Autographer Text- und Verlaufsentwurf zum III. Akt von »Moses und Aron«

Eine Vielzahl von Einzelskizzen, Notizen und Entwürfen zum Libretto von Arnold Schönbergs »Moses und Aron«, die zu einem großen Teil in seinem Nachlaß überliefert sind, dokumentieren die jahrelange Beschäftigung des Komponisten mit einer inhaltlichen Lösung des komplexen biblischen Stoffes, dessen religionsphilosophischen Fragestellungen und Gattungskonzeption von der Kantate (1926) über das Oratorium (1928) bis schließlich zur Oper (1930). Nach Abschluß der Komposition bis zum Ende des II. Aktes (10. März 1932) arbeitete Schönberg wiederholt am Libretto zum III. Akt, was durch die Manuskriptfassungen dieser Zeit, aber auch durch briefliche Mitteilungen belegt wird (»ein dritter Akt, den ich wenigstens zum viertenmal umarbeite, beziehungsweise neu schreibe [...]«, Brief an Walter Eidlitz vom 15. März 1933). Bei der Ausarbeitung des III. Aktes gelangte Schönberg trotz mehrerer Versuche bis 1935 zu keinem definitiven Resultat, ablesbar an den im Kritischen Bericht zur Schönberg-Gesamtausgabe kommentierten und transkribierten Textquellen (Arnold Schönberg: Sämtliche Werke. Abt. III: Bühnen werke. Reihe B, Band 8, Teil 2. Moses und Aron. Herausgegeben von Christian Martin Schmidt. Mainz, Wien 1998, Seite 240-259).
Arnold Schönberg hatte im Laufe der Jahre einige Typoskripte des Oratoriums- bzw. Operntextes aus der Hand gegeben, allerdings keine »unfertigen« Skizzen, Entwürfe oder Textfragmente. So kursierte bereits 1929 ein Exemplar des Oratoriumstextes zwischen Schönbergs Tochter Trudi, Erwin Stein, Anton Webern und Alban Berg in Wien. 1931 sandte Schönberg die überarbeitete Fassung von 1 1/2 Akten des Opernlibrettos an seine Tochter und deren Mann Felix Greissle, die es wiederum an Webern bzw. Berg weitergaben. In beiden Fällen dokumentiert die Korrespondenz Schönbergs, daß die Textkopien wieder an ihn retourniert wurden. Das Libretto wurde ferner an die Universal Edition, an Jakob Klatzkin sowie Hermann Scherchen weitergegeben. Erst nach Schönbergs Tod aus seinem Nachlaß entfernt wurde ein Skizzenbuch von 1937, das sich heute in der Sammlung Josef Rufer (Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz) befindet, der während seiner Arbeiten am Schönberg-Werkverzeichnis 1957 in Los Angeles Zugang zu den Handschriften hatte.

Eine entsprechende Rarität stellt ein bislang unbekannter autographer Text- und Verlaufsentwurf zum III. Akt von »Moses und Aron« dar, bestehend aus zwei Einzelblättern sowie einem Bogen zu zwei Blättern, den das Archiv Ende letzten Jahres erwerben konnte. Das bislang unpublizierte Manuskript gehört zum Quellenstrang der in der Schönberg-Gesamtausgabe unter den Sigla TM (zwei zusammengehörige Entwurfseinheiten zum III. Akt, ca. 1934), TN (ein Entwurfsblatt zum III. Akt, ca. 1934) und TO (vier Blätter zum III. Akt, Juni 1934) erfaßten Textentwürfe (sämtlich im Arnold Schönberg Center), wobei Quelle TN ursprünglich mit dem neuerworbenen Manuskript zusammengeheftet war. Eine gegenüber der ursprünglichen Heftung geänderte Paginierung von Schönbergs Hand deutet darauf hin, daß die Anordnung bereits von ihm selbst geändert wurde, als er seine Notizen im Zuge der Revision des III. Aktes ordnete. Die erste Seite des Manuskripts ist eine inhaltliche Fortführung von TM mit Bezügen zu TF (Entwürfe zum Text der Oper, III. Akt); die zweite Seite bezieht sich auf die Kompositionsvorlage; der mit »New York/21.VI.1934« datierte Bogen zu zwei Blättern ist unmittelbar vor Quelle TO (22. Juni 1934) einzuordnen. Im Juni 1934 arbeitete Schönberg, der aufgrund einer Lehrverpflichtung am Malkin Conservatory nach New York gezogen war und zu dieser Zeit im Hotel Ansonia wohnte, neben der Konzeption des III. Akts intensiv am Manuskript »Der musikalische Gedanke, die Logik, Technik und Kunst seiner Darstellung«, wovon innerhalb von kurzer Zeit etwa 200 Oktavblätter und viele Analysen entstanden waren. Ursprünglich war geplant, die Ferien ab 15. Juni außerhalb New Yorks am Land verbringen zu können, Schönberg reiste mit seiner Familie jedoch erst am 9. Juli nach Chautauqua.
Text- und Verlaufsentwurf der beiden ersten Seiten des neuerworbenen Manuskripts wurden noch in New York konzipiert, mit 21. Juni datiert die Konzeptionsreinschrift (Seiten 3 und 4), tags darauf entstanden die vier Reinschriftblätter zum III. Akt (TO; nach weiteren Revisionen Vorlage zu den inhaltlich entsprechenden Seiten eines Texttyposkripts); möglicherweise etwa zur gleichen Zeit drei weitere Blätter. Die letzte datierte Textquelle zu »Moses und Aron« stammt vom 1. Mai 1935.

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