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Presto für Streichquartett (ohne Datum)
Einführung
Arnold Schönbergs Werdegang als Komponist dürfte während dem Violinunterricht
seinen Anfang genommen haben: »Als Kind von weniger als neun Jahren
hatte ich begonnen, kleine und später größere Stücke für zwei Geigen zu
schreiben, indem ich die Musik imitierte, die ich mit meinem Lehrer und
einem Vetter spielte. Als ich die Duette von Viotti, Pleyel und anderen
spielen konnte, imitierte ich deren Stil. So lernte ich zu komponieren
in dem Maße, in dem ich Violine spielen lernte.« In seiner Jugend
entstanden vor allem Lieder und kleiner besetzte Instrumentalwerke, wohl
auch angeregt durch die rege Kammermusikpraxis mit Freunden. Als er einen
Klassenkameraden fand, der Bratsche spielte, wurde die Duo-Besetzung zum
Trio erweitert. Mit dem Geld, das Schönberg sich durch Deutschunterricht
verdient hatte, besorgte er sich Beethovenpartituren: »[...] es waren
die dritte und die vierte Sinfonie, zwei der Razumovsky-Quartette und
die große Fuge für Streichquartett, op. 133. Von da an besaß ich das Verlangen,
Streichquartette zu schreiben.« Entscheidend war die Begegnung mit
dem Violinisten und späteren Arzt Oskar Adler, Schönbergs Freund aus der
Realschulzeit, der diesem nicht nur erste Grundlagen in Harmonielehre
und Gehörbildung vermittelte, sondern mit dem zusammen er im Freundeskreis
auch die Klassiker der Streichquartettliteratur bis zum 19. Jahrhundert
spielte. Schönberg erinnerte sich später lebhaft an jene Zeit: »Wir
wollten Quartette von Mozart und Beethoven spielen, also besorgte Adler
eine größere Bratsche, die mit Zithersaiten versehen war, auf denen sich
Tonhöhen und -umfang eines Cellos erzeugen ließen. Dieses Instrument sollte
ich spielen, was ich auch tat, indem ich, da ich es nicht besser wußte,
den Fingersatz der Bratsche benutzte. Bald darauf erwarb ich ein Cello,
und auch dieses spielte ich mit dem gleichen Fingersatz, mit dem ich Geige,
Bratsche und auch das (von mir sogenannte) Violoncello gespielt hatte.
Das ging so eine ganze Weile fort, bis Adler von einem wirklichen Cellisten
gehört hatte, daß der Fingersatz auf dem Cello anders sei.« Auch im
Gedächtnis Adlers sind diese Quartettspiele lebendig geblieben, wie er
1948 berichtete: »Oft denke ich an die Zeit zurück, da wir zusammen
Quartett spielten, in dem Dienstbotenkammerl in der Augartenstraße am
Sonntagnachmittag, und an die anschließenden Spaziergänge im Prater mit
philosophischen Gesprächen [...]« In zahlreichen Quartett-Projekten
erprobte Schönberg fortan sein kompositorisches Können, bis er 1897 ein
Streichquartett in D-Dur abschloß, seine erste erhaltene Komposition größeren
Umfangs.
»Die vier Streichquartette, die ich veröffentlicht habe, hatten mindestens
fünf oder sechs Vorläufer. Die Gewohnheit, so viele Streic-quartette zu
schreiben, war nach und nach entstanden.« Einer dieser ersten Vorläufer
ist das Presto in C-Dur für Streich-quartett, welches sich im Nachlaß
von Arnold Schönberg befindet. Stilistisch ist das undatierte Stück in
den Zeit-raum vor 1897 einzuordnen, es zählt damit zu seinen frühesten
bekannten Werken. Der Satz ist als Sonaten-Rondo angelegt, in dem der
zunächst exponierte Fugato-Refrain mit langen Durch-führungspassagen alterniert.
Motivische Verknüpfungen haben Vorrang vor einem oberstimmenbetonten Liedsatz;
nur nach der zweiten Wiederkehr des Refrains kommt es zu einer kurzen
melodischen Episode in der ersten Violine. Schönberg komponierte das relativ
allgemein formulierte Ausgangsmaterial bestehend aus mit Durchgangstönen
versehenen Dreiklangsbildungen und einem einfachen punktierten Rhythmus
so aus, daß das Formschema nicht als etwas primär Gegebenes und
pedantisch Ausgefülltes erscheint, sondern sich durch die musikalische
Entwick-lung selbst rechtfertigt. Dies erreicht er durch enge motivische
Zusammenhänge zwischen dem Haupt- und dem Seitenthema sowie dem weiteren
Verlauf des Satzes. Die Bevorzugung eines großen Zusammenhanges vor einer
einzelnen einprägsamen Melodiegestalt und die sorgfältige, motivisch gebundene
Gestaltung der Übergänge lassen das Vorbild Beethoven durchaus herausscheinen:
von diesem lernte Schönberg wie er 1931 formulierte »die
Kunst der Entwicklung der Themen und Sätze«.
Eike Feß
© Arnold Schönberg Center
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