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Arnold Schönberg:»Von heute auf morgen« Oper in einem Akt Libretto:
Max Blonda [Gertrud Schönberg] op. 32 (19281929)
Einführung
In den späten 1920er Jahren war eine der Reaktionen auf die vieldiskutierte
»Krise der Oper« die Adaption aktueller Themen in der sogenannten »Zeitoper«.
In der Gegenwart angesiedelt, meist humoristisch angelegt und ausnahmslos
die Moden des täglichen Lebens thematisierend, erfreute sich das Genre
einer so großen wie kurzen Beliebtheit. Im Herbst 1928 gelangte Arnold
Schönberg zur Überzeugung, er könne eine ähnlich erfolgreiche aktuelle
Oper wie Ernst Krenek und Kurt Weill schreiben, ohne jedoch die Gattungsusancen
zu kopieren, sondern vielmehr zu hinterfragen.
»›Von heute auf morgen‹ will eine heitere und leichte Oper sein: sie zeigt
nur, was sich von heute auf morgen abspielt, nicht länger gilt, nicht
länger bestehen bleibt. Wäre aber selbst das ›Was‹ der Handlung schwerer
wiegend, so soll doch das ›Wie‹ der Darstellung leicht sein: eine alltägliche,
fast banale Geschichte; und ihren tieferen Sinn muß nur akzeptieren, wer
Lust dazu hat. Gezeigt ist, daß es bedenklich wäre, der Mode zuliebe an
den Fundamenten zu rütteln. Gezeigt sind Menschen, die unklug genug sind,
die Grundsätze, mit denen die Mode ja nur prahlen will, in Wirklichkeit
umzusetzen; Menschen, die ein Eheglück bedrohen, ohne zu ahnen, daß die
Mode, die sich ja mit dem äußeren Schein begnügt, vielleicht dieses Eheglück
beim nächsten Wandel schon wieder verherrlichen wird. Beachtet man neben
diesem auf der Hand liegenden Sinn den Doppelsinn der zahlreichen Wortspiele,
so wird man leicht die anderen Gebiete erraten, die gerne mitgedacht sein
sollen. Die Einkleidung dieser Gedanken wird folgendermaßen sichtbar gemacht:
Das Ehepaar kommt von einer Unterhaltung nach Hause, der Mann schwärmt
wieder einmal von einer eleganten, modisch tuenden Frau. Die allzu häusliche
Gattin, gereizt und um ihr Glück bedroht fühlend, zeigt ihm: ›jede Frau
kann beides‹, indem sie die Kleider einer Tänzerin benutzt, das Gehabe
einer ›Frau von Welt‹ annimmt und den Lausejungen vorspielt, die solcher
Lebensauffassung entsprechen. So entzückt sie den Gatten, der dieses Spiel
ernst nimmt, anfangs, treibt ihn aber schließlich dazu, sie so zu wünschen,
›wie sie früher war‹. Fast ausgesöhnt, haben sie noch eine Prüfung zu
bestehen, die Attacken der ›Menschen von heute‹: das ›entzückend lebendige
Weib‹ und der ›berühmte Tenor‹, der die Frau zu gewinnen sucht, treten
auf und wenden die Verführungskünste moderner Lebensauffassungstiraden
an. Vergebens: denn, wie sie, ohne etwas zu erreichen, abziehen müssen,
findet selbst der Mann sie ›nicht einmal mehr ganz modern‹.« (Arnold Schönberg:
Notizen über »Von heute auf morgen«, April 1930)
»Die wenigsten Menschen machen sich eine Vorstellung davon, wie das in
Wirklichkeit aussehen würde, was in Schlagwortform in aller Munde ist.
Wieviel Böses bliebe ungeschehen im Leben, in der Politik, in der Kunst,
in allen privaten Dingen, besäße jeder eine Vorstellung von der Wirkung,
vermöchte der Politiker zum Beispiel sich die vorstellen, die er zu erschlagen
empfiehlt, sähe der Chef die Wirkung einer Entlassung, der Angestellte
die Folgen einer Unterlassung. Wie harmlos im Verhältnis die Schlagworte
der Mode sein mögen, wie unwichtig es ist, sich vorzustellen, wie man
in einer breiten oder schmalen Krawatte, engen oder weiten Hose, langem
oder kurzem Haar oder Kleid aussieht - denn man ist ja durch die Mode
gedeckt, und die nächste bringt wieder etwas anderes -, so bedenklich
wird es, wenn modische Schlagworte an den Fundamenten privaten Lebens
rühren: am Verhältnis der Geschlechter, dann der Ehe: Denn die nächste
Mode bringt wieder anderes.« (Arnold Schönberg: Einführung zur Übertragung
der Oper »Von heute auf morgen« in der Funkstunde Berlin, 1930)
»Der Ton des Ganzen soll eigentlich immer recht leicht sein. Aber man
wird es fühlen dürfen, oder ahnen sollen, daß hinter der Einfachheit dieser
Vorgänge sich einiges versteckt: daß an der Hand alltäglicher Figuren
und Vorgänge gezeigt werden will, wie über diese einfache Ehegeschichte
hinaus, das bloß Moderne, das Modische nur ›von heute auf morgen‹ lebt,
von einer unsicheren Hand in einen gefrässigen Mund, in der Ehe, wie nicht
minder in der Kunst, in der Politik und in den Anschauungen vom Leben.«
(Arnold Schönberg an Wilhelm Steinberg, 4. Oktober 1929)
Schönbergs Kritik der Gattung Zeitoper manifestiert sich in erster Linie
in der Anwendung seiner nun ausgereiften Zwölftonmethode unter Einbeziehung
der am häufigsten verwendeten musikalischen Stilelemente des Genres: Imitation
amerikanischer Tanzmusik und Jazz. Schönberg war offensichtlich davon
überzeugt, daß die nunmehr ausgefeilte Zwölftonmethode flexibel genug
sei, um in einer aktuellen komischen Oper Anwendung finden zu können.
»Der Hauptvorteil der Methode mit zwölf Tönen zu komponieren ist ihre
vereinheitlichende Wirkung. In sehr überzeugender Weise erlebte ich diese
Befriedigung, hiermit recht gehabt zu haben, als ich einmal mit Sängern
meine Oper ›Von heute auf morgen‹ einstudierte. Die Technik, der Rhythmus
und die Intonation all dieser Partien war ungeheuer schwierig für sie,
obwohl sie alle absolutes Gehör hatten. Aber plötzlich kam einer der Sänger
und sagte mir, für ihn sei, seit er mit der Grundreihe vertraut worden
sei, alles viel einfacher. In kurzen Abständen erzählten mir alle anderen
Sänger unabhängig voneinander das gleiche. Ich freute mich sehr darüber,
und als ich es überdachte, fand ich noch größere Ermutigung in der folgenden
Hypothese: Vor Richard Wagner bestanden die Opern fast ausschließlich
aus selbständigen Stücken, deren gegenseitige Beziehung keine musikalische
zu sein schien. Ich persönlich weigere mich zu glauben, daß in den großen
Meisterwerken die Stücke lediglich durch den oberflächlichen Zusammenhang
des dramatischen Geschehens verbunden sind. Selbst wenn diese Stücke nur
Lückenbüßer aus früheren Werken desselben Komponisten waren, muß irgend
etwas des Meisters Sinn für Form und Logik befriedigt haben. Vielleicht
vermögen wir es nicht zu entdecken, aber es ist da. In der Musik gibt
es keine Form ohne Logik und keine Logik ohne Einheit. Ich glaube, daß
Richard Wagner, als er - zum gleichen Zweck wie ich meine Grundreihe -
sein Leitmotiv einführte, gesagt haben mag: ›Es werde Einheit‹.« (Arnold
Schönberg: Komposition mit zwölf Tönen)
Für Schönberg stellte die Zwölftonmethode kompositorisch eine Art Schlüssel
zur Zukunft dar, und in »Von heute auf morgen« versuchte er zu beweisen,
daß dieser Schlüssel keinen Widerspruch zu populärem Erfolg darstellen
mußte. Die Aufführungen an der Frankfurter Oper und über Rundfunk im Jahr
1930 sollten den Komponisten jedoch enttäuschen. Seine Hoffnungen auf
populären Erfolg sollten sich nicht bewahrheiten. Etwa zwei Monate nach
der Uraufführung verfaßte Schönberg den Essay »Mein Publikum«, in dem
er argumentiert, die Sachverständigen - vor allem Dirigenten, Ausführende
und andere im Musikleben einflußreiche Personen - seien für den Mangel
an Verständnis seiner Musik verantwortlich zu machen.
© Arnold Schönberg Center
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