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Arnold Schönberg: Suite für Kleine Klarinette, Klarinette, Baßklarinette,
Geige, Bratsche, Violoncello und Klavier op. 29 (19251926)
Aus: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Band 18 (= Musikalische
Schriften, V). Hrsg. von Rolf Tiedemann u. Klaus Schultz. Frankfurt a.
M.: Suhrkamp 1984, S. 358362. (Erstmals veröffentlicht in: Die Musik
20 [1927/28], S. 605607.) [Über die Suite op. 29]
Die bestimmende Dialektik der Geschichte von Schönbergs Werken hat einen
neuen Umschlagspunkt erreicht. Die konstruktive Durchdringung des vollendet
subjektivierten Komponiermaterials, die aus Variationstechnik und kontrapunktischer
Empfindlichkeit gegen Stufen- und Tonwiederholungen in der Zwölftonkomposition
rational und material geleistet war, hat sich mit den bestehenden Formen
gesättigt, die sie durchsichtig machte; alte Suite, Sonate und schließlich
in den Chören die strengsten Bildungsweisen des imitatorischen Stiles
sind im Stoff der zwölf nur aufeinander bezogenen Töne definitiv ausgeformt.
Daran aber ist kein Genügen: alle Freiheit der Phantasiekonstruktion bleibt
wach in Schönbergs Musik, durchleuchtet die bestehenden Formen bereits
und will schließlich abermals sprengen, was an gesetztem Sein ihr irgend
den Weg verlegen möchte; will ihre Form autonom bestimmen. Das ist nicht
so zu denken, als ob Schönberg des aufgelösten Stiles in Willkür sich
wiederum erinnert und ihn mit Zwölftontechnik erfüllt hätte. Vielmehr
ruht die objektive Gewalt der Schönbergschen Dialektik darin gerade, daß
die Probleme jedes Werkes von der Verfahrungsart des vorhergehenden derart
notwendig gemacht sind, als ob es nur gälte, dort aufgeworfene technische
Fragen zu lösen, während der Übergang von der Frage zur Lösung den Übergang
in eine neue Sphäre Musik bereits bezeichnet. Die bewegende Kraft des
jüngsten Umschlages ist die Frage, wie sich die Zwölftontechnik so handhaben
lasse, daß, ohne die Strenge irgend zu mindern, der Ablauf der Reihen
und die Reihen selber als kompositorischer Stoff nicht fühlbar werden,
sondern hinter den Mitteln der thematisch-kompositorischen Technik verschwinden.
Die Reihe soll nicht Themenmaterial mehr bleiben, sie stellt allein noch
die virtuelle Thematik dar, die als solche überhaupt nicht manifest wird.
Damit ist zugleich eine neue Auflockerung der thematischen Charaktere
als solcher gefordert, die in den lockeren Formen ihre getreue Konsequenz
findet. Zugleich aber wirkt die Gebundenheit der bisherigen Zwölftonkompositionen
weiter. Von der Strenge der Zwölftontechnik ist nichts abgegangen, nur
die Möglichkeiten der Reihenteilung, Kombinatorik, Transposition sind
derart bereichert, daß die volle Mobilität der früheren Werke wiederhergestellt
ist. Die Neigung zu den bestehenden Spielformen, zum rondohaften Wesen
vor allem, wirkt weiter; jedoch die Leichtigkeit des Spiels ist wieder
die des Pierrot geworden. Zugleich aber und entscheidend erfolgt der Durchbruch
in eine völlig fremde konstruktive Phantasieregion. Wenn das Reihenmaterial
sich völlig hinter den thematischen Ereignissen verbirgt, so liegt es
nahe, eine durchgehende Zwölftoneinheit zu konstruieren, der leichte Enthüllung
nicht droht und die hinter dem Rücken der Musik jene organisiert. Wie
dem Bläserquintett und der Klaviersuite liegt der Kammersuite und dem
Dritten Quartett jeweils konstantes Zwölftonmaterial zugrunde. In der
Kammersuite ist es die Reihe es-g-fis-ais-d-h-c-a-gis-e-f-cis. Sie wird
im ersten Satz zunächst in einigen Einleitungstakten akkordisch zusammengeklappt,
dann ziemlich geschlossen in der Weise des Bläserquintetts nochmals
als Hauptthema exponiert: die Geige bringt es zu luzider Begleitung
als faßliche Melodie. Die Fortsetzung freilich bereits entwickelt die
eigentümliche Technik der neuen Werke. Sie zerlegt die Grundreihe in Gruppen
von je vier Tönen, die jedoch nicht etwa ihrer Originalgestalt entstammen,
sondern abwechselnd aus Krebs, Originalgestalt, Umkehrung usw. entnommen
sind. Da zugleich die alternierenden Holzbläsermotive, die so entstehen,
nicht etwa mit jenen viertönigen Gruppen zusammenfallen, sondern jene
Gruppen oftmals aus den letzten Tönen eines Holzbläsermotivs und den ersten
des folgenden zusammengesetzt sind, so bleibt bei vollständiger Determiniertheit
aller Ereignisse die Freiheit ihrer Erscheinung völlig gewahrt; niemals
wird mechanischer Reihenablauf spürbar. Die komplementäre Begleitung ist
nicht etwa frei, sondern durch Vertikalisierung des Reihenmaterials gebildet.
Es kann hier dem Zwölftonaufbau des Werkes nicht detailliert nachgegangen
werden, nur der Anfang war andeutend zu bezeichnen, um eine Vorstellung
von der Faktur und ihrem Sinn zu geben. Der synthetischen Einheit von
Spiel und Strenge bleibt der gesamte Satz treu. Die erste Themengruppe
wird zunächst gedrängt fortgesetzt, dann unter Bezug auf die Motive des
eigentlichen Hauptthemas will sagen: dessen Rhythmik, denn auf
die Reihe ist ja unterschiedslos alles bezogen weitergeführt, stets
in lebhaftem Charakter und mit der leisen Möglichkeit des Übergangs aus
der symphonischen Expansion in die lyrische Verschränkung. Eine längere,
sehr reich gebaute Überleitung, die an die transponierte Umkehrung der
Hauptgestalt anknüpft, mündet in eine rondomäßige Anführung des Hauptthemas
und dann unmittelbar in den Seitensatz. Dieser Seitensatz, aus einer Transposition
der Originalgestalt und deren Krebs gewonnen, hat, ähnlich wie das dritte
Thema aus dem Scherzo des Quintetts, zugleich losen Triocharakter, geht
nicht in der Sonatenform auf, wird aber doch nicht als Trio selbständig:
seit der Serenade kennt man Schönbergs einzigartige Fähigkeit zu derart
schillernder, neuscherzoser Formbildung. An den Humor des Trios der Tanzszene
mahnt denn auch der zarte Ton dieses Themas über den simplen Bässen; Schönbergs
drittes Ländlerthema, gewiß nicht zufällig in seiner ironisch expressiven
und rührend verquerten Haltung. Dies Thema, wieder ein Unikum, drängt
sich zu einer Schlußgruppe, in die schon wieder das Hauptthema hineinspielt.
Dann beginnt eine reguläre Durchführung nach Sonatenart mit vielen imitatorischen
Künsten. Aber sie ist trügend wie die fausse reprise der vorklassischen
Sonate: kaum kann sie sich entfalten, da geht sie in eine ausführliche,
sehr getreue und sehr umgestaltete Wiederholung des Überleitungssatzes
der Exposition über. Schließlich kommt es doch zur Durchführung des Hauptthemas;
man kann sich denken, daß in ihr nichts gespart ist. Aber es bleibt ihr
nicht mehr viel Zeit: die eigentliche Reprise des Hauptthemas, andeutungsweise
und sehr verkürzt, gerät dazwischen. Sie leitet ohne Umstände, ohne die
bereits repetierte Überleitung, in den Seitensatz, dessen Triocharakter
damit noch stärker sich betont. Für die Schlußgruppe stehen ein paar Takte;
dann beschließt eine flotte, ganz kurze Coda aus dem Hauptthema den Satz.
Er wurde näher behandelt, weil heute allein Formanalyse Schönbergs neue
Kompositionsweise deutlich macht. Hatte er im Quintett die Sonate selber
dargestellt, so improvisiert er jetzt über die Sonate, lockert sie mit
Rondogelenken, mit der Scherzodualität, spielt Fangball mit einer großen
Themengruppe und triumphiert in einem der virtuosesten und zugleich mit
Charakteren gefülltesten Stücke, die ihm je gerieten. Die Folge hält sich
auf der gleichen Höhe. Der zweite Satz ist Schönbergs Auseinandersetzung
mit dem Jazz: nicht dessen kuristgewerbliche Assimilation, sondern völlige
Verwandlung im kompositorischen Prozeß. Die Synkope weicht einem rhythmischen
Reichtum, wie er selbst bei Schönberg noch nicht da war. Den Instrumenten
erwachsen erregend neue Aufgaben; wer von Spielmusik redet, kann hier
zeigen, ob er zu spielen vermag. Die Form nähert sich dem Rondo. Der dritte
Satz ist das Variationenstück über »Ännchen von Tharau«. Das Thema, als
unveränderte E-Dur-Melodie, ist in der kunstvollsten Weise auf die vertikal
eingesetzte Reihe und ihre Umkehrungs- und Krebsgestalten abgepaßt und
wird in der Folge stets als besondere Reihe dem gleichfalls beibehaltenen
Reihenmaterial kontrastiert, zugleich aber auch im alten Variationssinn
thematisch verarbeitet. Es erscheint ursprünglich in einer bei den Schlüssen
irregulären rhythmischen Vergrößerung, die es derart von den Zäsuren unterscheidet,
daß der Eindruck einer atonal begleiteten tonalen Melodie ganz vermieden
wird, weil nirgends die Kadenzen zusammenfallen. Besonders schön die Coda,
die mit allen Motiven spielt. Der ganze Satz erhält sich die Neigung zu
Sequenzbildungen und einen leichten Serenadenton. Das Finale ist eine
brillante Gigue von knappen Dimensionen, zweiteilig, ein deutlicher Suitencharakter.
Vor seinem Ende kommt es zu einer sehr zarten langsamen Episode. Dem konstruktiven
Reichtum der Suite ist der der Instrumentation äquivalent. Kontrast und
Zusammenfassung der beiden Triogruppen, zwischen denen das Klavier vermittelt;
radikale Ausnützung des Streicherklangs zumal in Flageolettmelodien, besonders
aber der kühne, griffige, transparente, oft höchst virtuose Klaviersatz
erzielen eine ungeahnte Einheit von Zeichnung und Farbe, der bereits ein
neuer Orchesterstil impliziert. Es ist, als wäre die Registrierungskunst
des Quintetts mit der schwebenden und dichten Gruppenkoloristik der Serenade
multipliziert. [...] Den Werken des heutigen Schönberg gegenüber geziemt
sich keine Kritik; mit ihnen ist Wahrheit gesetzt. Die Betrachtung hat
sich darauf zu beschränken, in materialer Analyse auf ihren Erkenntnisstand
hinzuweisen. Im übrigen stehen für das Werk die Aufführungen ein: für
das Quartett die vollkommene und oft gewürdigte von Kolisch, für die Suite
die unmittelbar bevorstehende unter Leitung des Komponisten.
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