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Von heute auf morgen op. 32
Oper in einem Akt, Text: Max Blonda (Gertrud Schönberg)
PERSONEN
MANN (Bariton)
FRAU (Sopran)
FREUNDIN (Sopran)
SÄNGER (Tenor)
KIND (spricht)
Ein modernes Wohnschlafzimrner. Die Schränke eingebaut, die Betten herausziehbar.
Im Hintergrund eine Glasschiebetür zu Veranda und Garten. Es ist finster.
Die Frau tritt ein; hinter ihr der Mann. Sie dreht ein schwaches Licht
auf (eventuell Wandbeleuchtung), während er langsam, sinnend nach vorne
geht und sich mit Hut und Mantel in einen Sessel setzt. Inzwischen legt
die Frau ihren Mantel ab. Beide in Abendtoilette, die Frau aber derart,
daß der Kleiderwechsel später entsprechende Wirkung hervorrufen kann.
Mann: (schwärmerisch) Schön war es dort! Geh doch indes
schlafen! Du weißt, ich überdenke gern die Erlebnisse des Tages.
Frau:(beim Schrank, ihren Mantel abbürstend) Ich bin gar nicht müde.
Auch möcht ich noch nachsehn, ob das Kind schläft. (ab)
Mann: Ja, das war ein entzückend lebendiges Weib! Sie geht mir
nicht aus dem Kopf. Diese Augen, dieser Mund, diese herrlichen Zähne,
diese schmiegsame Gestalt — — —! Na, wenn ich nicht verheiratet wär, Na,
die könnte mir gefährlich werden!
Frau: (ist während der letzten Worte des Mannes zurückgekommen und
hat die Betten herausgezogen) Träumst du noch immer? Oder bist du müde,
du Armer? Komm doch schlafen. Ich habe schon alles zum Frühstück gerichtet
und die Betten aufgemacht. Und du hast doch morgen so viel zu tun.
Mann: (verdrossen) Ach, laß mich doch. Man hat doch wirklich auf
dieser Welt nur das bißchen Träumen! Immer Wirtschaft, Arbeit, Kindergeschrei
Tag für Tag das Gleiche — — —! Hätte man da nicht ab und zu »mal
was Andres, was Neues«, man würde vor Alltagssorgen und Langeweile
ersticken.
Frau: Immer nach einem vergnügten Abend bist du schlecht gelaunt.
Auch wußt ich nicht, daß dir dein Leben so schrecklich ist. Bis
jetzt glaubt ich, wir wären sehr glücklich. Was willst du noch mehr?
Hast ein schönes Heim und ein liebes Kind und ein Weib, das dich liebt
— — — Also sei nicht brummig und komm! Du warst doch vorhin noch so heiter.
Mann: Ja, diesen Abend hab ich mich gut unterhalten. Da war doch
deine Freundin! Die hat Laune, Witz, Geist, Humor, Charme — — —; und sie
ist sehr schön.
Frau: (etwas ärgerlich) Also komm jetzt! Mann: Höre doch auf mit
dem ewigen Drängen. Ich will nicht. — — — Deine Freundin — — — na, wie
findest du die eigentlich?
Frau: Als ich sie heute nach so vielen Jahren wiedersah, hab
ich sie kaum erkannt; sie hat sich sehr verändert.
Mann: Sie sieht entzückend aus!
Frau: Aus der kleinen unansehnlichen Person ist ein verführerisches
Weib geworden.
Mann: Eine Frau von heute.
Frau: Ja, die hat sich nicht sorgen müssen um Mann und Kinder,
um Küch und Haus. Da bleibt die Stirne glatt, die Augen strahlend;
das Lächeln eines Mundes, der nie den Schmerz gekannt, erfrischt und berauscht;
und die Brüste, die nur Männerlippen berührt, verändern sich nicht.
Mann: Eine eheliche Umarmung gäb ich gerne für einen sündigen Kuß
dieser Lippen.
Frau: Ob sie mich wohl auch so verändert gefunden hat?
Mann: Nein, denn sie sagte mir: »Ihre Frau ist noch immer
das Mädchen, das ich in meiner Schulzeit gekannt hab.«
Frau: Ja, damals ersann sie die lustigen Streiche — und ich bekam
dann die Strafe! Hat sie das dir auch erzählt?
Mann: Von den Strafen, Gott sei Dank, nichts. Doch von den Streichen
— die waren auch lustig. Wie du ihr immer täppisch in die Falle geplumpst:
das erzählte sie wirklich reizend hübsch.
Frau: (leicht befremdet) Ihr habt euch also über mich so gut unterhalten?
Mann: Ach, bist du empfindlich. Nun tröste dich; denn der langweilige
Patron, der Sänger
Frau: Der Sänger — — —
Mann: hat uns mit seinem Gesang gestört.
Frau: Die schöne Stimme!
Mann: Ich weiß nicht, was man für Vergnügen an dem ewigen Musizieren
findet! Wie kann so ein Mensch nur Eindruck machen auf diese Frau? Bloß
durch die Stimme? Auf diese Frau? Die nur zu wählen braucht unter den
Besten?
Frau: Aber so ganz passé schein ich ja doch nicht zu sein.
Denn, nachdem ich, von dir allein gelassen, in einer Ecke dem Gesang des
Sängers gelauscht, hat er, der Berühmte, sich zu mir gesetzt. Das hebt
das Gefühl des eignen Werts, wenn man wieder einmal feurige Blicke, leuchtende
Augen auf sich gerichtet fühlt.
Mann: Dieser Sänger, mit seinem ewigen faden Gewitzel
Frau: und weiß, daß ein Handkuß ihm mehr bedeutet
Mann: brachte uns ganz aus der Stimmung.
Frau: und Seligeres fühlen macht, als manche Umarmung den eigenen
Mann (macht sich im Zimmer zu schaffen).
Mann: Wie gut, daß er dann wo anders sein Glück versuchte! denn
sogar diese geistreiche Frau lauschte interessiert.
Frau: Köstlich, wie er mit Todesernst sagte: (kopiert den Sänger)
»Ich habe beschlossen, Bassist zu werden: seit ich in die Tiefe
Ihrer Augen geblickt, ist mir meine Höhe ... ists mir auf meiner
Höhe zu einsam.« So ein verrückter Kerl! (lacht)
Mann: Warum lachst du?
Frau: Über den Sänger. Mann: Ja, der ist wirklich lächerlich.
Frau: So war es nicht gemeint. Er machte mir auf so unterhaltende
Weise den Hof.
Mann: (ungläubig): Dir?
Frau: Warum wundert dich das? Höre, ich muß dirs erzählen;
du wirst lachen (lacht).
Mann: Bitte, nein; ich bin nicht neugierig.
Frau: Du hast mich doch gefragt! Stört dich das in deinen Gedanken?
Mann: Was weißt du davon?
Frau: (allmählich aufgeregter) Glaubst du denn, ich weiß nicht
den Punkt, um den sie sich drehn? (plötzlich sehr ruhig, verhalten:) Es
ist meine Freundin. Warum leugnen? Ja! Also ist sie dir lieber als ich?
Dürfte sie mir denn besser gefallen? Ich frage dich, weil ich ja weiß,
daß dich zu diesen Frauen nur die Neugier zieht. Daß du dir hinter der
glänzenden Maske ein phantastisches Wunder erhoffst. Von jeder neuen Erscheinung,
die sich modisch gibt, bist du geblendet. Doch ist der Reiz der Neuheit
vorbei, blickst du enttäuscht ins Nichts. Ein bißchen zu spät vergleichst
du dann mich mit ihr.
Mann: Ich vergleiche nicht. Das wäre doch lächerlich: sie, eine
Frau von Welt, und du, die brave Hausfrau.
Frau: Jede Frau kann beides.
Mann: Nein! Es gibt solche, die jeden entzücken und andre müssen
sich bescheiden.
Frau: Du irrst, man muß nicht. Ich werde dirs beweisen.
Mann: (ungläubig, ironisch) Aber geh!
Frau: Jetzt reißt mir die Geduld.
Mann und Frau: Warte, ich werde dir zeigen, daß ich durch dich
Entmutigte (ter), von dir Unterschätzte (ter), ans Haus Gefesselte (Geketteter),
durch die Gewohnheit Entwertete (ter) auch anders zu leben verstehe. Dann
wirst du sehn, welche Erfolge ich habe. Dann wirst du sehn,
welche Opfer ich dir gebracht hab. Und vorbei ist es dann mit dem
(mit der) Entmutigten, Unterschätzten, Entwerteten, Geketteten, Gedemütigten,
Mißhandelten, Erstickenden. Das ist vorbei!
Frau: (beginnt hier, vom Mann nicht beachtet, ihre Verwandlung)
Nun werde ich mir auch die Haare färben und schön bunt mein Gesicht bemalen;
und Kleider trage ich nur mehr vom ersten Schneider; und Verehrer nehme
ich serienweise und Liebhaber — — genannt Kameraden.
Frau: Mit dem Ersten wird heute noch angefangen; um seinen Nachfolger
bangt mir nicht sehr; doch zögert er zu lange, bekommt er auch noch Vorgänger.
Man will doch schließlich auch sein eignes Leben leben. Und dir wird es
leid tun. Du wirst zu mir kommen und meine Hand genau so inbrünstig küssen,
wie du es der Dame heute Abend getan.
Mann: (sie noch immer nicht ansehend): Glaubst du wirklich, du
kannst mich erschrecken, durch Zukunftsbilder, die fremd mir aus deinem
Mund? Glaubst du wirklich, du wirst mir interessant, weil du Worte gegen
mich führst, Worte, solche Worte? Was hilft es, wenn du damit mein Ohr
blockierst? Ich fliehe mit meinen anderen Sinnen zu der, die sie alle
besiegen kann.
Frau: (dreht das Licht auf; es wird strahlend hell; tritt, vollkommen
verändert, in effektvollem Negligé vor den Mann)
Mann: (erblickt sie erst jetzt): Was ist das? Wie siehst du aus?
Wie kann man sich so verändern? Ist dieses elegante Wesen meine Frau?
Soll ich meinen Augen trauen?
Frau: Was ist das? Was höre ich? Wie kann man sich so verändern?
Ist dieser entzückte Verehrer mein Gatte? Soll ich meinen Ohren trauen?
Mann: Hast du je etwas andres von mir gehört, war es ich nicht,
der dich stets in Treue verehrt?
Frau: Leider habe ich dich da mißverstanden. Dacht, du findest,
ich sei deiner Liebe nicht wert.
Mann: Wann hätte ich je so was gesagt?
Frau: Sollte mein Gedächtnis mich täuschen?
Mann: Braucht eine schöne Frau Gedächtnis?
Frau: Oho! Will mein Mann plötzlich den Verlebten spielen? Das
paßt nicht zu dir, mein Lieber. Als braver Ehemann bist du mir sehr lieb.
Damit gib dich zufrieden. Du machst dich nur lächerlich, wenn du anderes
versuchst.
Mann: Du irrst, du hast mich noch nicht aber jetzt, von dir entflammt,
von deiner Liebe angefeuert, von deinem Lächeln berauscht, vom Strahl
deiner Augen geblendet, von deiner Gestalt bezaubert, von deinem Geist
angeregt, werde ich dir zeigen, was ich bin und kann; und meine übergroße
Liebe wird dir beweisen, daß ich der Einzige bin, der zu dir paßt, daß
keiner sonst dich so heiß liebt, dich so bewundert, dich so anbetet, dich
so vergöttert, mein liebes Weib.
Frau: Glaubst du wirklich, du kannst mich erwärmen durch den Tonfall
schon, mit dem du Erprobtes vorträgst? Glaubst du wirklich, du wirst mir
interessant, wenn du mit Phrasen mich überschwemmst: Phrasen, solchen
Phrasen? Das läßt mich kalt, wenns mein Gatte noch so heiß sagt:
Ich höre nur auf die fremde Stimme, die lockt und ohne Gnade mir die Besinnung
raubt.
Mann: Wie? Was? Rauben? Oho! Oho! Wer will dich mir rauben?
Frau: Der Sänger, der berühmte Tenor.
Mann: Was, dieser hirnlose Komödiant, der nur in Opernzitaten denkt
und immer irgendwie vom Singen redet? (ihn nachahmend): »Oh, gnädige
Frau, ich liebe — pardon —mehr die Tiefe — — die Tiefe Ihrer Augen.«
—Ach, das meinst du ja alles nicht im Ernst. (wirft Mantel und Hut ab,
geht auf sie zu): Komm, laß dich küssen, Liebling. Sag, daß du nur mir
allein gehörst.
Frau: (absichtlich etwas affektiert): Nein, mein Herr, da irren
Sie. Ständig gehöre ich niemand, komme aber manchmal gänzlich abhanden,
denn ich tue, was die Laune mir gebietet und was mir Freude macht.
Mann: (unterbrechend): Das alles macht dich immer noch begehrenswerter;
dann liebe ich dich noch heißer. Deine Freuden sind auch die meinen. Du
kennst mich ...!
Frau: (gelangweilt): Wie? Ich soll Sie kennen? Wäre nicht sehr
günstig für Sie. Bekanntes ist Uninteressantes. Ich suche das Neue.
Mann: Bin ich das nicht? Bin ich, durch dich verwandelt, dir nicht
ein Neuer?
Frau: Ein wenig aufgefrischt — doch das verschwindet bald wieder,
ein wenig fremd, vielleicht bloß entfremdet, kommen Sie mir vor. Und ziemlich
langweilig. Ich brauche Neues; Neue; Abwechslung! Drum leg ich jetzt
einen Kalender mir an, dort schreibe auf ich, wer eben kommt dran; der
zeigt mir auch, wer zu lang schon mein Freund, wen schon vergessen ich
soll. Wie der Zufall sie bringt, nehm ich sie zwar an: Ob alt, aber reich,
oder jung, aber arm, ob Sportheld und geizig, doch elegant, oder Philosoph
und geistig, doch schlecht gekleidet. Einer nach dem andern, oder auch
zwei; nur kein System! Was Laune gebietet, und die Zeit mir erlaubt. So
leb ich schließlich doch mein eignes Leben. Und du, mein Lieber, kommst
auch vielleicht nochmals dran: Bis ich dich vergessen habe; bis du so
viele Nachfolger gehabt hast, daß du ausgelöscht bist; dann erst darfst
du zu hoffen beginnen. Nur fürcht ich: den Ersten vergißt man am Schwersten.
Mann: Du wirst mich vergessen?
Frau: Ich müßte...
Mann: Mich nicht mehr lieben?
Frau: Wenn ich dich wieder lieben wollte...
Mann: Ich verstehe dich nicht.
Frau: Das sollte dir doch gefallen. Aber wirklich: Verstündest
du mich, wüßtest du, daß ich jetzt tanzen werde. halt, vorher etwas zu
trinken. Zum Einstimmen.
Mann: Hast du etwas zu Hause?
Frau: Du fragst? Statt schon zu laufen. (Mann ab; Frau nimmt Champagnergläser
aus dem Schrank, stellt sie auf den Tisch, besinnt sich dann und stellt
sie auf den Boden.)
Frau: Jetzt, guter Gott, schenk mir Phantasie. Er muß zusammenbrechen.
Verliebt ist er schon und eifersüchtig; aber er wünscht noch gequält zu
werden. Also noch etwas Hysterie und Phrasen. Davon hat man ja heute genug
gelesen.
Mann: (kommt zurück, aus einer Flasche Bier einschenkend): Zum
Glück hab ich das gefunden.
Frau: Was, Bier? Ja, will ich denn schuhplatteln? (nimmt die Flasche
und schleudert sie — vorsichtig, um nichts zu beschädigen — von sich,
so daß sie zerbricht)
Mann: Ich bitte dich, du weckst das Kind. Frau: Ach was! Jetzt
tanz ich mit dir. — — —Vielleicht zum letzten Mal.
Frau: Mach das Radio auf!
Mann: (will es tun, besinnt sich aber, unterläßt es): Zu spät;
das kann man jetzt nicht mehr.
Frau: So werde ich dazu singen. (singt einige Takte eines populären
Modetanzes und zwingt ihn, mit ihr zu tanzen.)
Kind (im Nachthemd, tritt ein, blickt erstaunt auf die Eltern):
Mama, was machst du da? (hören auf zu tanzen)
Mann: Jetzt hast du es geweckt.
Frau (barsch): Daß man niemals Ruhe haben kann!
Kind: Mama ist bös auf den Papa?
Frau: Laß mich in Ruhe und geh schlafen.
Kind: Erst ein Bussi. (will die Mutter küssen; sie drängt es, ihr
Kleid schützend, weg.)
Mann: Du willst das Kind nicht küssen
Frau: (outriert): Ich bin jetzt nicht gelaunt dazu.
Mann: (nimmt das Kind auf den Arm): Komm, schlaf noch ein bißchen.
Kind: Mama ist schlimm.
Frau: Nimm es doch endlich hinaus. Gib ihm sein Frühstück, damit
es still ist. (Mann führt das Kind hinaus. Wie er aus dem Zimmer ist,
steht sie sofort auf, nimmt Hut und Mantel des Mannes vom Boden auf, räumt
die Flasche und die Gläser weg.)
Mann: (in der Türe): Ach, ich glaube die Milch ist angebrannt.
Willst du nicht nachsehn?
Frau: Bist du verrückt, mein Lieber? Mich interessiert das nicht.
Mach, daß du endlich hereinkommst.
Mann: Gleich! Gleich! (ab)
Frau: (frohlockend): Ich werde dir zeigen. Ich werde dich lehren.
Mann: (kommt zurück; hat sich die Finger verbrannt; Geste: beutelt
die Hand, leckt die Finger.) (Es klingelt.)
Mann: Es klingelt.
Frau: Es klingelt. Geh öffnen!
Mann: (widerstrebend ab.)
Frau: (nimmt einen Schal oder ein anderes Kleid.)
Mann: (wieder zurück, sichtlich irritiert): Liebste, der Gasmann
ist draußen. (spricht) Kommt der jetzt mitten in der Nacht?
Frau: (überhört absichtlich): Sieh, wie dieses Kleid mir paßt.
Wie soll ich den Schal dazu tragen
Mann: Liebste, der Gasmann...
Frau: Gefällt es dir so besser, oder wenn ich
Mann: Liebling, so hör mir doch zu, der Gasmann
Frau: Ja, was ist denn das? (mit gemachtem Pathos): Ich zeige mich
dir in Kleidern, in denen man neben Königinnen bestehen könnte; und ich
deute dir an, wie ich ... ich überlasse das nicht bloß deiner Phantasie
... ohne sie ... und du: So verliebt bist du, daß du dastehst wie ein
Kretin und fortwährend lallst: der Gasmann, der Gasmann. Zum Kuckuck,
was ist denn mit ihm?
Mann: Er kommt mit der Rechnung. Ich gab dir neulich schon das
Geld.
Frau: Ja, ich weiß. Aber, mein Lieber, du glaubst doch nicht, daß
ich das Geld noch habe. Komm, ich werde dir zeigen, was für prachtvolle
Dinge ich mir dafür gekauft habe. Nur um dir zu gefallen. Dir allein.
Hörst du, was ich sage?
Mann: (hilflos): Aber, was soll ich ihm jetzt sagen?
Frau: Ach so: der Gasmann. Was kümmert das mich?
Mann: Wenn er es aber sperrt, was dann? Frau: Dann ziehn wir ins
Hotel. Mann: Das kostet zu viel.
Frau: Wir werden eben auf Pump leben, wie das alle anständigen
Leute heute tun. Mich macht die Wirtschaft ohnedies schon krank. Also
schnell, hilf mir packen! (springt auf, nimmt einen Koffer und beginnt
zu packen. Mann hilft widerwillig.)
Mann: Frau:(Das Telephon läutet): Was ist das? Was ist das? (Mann
geht hin; Frau reißt ihm das Hörrohr aus der Hand. Mann ab.)
Sänger: Halloh!
Frau: Halloh!
Sänger: Sie, gnädige Frau, am Telephon?
Mann: (kommt zurück): So, jetzt ist er fortgegangen.
Frau: Der berühmte Tenor.
Sänger: Ah, Sie haben mich an meiner Stimme erkannt?
Frau: (schwärmt absichtlich): Ihre Stimme, wer die einmal gehört
hat, vergißt sie nicht wieder. Aber so spät rufen Sie noch an?
Sänger: Ich dachte zu früh. (lacht blöd) Hoffentlich nicht doch
zu spät. Nämlich wegen unserer Wette: Ihre Freundin und ich gingen bei
Ihnen vorüber; und da sahn wir durch die Jalousien Licht,
Mann: (wirft geräuschvoll einen Gegenstand in den Koffer.)
Frau: Ach so. (winkt dem Mann, nicht Lärm zu machen) Pst!
Sänger: Ich behauptete, daß der Schein von Ihren strahlenden...sind
Sie noch da?...
Frau: Ja.
Sänger: ...von Ihren strahlenden Augen herrühre. Siehe Rheingold.
Aber Ihre Freundin, die sehr prosaisch ist
Frau: ...ja...
Sänger: Behauptet, es sei gewöhnliches, elektrisches Licht.
Frau: ...ja...
Sänger: Nun entscheiden Sie, gnädige Frau, wer recht hat. Worum
geht die Wette? Ihre Freundin soll, wenn sie verliert, wenn also ich gewinne,
Sie und natürlich auch Ihren Mann bereden, jetzt gleich zu uns in die
Bar zu kommen.
Frau: Und wenn Sie verlieren? Sänger: ... ists meine Pflicht,
daß ich den Herrn Gemahl und selbstverständlich auch seine Gattin noch
heute nacht in die Bar verlocke.
Frau: Wir gewinnen also alle auf jeden Fall. Dann muß ich ein salomonisches
Urteil fällen: meine aufrichtige Freundin ladet meinen Mann und Sie laden
mich in die Bar ein.
Sänger: Ich bin entzückt.
Frau: Von der unparteiischen Zeugin?
Sänger: Waren Sie gar nicht voreingenommen?
Frau: Meinen Sie: gegen meine Freundin?
Sänger: Ich habe anderes zu hoffen gewagt.
Mann: Der Mensch ist unverschämt.
Frau: (bedeckt die Hörmuschel. Zänkisch):Bitte, störe doch nicht.
(vorwurfsvoll): Er kann ja doch nicht wissen, daß du zuhörst (wieder ins
Telefon): Haben Sie denn zu hoffen aufgehört? Jetzt, wo ich hinkomme .
..? Was doch eine Erfüllung ist.
Sänger: Seligste Erfüllung! Hehrster Lohn ...! Mann: Er singt wieder
einmal.
Frau: ...wir gehen schon...
Mann: Lächerlich!
Frau: Also, in zehn Minuten. Auf Wiedersehn! Mann: Genug davon!
Sänger: Auf Wiedersehn!
Mann: Kannst warten.
Frau: Komm rasch. Mach dich fertig.
Mann: Jetzt, wo wir packen?
Frau: Packen? Was denn? Warum?
Mann: Du wolltest doch ins Hotel übersiedeln.
Frau: Ach ja, schon gut, aber jetzt gehen wir in die Bar. So —
bin ich schön?
Mann: Du bist wunderschön. aber, Liebling, bitte geh nicht
so aus.
Frau: Warum?
Mann: Dieses Kleid ...! Frau: Paßt es mir nicht gut?
Mann: Doch, ich habe dich nie so schön gesehn. Aber ich will
nicht, daß dich dieser Mensch so sieht
Frau: Wer? Der Sänger?
Mann: Ja, ich bin ... eifersüchtig.
Frau: Eifersucht. Lächerlich, veraltete Sentimentalität. Wir gehen
jeder seinen eignen Weg: mir gefällt der berühmte Tenor, dir meine Freundin,
das „entzückend lebendige Weib“.
Mann:(wütend): Zum Teufel mit dieser Person! Sie ist schuld an
unserm Unglück!
Frau: An unserm Unglück?
Mann: An meinem Unglück.
Frau:(freudig): Bist du unglücklich? (Reißt, ohne daß der Mann
es sieht, das Kleid vom Leib und zieht ein einfaches Hauskleid an. Auch
die Frisur und alles Übrige wie am Anfang.)
Mann: Jetzt seh ich, daß ich unglücklich bin. Denn mein Glück
warst du, so wie du früher warst. Mein Glück war meine liebe kleine Frau,
die ich gering schätzte, weil sie mir treu war, die ich verhöhnte, weil
sie ihr Haus liebte. die ich verkleinerte, weil ich ihr alles war. Ich
will meine Frau wieder. Wo bist du? Wo bist Du? Habe ich dich verloren?
Frau:(Sie steht vor ihm; jetzt sieht er sie): Soll ich wieder ich
sein?
Mann: Ja, nur das wünsch ich: dich, wie du früher warst.
Ich hielt dich für die Frau von gestern; Da gabst du die Frau von heute;
die stellte ich höher als dich. Nun weiß ich: Du bist die Frau fürs
Leben.
Frau: Jawohl, dein Weib fürs ganze Leben, das nicht, wenn
ein Modequartal Verruchtheit diktiert, bereit ist, Mann und Kind aufzugeben.
Mann: (besorgt): ... doch du hast nur gespielt?
Frau: Ein gefährliches Spiel.
Mann: Ich fürchtete, es zu verlieren.
Frau: Schlimmer: ich fürchtete, es zu gewinnen, denn die Rolle,
die ich spielte, riß mich mit sich. Mann: (erschrickt): So gefiel dir
der Sänger wirklich?
Frau:(nicht boshaft): Er erinnerte mich an dich .
Mann: (mit Humor): Du kränkst mich, ich sehe doch anders aus. Frau:
Nicht, wenn du schöne Frauen mit feurigen Blicken verschlingst.
Mann: Das war nicht mein Ernst.
Frau: Etwas Ernst ist immer dabei.
Mann:(mißtrauisch):Was soll das heißen? Auch das mit dem Sänger?
Frau:(schiebt die Betten hinein): Es ist Tag und wir haben nicht
geschlafen. Ich werde Kaffee bereiten. (ab)
Mann: Sie antwortet nicht. Bestreitet nicht einmal. Sollte doch
dieser Sänger...?
Frau:(kommt mit dem Kaffee zurück, hält einen Zettel, die Gasrechnung,
in der Hand.)
Mann:(mißtrauisch): Was hast du da? — — — Die bezahlte Gasrechnung?
Bitte, erkläre mir das. Und woher die Kleider?
Frau:(zu dem Kind, das eben eingetreten ist): Baby, lies, was auf
dieser Schachtel steht! (Währenddessen schenkt die Frau am Tisch den Kaffee
ein; setzt sich, später auch das Kind, dann der Mann.)
Kind: An Fräulein Lisl... Mama...? Tante Lisl...?
Mann:(beschämt): Meine Schwester.
Frau: Deine Schwester. Sie tanzt morgen hier. Und ich wünsche ihr
ebensoviel Erfolg, in diesen Kleidern, als ich durch sie hatte.
Mann: (setzt sich neben sie, ergreift ihre Hand): Bist du böse?
... Verzeih mir noch einmal.
Frau: Soll ich wieder ich sein? Noch einmal?
Mann: Wieder du. Immer nur du. Nie eine andre.
Frau: Und willst du der bleiben, für den es sich lohnt, die zu
bleiben, die ich war.
Mann: Du wirst es sehen.
Frau: Ich hoffe.
Mann: Was soll ich versprechen?
Frau: Wenig. Halte mehr.
Mann: Stelle mich auf die Probe. Nichts ist mir so gleichgültig
als andere Frauen.
Frau: Auch wenn sie „entzückend lebendig“ sind? (Sänger und Freundin
werden, von der Straße kommend, auf der Veranda sichtbar.)
Freundin und Sänger (leise): Oho, oho, was seh ich da: Da
sitzen doch beide. Stören wir nicht ein Eheidyll, eine Liebesszene! (gehen
zum Tisch, begrüßen, der Sänger die Frau, die Freundin den Mann; die Frau
schickt das Kind hinaus.)
Frau und Mann: Zur Nachahmung empfohlen.
Freundin (zum Mann): Sänger (zur Frau): Mit mir? Mit mir?
Mann(zur Freundin): Nein, ich meinte mit dem Herrn Sänger.
Frau: (zum Sänger): Nein, ich einte mit meiner Freundin.
Freundin (zum Mann), Sänger (zur Frau): Sie scherzen? Sind
Sie böse? Sie waren es doch, der mich vergebens warten ließ.
Freundin und Sänger: (zueinander): Wir haben uns nicht gelangweilt.
Schließlich sind irgendzwei immerhin ein Paar.
Mann und Frau (zueinander):Ach Gott, Was nun sagen? Das hatten
wir vergessen! (zu den Andern): Wir wußten Sie in bester Gesellschaft.
Mann(zur Freundin): Der berühmte Tenor hat Sie sicher unterhalten.
Frau (zum Sänger): Meine Freundin ist doch so geistreich. Freundin
und Sänger: Wir suchten vergessen in Wein, Tanz und Musik.
Freundin (zum Mann): (leise) Doch muß ich gestehen: all das war
mir nur ein schwacher Ersatz.
Sänger (zur Frau): (leise) Doch muß ich gestehn: ich vergaß Ihrer
keinen Augenblick.
Mann und Frau: Wie schade! Wollen Sie nicht Kaffee mit uns trinken?
Freundin: Kaffee? Wollen Sie meinen Groll damit wiederbeleben,
den ein guter Kognac eingeschläfert hat?
Sänger: Kaffee? Oh, süße Hebe. Von Ihnen kredenzt...oder wie ich
als Siegmund singe: "Schmecktest Du mir ihn zu"...schmeckt ein Milchkaffee
sicher wie Gin.
Frau: So witzig und doch poetisch Mann: Wie romantisch Sie das
sagen.
Frau: doch der gute Kaffee wird kalt.
Freundin und Sänger: Wenn die Liebe uns nur erwärmt schläfert Kognac
den Groll ein/Schmeckt Gin wie Milchkaffee.
Frau und Mann: So witzig und doch poetisch. Wie romantisch Sie
das sagen. Doch der gute Kaffee wird kalt.
Freundin: Wie schade, liebster Freund, daß nicht Sie ...
Sänger: Wie schade, gnädige Frau, daß nicht Sie ...
Freundin und Sänger: mit mir .. . wir beide ... allein ... zusammen
.. . wie herrlich
Frau (zum Sänger): Mann (zur Freundin): Sehr liebenswürdig,
sehr schmeichelhaft. Leider jedoch bin ich unabsehbar lang nicht frei.
Aber vielleicht meine geistreiche Freundin/der berühmte Tenor?
Freundin:(zum Mann), Sänger (zur Frau) Ich dachte, Sie sind
ein Mann/eine Frau von heute. Nahm an, Ihre Ehe sei modern. Setzte voraus,
Sie legten einander keine Hindernisse in den Weg.Kann Ihnen denn diese
reizlose Frau/dieser langweilige Mensch genügen? Sie, der/die geschaffen
ist, viele Frauen/viele Männer glücklich zu machen, Sie wollten sich mit
einer/einem begnügen? Was doch heute kein Mensch mehr täte. Lösen Sie
sich aus dieser Verbindung, oder werden Sie in ihr frei: Haben Sie doch
endlich den Mut, Ihr eigenes Leben zu leben.
Frau und Mann (zusammen): Wenn wir beide das unsre leben,
lebt keiner ein andres, als seins.
Freundin und Sänger (zusammen, sie auslachend): Ach, wie stimmungsvoll
gesagt. Wie rätselhaft, wie mystisch.
Freundin und Sänger: Gehen wir doch, lieber Meister! liebe Freundin!
Da ist nichts zu machen, da ist nichts zu holen
Frau (zum Sänger) Mann: (zur Freundin): Sehn Sie wir denn
nicht, lieber Meister! liebe Freundin! hier ist nichts zu machen, hier
ist nichts zu holen: Wir Sind veraltet, leben in vergangenen Wünschen.
(zu Frau und Mann): Wir kennen den Preis solcher Dinge; Wir machen einander
nichts vor, bekommen, was wir erwarten. Wir leben unser eigenes Leben!
Ihr aber seid verblaßte Theaterfiguren! (rasch ab!) (zueinander, sie glossierend)
So geht euch billig vor recht. Doch wünscht ihr, man mach es euch
nach.
Frau (zum Sänger): vielleicht meine geistreiche Freundin?
Mann: (zur Freundin): vielleicht den berühmten Tenor?
Frau: Das kommt mir bekannt vor.
Mann: das ist ja von gestern. (Mann, Frau und Kind setzen sich
an den Frühstückstisch und frühstücken während des Folgenden.)
Frau: Wir vielleicht schon verblaßte, sie heute noch in beliebten
Farben strahlende Theaterfiguren. Aber noch ein Unterschied: Regie führt
bei Ihnen die Mode; bei uns jedoch (sieht sich um) sind sie schon weg...?
dann wag ichs zu sagen (leichthin mit Humor) die Liebe...
Mann: Und dabei finde ich sie heute schon nicht einmal mehr ganz
modern
Frau: Das ändert sich eben von heute auf morgen...
Kind: Mama, was sind das: moderne Menschen...?
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