Arnold Schönberg: Fünf Orchesterstücke op. 16 (1909, revidiert 1922)
Einführung

Von keiner Schönberg-Komposition gibt es wohl so viele verschiedene Bearbeitungen für unterschiedliche Besetzungen wie von den Orchesterstücken op. 16. Schönberg komponierte die fünf Stücke im Sommer 1909. Im Jahr zuvor hatte Richard Strauss den Komponisten gebeten, für die Konzerte der Berliner Hofkapelle ein paar Orchesterstücke zu schicken. Am 14. Juli 1909 erging also ein Brief an Strauss, in dem Schönberg berichtete: »Es sind kurze Orchesterstücke (zwischen 1 und 3 Minuten Dauer) ohne cyklischen Zusammenhang. Bis jetzt habe ich 3 fertig, ein 4tes kann höchstens in einigen Tagen dazu kommen und vielleicht werden noch 2 bis 3 nachgeboren ... Da sie, wie erwähnt nicht zusammen hängen, kann man leicht nur 3 - 4 aufführen. 3 denke ich wären wohl nötig um als ganzes nicht zu sehr zu verpuffen. [...] Ich glaube wohl, diesmal ists unmöglich die Partitur zu lesen. Fast wäre es nötig, auf ‚blinde' Meinung sie aufzuführen. Ich verspreche mir allerdings kolossal viel davon, insbesondere Klang und Stimmung. Nur um das handelt es sich – absolut nicht symphonisch, direkt das Gegenteil davon, keine Architektur, kein Aufbau. Bloß ein bunter ununter-brochener Wechsel von Farben, Rhythmen und Stimmung.«
Bald darauf schickte Schönberg vier der Stücke nach Garmisch, Strauss lehnte jedoch eine Aufführung durch ihn ab, weil »Ihre Stücke [...] inhaltlich und klanglich so gewagte Experimente [sind], daß ich vorläufig es nicht wagen kann, sie einem mehr als conservativen Berliner Publikum vorzuführen.« (2. September 1909) Da es sich als schwierig herausstellte, einen anderen interessierten Dirigenten zu finden und auch die Universal Edition sich schwer tat, die Stücke zu publizieren, entschloß sich Schönberg, diese Komposition bearbeiten zu lassen. Es wurde daraufhin eine Fassung für zwei Klaviere zu acht Händen angefertigt, die 1912 in Berlin von den drei Busoni-Schülern Louis Closson, Louis Grünberg und Eduard Steuermann sowie Anton Webern aufgeführt wurde. Daß die Proben nicht ganz unproblematisch waren, notierte Schönberg in seinem Tagebuch: »Schwer ist so etwas einzustudieren. Es macht mir wirklich oft Schwierigkeit zu sagen, ob es beisammen ist. Erst wenn's anfängt klarer zu werden, unterscheide ich genau. Mir fehlen eben die Klänge! Die Farben. Das Klavier ist doch nur ein Instrument.«(23. Januar 1912) Die Aufführung hatte Erfolg, und da die Universal Edition zögerte, nahm der Peters-Verlag das Werk in sein Verlagsprogramm auf. Noch im selben Jahr kam es dann zur Uraufführung durch Sir Henry Wood, der die Stücken in seine Promenade Concerts-Reihe in London aufnahm; Schönberg allerdings war verärgert, da er zu spät davon erfuhr und die Aufführung nicht miterleben konnte. Zwei Jahre darauf dirigierte Schönberg selbst die Stücke dann in London und Amsterdam. Peters entschloß sich nun sogar zur Publikation der achthändigen Klavier-Fassung, die im Schönberg-Kreis großen Anklang fand – so ist für 1918 eine Aufführung in Schönbergs Mödlinger Haus mit Berg, Webern, Steuermann und Schönberg am Klavier belegt.
Die Fassung für Kammerorchester von Schönberg selbst entstand spätestens 1920 für den 1918 gegründeten »Verein für musikalische Privataufführungen«, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, moderne Musik aller Stilrichtungen in sorgfältig geprobten Aufführungen zu präsentieren. Um auch Orchesterwerke vorstellen zu können, wurden zahlreiche Klavier- und Kammerorchesterbearbeitungen gespielt. Mit der Kammerorchesterfassung von op. 16 hat es etwas Besonderes auf sich: sie existiert eigentlich nur in einer gedruckten Partitur mit der Aufschrift »meine Vorlage für die Kammerorchesterbearbeitung«, in der Schönberg Verdoppelungen ausstrich und die verbleibenden Stimmen auf Klavier (Markierung »K-«) und Harmonium (»H-«) verteilte; ein Manuskript existiert von dieser Fassung nicht, nur das dritte der Stücke, »Farben« tituliert, ist auf drei handschriftlichen, eingelegten Seiten ausgeführt. Im Wiener Verein wurden die Stücke in der Kammerorchesterbearbeitung nicht im Konzert, sondern nur auf einer für Vereinsmitglieder öffentlichen Probe gespielt, die eigentliche Aufführung fand im März 1920 in einer Konzertreihe in Prag, wo etwas später ein »Schwesterverein« gegründet wurde, statt. Das sicherlich interessante Stimmaterial für diese Aufführung gilt leider als verschollen.
Die Schönberg'sche Bearbeitung in der Peters-Partitur war wiederum Vorlage für die Kammerorchesterbearbeitung von Felix Greissle, dem Schüler und Schwiegersohn Schönbergs, und wurde 1925 bei Peters veröffentlicht wurde. Zwischen beiden Fassungen besteht ein grundlegender Unterschied: in Greissles Kammerorchesterbesetzung ist ein Horn vor-gesehen, das die zahlreichen Hornstellen der Orchesterfassung übernimmt, bei Schönberg hingegen wird die Hornstimme meistens vom Harmonium übernommen. Es ist anzunehmen, daß Greissles Fassung unter Schönbergs Aufsicht entstand, denn ansonsten gibt es kaum nennenswerte Abweichungen. Eine weitere Version der Orchesterstücke, die »Reduktion für Standardorchester«, entstand 1949, sie ist wohl dem Original am ähnlichsten und sollte es ermöglichen, das Opus auch mit normal besetztem Orchester aufführen zu können. Noch eine kurze Anmerkung zu den - für Schönberg eher ungewöhnlichen – Titeln der einzelnen Stücke: in seinem Berliner Tagebuch notierte Schönberg am 27. Januar 1912: »Brief von Peters, der mir für Mittwoch in Berlin ein Rendezvous gibt, um mich persönlich kennen zu lernen. Will Titel für Orchester-stücke; aus verlagstechnischen Gründen. Werde vielleicht nachgeben, da ich Titel gefunden habe, die immerhin möglich sind. Im ganzen die Idee nicht sympathisch. Denn Musik ist darin wunderbar, daß man alles sagen kann, sodaß der Wissende alles versteht und trotzdem hat man seine Geheimnisse, die, die man sich selbst nicht gesteht, nicht ausplaudert. Titel aber plaudert aus. Außerdem: was zu sagen war, hat die Musik gesagt. Wozu dann noch das Wort. Wären Worte nötig, wären sie drin. Aber die Kunst sagt doch mehr als Worte. Die Titel die ich vielleicht geben will, plaudern nun, da sie teils höchst dunkel sind, teils Technisches sagen, nichts aus. Nämlich I. Vorgefühle (hat jeder), II. Vergangenheit (hat auch jeder), III. Akkordfärbungen (technisches), IV. Peripetie (ist wohl allgemein genug), V. Das obligate (vielleicht besser das ‚ausgeführte', oder ‚unendliche') Recitativ. Jedenfalls mit einer Anmerkung, daß es sich ums Verlagstechnische und nicht um den ‚poetischen' Inhalt handelt.«

Iris Pfeiffer
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