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Arnold Schönberg: Drei Klavierstücke op. 11 (1909)
Einführung
Die drei Klavierstücke stammen aus Schönbergs äußerst produktiver Schaffensphase
des Jahres 1909, in welcher auch die Fünf Stücke für Orchester op. 16
und »Erwartung« op. 17 entstanden sind. Neben grundlegenden Neuerungen
der Materialbehandlung (vor allem in der Lösung von den formbildenden
Hierarchien tonikalen Denkens) zeigen sich freilich wesentliche Elemente
der musikalischen Tradition erhalten. Beim ersten Stück von op. 11 läßt
sich etwa in groben Umrissen durchaus eine dreiteilige Form (A–B–A’) erkennen,
auch eine herkömmliche thematische Arbeit im Sinne etwa der Lisztschen
Transformationstechnik ist zu Anfang deutlich nachvollziehbar. Ebenso
könnte ein Bezug zu den letzten Klavierintermezzi von Brahms in ihrer
engmaschigen Motivtechnik, wohlabgewogenen Artikulation und Rhythmusstruktur
hergestellt werden.
Das zweite Stück mit seinem langsamen, düsteren Thema über einem Baß-Ostinato
aus zwei Tönen kann freilich noch erheblich deutlicher in tradierte Erfahrungsmuster
eingebunden werden als das abschließende Stück, dessen erhebliche satztechnische
Dichte und impulsiv hervorbrechende Klanggestik Theodor W. Adorno von
einem Beispiel »informeller« Musik sprechen ließen. Schönbergs um 1910
zu beobachtendes radikales »Ausdrucksbedürfnis« als triebbestimmter, von
kunstreligiösen Ideen begleiteter, scheinbar voraussetzungsloser Umgang
mit der Überlieferung, erweist sich in Wirklichkeit als äußerst rational
durchdacht. In diesem Sinne erscheint etwa Ernst Blochs Begriff der »Expressionslogik«
in Bezug auf Schönberg als janusköpfig: »Jeder Akkord«, so betonte der
Komponist etwa in seiner »Harmonielehre«, »entspricht einem Zwang [...]
meines Ausdrucksbedürfnisses, vielleicht aber auch dem Zwang einer unerbittlichen,
aber unbewußten Logik in der harmonischen Konstruktion«.
Die Ästhetik einer rücksichtslosen Ich-Bezogenheit des Ausdruckswillens,
die Schönberg in dieser Zeit auch mit Wassily Kandinsky teilte, vermied
zwar in den Klavierstücken Wiederholungen, die durchgängige Anwendung
thematischer Arbeit und natürlich tonale Dreiklänge, aber sie verwirklichte
dennoch fast unmerklich motivische Verknüpfungstechniken und ein ausgewogenes
Proportionsdenken in der Abfolge von Spannung und Entspannung. Es handelt
sich hierbei offensichtlich nicht um eine Verfahrensweise, die Tradition
bedenkenlos zerstört, sondern lediglich um einen grundlegenden Abstraktionsvorgang,
indem all dasjenige, was an »klassischen« Formmustern bereits zum Klischee,
zur abgegriffenen Geste geworden war, gleichsam auf eine noch nicht zum
Schema verengte Substanz zurückgeführt werden sollte: auf ausbalancierte
Verhältnisgefüge von dichter und lockerer Fügung, lauter und leiser, rascher
und langsamer Gestaltung, durch die eine traditionelle Formschulung (freilich
in äußerster Vermitteltheit) auch weiterhin durchscheint.
Matthias Schmidt
© Arnold Schönberg Center
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