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Arnold Schönberg: Sechs kleine Klavierstücke op.
19 (1911)
Einführung
Die Klavierstücke op. 19 sind fast zur Gänze an einem einzigen Tag, dem
19. Februar 1911, niedergelegt worden. Sie stellen mit ihrem Umfang zwischen
9 und 17 Takten aphoristisch formulierte Miniaturen vor, die im Charakter
deutlich voneinander abgesetzt erscheinen und dabei eine jeweils eigenständig
pointierte musikalische Idee verfolgen. Obwohl Schönberg Wiederholungen
oder thematische Arbeit vermeidet, lassen die Stücke dennoch fast unmerklich
motivische Verknüpfungstechniken und ein ausgewogenes Proportionsdenken
erkennen: so stellt etwa das zweite der Stücke eine Ostinato-Studie (basierend
auf der Terzfolge g-h) dar, das dritte fußt auf bitonalen Konstruktionsprinzipien.
Dabei bildet sich zumeist auch kein regelmäßiges Rhythmus-Metrum-Verhältnis
aus: Schönberg verwirklicht hier sein Ideal einer »musikalischen Prosa«
als »Gedanken«-Darstellung »ohne bloßes Beiwerk und Wiederholungen«, gekennzeichnet
durch »Freiheit des Rhythmus« und »völlige Unabhängigkeit von formaler
Symmetrie« (»Brahms der Fortschritt-liche«, 1933/1947).
Dem Eindruck des Unvorhersehbaren innerhalb der Gesamtheit der Klavierstücke
steht eine, wie Ernst Bloch dies genannt hat, »expressionslogische« Folgerichtigkeit
jeder Einzelheit der Komposition gegenüber. Erwartung und Erfahrung sind
zwar als Wahrnehmungsraster der durmolltonalen Konventionen getilgt, und
die künftige Abfolge der Klangereignisse ist für den Hörer nicht aus bereits
Wahrgenommenem zu erschließen. Statt das Geschehen an einer schematischen
Erwartung zu messen, kann der Formverlauf aber allein im Moment seiner
Gestaltung als sinnvoll gestiftete Vielfalt, sozusagen von Augenblick
zu Augenblick, mitvollzogen werden.
Das sechste und letzte Stück aus op. 19, das erst Mitte Juni 1911 entstand,
hat Schönberg gleichsam als epitaphartige Erinnerung an den im Monat zuvor
verstorbenen Gustav Mahler verfaßt. Die Hommage bildet auch innerhalb
des Zyklus eine Art Nachklang: in resignativem Bewegungsverzicht verharrt
das Stück nahezu statisch auf einem Sechsklang und endet mit einem Nonintervall
in der Baßstimme über dem angehaltenen Sechstonakkord, ohne tatsächlich
zu schließen. Wie in Schönbergs Gemälde »Gustav Mahler (Vision)« von 1910,
das freilich eher einem Selbstporträt ähnelt, mag sich Schönbergs expressiv
aufgesprengte und von den Konventionen des Taktmaßes befreite Musik in
den mitunter so disparat erscheinenden Spätwerken des »Zeitgenossen der
Zukunft« Mahler wiedererkannt haben.
Matthias Schmidt
© Arnold Schönberg Center
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