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Arnold Schönberg: Vier deutsche Volkslieder für Gesang und Klavier
gesetzt (1929)
Einführung
Schönbergs Haltung zur Synthese aus Kunst– und Volksmusik ist ambivalent.
Zum einen meint er: »Sind diese [die Unterschiede] vielleicht nicht so
groß wie die zwischen Petroleum und Olivenöl oder zwischen Waschwasser
und Weihwasser, so mischen sich diese beiden so schlecht wie Öl und Wasser.«
(Symphonien aus Volksliedern) Die Verwendung von Volksliedern in der Kunstmusik
berge die Gefahr einer allzu simplen Faktur, ein Vorwurf, von dem Schönberg
auch Beethoven und Brahms nicht ausnahm. (In der kompositorischen Praxis
fügt sich jedoch das »Ännchen von Tharau« in die Suite op. 29 ein, wenn
auch verborgen im ‚Reihendickicht‘. ) Auf der anderen Seite rühmt er die
»überwältigende Tiefe des Ausdrucks«, autochthone Musiken seien »höchst
interessant in ihren Melodieschritten. Sie sind wahrhaft schön, und man
kann sie nur bewundern.« (Symphonien aus Volksliedern). An das Vorbild
Brahms schließen die Volksliedbearbeitungen von 1928 an, hinzu kommen
die Vier Volkslieder in der Bearbeitung für Gesang und Klavier. Es scheint,
als hätte der Komponist Schönberg den Theoretiker stillschweigend korrigiert.
Der Impuls für die Bearbeitungen ging von der »Staatlichen Kommission
für das Volksliederbuch für die Jugend« in Berlin aus. Die Kommission
war es auch, die Schönberg die Vorlagen – Cantus firmi und Texte – zur
Verfügung stellte. In der Besetzung und in stilistischer Hinsicht war
Schönberg nicht gebunden. Die Cantus firmi lassen sich wie folgt nachweisen:
Schein uns du liebe Sonne stammt von Antonio Scandello und wurde in Nawe
Weltliche Deudsche Liedlein 1570 zum ersten Mal publiziert. Der Mai tritt
ein mit Freuden befindet sich im ersten Teil der bicinia von Georg Rhaw
1545, Mein Herz in steten Treuen und Hercz liplich lip sind anonyme Sätze
aus einer Münchener Handschrift, »Es gingen zwei Gespielen gut«
dürfte mit dem Lied »Zu Wirtzburg steht ein hohes Haus« in
Egenolffs Graszliedlin 1535 ident sein. Anscheinend wurden ihm mehr Vorlagen
zugesandt, als er für die Kommission für Gesang und Klavier bearbeitete,
da er die ‚überzähligen‘ Vorlagen zu Volksliedbearbeitungen für gemischten
Chorverwendete. Es gingen zwei Gespielen gut wurde aus den Bearbeitungen
für Gesang und Klavier in die Chorfassung aufgenommen. Bei den Volksliedbearbeitungen
kämpfte Schönberg mit zwei speziellen kompositorischen Problemen. Zum
einen schienen ihm die Takteinteilungen der zugesandten Vorlagen nicht
original zu sein. Das zweite Problem betraf die Kirchentonarten. Schönberg
bestand auf einer Notation, die die Vorzeichen nicht den modernen Tonarten
anglich. »Ich habe allerdings keine reinen Kirchentonarten angestrebt,
sondern das Spiel mit den verschiedenen Akzidentien nur als färbend angewendet.«
Diese Lösung, die keine historisch korrekte Lösung sein wollte, konnte
er als Komponist vertreten. In Es gingen zwei Gespielen gut kommt ein
Verfahren zum Einsatz, für das Schönberg den Begriff der »entwickelnden
Variation« prägte. Die sechs Strophen werden als »symphonische Einheit«
behandelt, Zäsuren zwischen den Strophen werden kunstvoll überspielt,
auch der Cantus firmus ist in die Veränderungen involviert. Die Fassung
für Gesang und Klavier ist (wie von der Kommission verlangt) ein Strophenlied
mit einfacher Klavierbegleitung. Die Bearbeitung von Herzlieblich Lieb
durch Scheiden ist geprägt von den Erfahrungen, die Schönberg an Werken
von Mozart, Schubert und Brahms gemacht hatte. Die Entdeckung der rhythmisch–metrischen
Unregelmäßigkeiten, die diese Musik durchziehen, erlaubte Schönberg, das
zu entwickeln, was Adorno »Musikalische Prosa« genannt hatte. Der schnelle
Drei–Viertel–Takt wird oft durch Vier–Viertel–Takt unterbrochen und mündet
in Drei–Halbe–Takte, was die hemiolische Wirkung zum Strukturfaktor erhebt.
Der Satz von Schein uns du liebe Sonne erscheint trotz aller motivischer
Verschränkung und des wandernden Cantus firmus als der konventionellste.
Von den Liedsätzen des 16. Jahrhunderts übernimmt er den diatonischen
Aufbau der Melodik, was sich auch in der Harmonik niederschlägt. Von den
Vier deutschen Volksliedern, die Schönberg 1928/29 für Gesang und Klavier
bearbeitete, griff er drei 1948 nochmals auf, um sie einer Bearbeitung
für gemischten Chor zu unterziehen. Im Gegensatz zu früheren Chorsätzen
hielt er sie einer Opuszahl für würdig: die drei Chorsätze rangieren heute
unter op. 49.
Agnes Grond
© Arnold Schönberg Center
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