|
Drei Stücke für Kammerensemble (1910)
Einführung
"Jeder Blick läßt sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman
ausdehnen." - Arnold Schönbergs Vorwort zu den Bagatellen op. 9 seines
Schülers Anton Webern, die er mit Begriffen der "Geste" und des "Aufatmens"
paraphrasiert, beschreibt zugleich die Sprache seiner eigenen Kompositionen
am Beginn jener Stilperiode, welche "auf ein tonales Zentrum verzichtet"
("Rückblick"): insbesondere der miniaturesken Drei Klavierstücke op. 11
(1909), der Drei Stücke für Kammerorchester (1910) sowie der Sechs kleinen
Klavierstücke op. 19 (1911). "Die charakteristischsten Merkmale dieser
Stücke in statu nascendi waren ihre äußerste Ausdrucksstärke und ihre
außerordentliche Kürze. Zu jener Zeit waren weder ich noch meine Schüler
uns der Gründe für diese Merkmale bewußt. Später entdeckte ich, daß unser
Formgefühl recht hatte, als es uns zwang, äußerste Gefühlsstärke durch
außergewöhnliche Kürze auszugleichen." (Schönberg, "Komposition mit zwölf
Tönen") Die neue strukturelle Konzeption der Musik als Gegenentwurf zu
Schematismen und formelhaften Wiederholungen korrespondiert mit Stilidealen
des Expressionismus: Man will, wie Anton Webern in einem Vortrag von 1932
resümiert, "mit jedem Werk anderswohin gelangen - jedes Werk ist etwas
anderes, etwas Neues". Die expressive Tendenz zur Verdichtung gilt in
musikalischer Hinsicht ebenso für die Stücke als Ganzheiten wie für die
Elemente innerhalb der Stücke, ja schließlich für die einzelnen Tonfolgen:
das von Schönberg apostrophierte "Arbeiten mit Tönen". Das Ausdrucksbedürfnis
intensiviert den einzelnen Moment, sodaß Wiederholungen und Analogien
zunehmend gemieden werden. Die Unmittelbarkeit der musikalischen Ereignisse
führt nicht nur zur Auflösung der traditionellen Formprinzipien, sondern
darüberhinaus zur Infragestellung der formalen Einheit im traditionellen
Sinn. Die lyrische Kürze der im Februar 1910 komponierten Drei Stücke
für Kammerorchester (12 - 7 - 8 Takte, das dritte Stück ist als Fragment
überliefert) wird von einer inneren Weite der Klangrede - bei jeweils
unterschiedlicher Instrumentierung - getragen. An die Stelle expansiver
motivischer Arbeit tritt eine frei assoziierende Schreibweise, die viele
Beziehungen schafft, diese jedoch in einer vieldeutigen Schwebe hält.
Wenngleich die Entfaltung musikalischen Gedankens in dessen äußerester
Reduktion formuliert ist, bleibt der Melos bei Schönberg dennoch gestisch
deutbar und faßlich. Das dynamisch stark abgestufte erste Stück leitet
aus der Satzidee der athematischen Engführung ein dreiteiliges Formschema
ab, als dessen Gliederungselemente Stimmkreuzungen fungieren. Das zweite
Stück der Trias zählt zu den radikalst konzipierten musikalischen Aphorismen
innerhalb des Repertoires der Wiener Schule. Neben den vertikalen und
horizontalen Tonbeziehungen der Partitur werden Klangfarbe und Dynamik
kompositorisch als gleichrangige Strukturparameter behandelt und vergleichbar
der malerischen "hard edge"-Technik mittels scharf konturierter Schnitte
und Übergänge nebeneinander gesetzt - "mikrologisch durchgebildet" (Theodor
W. Adorno). "Neue Charaktere waren aufgetaucht, neue Stimmungen und schnellere
Ausdruckswechsel geschaffen worden, und neue Arten des Anfangs, der Fortsetzung,
des Gegensatzes, der Wiederholungn und des Schlusses waren in Gebrauch
gekommen." (Schönberg, "Rückblick") Das "Mittelstück" fungiert gleichsam
als meditativer Ruhepunkt zwischen der komplexen Polyphonie des ersten
und den Ostinati des unvollendeten Final-"satzes". Mit der Betonung des
Farblichen wird im letzten Stück zugleich auch das orchestrale Moment
deutlicher als in den beiden ersten Miniaturen. Der liegende statische
Klang in Orgel (oder Harmonium) bildet einen "unendlich zarten, atmosphärischen
Hintergrund" (Adorno), aus dem sich punktuell kurze motivische Absprengsel
herauskristallisieren - kulminierend in einer weitausholenden Gestik der
Klarinetten vor der abrupten Zäsur durch das Ende des Werktorsos.
Therese Muxeneder
© Arnold Schönberg Center
|