Deutsche Tonkünstler-Zeitung (21. Oktober 1902)
Programme notes

Arnold Schönberg schreibt über sich und sein Streichquartett [sic] Folgendes: Ich bin am 13. September 1874 in Wien geboren. Da ich ursprünglich Ingenieur werden sollte, kam ich erst ziemlich spät dazu, meiner Neigung nachzugehen, und die Musik als Beruf zu ergreifen. Bis zu meinem 21. Lebensjahre hatte ich gar keinen theoretischen Unterricht erhalten, mich aber als Autodidakt soweit gebracht, dass ich, nachdem ich ein Jahr unter Alexander von Zemlinsky's Leitung komponiert hatte, ein Streichquartett öffentlich zur Aufführung bringen konnte.
Bei der Komposition von Richard Dehmels Gedicht „Verklärte Nacht“ leitete mich die Absicht, in der Kammermusik jene neuen Formen zu versuchen, welche in der Orchestermusik durch Zugrundelegen einer poetischen Idee entstanden sind. Zeigt das Orchester die gleichsam episch- dramatischen Gebilde tondichterischen Schaffens, so kann die Kammermusik die lyrischen oder lyrisch-epischen darstellen. Stehen nun auch die Mittel der letzteren hinsichtlich der tonmalerischen Ausdrucksfähigkeit hinter denen des Orchesters zurück – ein Mangel, der nur beim Vergleich bemerkbar ist, der aber doch auch, wenn er wirklich einer ist, mit Rücksicht auf das Kolorit zu Gunsten der Sinfonie gegen das Streichquartett überhaupt spräche –, so bleibt doch als Gemeinsames das formenbildende Prinzip. Dieses ist ein uraltes und leitet seinen Ursprung von jenen alten Meistern her, die in den – heute endlos scheinenden – Textwiederholungen, solange über einen poetischen Gedanken musikalisch phantasierten, bis sie ihm alle möglichen Stimmungen und Bedeutungen abgewonnen – fast möchte ich sagen: bis sie ihn analysiert hatten.

(Ankündigung der Aufführung auf dem Deutschen Tonkünstlerfest in Berlin (30. 10. 1902))

Home >  Arnold Schönberg > Compositions > Works with opus numbers > Opus 4> Programme notes