Arnold Schönberg: Serenade op. 24 (1920–1923)
Einführung

Schönberg begann im September 1921 mit der Komposition der Serenade und vollendete das Werk am 14. April 1923.Die Uraufführung fand am 2. Mai 1924 in privatem Rahmen bei Norbert Schwarzmann in Wien statt, die erste öffentliche Aufführung im Sommer darauf in Donaueschingen. Die Serenade markiert einen von Schönbergs ersten Versuchen, die serielle Kompositionstechnik auf ein Werk größeren Umfangs, weitgehend auch ohne Textbasis, anzuwenden.
Die Stabilität traditioneller Gattungen (Marsch, Menuett, Thema und Variationen) gab Schönberg die notwendige Freiheit im Experiment mit neuen kompositorischen Verfahren. Die Atmosphäre dieses Kammermusikwerkes der Besetzung Klarinette, Baßklarinette, Mandoline, Gitarre, Geige, Bratsche, Violoncello und Baßstimme ähnelt jener in »Pierrot lunaire«. Effekte instrumentaler Technik (Pizzicato, col legno, Flatterzunge) erzeugen ungewöhnliche Klangfarben. Die Kombination von Violine, Klarinette und gezupften Streichinstrumenten läßt das Timbre der ‚Schrammelmusik‘ wiederaufleben.
Neben einer Vielfalt an Farben und Stimmungen, welche aus den verschiedenen Zusammenklängen hervorgehen, belebt Schönberg durch Tempoänderungen und dynamische Nuancen die Ausdrucksvielfalt des Stücks. Sieben Sätze sind symmetrisch angeordnet: 1 (Marsch) und 7 (Finale) teilen musikalisches Material, 2 (Menuett) und 5 (Tanzszene) sind in ähnlichem tanzartigen Stil gestaltet, während 3 (Variationen) und 6 (Lied ohne Worte) einen mehr nachdenklichen Charakter tragen.
Der zentrale Satz – nach einem Sonett von Petrarca – ist Brennpunkt des ganzen Werkes. Eine dreiteilige Anlage mit leicht erkenn- baren Umkehrungen des Hauptthemas ist im Marsch manifest; wenngleich als »Marsch« betitelt, sind Tempo und Charakter mehr einem traditionellen, obwohl häufig aufgebrochenen, Walzer angenähert. Das Menuett ist ebenso dreiteilig, mit einer wörtlichen Wiederholung des ersten Abschnittes nach einem schnelleren Trio. Der dritte Satz setzt sich aus einem langen Klarinetten- Thema und sechs Variationen zusammen. Schönberg selbst schrieb darüber im »Rückblick«: »Die folgenden Variationen verwenden Umkehrungen und Krebsumkehrungen, Diminutionen und Augmentationen, Kanons verschiedener Art und rhythmische Wechsel auf verschiedenen Taktzeiten – mit anderen Worten, alle technischen Mittel der Methode sind da außer der Beschränkung auf nur zwölf verschiedene Töne.«
Durch eine Übersetzung von Karl Förster stieß Schönberg auf Texte von Petrarca. Das Sonett ist syllabisch gestaltet: elfsilbige Verszeilen fallen mit einer Zwölftonreihe dergestalt zusammen, daß der Zeilenbeginn jeweils einer neuen Note entspricht. Das von einem Baß gesungene Sonett hat lyrischen Charakter und wird in der Textvermittlung instrumental untermalt, etwa bei den Textstellen »Leu«, »fliegt« und »weint«. Die Wahl eines Sonetts des Klassizisten Petrarca scheint vor dem Hintergrund einer der ersten Zwölftonkompositionen Schönbergs paradox. In op. 24 wird nur die Grundgestalt der Reihe verwendet, jedoch durch oktavierte Transponierung variiert. Die Tanzszene stellt unterschiedlichste Charaktere, vom raschen Marsch bis zum schwungvollen Walzer, dar; in diesem Satz spielen Dreiklänge zwar auf tonales Verfahren an, haben jedoch keine harmonische Funktion inne. Das Lied ohne Worte vermittelt eine lyrische Melodie, die von Schönberg durch den sinnlichen Kontrast zwischen gestrichenen und gezupften Streichinstrumenten sowie Bläsern bereichert wird.

Camille Crittenden
© Arnold Schönberg Center

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