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Walzer für Streichorchester (ca. 1897)
Einführung
"Ich maße mir das Verdienst an, eine wahrhaft neue Musik geschrieben zu
haben, welche, wie sie auf der Tradition beruht, zur Tradition zu werden
bestimmt ist." Arnold Schönbergs, 1931 im Essay "Nationale Musik" reflektierter
Traditionsbezug basiert auf geschichtlicher Notwendigkeit, welche sich
nicht nur in technisch-mechanischer Materialbewältigung manifestiert,
sondern durch deren künstlerische Grenzüberschreitung als existenzielle
Dimension legitimiert wird. Neben dem vordergründig in der Materialverwendung
und gedanklichen Verfahren ablesbaren Rückbezug auf Vorbilder der Wiener
Klassik stellt sich Schönberg auch in der Positionierung des unter der
Ignoranz seiner konservativen Umwelt leidenden künstlerischen Ichs im
Sinne schicksalshafter Parallelität in die Nachfolge Mozarts und Beethovens.
Von akademischem Zwang unberührte autodidaktische Studien der Werke seiner
Vorbilder Bach und Mozart ("in erster Linie") sowie Beethoven, Brahms
und Wagner ("in zweiter") stellten Arnold Schönberg in ein Stilkontinuum,
das er auch durch seine eigenen Schüler fortzusetzen trachtete.
"Einer hat es sein müssen, keiner hat es sein wollen, also habe ich mich
dazu hergegeben" - wann wurde Schönberg Schönberg? Bis zu seinem siebzehnten
Lebensjahr beschränkten sich kompositorische Versuche nach eigenen Angaben
auf "Imitationen solcher Musik, die mir zugänglich war. Die einzigen Quellen,
aus denen ich schöpfen konnte, waren Violinduette und Arrangements von
Opernpotpourris für zwei Violinen, wozu noch die Musik gerechnet werden
darf, die ich durch Militärkapellen kennenlernte, die in öffentlichen
Gärten Konzerte gaben." ("Rückblick" 1949) Unter den aus dieser Zeit erhaltenen
Kompositionen befindet sich auch der seiner Großmutter gewidmete "Alliance-Walzer"
des Achtjährigen für zwei Violinen von 1882. Den einzigen nachweisbaren
Unterricht erhielt Schönberg durch seinen späteren Schwager Alexander
von Zemlinsky, den er im Herbst 1895 kennengelernt hatte. Zemlinsky war
damals Leiter des Wiener "Musikalischen Vereins Polyhymnia", einem etwa
30 Mitglieder umfassenden Amateurstreichorchester, mit dem er zunächst
im Hotel "Rabl" am Fleischmarkt sowie im Hotel "National" in der Taborstraße
und schließlich in der "Großen Tabakspfeife" in der Goldschmiedgasse Proben
abhielt. Laut Zemlinskys Angaben bestand das Vereinsorchester lediglich
"aus ein paar Violinen, einer Bratsche, einem Cello und einem Contrabaß".
Arnold Schönberg, der im Sommer 1895 seine Stelle im Bankhaus Werner &
Co. gekündigt hatte, agierte in der "Polyhymnia" laut Zemlinskys Jugenderinnerung
von 1934 als "ebenso feurig wie falsch" spielender Cellist. Am 2. März
1896 fand das erste offizielle Orchesterkonzert der Wiener "Polyhymnia"
statt, auf dessen Programm neben Werken Alexander Zemlinskys unter anderem
die erste öffentliche Aufführung eines Schönberg-Werkes stand.
Vermutlich für die "Polyhymnia" schrieb Schönberg auch eine Serie von
10 Walzern für Streichorchester (ein 11. Walzer blieb unvollendet), deren
zeitgenössische Aufführung jedoch nicht belegt ist und - wenn überhaupt
- nur unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Mangels dokumentarischer
Belege und einer Datierung des autographen Manuskripts in Schönbergs Nachlaß
(Arnold Schönberg Center, Wien) ist das Enstehungsumfeld der Walzer lediglich
auf philologischem Wege rekonstruierbar. Aufschluß gibt hierbei neben
dem Schreibduktus als Vergleichsparameter vor allem das Notenpapier. Schönberg
verwendete das 18-linige Papier der Firma Joseph Eberle & Co. für eine
Reihe von zwischen März 1897 und Juli 1898 entstandenen Kompositionen
verschiedener Genres, darunter die Gavotte und Musette für Streichorchester
(22. März 1897) und Frühlings Tod nach Lenau für großes Orchester (20.
Juli 1898). Das Schriftbild der Walzer-Partitur weist eine Reihe von graphologischen
Übereinstimmungen mit den 1897 entstandenen Manuskripten auf, wodurch
angenommen werden kann - was auch durch einen Stilvergleich unterstützt
wird -, daß die Walzer für Streichorchester zwischen Frühjahr und Herbst
1897 entstanden sind.
So sehr sich sein Stil in den kommenden Jahren auch wandeln sollte, dem
Genre blieb Schönberg bis zu den avancierteren Kompositionen späterer
Jahre treu. Folgt man der Opuszählung seiner Werke, so stellt der Walzer
op. 23 Nr. 5 das erste Werk dar, in dem die bahnbrechende "Methode der
Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" angewandt wird.
Auch in der Suite op. 29 und den Orchestervariationen op. 31, in welchen
die neue Methode bereits ausgearbeitet ist, bedient sich Schönberg in
Einzelsätzen des Genres noch einmal. Außer eigenkompositorischer Konkurrenz
entstanden in den 1920er Jahren zudem zweckgebundene Arrangements berühmter
Strauß-Walzer. Daß man in Wien Walzer am besten mit Gassenhauer-Qualitäten
komponiert, läßt sich an den charmanten zehn Versuchen des jungen Autodidakten
von 1897 heraushören. Schönbergs Wiener Jugend-Walzer stehen der Tanzmusik
Schuberts, insbesondere dessen Ländlern, idiomatisch näher als jener der
Strauß-Dynastie.
Therese Muxeneder
© Salzburger Festspiele
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