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Erwartung op. 17
Text von Marie Pappenheim
I. Szene
Am Rande eines Waldes. Mondhelle Straßen und Felder; der Wald hoch und
dunkel. Nur die ersten Stämme und der Anfang des breiten Weges noch hell.
(Eine Frau kommt; zart, weiß gekleidet. Teilweise entblätterte rote Rosen
am Kleid. Schmuck.)
(Zögernd:) Hier hinein? … Man sieht den Weg nicht … Wie silbern die Stämme
schimmern … wie Birken
(vertieft zu Boden schauend.) Oh! Unser Garten … Die Blumen für ihn sind
sicher verwelkt … Die Nacht ist so warm.
(In plötzlicher Angst:) Ich fürchte mich …
(Horcht in den Wald, beklommen:) Was für schwere Luft herausschlägt …
wie ein Sturm, der steht …
(Ringt die Hände, sieht zurück:) So grauenvoll ruhig und leer … Aber hier
ist es wenigstens hell …
(Sieht hinauf:) Der Mond war früher so hell …
(Kauert nieder, lauscht, sieht vor sich hin:) Oh! Noch immer die Grille
mit ihrem Liebeslied … Nicht sprechen … es ist so süß bei dir … Der Mond
ist in der Dämmerung …
(Auffahrend. Wendet sich gegen den Wald, zögert wieder, dann heftig:)
Feig bist du … willst ihn nicht suchen? So stirb doch hier
(Leise:) Wie drohend die Stille ist …
(Sieht sich scheu um:) Der Mond ist voll Entsetzen … Sieht der hinein?
(Angstvoll:) Ich allein … in den dumpfen Schatten
(Mut fassend, geht rasch in den Wald hinein:) Ich will singen, dann hört
er mich …
II. Szene
Tiefstes Dunkel, breiter Weg, hohe, dichte Bäume. Sie tastet vorwärts.
(Noch hinter der Szene:)
Ist das noch der Weg? …
(Bückt sich, greift mit den Händen:) Hier ist es eben …
(aufschreiend:) Was? … Laß los!
(Zitternd auf, versucht ihre Hand zu betrachten) Eingeklemmt? … Nein,
es ist was gekrochen …
(Wild, greift sich ins Gesicht:) Und hier auch … Wer rührt mich an? …
Fort …
(Schlägt mit den Händen um sich:) Fort, nur weiter … um Gotteswillen …
(Geht weiter, mit vorgestreckten Armen:) So, der Weg ist breit …
(Ruhig, nachdenklich:) Es war so still hinter den Mauern des Gartens …
(sehr ruhig:) Keine Sensen mehr … kein Rufen und Gehn … Und die Stadt
in hellem Nebel … so sehnsüchtig schaute ich hinüber … Und der Himmel
so unermeßlich tief über dem Weg, den du immer zu mir gehst … noch durchsichtiger
und ferner … die Abendfarben …
(Traurig:) Aber du bist nicht gekommen.
(Stehenbleibend:) Wer weint da?
(Rufend, sehr ängstlich:) Ist hier jemand?
(Wartet. Lauter:) Ist hier jemand?
(Wieder lauschend:) Nichts … aber das war doch …
(Horcht wieder:) Jetzt rauscht es oben … Es schlägt von Ast zu Ast …
(Voll Entsetzen seitwärts flüchtend:) Es kommt auf mich zu …
(Schrei des Nachtvogels.) (Tobend:) Nicht her! Laß mich … Herrgott, hilf
mir …
(Stille. Hastig:) Es war nichts … Nur schnell, nur schnell …
(Beginnt zu laufen, fällt nieder. Schon hinter der Szene:) Oh, oh, was
ist das? … Ein Körper … Nein, nur ein Stamm …
III. Szene
Weg noch immer im Dunkel. Seitlich vom Wege ein breiter heller Streifen.
Das Mondlicht fällt auf eine Baumlichtung. Dort hohe Gräser, Farne, große
gelbe Pilze. Die Frau kommt aus dem Dunkel.
Da kommt ein Licht! (Atmet auf:) Ach! nur der Mond … Wie gut …
(Wieder halb ängstlich:) Dort tanzt etwas Schwarzes … hundert Hände …
(Sofort beherrscht:) Sei nicht dumm … es ist der Schatten …
(Zärtlich nachdenkend:) Oh! wie dein Schatten auf die weißen Wände fällt
… Aber so bald mußt du fort.
(Rauschen. Sie hält an, sieht um sich und lauscht einen Augenblick:) Rufst
du? …
(wieder träumend:) Und bis zum Abend ist es so lang …
(Leichter Windstoß. Sie sieht wieder hin:) Aber der Schatten kriecht doch!
… Gelbe, breite Augen …
(Laut des Schauderns) So vorquellend … wie an Stielen … Wie es glotzt
…
(Knarren im Gras. Entsetzt:) Kein Tier, lieber Gott, kein Tier … Ich habe
solche Angst … Liebster, mein Liebster, hilf mir …
(sie läuft weiter.)
IV. Szene
Mondbeschienene, breite Straße, rechts aus dem Walde kommend. Wiesen und
Felder (gelbe und grüne Streifen abwechselnd). Etwas nach links verliert
sich die Straße wieder im Dunkel hoher Baumgruppen. Erst ganz links sieht
man die Straße frei liegen. Dort mündet auch ein Weg, der von einem Hause
herunterführt. In diesem alle Fenster mit dunklen Läden geschlossen. Ein
Balkon aus weißem Stein. (Die Frau kommt langsam, erschöpft. Das Gewand
ist zerrissen, die Haare verwirrt. Blutige Risse an Gesicht und Händen.
Umschauend:)
Er ist auch nicht da … Auf der ganzen, langen Straße nichts Lebendiges
… und kein Laut … (Schauer; lauschend:) Die weiten blassen Felder sind
ohne Atem, wie erstorben … kein Halm rührt sich …
(Sieht die Straße entlang:) Noch immer die Stadt … Und dieser fahle Mond
… Keine Wolke, nicht der Flügelschatten eines Nachtvogels am Himmel …
diese grenzenlose Totenblässe …
(Sie bleibt schwankend stehen:) Ich kann kaum weiter … Und dort läßt man
mich nicht ein … Die fremde Frau wird mich fort jagen! … Wenn er krank
ist …
(Sie hat sich in die Nähe der Baumgruppen geschleppt, unter denen es vollständig
dunkel ist:) Eine Bank … ich muß ausruhen …
(Müde, unentschlossen, sehnsüchtig:) Aber so lang hab ich ihn nicht gesehen
…
(Sie kommt unter die Bäume, stößt mit den Füßen an etwas:) Nein, das ist
nicht der Schatten der Bank
(mit dem Fuß tastend, erschrocken:) Da ist jemand …
(Beugt sich nieder, horcht:) Er atmet nicht …
(Sie tastet hinunter:) Feucht … hier fließt etwas …
(Sie tritt aus dem Schatten ins Mondlicht:) Es glänzt rot … Ach, meine
Hände sind wund gerissen … Nein, es ist noch naß, es ist von dort …
(Versucht mit entsetzlicher Anstrengung den Gegenstand hervorzuzerren:)
Ich kann nicht. (Bückt sich. Mit furchtbarem Schrei:) Das ist er:
(sie sinkt nieder.) (Nach einigen Augenblicken erhebt sie sich halb, so
daß ihr Gesicht den Bäumen zugewendet ist. Verwirrt:) Das Mondlicht …
nein dort … Da ist der schreckliche Kopf … das Gespenst …
(Sieht unverwandt hin:) Wenn es nur endlich verschwände … wie das im Wald
… Ein Baumschatten, ein lächerlicher Zweig … Der Mond ist tückisch … weil
er blutleer ist, malt er rotes Blut …
(Mit ausgestreckten Fingern hinweisend, flüsternd:) Aber es wird gleich
zerfließen … Nicht hinsehen … Nicht darauf achten … Es zergeht sicher
… wie das im Wald …
(Sie wendet sich mit gezwungener Ruhe ab, gegen die Straße zu:) Ich will
fort … ich muß ihn finden … Es muß schon spät sein …
(Schweigen. Unbeweglichkeit. Sie wendet sich jäh um, aber nicht vollständig.
Fast jauchzend:) Es ist nicht mehr da … Ich wußte …
(Sie hat sich weiter gewendet, erblickt plötzlich wieder den Gegenstand:)
Es ist noch da … Herrgott im Himmel …
(Ihr Oberkörper fällt nach vorne, sie scheint zusammenzusinken. Aber sie
kriecht mit gesenktem Haupt hin:) Es ist lebendig
(tastet:) Es hat Haut … Augen … Haar …
(Sie beugt sich ganz zur Seite, als wollte sie ihm ins Gesicht sehen:)
Seine Augen … es hat seinen Mund … Du … du … bist du es … Ich habe dich
so lang gesucht … Im Wald und … (an ihm zerrend:) Hörst du? Sprich doch
… Sieh mich an …
(Entsetzt, beugt sich ganz. Atemlos:) Herrgott, was ist …
(schreiend, rennt ein Stück fort:) Hilfe …
(Von ferne zum Hause hinauf:) Um Gotteswillen! … rasch! … hört mich denn
niemand? … er liegt da …
(schaut verzweifelt um sich.) (Eilig zurück unter die Bäume:) Wach auf
… wach doch auf … (flehend:) Nicht tot sein … mein Liebster … Nur nicht
tot sein … ich liebe dich so.
(Zärtlich, eindringlich:) Unser Zimmer ist halbhell … alles wartet … die
Blumen duften so stark …
(Die Hände faltend, verzweifelnd:) Was soll ich tun … Was soll ich nur
tun, daß er aufwacht? …
(Sie greift ins Dunkel hinein, faßt seine Hand:) Deine liebe Hand …
(zusammenzuckend, fragend:) So kalt? …
(Sie zieht die Hand an sich, küßt sie. Schüchtern schmeichelnd:) Wird
sie nicht warm an meiner Brust?
(Sie öffnet das Gewand:) Mein Herz ist so heiß vom Warten …
(Flehend, leise:) Die Nacht ist bald vorbei … Du wolltest doch bei mir
sein diese Nacht. (Ausbrechend:) Oh! es ist heller Tag … Bleibst du am
Tage bei mir? … Die Sonne glüht auf uns … deine Hände liegen auf mir …
deine Küsse … mein bist du … du … Sieh mich doch an, Liebster, ich liege
neben dir … So sieh mich doch an …
(Sie erhebt sich, sieht ihn an, erwachend:) Ah! wie starr … Wie fürchterlich
deine Augen sind …
(Laut aufweinend:) Drei Tage warst du nicht bei mir … Aber heute … so
sicher … Der Abend war so voll Frieden … Ich schaute und wartete …
(ganz versunken:) Über die Gartenmauer dir entgegen … So niedrig ist sie
… Und dann winken wir beide …
(Aufschreiend:) Nein, nein … es ist nicht wahr … Wie kannst du tot sein?
… Überall lebtest du … Eben noch im Wald … deine Stimme so nah an meinem
Ohr … immer, immer warst du bei mir … dein Hauch auf meiner Wange … deine
Hand auf meinem Haar …
(Angstvoll:) Nicht wahr … es ist nicht wahr? Dein Mund bog sich doch eben
noch unter meinen Küssen …
(wartend:) Dein Blut tropft noch jetzt mit leisem Schlag … Dein Blut ist
noch lebendig … (Sie beugt sich tief über ihn:) Oh! der breite rote Streif
… Das Herz haben sie getroffen …
(Fast unhörbar:) Ich will es küssen … mit dem letzten Atem … dich nie
mehr loslassen …
(richtet sich halb auf:) In deine Augen sehn … Alles Licht kam ja aus
deinen Augen … mir schwindelte, wenn ich dich ansah …
(In der Erinnerung lächelnd, geheimnisvoll, zärtlich:) Nun küss ich mich
an dir zu Tode. (Tiefes Schweigen. Sie sieht ihn unverwandt an. Nach einer
Pause plötzlich:) Aber so seltsam ist dein Auge …
(verwundert:) Wohin schaust du?
(Heftiger:) Was suchst du denn?
(Sieht sich um; nach dem Balkon:) Steht dort jemand?
(Wieder zurück, die Hand an der Stirn:) Wie war das nur das letzte Mal?
…
(immer vertiefter:) War das damals nicht auch in deinem Blick?
(Angestrengt in der Erinnerung suchend:) Nein, nur so zerstreut … oder
… und plötzlich bezwangst du dich …
(Immer klarer werdend:) Und drei Tage warst du nicht bei mir … keine Zeit
… So oft hast du keine Zeit gehabt in diesen letzten Monaten …
(Jammernd, wie abwehrend:) Nein, das ist doch nicht möglich … das ist
doch …
(in blitzartiger Erinnerung:) Ah, jetzt erinnere ich mich … der Seufzer
im Halbschlaf … wie ein Name … du hast mir die Frage von den Lippen geküßt
…
(Grübelnd:) Aber warum versprach er mir, heute zu kommen? …
(In rasender Angst:) Ich will das nicht … nein ich will nicht …
(Aufspringend, sich umwendend:) Warum hat man dich getötet? … Hier vor
dem Hause … Hat dich jemand entdeckt? …
(Aufschreiend, wie sich anklammernd:) Nein, nein … mein einzig Geliebter
… das nicht … (Zitternd:) Oh, der Mond schwankt … ich kann nicht sehen
… Schau mich doch an …
(rast plötzlich:) Du siehst wieder dort hin? …
(Nach dem Balkon:) Wo ist sie denn … die Hexe, die Dirne … die Frau mit
den weißen Armen …
(höhnisch:) Oh, du liebst sie ja die weißen Arme … wie du sie rot küßt
…
(Mit geballten Fäusten:) Oh, du … du … du Elender, du Lügner … du … Wie
deine Augen mir ausweichen! … Krümmst du dich vor Scham? …
(Stößt mit dem Fuß gegen ihn:) Hast sie umarmt … Ja? …
(von Ekel geschüttelt:) so zärtlich und gierig … und ich wartete … Wo
ist sie hingelaufen, als du im Blut lagst? … Ich will sie an den weißen
Armen herschleifen … so
(Gebärde; zusammenbrechend:) Für mich ist kein Platz da …
(schluchzt auf:) Oh! nicht einmal die Gnade, mit dir sterben zu dürfen
…
(Sinkt nieder, weinend:) Wie lieb, wie lieb ich dich gehabt hab’ … Allen
Dingen ferne lebte ich … allem fremd …
(in Träumerei versinkend:) Ich wußte nichts als dich … dieses ganze Jahr
… seit du zum ersten Mal meine Hand nahmst … oh, so warm … nie früher
liebte ich jemanden so … Dein Lächeln und dein Reden … ich hatte dich
so lieb …
(Stille und Schluchzen. Dann leise, sich aufrichtend:) Mein Lieber … mein
einziger Liebling … hast du sie oft geküßt? … während ich vor Sehnsucht
verging …
(Flüsternd:) Hast du sie sehr geliebt?
(Flehend:) Sag nicht: ja … Du lächelst schmerzlich … Vielleicht hast du
auch gelitten … vielleicht rief dein Herz nach ihr …
(Stiller, warm:) Was kannst du dafür? … Oh, ich fluchte dir … Aber dein
Mitleid machte mich glücklich … Ich glaubte, war im Glück …
(Stille. Dämmerung links im Osten. Tief am Himmel Wolken, von schwachem
Schein durchleuchtet, gelblich schimmernd wie Kerzenlicht. Sie steht auf:)
Liebster, Liebster, der Morgen kommt … Was soll ich allein hier tun? …
In diesem endlosen Leben … in diesem Traum ohne Grenzen und Farben … denn
meine Grenze war der Ort, an dem du warst … und alle Farben der Welt brachen
aus deinen Augen … Das Licht wird für alle kommen … aber ich allein in
meiner Nacht? … Der Morgen trennt uns … immer der Morgen … So schwer küßt
du zum Abschied … wieder ein ewiger Tag des Wartens … Oh du erwachst ja
nicht mehr … Tausend Menschen ziehn vorüber … ich erkenne dich nicht …
Alle leben, ihre Augen flammen … Wo bist du? …
(Leiser:) Es ist dunkel … dein Kuß wie ein Flammenzeichen in meiner Nacht
… meine Lippen brennen und leuchten … dir entgegen …
(in Entzücken aufschreiend:) Oh, bist du da …
(irgend etwas entgegen:) ich suchte …
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