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»Lied der Waldtaube« für Kammerorchester
Einführung
In einem Brief vom 31. Juli 1922 berichtete der dänische Dirigent und
Komponist Paul von Klenau (1883-1946) Arnold Schönberg von seinem Plan,
im Januar des folgenden Jahres die Kammersymphonie op. 9 aufzuführen.
Das Konzert, das am 30. Januar 1923 stattfand, sollte von dem Komponisten
selber dirigiert werden. Welche Werke neben der Kammersymphonie erklingen
sollten, blieb bis Mitte November 1922 ungeklärt; denn Schönberg schrieb
in einem Brief vom 13. November 1922: »Auch wäre noch zu bestimmen, ob
und was dazu [Kammersymphonie] gegeben werden soll.« Kurz nach diesem
Brief hat sich Schönberg entschlossen, für das Kopenhagener Konzert eine
Fassung für Kammerorchester des Lieds der Waldtaube aus den Gurreliedern
zu erstellen. Wie er auf dem am 14. Dezember 1922 in Mödling vollendeten
Autograph vermerkte, war die Bearbeitung »ausschließlich für kleine Säle
im Anschluß an die Kammersymphonie« gedacht.
Das Autograph trägt noch weitere interessante Vermerke: Zum einen gibt
Schönberg als weiteren Programmpunkt für das Konzert das II. Streichquartett
op. 10 an, und zum anderen sah er als Solistin die französisch-polnische
Sopranistin Marya Freund (1876-1966) vor, die bereits 1914 die Waldtaube
in Paris gesungen hatte. Letztendlich erklangen am 30. Januar 1923 - auf
einen Vorschlag der Sängerin (Brief vom 30.Dezember 1922) - anstelle des
II. Streichquartetts op. 10 die Lieder op. 6. Wie dem
Programm zu entnehmen ist, wurde die Kammersymphonie zweimal gespielt
- zu Beginn und zum Abschluß des Konzerts, an das Schönberg noch einen
improvisierten Vortrag als Einführung in seine Musiktheorie anfügte. Dieser
Vortrag findet sowohl in einem Zeitungsartikel über das Konzert als auch in einer Ansichtskarte Schönbergs an Alban Berg
vom 29. Januar 1923 Erwähnung.
Das Lied der Waldtaube beschließt den ersten Teil der Gurrelieder, welche
auf Basis der Gedichte Gurresange des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen
zwischen 1900 und 1911 entstanden. Das Thema dieses ersten Teils ist die
Liebesgeschichte zwischen König Waldemar und Tove. Die Waldtaube berichtet
balladenartig von Toves tragischem Ende durch die eifersüchtige Königin
Helwig; es heißt »Helwigs Falke war's, der grausam Gurres Taube zerriß!«.
Als Strukturgeber für das Stück und als Träger einer weiteren semantischen
Schicht dienen Erinnerungsmotive aus den neun vorangegangenen Liedern
des ersten Gurreliederteils. Durch die Bearbeitung für Kammerorchester
erscheinen sie von ihrem Sinnzusammenhang gelöst, wodurch der Fokus auf
die motivische Arbeit der Variation und Kombination gelenkt wird. Die
kurzen, prägnanten Motive verweben sich zu dem liedhaften Element der
symmetrischen Taktgruppierungen. Formal erreicht Schönberg so eine Anlehnung
an die Sonatenform, in die strophenähnliche Komplexe - eingeleitet von
der wiederkehrenden Refrainmelodie »Weit flog ich, Klage sucht' ich« -
integriert sind.
Stefanie Rauch
© Arnold Schönberg Center
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