Arnold Schönberg: Vier Stücke für gemischten Chor op. 27 (1925)
Einführung

Eine Blüte bürgerlichen chorischen Singens wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durch den Goethe-Freund Carl Friedrich Zelter hervorgerufen. Die neugegründeten Singvereinigungen zeigten jedoch bereits in der Frühzeit Tendenzen zur Spaltung: die »Berliner Singakademie« verschrieb sich der Pflege der ‚alten Musik‘ (Johann Sebastian Bach), während die 1809 gegründete »Berliner Liedertafel« sich aufs Zeitgenössische konzentrierte. Die unterschiedlichen Aufgabenbeeriche trennten sich noch mehr auf, als eine mächtige restaurative Bewegung gleichermaßen die katholische wie die evangelische Kirchenmusik erfaßte: der Cäcilianismus. Nur noch die im Tridentinum approbierte Kirchenmusik wurde gepflegt, Zeitgenössisches hatte sich nach historischen Vorbildern zu richten. Daher erfolgte ziemlich rasch die Aufspaltung in unterschiedliche Bereiche. Einerseits entwickelten sich die Liedertafeln mit unüberhörbar chauvinistischem Unterton. Andererseits kapselten sich die Kirchenchöre sich unter dem Einfluß des Cäcilianismus von der Musik ihrer Zeit weitgehend ab. Nur die Oratorienchöre widmeten sich trotz der Fixierung auf Bach und Händel den Zeitgenossen und begründen so eine Tradition, an die Berlioz, Liszt, Brahms und auch der Schönberg der Gurrelieder anknüpfen konnten. Aber bereits Schönbergs Chor »Friede auf Erden« (1907) verlangt einen modernen, beweglichen Kammerchor, wie er erst seit den 50er Jahren unseres Jahrhunderts zur Verfügung stand, was dem Werk den Ruf der Unaufführbarkeit einbrachte.
18 Jahre später griff Schönberg die Gattung a Capella Chor mit den Vier Stücken für gemischten Chor op. 27 erneut auf. Trotz der dodekaphonen Komponierweise erinnert besonders die Nummer 1 an die aus dem neunzehnten Jahrhundert überkommene Satzweise für Chormusik. Die von der Dodekaphonie herrührenden Intonationsschwierigkeiten scheinen durch eine pointiert leichte Rhythmik kompensiert zu werden. Auch das Notenbild unterscheidet sich (abgesehen durch die vielen Vorzeichen) wenig von dem, das die Singbewegung hervorbrachte. Die Vierstimmigkeit steht ganz in der Tradition der erprobten Balance von Konstruktion und Klang. Auch die Melodik unterwirft sich diesen Prinizipien der Einfachheit: Zwei Reihenformen werden kanonisch verschränkt: die Grundgestalt und die eine Quinte tiefer transponierte Umkehrung derselben.
Die Nummer 2 »Du sollst nicht« ist gedanklich eng verwandt mit der »Jakobsleiter« und »Moses und Aron«. Die Schönberg–Biographen sind sich einig, daß dieses Stück eine wesentliche Station bei der allmählichen Rückkehr zum jüdischen Glauben darstellt. Was sich in der Jakobsleiter noch als ekletktisches Vermengen von Gedanken Balzacs, Strindbergs und der Antroposophie darstellt, erscheint in diesem Chor die Rekapitulation des jüdischen Bilderverbots als theologische Gewißheit.
Für den dritten und vierten Chor wählte Schönberg eine in der Wiener Schule beliebte literarische Quelle, die Anthologie »Die chinesische Flöte« von Hans Bethge. In Nr. 3 »Mond und Menschen« wird der Stetigkeit der Mondbahn das Unstete des menschlichen Lebens entgegengehalten. Die Nr. 4 erhält ein Ensemble von vier Spielern als Begleitung: Mandoline, Klarinette, Geige und Violoncello. Der Chor und die Instrumente sind eng miteinander verwoben: Jeweils ein Instrument trägt die Melodie in Grundgestalt oder Umkehrung vor, die übrigen fungieren als Begleitensemble. Die Mandoline repräsentiert den Liebhaber, ihr schwelgerischer Duktus steht in ironischer Distanz zur Strenge der Dodekaphonie und weckt Erinnerung an den Brauch des nächtlichen Ständchens.

Agnes Grond
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