 |
|
|
|
|
|
|
|
|
Arnold Schönberg: Die Jakobsleiter. Oratorium (nach einer
Dichtung des Komponisten) für Soli, Chöre und Orchester (19161917)
Einführung
»Es ist die Möglichkeit, daß ich einsehen muß, nicht mehr in der Lage
zu sein, die ‚Jakobsleiter' zu Ende zu komponieren.« Als Arnold Schönberg
wenige Wochen vor seinem Tod (Freitag, 13. Juli 1951) in einem Brief an
den ehemaligen Schüler Karl Rankl resignativ von der Aufgabe seiner Kompositionspläne
zur »Jakobsleiter« spricht, setzt er den Schlußpunkt hinter einen schaffenschronologisch
komplexen Werktorso, dessen Ursprung zu diesem Zeitpunkt bereits vier
Jahrzehnte zurückliegt.
Die Genesis der »Jakobsleiter« als zentraler Komposition der Schönbergschen
»Weltanschauungsmusik« zwischen 1908 (II. Streichquartett op. 10 mit den
George-Vertonungen »Litanei« und »Entrückung«) und 1923 (Serenade op.
24 mit dem Sonett aus den »Canzoniere« von Petrarca) als Ästhetik der
Grundfragen menschlicher Existenz und der Kunstreligion läßt sich anhand
des autographen Werkstattmaterials aus dem Nachlaß des Komponisten sowie
einer umfangreichen Korrespondenz innerhalb des Wiener Schüler- und Freundeskreises
um Arnold Schönberg weitgehend lückenlos präzisieren: Dem Oratorium vorausgegangen
waren Pläne zu einer großangelegten Symphonie für Soli, Chor und Orchester
mit der »Jakobsleiter« als letztem Satz - eine konzeptionelle Anknüpfung
an Gustav Mahlers 8. Symphonie mit den Implikationen einer von den Fesseln
der Tonalität emanzipierten Klangrede. Die Symphonie wiederum ist dem
Plan der Vertonung von Honoré de Balzacs Roman »Seraphita« (bzw. des letzten
Kapitels »Seraphitas Himmelsfahrt«) rückverbunden, mit dessen Nachdichtung
Schönberg ursprünglich die Wiener Ärztin Marie Pappenheim, Librettistin
seines Monodrams »Erwartung« op. 17 (1909), beauftragt hatte (»ich will
doch lieber Seraphita komponieren, die die Pappenheim für mich jetzt bearbeitet«,
Brief an Alexander Zemlinsky vom 21. November 1913). Eine im Jahr zuvor
initiierte Zusammenarbeit mit Richard Dehmel an einem Oratorium ließ sich
ebensowenig realisieren. Schönberg schrieb den Text schließlich selbst.
Das erste erhaltene Dokument mit Bezug auf den »Jakobsleiter«-Stoff ist
ein Brief Schönbergs an seinen Schüler Alban Berg vom Frühjahr 1911, in
dem er ihm vom Plan zur Vertonung des Fragments »Jakob ringt« aus August
Strindbergs »Legenden« berichtet. In Berlin verdichtete sich in Schönberg
allmählich die ursprüngliche Oratoriumsidee zum Konzept eines monumentalen
Bühnenwerks. Parallel dazu beschäftigte sich Schönberg mit dem »Drama
mit Musik« »Die glückliche Hand« op. 18, welches den Versuch einer Umsetzung
psychischer Erlebnisse in ein visuell-szenisch-musikalisches Gesamtkunstwerk
darstellt.Der im Kontext einer persönlichen Begegnung von Arnold Schönberg
und Richard Dehmel in Hamburg im Herbst 1912 begonnene Briefwechsel mit
dem Dichter legt ein beredtes Zeugnis über die Beschäftigung Schönbergs
mit dem Oratorium und seinem Wunsch ab, Dehmel als Librettisten zu gewinnen.
Richard Dehmel sah sich indes außer Stande, dem Wunsch Schönbergs nach
einem neuen Libretto nachzukommen, bot alternativ jedoch einen früher
entstandenen Text mit dem Titel »Oratorium natale« (»Schöpfungsfeier«)
an. Bedingt durch die Orchestrierung der »Glücklichen Hand« sowie die
Komposition der Vier Orchesterlieder op. 22 (darunter »Seraphita« nach
Ernest Dowson/Stefan George) mußte der Oratoriumsentwurf bis Ende 1914
beiseite gelegt werden, ehe sich Schönberg dem Projekt mit einem neuen
Formkonzept wieder zuwenden konnte: einer (Programm-) Symphonie, die aus
den Sätzen »Lebens-wende«, »Lebenslust«, »Schöpfungsfeier« (Richard Dehmel),
einem Zwischenspiel und einem Psalm im ersten Teil sowie den Abschnitten
»Totentanz der Prinzipien« und »Glauben des Desillusionierten« (mit Bibelzitaten)
im zweiten Teil bestehen sollte. In einem ungedruckten Artikel aus Schönbergs
Nachlaß findet sich zudem der Hinweis: »I had made plans for a great symphony
of [which] the Jakobsleiter should be the last movement. I have sketched
many themes, among them one for a scherzo which consisted of all the twelve
tones.«
Unmittelbar nach Abschluß der Dichtung »Totentanz der Prinzipien« am 15.
Januar 1915 begann Schönberg mit dem Text zur »Jakobsleiter« der im frühen,
mit »18/1. 1915« datierten werkgenetischen Stadium die Thematisierung
der »Vereinigung nüchtern, skeptischen Realitätsbewußtseins mit dem Glauben«
vorsah. Die am 4. Mai 1915 begonnenen musikalischen Skizzen deuten schließlich
darauf hin, daß Schönberg bereits zu diesem Zeitpunkt an eine Trennung
des Stoffes in eine instrumentale Symphonie und ein Vokalwerk auf den
»Jakobsleiter«-Text gedacht hatte. Im Herbst 1915 kehrte Schönberg nach
Wien zurück und rückte im Dezember zum k.k. Regiment Hoch- und Deutschmeister
Nr. 4 ein. Nach der Enthebung vom Militärdienst und der erneuten Beschäftigung
mit den Orchesterliedern op. 22 wandte er sich im Frühjahr 1917 wieder
dem Text zur »Jakobsleiter« zu, dessen Reinschrift mit 26. Mai 1917 datiert
ist. Anton Webern schrieb seinem Lehrer schließlich: »Wie freue ich mich
auf die ‚Jakobsleiter.' Wie schnell hast du die Dichtung vollendet. [...]
Ich weiß, daß was ich in ihr zu verstehen im Stande sein werde mir alles
auf der Welt in neuem Lichte zeigen wird.« (Brief vom 13. Juni)
Nach weiteren musikalischen Skizzen Anfang Juni 1917 nahm Schönberg Korrekturen
an der Dichtung vor und setzte am 19. Juni mit dem Particell der nunmehr
vom Symphonie-Fragment abgespaltenen Komposition fort. Zu diesem Zeitpunkt
dachte er bereits über eine szenische Realisation nach, für die er Adolf
Loos als Bühnenbildner gewinnen wollte. Bis zum September 1917 (neben
der Datierung weiterer Skizzen mit 19. September findet sich die Eintragung
»Einrücken zum Militär« über Gabriels Text »So ist dein Ich gelöscht«)
entsteht ein großer Teil des Fragments (Takte 1 - 601) als Erstniederschrift
in Particellform: »[Erwin] Stein schrieb mir, daß du sehr viel arbeitest.
Daß die Jakobsleiter bis zum ‚Auserwählten' ganz fertig ist. Es kommt
mir als ein Wunder vor. Bei diesen Sorgen bist du das im Stande!« (Webern
an Schönberg, 12. September 1917) Im Herbst veröffentlichte die Universal
Edition den Text der »Jakobsleiter« in zwei Ausgaben (»gew[öhnliche]«
und »Büttenausgabe«). Anton Webern berichtete am 5. Oktober: »Nach dem
Furchtbaren der letzten Wochen sind mir diese Worte eine Erlösung. [...]
Durch dein Werk ist sonnenklar geworden, was das Menschenschicksal ist.«
Auch Schönbergs Schwager Alexander Zemlinsky äußerte sich hymnisch über
das neue Werk seines ehemaligen Schülers: »Die 2 großen Reden Gabriels
im 1. Lesen als das Schönste! Verblüffend für mich auch: die formale Gestaltung:
unerhörte Knappheit des Ausdruck[s], dann wieder die Schönheit der Sprache.«
(Oktober 1917) Musikalische Skizzen von Anfang Dezember 1917 enthalten
den handschriftlichen Randbemerk von Schönbergs erneuter Enthebung vom
Militärdienst, die aufgrund dessen schlechter gesundheitlicher Verfassung
erfolgt war. Gegenüber Zemlinsky äußerte er sich am 20. Dezember über
die Schwierigkeiten, an der Komposition wieder anknüpfen zu können: »Eine
solche Unterbrechung ist so unnatürlich, daß ich mich schwer wieder ins
Geleise finde.« Weitere Entwürfe entstanden im Januar 1918, ehe die »Jakobsleiter«
aufgrund pädagogischer Verpflichtungen an den »Schwarzwald'schen Schulanstalten«
für einen längeren Zeitraum beiseite gelegt werden mußte.
Nach einer Lesung des »Jakobsleiter«-Textes beim Verein durch Wilhelm
Klitsch griff Schönberg Ende Juni 1921 mit Skizzen zum zweiten Teil den
Entwurf wieder auf. Eine intensivere Beschäftigung fand im Frühjahr 1922
statt, als er an Schlußchor, Chor- und Orchesterverteilung arbeitete und
mit der Ausbildung neuer Formprinzipien, welche schließlich die »Methode
der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« markierten,
etwa zeitgleich eine neue Epoche der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts
einleitete. Inwieweit die vorläufige Zäsur in der Beschäftigung mit dem
»Jakobsleiter«-Oratorium (weitere Skizzen datieren mit April sowie Juli
1922) mit dem im Vorjahr stattgefundenen »Mattsee-Ereignis« (einem antisemitischen
Pogrom in der Salzburger Sommerfrische, das die Vertreibung jüdischer
Gäste - darunter Schönberg - zur Folge hatte) in Verbindung zu bringen
ist, muß Spekulation bleiben. Fest steht, daß die durch zeit- und gesellschaftspolitische
Zusammenhänge initiierte, forcierte Thematisierung jüdischer Identität
die Periode der theosophischen und esoterischen Reflexion auf ästhetischer
Ebene beendete und erst nach Schönbergs Weggang aus Österreich im Opus
magnum »Moses und Aron« sowie dem zionistischen Drama »Der biblische Weg«
eine neue künstlerische Sublimierung erfuhr. Schönberg bekannte indes,
den Stoff der »Jakobsleiter« als Gleichnis für das Ringen des modernen
Menschen um den Glauben, als Sinnbild einer aktuellen Problematik aufzufassen:
»[V]ielleicht war das Ärgste doch die Umstürzung all dessen, woran man
früher geglaubt hat. [...] Was ich meine, würde Ihnen am besten meine
Dichtung ‚Jakobsleiter' (ein Oratorium) sagen: ich meine wenn auch
ohne alle organisatorischen Fesseln die Religion. Mir war sie in
diesen Jahren meine einzige Stütze es sei das hier zum erstenmal
gesagt.« (Brief an Wassily Kandinsky vom 20. Juli 1922) Als Alexander
Zemlinsky Schönberg zu einer Lesung des Librettos beim »Verein für musikalische
Privataufführungen« nach Prag einlud, lehnte dieser am 12. Februar 1923
mit der Begründung ab, keine Unterbrechung seiner Arbeit mehr riskieren
zu wollen, da es für ihn »(siehe Jakobsleiter) verhängnisvoll sein kann,
den Faden zu verlieren«.
Einen vorletzten Versuch unternahm der seit 1933 im amerikanischen Exil
lebende Schönberg im Januar 1945, als er bei der Guggenheim Foundation
um ein Stipendium zur Fertigstellung von »Jakobsleiter«, »Moses und Aron«
und Lehrbüchern ansuchte und die notwendige Arbeitszeit zur Vollendung
des Oratoriums mit eineinhalb bis zwei Jahren projektierte. Der Antrag
wurde jedoch abgelehnt. Als schließlich Hermann Scherchen, der neben seiner
Tätigkeit als Dirigent auch den von ihm gegründeten Ars Viva-Verlag in
Zürich leitete, mit dem Wunsch nach neuen Kompositionen an Schönberg herantrat,
plante dieser zumindest einen Teil aus dem Particell der »Jakobsleiter«
in Partiturform zu übertragen, was aufgrund eines fortgeschrittenen Augenleidens
nur mehr mühsam zu bewerkstelligen war. Erst nach Schönbergs Tod wurde
im Auftrag von dessen Witwe Gertrud durch seinen ehemaligen Schüler Winfried
Zillig aus den autographen Quellen eine Partitur hergestellt. Die konzertante
Uraufführung des »Jakobsleiter«-Fragments fand am 16. Juni 1961 im Wiener
Konzerthaus unter der Leitung von Rafael Kubelik statt, die szenische
Erstaufführung am 14. August 1968 in Santa Fe, New Mexico.
Therese Muxeneder
© Wiener Staatsoper
|