Zwei Balladen für Gesang und Klavier op. 12
Texte

Jane Grey
Heinrich Ammann

Sie führten ihn durch den grauen Hof,
daß ihm sein Spruch gescheh';
am Fenster stand sein junges Gemahl,
die schöne Königin Grey.

Sie bog ihr Köpfchen zum Fenster heraus,
ihr Haar erglänzte wie Schnee;
er hob die Fessel klirrend auf
und grüßte sein Weib Jane Grey.

Und als man den Toten vorübertrug,
sie stand, damit sie ihn seh';
drauf ging sie freudig denselben Gang,
die junge Königin Grey.

Der Henker, als ihm ihr Antlitz schien,
er weinte laut auf vor Weh,
dann eilte nach in die Ewigkeit
dem Gatten Königin Grey.

Viel junge Damen starben schon
vom Hochland bis zur See,
doch keine war schöner und keuscher noch
als Dudley's Weib Jane Grey.

Und wenn der Wind in den Blättern spielt
und er spielt in Blumen und Klee,
dann flüsterts noch oft vom frühen Tod
der jungen Königin Grey.


Der verlorene Haufen
Viktor Klemperer

Trinkt aus, ihr zechtet zum letztenmal,
nun gilt es Sturm zu laufen;
wir stehn zuvorderst aus freier Wahl,
wir sind der verlorne Haufen.

Wer länger nicht mehr wandern mag,
wes Füße schwer geworden,
wem zu grell das Licht, wem zu laut der Tag,
der tritt in unsern Orden.

Trinkt aus, schon färbt sich der Osten fahl,
gleich weden die Büchsen singen,
und blinkt der erste Morgenstrahl,
so will ich mein Fähnlein schwingen.

Und wenn die Sonne im Mittag steht,
so wird die Bresche gelegt sein;
und wenn die Sonne zur Rüste geht,
wird die Mauer vom Boden gefegt sein.

Und wenn die Nacht sich niedersenkt,
sie raffe den Schleier zusammen,
dass sich kein Funke drin verfängt
von den lodernden Siegesflammen!

Nun vollendet der Mond den stillen Lauf,
wir sehn ihn nicht verbleichen.
Kühl zieht ein neuer Morgen herauf
dann sammeln sie unsere Leichen.

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