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Arnold Schönberg: Kammersymphonie Nr. 2 (in es-Moll) für kleines
Orchester op. 38 (19061939)
Einführung
»Seit einem Monat arbeite ich an der zweiten Kammersymphonie. Die
meiste Zeit verbringe ich damit, herauszufinden: ‚was hat der Autor hier
gemeint?‘ Mein Stil hat sich inzwischen ja sehr vertieft und ich habe
Mühe, das was ich berechtigterweise seinerzeit im Vertrauen auf mein Formgefühl,
ohne vieles Nachdenken hinschrieb, nun mit meinen weitgehenden Anforderungen
an ‚sichtbare Logik‘ in Einklang zu bringen.« (Arnold Schönberg
an Fritz Stiedry, Herbst 1939)
Nur wenige Tage nach nach Vollendung der Kammersymphonie op. 9 begann
Schönberg Anfang August 1906 in Rottach-Egern am Tegernsee mit der Komposition
der Zweiten Kammersymphonie, die nach mehreren Unterbrechungen erst 1939/40
als op. 38 vollendet wurde. Mit der Ersten Kammersymphonie hatte Schönberg
sowohl formal – im Konzept der Einsätzigkeit mit innerer, latenter Mehrsätzigkeit,
welche die Momente Sonatensatz und -zyklus verschränkt – als auch in der
Materialverwendung neue Wege beschritten. Mehrdimensionales Formdenken,
eine Überfülle motivisch-thematischen Materials und eine komplexe Harmonik
(Dur-Moll-tonal, Ganzton- und Quartenharmonik) eröffnen in op. 9 jene
Multiperspektivik, die einen »Wendepunkt« seiner künstlerischen
Entwicklung darstellte: die Abwendung vom spätromantischen Orchesterklang
und die sukzessive »Emanzipation der Dissonanz«. »Ich
glaubte Wege gefunden zu haben, Themen und Melodien zu bilden und auszuführen,
die verständlich, charakteristisch, originell und expressiv waren trotz
der erweiterten Harmonik, die wir von Wagner geerbt hatten. Es war ein
ebenso schöner Traum wie enttäuschender Fehler. Ich hatte eine zweite
Kammersymphonie angefangen. Aber nachdem ich fast zwei Sätze, beziehungsweise
ungefähr die Hälfte des ganzen Werks komponiert hatte, wurde ich durch
Gedichte von Stefan George, dem deutschen Dichter inspiriert, einige davon
zu komponieren [...] diese Lieder zeigten einen Stil, der von allem, was
ich vorher geschrieben hatte, völlig verschieden war.« (»Wie
man einsam wird«, 1937)
Die Arbeit an der Kammersymphonie blieb nach einer kurzen Kompositionsperiode
im Sommer 1907 zunächst auf einige Jahre liegen und wurde im November
1911 in Berlin, wo Schönberg Vorträge am Stern’schen Konservatorium hielt,
wieder aufgenommen. Nach einer weiteren mehrjährigen Pause nahm er das
Manuskript Ende 1916 nochmals zur Hand und entwarf dazu ein Programm mit
dem Titel »Wendepunkt«. Inhalt dieses melodramatischen Textes
ist die Beschreibung ambivalenter Empfindung: Jedem Ende folgt ein Neuanfang
glücklichen Aufschwungs, dessen Zweck im vorherigen Erleben von Verzweiflung
und Trauer liegt. Seelische Orientierungslosigkeit weicht im Vertrauen
auf einen (glücklichen) Wendepunkt. Erst ein Kompositionsauftrag der New
Friends of Music im Jahr 1939 – Schönberg war 1933 in die USA emigriert
und unterrichtete an der University of California in Los Angeles – führte
zu einer neuerlichen Beschäftigung mit den beiden fragmentarischen Sätzen
der Kammersymphonie, einem »beunruhigenden Skelett in seinem Musikschrank«
(Glenn Gould).
Den wesentlichen Anstoß zur Vollendung des Werkes gab Fritz Stiedry, der
bereits 1924 die Uraufführung von Schönbergs Oper »Die glückliche
Hand« in Wien geleitet hatte und ihn nun mit dem Hinweis auf Bruckners
Erste Symphonie und Verdis »Simone Boccanegra« daran erinnerte,
daß es in der Musikgeschichte an in späten Jahren vollendeten Frühwerken
nicht mangelte. Wenig später berichtete Schönberg von der Vollendung des
ersten Satzes, der »übrigens leicht zu spielen: sehr leicht«
sei. Einen dritten Satz in Form eines heroischen Maestoso konnte Schönberg
nicht realisieren und fügte den dafür vorgesehenen es-Moll-Epilog an den
zweiten Satz. Opus 38 blieb (un-)vollendet zweisätzig: »Die musikalischen
und ‚psychischen‘ Probleme sind in den beiden fertigen Sätzen erschöpfend
dargestellt«, notierte Schönberg mit indirekter Bezugnahme auf das
Programm des Jahres 1916. In einem Schreiben an Fritz Stiedry, der die
Uraufführung des »vollendeten Torso« am 15. Dezember 1940
in New York dirigiert hatte (auf dem Programm standen zudem das erste
und vierte »Brandenburgische« Konzert von Bach), gibt Schönberg
zudem Einblick in die musikalische Realisierung: »Was die Gestaltung
anbelangt, so war sie im Allgemeinen überzeugend, litt aber doch sehr
darunter, dass die Tempi durchaus zu langsam waren, zum Teil viel zu langsam.
ZB. Takt 219 das Animando (und ebenso an allen Parellelstellen) bedeutet
ja auf Deutsch ‚Schwungvoll‘. [...] Ich halte es für wichtig für spätere
Aufführungen alles richtig zu stellen.« (8. Januar 1941) Zu Beginn
der dreißiger Jahre – etwa zehn Jahre nach der Entwicklung einer »Methode
der Komposi- tion mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« und
einer Reihe von Werken unterschiedlicher Gattung, welche diese Methoden
anwenden – schrieb Schönberg mit dem Chor »Verbundenheit«
wieder eine tonale Komposition, bald darauf die Suite für Streichorchester
in G-Dur.
Im amerikanischen Exil entstanden zwischen 1936 und 1943 weitere tonal
orientierte Werke, darunter auch die Zweite Kammersymphonie op. 38, welche
von Beziehungen dicht texturierter Dreiklangsformen erfüllt ist. Der erste
Satz bildet durch den hohen Anteil harmonischer Parallelismen, Sequenzen
chromatischer Bewegungen »ein gewisses tonales Ennui« (Glenn
Gould). In den erst 1939 komponierten Abschnitten - vor allem dem es-Moll-Epilog
im zweiten Satz – wird die Textur gegenüber dem Skizzenmaterial motivisch
und rhythmisch schärfer pointiert. »Eine Sehnsucht zu dem älteren
Stil zurückzukehren, war immer mächtig in mir; und von Zeit zu Zeit mußte
ich diesem Drang nachgeben. Also schreibe ich manchmal tonale Musik. Für
mich haben stilistische Unterschiede dieser Art keine besondere Bedeutung.
Ich weiß nicht, welche von meinen Kompositionen besser sind; sie gefallen
mir alle, weil sie mir gefielen, als ich sie schrieb.« (Arnold Schönberg,
»On revient toujours«, 1948)
Therese Muxeneder
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