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Arnold Schönberg: Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds
»Pierrot lunaire« op. 21 (1912)
Einführung
Der Diseuse Albertine Zehme ist es zu verdanken, daß 1912 eines der Meisterwerke
des 20. Jahrhunderts entstand: die Vertonung der »Dreimal sieben Melodramen
des Pierrot lunaire« durch Arnold Schönberg. »Habe Vorwort gelesen, Gedichte
angeschaut, bin begeistert. Glänzende Idee, ganz in meinem Sinn. Würde
das auch ohne Honorar machen wollen. Deshalb auch anderen Vorschlag gemacht:
statt Honorar Aufführungstantiemen. Annehmbarer für mich, weil ich ja
doch nicht auf Bestellung arbeiten kann.«, notierte der Komponist drei
Tage, nachdem er durch seinen Konzertagenten Emil Gutmann von Albertine
Zehmes Plänen gehört hatte, in sein Tagebuch.
Schönberg war von der damals 55jährigen gebürtigen Wienerin, die
im Sprechtheater, besonders aber als Rezitatorin von Texten zur Musik,
gefeiert wurde, begeistert: »Erinnert mich etwas an die Mildenburg (das
Abgewandte) und etwas an die Gutheil (das Herzliche, Schlichte), also
an Leute, die ich mag.« Nach einigen Verhandlungen nahm Schönberg den
Auftrag der – aufgrund einiger spektakulärer Fälle ihres Gatten, der Rechtsanwalt
war – recht wohlhabenden Frau an. Am 12. März 1912 begann Schönberg mit
der Komposition des ersten Melodrams, »Gebet an Pierrot« (II. Teil): »Und
ich gehe unbedingt, das spüre ich, einem neuen Ausdruck entgegen. Die
Klänge werden hier ein geradezu tierisch unmittelbarer Ausdruck sinnlicher
und seelischer Bewegungen.«
Inspiriert hat Schönberg unter anderem die Form der Verse des Belgiers
Albert Giraud. So wendet der Dichter in seinen 13zeiligen Versen durch
die Wiederholung der ersten Zeile in der Mitte und am Ende eine Art musikalische
Reprisenform an. Dementsprechend finden sich auch bei Schönbergs Komposition
allerlei kontrapunktische Künste: in »Der Mondfleck« (III. Teil) gewinnt
er beispielsweise die musikalische Satztechnik aus dem Prinzip der Spiegelung,
gerechtfertigt durch die Textstelle »Er besieht sich rings und findet
richtig – einen weißen Fleck des hellen Mondes«. Piccolo und Klarinette
einerseits und Geige und Violoncello anderer-seits sind aneinander gekoppelt
und laufen bis zu den Textworten »richtig« und »einen weißen Fleck« vorwärts,
ab dieser Stelle dann krebsartig rückwärts.
Albertine Zehme hatte bei ihrem Auftrag an ein Werk für Sprechstimme mit
Klavierbegleitung gedacht. Schönberg jedoch wollte seine kompositorische
Fantasie nicht von dieser Gegebenheit beschränken lassen: So fragte er
bei jedem hinzukommenden Instrument, ob die Auftraggeberin einverstanden
sei, da sich ja so die Aufführungskosten erhöhten. Zehme ließ dem Komponisten
freie Hand, so daß am Ende jede der einundzwanzig Miniaturen des »Pierrot
lunaire« eine eigene Klangfarbe beanspruchen kann, die durch die Kombination
der beteiligten Instrumente Geige / Bratsche, Flöte / Piccolo, Klarinette
/ Baßklarinette, Klavier und Violoncello erreicht wird. Am 9. Juli 1912
wurde das Werk beendet und die Einstudierung, bei der vor allem der Schönberg-Schüler
und Pianist Eduard Steuermann maßgeblich beteiligt war, begann: »Was mich
betrifft, so werde ich nie diese Wochen und Monate vergessen, wenn alle
paar Tage die Acht-Uhr-Post mir handgeschriebene Blätter eines neuen Stückes
von dem Werk brachte. Fieberhaft probierte ich es am Klavier und eilte
in das Studio von Frau Zehme mit der ziemlich schwierigen Aufgabe, es
mit ihr zu studieren. Sie war eine intelligente und künstlerische Frau,
aber von Beruf Schauspielerin und nur so musikalisch wie die gut erzogenen
deutschen Damen dieser Zeit. Ich erinnere mich, wie ich sie manch-mal,
verzweifelnd, ob ich ihr je den genauen Unterschied zwischen Dreiviertel-
und Vierviertelrhythmus beibringen würde, bat, ein paar Takte eines Walzers
und dann einer Polka zu tanzen, in immer kürzeren Abständen zwischen beiden
wechselnd und schließlich die ersten Takte des ›Dandy‹ versuchend.« (Eduard
Steuermann)
25 Proben gingen der Uraufführung voraus, für die der Berliner Choralionsaal
angemietet wurde. »Frau Zehme bestand darauf, im Kostüm des Pierrot zu
erscheinen und allein auf dem Podium zu stehen. Die Instrumentalisten
und der Dirigent, Schönberg, waren hinter einem ziemlich komplizierten
Wandschirm – kompliziert, weil es auf einem kleinen Podium nicht ganz
einfach war, den Schirm so aufzubauen, daß der Dirigent für die Sprecherin
sichtbar war, aber nicht für die Zuhörer.« (Eduard Steuermann) Trotz des
unausbleiblichen Schlüsselklapperns war die Aufführung ein voller Erfolg:
»Aber am Schluß war nicht die Spur von Widerspruch. Schönberg und die
Aufführenden mußten oft und oft kommen, vor allem natürlich Schönberg;
man schrie im Saal nach ihm immer wieder. Es war ein unbedingter Erfolg.«
(Anton Webern)
Iris Pfeiffer
© Arnold Schönberg Center
Analytische Artikel über »Pierrot lunaire«:
Susan Youens: The text of Pierrot lunaire: an allegory of art and the
mind, in: From Pierrot to Marteau : an international conference and concert
celebrating the tenth anniversary of the Arnold Schoenberg Institute,
University of Southern California School of Music, March 14-16, 1987.
Edited by Leonard Stein (Los Angeles: Arnold Schoenberg Institute, 1987)
p.
1, 2,
3
Christian Martin Schmidt: Analytical remarks on Schoenberg's Pierrot lunaire,
in: From Pierrot to Marteau : an international conference and concert
celebrating the tenth anniversary of the Arnold Schoenberg Institute,
University of Southern California School of Music, March 14-16, 1987.
Edited by Leonard Stein (Los Angeles: Arnold Schoenberg Institute, 1987)
From Pierrot to Marteau : an international conference and concert celebrating
the tenth anniversary of the Arnold Schoenberg Institute, University of
Southern California School of Music, March 14-16, 1987. Edited by Leonard
Stein (Los Angeles: Arnold Schoenberg Institute, 1987)
p.
1, 2
Bryan Simms: Pierrot lunaire op. 21, in: The Atonal Music of Arnold Schoenberg
1908-1923. (New York: Oxford University Press, 2000)
p.
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