Auseinandersetzung mit dem Werk hatte eine Anregung
des spanischen Cellisten Pablo Casals gegeben, der schon 1913 das ebenfalls
von Schönberg mit einer Generalbaßaussetzung versehene g-Moll-Konzert
von Monn zur Aufführung gebracht hatte. Über Schönbergs erste Überlegungen
gibt ein vermutlich im Winter 1931/32 in Barcelona verfaßter Briefentwurf
an Casals Aufschluß: »Sie fragten mich gestern, ob ich denn nicht ein
Violoncell-Stück schreiben würde. Ich antwortete Ihnen: ich habe oft daran
gedacht und es x-mal vorgehabt. Ich hätte Ihnen auch sagen können: ich
hätte nämlich eben vorhin wieder daran gedacht, weil mir Ihr Spiel fabelhafte
Lust dazu gemacht hatte; und weiter, welche Pläne ich habe. [...] Ich
will kurz einige andeuten: 1. Eine Phantasie über ein Bach-Stück (ein
schönes Adagio oder Menuett Gavotte oder dgl.) eventuell in Variationenform;
oder 2. Eine Klavier-Suite oder eine Trio-Sonate oder dgl. cellomäßig
umdeuten. 3. Eine dieser Arbeiten entweder a) für Cello Solo oder b) [für]
Cello mit Klavier oder c) [für] Cello mit Orchester.« Zur Komposition
des Werkes - übrigens ist es das letzte in Berlin entstandene - kam es
allerdings erst etwa ein Jahr später, zwischen dem 11. November 1932 und
dem 4. Januar 1933. Über den Charakter des Konzertes schrieb Schönberg
Casals: »Ich glaube, es ist ein sehr brillantes Stück worden. Jedenfalls
habe ich mir wegen des Klanges ganz besondere Mühe gegeben und bin sehr
zufrieden damit. Das Stück ist in gewisser Hinsicht weniger solistisch,
als ein Konzert von Monn wäre; denn sehr oft ist die Funktion des Cellos
etwa die eines Solisten in einer Kammermusik, durch dessen brillantes
Spiel ein sehr schöner, interessanter Klang entsteht. Im übrigen war es
meine Hauptsorge, die Mängel des Händelstils [...] zu beseitigen. So wie
Mozart es mit dem Messias von Händel getan hat, so habe auch ich hier
ganze Hände voll Sequenzen (Rosalien, ›Schusterflecke‹) entfernt und durch
echte Substanz ersetzt. Dann habe ich mich bemüht, den andern Hauptmangel
des Händelstils zu bekämpfen: dort ist nämlich das Thema immer beim ersten
Auftreten am besten und wird im Lauf des Stückes immer unbedeutender und
geringer. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, das Ganze etwa dem Stil
Haydns zu nähern. In harmonischer Hinsicht gehe ich manchmal ein wenig
(manchmal auch etwas mehr) über diesen Stil hinaus. Nirgends aber geht
es wesentlich weiter als Brahms, jedenfalls gibt es keine Dissonanzen,
die nicht im Sinn der älteren Harmonielehre zu verstehen sind; und: nirgends
ist es atonal!« (20. Februar 1932)
Die »freie Umgestaltung« - wie es im Titel des Werkes heißt - von Monns
Komposition geht weit über die Grenzen dessen hinaus, wie Schönberg es
1911/12 behandelt hatte. Seine Eingriffe entsprechen auf den ersten Blick
zwar den gängigen Verfahren: Umstellungen, Streichungen, Interpolation
einzelner Takte oder Abschnitte, harmonische Bereicherung durch Klangfarben;
Schönberg beschränkte sich jedoch nicht darauf, Note für Note in seine
Partitur zu übertragen, sondern fügte vielmehr neue Stimmen hinzu und
komponierte ganze Abschnitte des Werkes neu. So hat etwa der erste Satz
bei Monn nur 84 Takte, in Schönbergs Fassung sind es hingegen 97 Takte.
Eine weitere wesentliche Änderung gegenüber der Vorlage realisierte Schönberg
auf dem Gebiet des Klanges, der ihm, wie im Brief angedeutet, besonders
wichtig war. In diesem Zusammenhang ist auch die einschneidende Änderung
der Instrumentation zu sehen: Das Cembalo wird gegen das Solocello eingetauscht,
und an die Stelle des dreistimmigen Streichersatzes mit Continuo bei Monn
tritt nun ein modernes Symphonieorchester mit umfangreichem Schlagwerk
sowie Celesta und Harfe. Dabei betrachtete er den Cellopart solange »als
Entwurf, als Skizze [...], als Sie [Casals] der Meinung sind, dass etwas
nicht gut klinge oder nicht gut liege.« (Brief vom 16. März 1932) Schönbergs
»Umarbeitung« zielte damit deutlich auf eine »Verbesserung« der Vorlage:
Ihn störten an Monn vor allem die »Mängel des Händelstils«, an dem er
kritisierte, daß »der Kontrapunkt des letzteren dürftig und einfach, und
seine Nebenstimmen [...] wirklich minderwertig [seien].« (»Neue Musik,
veraltete Musik, Stil und Gedanke«) Das Projekt einer gemeinsamen Uraufführung
mit Pablo Casals - Schönberg hatte dies in seinem Brief vom Februar vorgeschlagen
- sollte sich indes nicht verwirklichen. Casals begann zwar sofort mit
der Einstudierung des Werkes, war jedoch skeptisch in Hinsicht auf eine
baldige Aufführung, die Schönberg - mit Blick auf die politische Situation
- forcieren wollte. »Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich unentwegt am Konzert
von Monn arbeite - ich habe noch nie ein so schwieriges Werk studiert
und - um Ihnen meine Bewunderung zu bezeugen - die Schwierigkeiten sind
so vielfältig, daß es zuviel gesagt wäre, den Zeitpunkt festzulegen, wann
das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann«. (Brief von Casals,
22. Juli 1933). Letztendlich wurde das Werk erst zwei Jahre später in
London mit dem Solisten Emanuel Feuermann zu Gehör gebracht - in Abwesenheit
Schönbergs.
Iris Pfeiffer
© Arnold Schönberg Center
|