Arnold Schönberg: 15 Gedichte aus »Das Buch der hängenden Gärten« von Stefan George für eine Singstimme und Klavier op. 15 (1908–1909)
Einführung

Die deutschsprachigen Lyrik-Anthologien verzeichneten, nach einem ersten Aufschwung kurz nach 1800, in der Zeit zwischen der Niederschlagung der 1848er Revolution und 1925 kontinuierlich wachsende Popularität. Die Zahl der deutschsprachigen Dichter soll im 19. Jahrhundert etwas 20.000 betragen haben, wobei die Quantität auch in Qualität umschlug. Das Wesen des dominierenden impressionistischen Lyrismus wurde von Mauthner als »Poesie ist Sinnenreiz durch Worte« bezeichnet. Lyriker, die - wie Hofmannsthal aber auch George - mehr zum Ausdruck bringen wollten als reinen Sinnenreiz, hatten in dieser Zeit zwei Möglichkeiten: entweder zu verstummen oder eine völlige Abkehr der impressionistischen Weltsicht. Die Sprache, bisher Symbol und Repräsentant einer primären Wirklichkeit, wurde in den Mittelpunkt gerückt. Ihre Emanzipation war ein Baustein für eine neue künstliche Welt und ein neues künstliches Ich. Hofmannsthal beschrieb diese neue Bedeutung der Sprache in seinem Vortrag »Poesie und Leben«, einer Hommage an George: »Die Worte sind alles, die Worte, mit denen man Geschehenes und Gehörtes zu einem neuen Dasein hervorrufen und nach inspirierten Gesetzen als ein Bewegtes vorspiegeln kann. Es führt von der Poesie kein direkter Weg ins Leben, aus dem Leben keiner in die Poesie.« In diesem Geist entstand auch »Das Buch der hängenden Gärten« von Stefan George. Es ist das dritte Buch neben dem »Buch der Hirten- und Preisgedichte« und dem »Buch der Sagen und Sänger«, welches 1895 in einer nichtöffentlichen, gehefteten Ausgabe und 1898 als Buch erschien. In den Büchern stehen drei große »Bildungswelten« im Mittelpunkt: die der Antike, des Mittelalter und des Orients. Friedrich Gundolf schrieb 1920: »So hat sich mit Georges Buch der Hängenden Gärten die Phantasieferne des Ostens, der Fremdzauber aus Tausendundeinernacht, die üppige Gartenpracht, die Wüstenglut und der heiße Märchenzauber wieder wachgesungen: die dritte der Bildungswelten, die dem Europäer in Fleisch und Blut eingedrungen.« Schönberg nahm für seine Vertonung den Mittelteil des Buches heraus. Der Schauplatz dieser Gedichte sind die Hängenden Gärten, deren Urbild die zu den sieben Weltwundern der Antike zählenden Gärten der Semiramis in Babylon sind. Das Gartenmotiv kann, wie auch das Orientmotiv, als ein Topos der Zeit um 1900 angesehen werden, da beide Motive die l'art-pour-l'art-Kunst beherrschten. Dieser Mittelteil deutet eine Liebesgeschichte an, durch die George von der 1892 begonnenen Beziehung zu Ida Coblenz inspiriert wurde, der er diesen Teil im Sommer 1894 vorlas. Mit Semiramis konnte sich Ida Coblenz leicht identifizieren, da sie durch ihre äußere Erscheinung und Kleidung auf Außenstehende wie eine »Sarazenenfürstin« (Detlev von Liliencron) wirkte. Auch der Garten der Familie Coblenz hatte für die Gedichte Modell gestanden, in dessen Gartenhaus sich Ida Coblenz ein Atelier einrichten ließ, wo sie malte, aber auch ihre Orientsehnsucht auslebte.
Die 15 ausgewählten Gedichte sind in sich abgeschlossen und entstanden in einer späteren Schaffensperioden als die ersten Lieder des Zyklus'. In den Gedichten spiegelt sich der Verlauf der Beziehung Georges zu Ida Coblenz deutlich wider: Die Gedichte I bis VIII der Semiramis-Lieder sind von großen Hoffnungen erfüllt. Sie entstanden im Sommer 1894, in einer Zeit, in dem George am deutlichsten seine Zuneigung seiner Freundin zeigte, mit der er nach Kreuznach fuhr, um ihr einen Edelstein zu kaufen. Ihm war ihre Vorliebe für Kostbares bekannt. Die Gedichte IX bis XV sind hingegen wahrscheinlich erst im Herbst 1894 entstanden und reflektieren die herbe Enttäuschung Georges. Ida Coblenz hatte auf sein Werben nicht wie gehofft reagiert. Erst langsam nahm George die Ausweglosigkeit ihrer Beziehung wahr, und der Ton seiner Gedichte wurde realistischer. Die entscheidenden Schaffensjahre in Schönbergs Liedschaffen - 1899, ein Dehmel-Jahr, und 1908, ein George-Jahr - spiegeln sein starkes persönliches Ausdrucksbedürfnis wider, dessen biographische Triebfeder zum einen aus der Heirat mit Mathilde Zemlinsky, zum anderen aus der Ehekrise 1908 resultierte. Seine private Misere kompensierte Schönberg in dieser Periode durch den Bruch mit der musikhistorischen Tradition: Auflösung der Tonalität und Übergang zur expressionistischen Periode, welche einen zündenden Moment in der Kompositionsentwicklung unseres Jahrhunderts markieren sollte. Schönbergs erste Begegnung mit Gedichten Stefan Georges ging auf eine Veranstaltung im Wiener Ansorge-Verein 1904 zurück. Seine erste George-Vertonung markiert zugleich eine Neudefinition der Gattungstradition: als Komposition für Streichquartett und Sopran (op. 10). Nach dem George-Lied op. 14 Nr. 1 (Dezember 1907) und dem »Einschub«, ein Lied nach Karl Henckell, op. 14 Nr. 2 begann Schönberg im März 1908 mit dem Lieder-zyklus »Fünfzehn Gedichte aus ›Das Buch der hängenden Gärten‹ von Stefan George« op. 15. Anläßlich der Wiener Uraufführung des »Buchs der hängenden Gärten« im Januar 1910 schrieb Schönberg: »Mit den Liedern nach George ist es mir zum erstenmal gelungen, einem Ausdrucks- und Formideal nahezukommen, das mir seit Jahren vorschwebt. Es zu verwirklichen, gebrach es mir bis dahin an Kraft und Sicherheit. Nun ich aber diese Bahn endgültig betreten habe, bin ich mir bewußt, alle Schranken einer vergangenen Ästhetik durchbrochen zu haben; und wenn ich auch einem mir als sicher erscheinenden Ziel zustrebe, so fühle ich dennoch schon jetzt den Widerstand, den ich zu überwinden haben werde; fühle den Hitzegrad der Auflehnung und ahne, daß selbst solche, die mir bisher geglaubt haben, die Notwendigkeit dieser Entwicklung nicht werden einsehen wollen.«

Mirjam Schlemmer
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