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Arnold Schönberg: Drei Satiren für gemischten Chor op. 28
(19251926)
Einführung
Die drei Satiren für gemischten Chor entstanden in einer Zeit, zu der
Schönberg 51jährig am Höhepunkt seiner Laufbahn stand. Kurz vor dem Beginn
der Komposition war er nach Berlin an die Preußische Akademie der Künste
als Nachfolger Ferruccio Busonis berufen worden. Die Zwölftontechnik hatte
sich bis zu einem gewissen Grad etabliert. War Schönberg als Komponist
anerkannt wie nie, so war er doch in seinem künstlerischen Selbstverständnis
empfindlich wie nie zuvor »Ich schrieb sie [die Satiren], als ich über
die Angriffe einiger meiner jüngeren Zeitgenossen sehr aufgebracht war,
und wollte sie warnen, daß es nicht gut ist, mit mir anzubinden.« erläutert
Arnold Schönberg im Vorwort zu den Satiren. Vier »Zielgruppen nennt er,
die er mit den Satiren treffen wollte: zum ersten diejenigen, »die ihr
persönliches Heil auf einem [kompositorischen] Mittelweg suchen.» Weiters
alle die sich an der Vergangenheit orientieren, rückwärts statt vorwärts
blicken, drittens die »Folkloristen« und viertens »alle ‚...isten‘, in
denen ich nur noch Manieristen sehen kann.« .
Die Aktualität der drei Satiren ist ungebrochen, obwohl sie als unmittelbare
Reaktion auf die aktuelle Situation am ehesten vom Prozeß des Veraltens
gefährdet waren. »Am Scheideweg«: Hier ist die erste Zielgruppe
gemeint, diejenigen, die sich tonaler wie atonaler Prinzipien bedienen,
ohne sich über Ursachen und Konsequenzen im Klaren zu sein. Der Textstelle
Tonal entspricht ein C–Dur Dreiklang, der in der Zwölftonreihe bereits
angelegt ist. Ganz bewußt wird diese tonale Zelle (gegen die Forderung,
tonale Konstelationen zu vermeiden, um nicht den Eindruck eines tonalen
Zusammenhanges zu erwecken) eingesetzt und bildet die musikalische Entsprechung
zum Konstrast Tonal/Atonal im Text. Der Kanon wird herangezogen, um die
Verächter der Kunst verfeinerter Polyphonie erzittern zu lassen. Grundgestalt
und Krebs der Reihe werden zu einer 23–tönigen Doppelreihe vereint und
als vierstimmiger Kanon im Einklang durchgeführt. Eine Coda, in der die
Grundgestalt enggeführt wird, beschließt den Kanon.
An diesem, wie auch am nächsten Stück »Vielseitigkeit« fällt
die einfache rhythmische Faktur ins Auge, die mit der komplexen Tonhöhenordnung
in Kontrast steht. Der zweite Chor Vielseitigkeit war eigentlich nicht
zur Aufführung gedacht. Es handelt sich um Augenmusik, zurückweisend auf
das fünzehnte und sechzehnte Jahrhundert. Die Reihe ähnelt der des ersten
Stückes: die Töne c–e–g treten sukzessiv auf, allerdings ohne Textbezug.
Nr.3 »Der neue Klassizismus« ist eine Kantate für gemischten
Chor mit Begleitung von Bratsche, Violoncello und Klavier. Sie ist in
wesentlichen Teilen gegen den Musikwissenschaftler Hugo Riemann gerichtet,
was Schönberg in seinem Vorwort verschweigt. Riemann hatte sich in seinem
Musiklexikon (in der Ausgabe von 1916) abfällig über Passagen in Schönbergs
Harmonielehre geäußert, was der Komponist 1926 (zur Entstehungszeit der
Satiren, als Riemann längst gestorben, und die bewußte Passage längst
gestrichen war) noch nicht verwunden hatte. Davon abgesehen ist Strawinsky
das Hauptangriffsziel. Anlehnungen an die barocke Kantatenform sin d offensichtlich.
Auf ein ausgedehntes Rezitativ (»eventuell Solo«) folgt eine ‚Arie‘ für
Baß und Chor (»Dem kann die Macht der Zeiten nichts mehr anhaben«) mit
variierter Reprise. Daran schließt sich eine Chorfuge (»Die Hauptsache
ist der Entschluß«). Ein Rezitativ, das die Materialien des Anfangs variiert,
leitet übere zu einer ‚Tripelfuge‘, deren Themen aus der gleichen Reihe
gewonnen werden. Die Rolle der Instrumentalbegleitung ist das Stützen
der Singstimmen, eine Vorsichtsmaßnahme, die auf frühere Erfahrungen mit
Friede auf Erden zurückgeht. Der Anhang zu den Satiren besteht aus drei
Kanons, die diatonisch komponiert sind. In einem gesonderten Vorwort begründet
Schönberg das Verfahren damit. daß er habe beweisen wollen, daß er in
der lage sei, diatonische Kanons zu schreiben »was zwar nicht sehr geschätzt
wird, aber immerhin als schwierig gilt.« Zudem ist die Kanonform die einzige
traditionsbehaftete Form, die den Erfordernissen der Zwölftonmethode am
nächsten kommt.
Agnes Grond
© Arnold Schönberg Center
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